TAZ: Ende Gelände

Also ich habe mir mal die Arbeit gemacht, dazu einen Artikel zu schreiben, weil mich das ehrlich gesagt richtig ankotzt, daß die TAZ diesen Leuten – also Prostitutionsgegnern, so ein Podium bietet.

Herausgekommen ist folgendes:
bitte korrigiert, ergänzt und verbessert meinen Brainstorm. Ich bin sehr wütend. In Anführungszeichen stehen immer Zitate aus den beiden TAZ Artikeln.

Titel: Widerspruch einer Hure

Genau genommen einer Ex-Hure. Denn das bin ich seit einigen Jahren nicht mehr. Ich hab deshalb etwas zum Thema zu sagen, da ich seit 15 Jahren Aktivistin bin, 10 Jahre in der Sexarbeit tätig war und seit 8 Jahren für ein Unternehmen der Erotikbranche arbeite.

https://taz.de/Feministische-Positionen-zu-Sexarbeit/!5644563/ vom 6.12.2019

„Ein besoffenes Würstchen oder ein einsamer Manager steht vor einer Frau, die ihm Befehle gibt und ihn dann sehr wahrscheinlich versucht, innerhalb kurzer Zeit maximal auszunehmen. „Ach, du willst mit Anfassen? 50 Euro extra. Du willst ihn reinstecken? 60 Euro extra. So, und jetzt raus hier.“ Aber null Mitleid.“

Kobern gehört zum Handwerk. So wie früher Falle schieben. Warum soll sich eine Sexarbeiterin unter Wert verkaufen, wenn sie mehr verdienen kann? Allerdings sind die Kunden doch sehr individuell und diese bemerkenswert verachtenden Aussagen über Prostitutionskunden, die angeblich das Rückgrat des Patriarchats bilden sollen, zeigen höchstens wes Geistes Kind die Autorin ist.

Ich bin als ehemalige Sexarbeiterin und Feministin in der Lage, meine zahlreichen Begegnungen in Bordellen, Wohnungen, im Auto oder Hotel kritisch zu reflektieren. Wenn man 10 Jahre in der Sexarbeit gewerkelt hat, sieht und hört man einiges. Darunter waren einige wenige Ausreißer nach unten. Sprich Kunden, die gewalttätig oder grenzverletzend waren. Ich spreche von insgesamt 3 Personen bei einer Gesamtzahl von etwa 1000. Glauben Sie nicht, daß mein Erfahrungshintergrund ausreichend gesättigt ist? Wenn meine Kunden alles „arme Würstchen“ gewesen wären, wie Sie schreiben, hätte ich den Job garnicht aushalten können und sicher keine 10 Jahre durch gearbeitet.

Sexarbeit ist jedoch Fluch und Segen zugleich. Es birgt ein großes Potential an Freiheit und Unabhängigkeit für Frauen und andere Menschen, die in dieser Branche arbeiten. Aber mit gewissen Sicherheitsrisiken, weshalb ich auch Kolleg*innen dringend anrate, sich frühzeitig zu professionalisieren. Menschen, die nie gelernt haben, Grenzen zu ziehen, sind auch im falschen Job. Grenzziehungen sind ein Cornerstone Thema in der Sexarbeit, aber auch das kann man schnell lernen.

https://taz.de/Aktivistin-ueber-Sexkaufverbot/!5644525/

„Um die kleine Zahl der Freiwilligen kümmern wir uns nicht, die sorgen für sich.“

Alle Sexarbeiter*innen, die ich im In- und Ausland kennengelernt habe, waren „freiwillig“. Darunter auch einige, die in ihrer Vergangenheit Bekanntschaft mit Zuhältern oder Menschenhändlern hatten. Es gibt auch Prostituierte, die heute selbstbestimmt der Sexarbeit nachgehen, nachdem sie sich von ihrem Zuhälter oder Menschenhändler befreien konnten. Sie genießen jetzt ihre Freiheit.

Ich sorge mich allerdings um alle Sexworker, nicht nur um Opfer von sexueller Ausbeutung, sondern auch um die scheinbar so privilegierten Sexarbeiter*innen mit den „toten Augen“, wie Alice Schwarzer sagt.

Auch um die Freiwilligen, weil sie allesamt stigmatisiert sind und deshalb vulnerabel. Auch die Freiwilligen tragen Risiken. Ich war auch eine selbstbestimmte Hure und hab Gewalt erlebt. Deshalb jedoch zur Prostitutionsgegnerin zu mutieren, obwohl 99% meiner Gäste ehrenwerte Personen dieser Gesellschaft sind, fällt mir nicht im Traum ein.

Eine Hure darf nicht zimperlich sein. Klärte mich mal eine Puffmutter auf. Und recht hat sie. Auch das fällt in eine Orientierungsberatung von leider wenigen Beratungsstellen, die das „dürfen“. Ergebnis: 70% aller Frauen steigen erst garnicht in die Sexarbeit ein.

