Die Zeit vor der Sexarbeit

Nun, mein Karriere Highlight in diesem Leben war ein Auslandsaufenthalt an einer Elite Universität in den USA, an der University of Chicago. Nach meiner Rückkehr ist alles den Bach runter gegangen. Ich hab mich mit meinen Professoren über die Ausrichtung meiner Doktorarbeit verkracht und dann war die Wissenschaftslaufbahn Geschichte. Arbeitslosigkeit ist eine grauenvolle Erfahrung, besonders wenn man überall abgelehnt wird. Durch eine Freundin bin ich auf die Idee gekommen, in einen Puff zu arbeiten. Ich hab mich dann schnell beim Arbeitsamt abgemeldet, weil ich stolz war, eigenes Geld zu verdienen. An meine Zeit in Chicago erinnere ich mich gerne, auch wenn ich dort furchtbare Erfahrungen machen mußte mit Rassismus und der höchsten Suizid Rate unter Studenten von Elite-Universitäten. Ich hab das dann analysiert: es hatte etwas mit der Herkunft dieser Studenten und der sozialräumlichen Lage der Elite Universität zu tun. Falls es jemanden interessiert, kann ich es gerne erörtern. Ich war immer Wissenschaftlerin und werde es auch weiterhin sein, auch wenn ich Prostitution und IT-Branche durchschritten habe. Man verlernt sein Handwerk ja nicht.

Ich komme aus kleinen, bildungsfernen Verhältnissen und war natürlich stolz, in Chicago zu sein. Leider gibt es die sog. gläsernen Decken. Wenn man nicht den gleichen Stallgeruch der bildungsbürgerlichen Elite hat und noch dazu politisch links aufgestellt ist, hat man an deutschen Universitäten nix zu lachen und Karrieren sind schnell zu Ende. So war es vor 20-25 Jahren. Möglicherweise hat sich das geändert, aber ich glaub nicht dran. Ich schau mir auch immer den internationalen Forschungsstand an. Viel Innovation ist nicht dabei. Dafür gibt es Think Tanks in den USA, wo auch deutsche Wissenschaftler forschen. Meiner Meinung liegt es an der Elitenrekrutierung hierzulande. Es ist ja nicht so, daß automatisch die Besten nach oben kommen. Schön wäre es. Dann wäre ich nämlich erst garnicht Prostituierte geworden. Nach meinem Ausflug in die Wissenschaft galt nur noch folgendes Credo: Leck mich am Arsch, und ich lasse mich dafür bezahlen.


2 Kommentare on “Die Zeit vor der Sexarbeit”

  1. Liebe Susi,

    so etwas Tolles wie Chicago habe ich in meiner Karriere nicht aufzuweisen. Echt großartig. Hattest Du ein Stipendium?

    Es wundert mich, dass eine linke Einstellung für die Wissenschaftslaufbahn in Deutschland hinderlich ist. Es gibt doch eigentlich sehr viele linksausgerichtete Professoren, natürlich von Fach zu Fach unterschiedlich.

    Bei mir ist die Erinnerung an die Zeit vor der Sexarbeit kürzer – weil ich früher angefangen habe, vor den Uni-Abschlüssen. Eine Uni-Laufbahn habe ich allerdings niemals angestrebt.

    Sexarbeit ist sozusagen invasiv. Sie will sie ganze Frau. Das habe ich vielfach gesehen: bei kleiner Teilzeit bleibt es meistens nicht.

    Liebe Grüße, Friederike

  2. Ariane sagt:

    Ich hatte ein Stipendium und war in einem DFG-Kolleg. Meine Gutachter wollten mich zwingen, Begriffe wie „Neoliberalismus“ in meiner Diss nicht zu verwenden. Da bin ich ausgestiegen. Was soll das für eine Karriere sein, wenn man seine Überzeugungen verkauft, um einen Titel zu bekommen? Natürlich wollte ich Professorin werden, aber nicht um jeden Preis.


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