„Der erbitterte Kampf erklärt sich einmal aus dem finanziellen Interesse der ProstitutionsbefürworterInnen.“

„Ich bin Soziologin, gehe mein Leben lang mit Zahlen um“

Ich bin auch Sozialwissenschaftlerin und meinem analytischen Blick entgeht wenig. Vor allem, wenn es um die Arbeitssituation von Sexarbeitenden geht. Ich frage mich immer, was getan werden kann, um gerade den am wenigsten privilegierten und marginalisierten Sexarbeiterinnen zu helfen. Dies ist automatisch auch ein gutes Rezept für die angeblich so privilegierten Sexarbeiterinnen, die sich angeblich nur Sorgen um ihr Einkommen machen.

„bis dahin hatte ich auch ein weich gespültes Bild und eine sogenannte liberale Haltung zur Prostitution, sodass ich dachte: Denen kann ich dieses Beschäftigungsfeld nicht wegnehmen. Das hat sich gewaltig verändert durch die zunehmende Kenntnis der Fakten.“

„Die GegnerInnen eines Sexkaufverbots sagen, dass es den ausgebeuteten Prostituierten nicht nutzt, sondern sie im Gegenteil in eine ungeschützte Unsichtbarkeit drängt.
Auch das ist ein Argument, das ich nicht mehr hören kann. Wir von Terre des Femmes können nur sagen: Schlimmer als jetzt kann es Prostituierten nicht gehen. Denken Sie mal an den Straßenstrich in der Berliner Kurfürstenstraße.“

„Ich habe in meiner AG eine Berliner Therapeutin, die mit traumatisierten Prostituierten arbeitet – die geht an die Decke, wenn sie das Wort Sexarbeit hört.“

Ich habe durch Gespräche mit Sozialarbeiterinnen in den letzten 15 Jahren den Eindruck gewonnen, daß es darunter auch Frauen und Männer gibt, die durch das tägliche Elend den Eindruck bekommen haben, daß Sexarbeit generell Gewalt ist, weil sie in der Beratung meist auf Frauen treffen, die Hilfe bedürfen oder in einer Notsituation sind. Dies verleitet sie zu der Annahme, daß alle Prostituierten Opfer sind. Dem ist jedoch nicht so. Es gibt nicht „eine verschwindend geringe Anzahl“ selbstbestimmter Sexarbeiterinnen, sondern durchaus viele.

Ich würde behaupten, die Mehrheit.

Darunter viele in prekären Lebenssituationen, die der prekären Situation anderer Arbeiterinnen in prekären Berufen durchaus vergleichbar ist. Seit 15 Jahren spreche ich mit Kollginnen im In- und Ausland, auch Migrantinnen, trotz mancher Sprachbarrieren. Außerdem administriere ich seit 8 Jahren ein Sexworker only online Forum mit 14.000 registrierten Sexarbeiterinnen. Sollte es tatsächlich meiner Aufmerksamkeit entgangen sein, daß das alle Opfer sind?

Ich habe viele Postings sorgfältig gelesen. Hinzu kommt meine aktive Zeit als Sexarbeiterin am online Forengeschehen, wo ich mich auch in mehreren sog. Freier Foren regelmäßig ausgetauscht habe und einen guten Eindruck erhielt, wie man solche Foren moderieren kann und wer die Community Regeln nicht einhält. Nichtsdestotrotz gibt es Kundenportale, insbesondere AO-Portale, wo wirklich menschenverachtende Fantasien artikuliert sind. Deren Betreiber sitzen jedoch regelmäßig im Ausland bzw. ist die Website offshore gehostet und man kommt strafrechtlich kaum an sie ran. Ähnlich wie es für das Dark Web gilt.

„Es ist sehr schwierig, an sie heranzukommen und nachzuweisen, dass es sexuelle Ausbeutung ist. Und es bleibt zu fragen: Wer meldet die Straftat?“

Wenn man nicht an sie herankommt, kann man auch kaum Dunkelfeld Studien erstellen, geschweige in der Öffentlichkeit Zahlen behaupten, die keine empirische Basis haben.

Die Mitarbeiterin einer Beratungsstelle für Frauenhandel berichtete mir kürzlich, daß sich 30% ihrer Klientel von allein bei ihr meldet; andere durch Dritte, Polizei, Freier.

„Es gibt die Zahlen, seien es 90, 80 oder 85 Prozent von nicht selbst bestimmten Prostituierten. Jede ist eine zu viel.“

Ja, das sind nicht enden wollende Schätzungen ohne Grundlage. Zugrunde gelegt wird der hohe Anteil an Migrant*innen in der Sexarbeit, die allesamt und permanent in die Zwangsprostitution, Armutsprostitution oder Menschenhandelsecke gedrängt werden.

Liebe Prostitutionsgegner! Sie befinden sich auf einem Irrweg. Seit drei Jahren, in denen das Gesetz zur Bestrafung von Kunden von 2016 in Frankreich in Kraft ist, sind sich alle Akteure einig, dass die positiven Auswirkungen noch ausstehen. Die Zahl der Sexarbeiter hat nicht abgenommen und die Ausbeutung von Minderjährigen und der Menschenhandel nehmen zu.

Bitte lernen Sie von schwedischen Sexarbeiter*innen, was das Sexkaufverbot aus ihrer Sicht bedeutet und warum das Gesetz gescheitert ist. https://www.fuckforbundet.com/report

Auch in Irland, wo das Sexkaufverbot Einzug gehalten hat, ist die Gewalt gegenüber Sexarbeitenden gestiegen und das Business hat sich ins Internet verlagert und hat Prostitution in keinster Weise eingedämmt. Dies zeigt eine aktuelle Studie der Queens Universität Belfast ganz deutlich.

Ich hab als Sozialwissenschaftlerin und teilnehmenden Beobachterin meine Hausaufgaben in den letzten 15 Jahren gemacht. Sie als Soziologin auch?

Ich träume von einer entkriminalisierten Zukunft. Ich träume, dass das Stigma verschwindet, was Sexarbeiterinnen zu Opfern macht. Armut und soziale Ungleichheit in einer Weltgesellschaft sind nicht nur die Motoren von Migration, sondern auch von Prostitution. Das wußten schon die alten Griechen, die den Unterschied zwischen Hetären und Sklavinnen durchaus kannten.

Die Lobbyarbeit klerikaler Kreise aus US, die mit ihrem Geld u.a. die European Women Lobby füttert, muß beendet werden. Dann kann die Vernunft endlich eine nachhaltige Prostitutionspolitik in Deutschland, Europa und der Welt entwickeln, die keine Opfer mehr schafft und auch keine Junk Science mehr produziert. Der Kampf um die Rechte von Sexarbeiterinnen gleicht für Aktivistinnen einem Marathonlauf. Wir kennen unser Ziel.


One Comment on “TAZ: Ende Gelände”

  1. Liebe Susanne, ein sehr schön geschriebener Text, den muss man so stehen lassen. Ich kann nur jedes Wort von Deinen Kommentaren unterstützen. Die hochtrabende Arroganz, die aus den TAZ-Zitaten spricht, ist einfach nur zum Kotzen.

    In 9 Jahren im Gewerbe habe ich viel gesehen. Ich weiß, dass „Zwangsprostitution“ eine kleine Minderheit betrifft, ich kenne keine erwachsene Frau, die Sexarbeit nicht will, aber trotzdem macht. Ich habe Beschaffungsprostitution gesehen, ich habe auch Opfer von Gewalt und Ausbeutung gesehen, aber da geht es immer schon um strafbare Handlungen, und mit einem Prostitutionsverbot erreicht man in diesem Bereich gar nichts. Es geht auch nicht um riesige Fallzahlen. Ich verstehe auch nicht, warum man vorgeblich Frauen hilft, die mit Sexarbeit Geld verdienen wollen, indem man ihnen diese Option wegnimmt.

    Wir brauchen einen deutlich besseren Opferschutz; zum Beispiel ein zuverlässiges Zeugenschutzprogramm, das Frauen schützt, die Gewalttäter zur Anzeige bringen. Ein verbessertes Haftrecht für Gewalttäter. Loverboys sind heute ziemlich straffrei, weil minderjährig. Das geht nicht, solche Fälle habe ich gesehen. Zum Beispiel viel stärkere Rechtsmittel gegen Drogenhandel und mehr Aussteigerprogramme. Das Wohlstandsgefälle nach Osteuropa muss verschwinden. Und noch einiges mehr.

    Ich möchte auch kein Polizist sein, der einem armen Teufel Schwierigkeiten anhängt, der auch einmal eine attraktive, junge Frau haben will. Vor einigen Jahren gab es einen schwedischen Polizisten, der vor der pietistischen Lobby in Baden-Württemberg Vorträge hielt, wie er durch Hotelflure schleicht, um hinter den Türen „Sexgeräusche“ zu erlauschen und dann polizeilich einzuschreiten. Der Mann war für mich ein Ungeziefer. Als Polizist würde ich so eine Arbeit nicht machen wollen. Unsere Sicherheitsprobleme sind wirklich andere.

    Stattdessen nun dieser moralintriefende Abolitionismus, der die alten Bilder der „anständigen Gesellschaft“ wieder einführen will. Sexuelle Selbstbestimmung? Das will man auf keinen Fall!

    Liebe Grüße,
    Friederike


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