Warum ich als Survivor keine Prostitutionsgegnerin wurde

Es fällt mir wirklich nicht leicht, über das Thema zu schreiben, da es mich persönlich sehr trifft und auch ein Outing bedeutet. Wer will schon Opfer sein?

Jedenfalls öden mich die falschen Argumente von ProstitutionsgegnerInnen total an. Mittlerweile sind in der Öffentlichkeit auch Frauen zu hören, die Opfer von Menschenhandel, Zwangsprostitution und andere Formen von Gewalt und Vergewaltigung wurden, während der Prostitution.

Ich hab mich immer zu den glücklichen und selbstbestimmten Huren gezählt, auch wenn ich Gewalt durch Kunden erfahren habe. Auch outete ich mich in der Öffentlichkeit, vor meiner Familie, seit ich als Aktivistin hörbar wurde.

Ich hatte immer gedacht, ich stecke Gewalt weg und gehe weiter. Aber eines Tages vor 5 Jahren geriet ich in eine Psychose. Psychische Erkrankungen, insbesondere die Diagnose Schizophrenie, sind ja auch so ein Tabu, worüber man nicht sprechen mag. Zu sehr sind die Ängste in der Gesellschaft verbreitet, auch durch das Bild, das von „Verrückten“ gezeichnet wird.

Dennoch muß ich diese Erfahrung in die Waagschale werfen. Während und nach der Psychose wurde mir klar, daß die Sexarbeit sowie mein Aktivismus eine Ursache für meine Erkrankung waren. Ich muß das einfach los werden, weil ich kurz davor stand, zur Prostitutionsgegnerin zu mutieren. Ich hatte nur noch das Thema Gewalt und seine Folgen vor Augen. Nicht nur meine eigenen Erfahrungen spielten eine Rolle, sondern die Erfahrungen anderer Sexworker, die ich über viele Jahre kennengelernt hatte.

Dennoch habe ich seit vielen Jahren alle Prostitutionsmodelle, mir alle Formen der legalen und illegalen Sexarbeit angeschaut und welche Risiken daraus erwachsen. Ich habe viele Länder bereist, um Sexworker zu treffen. Unter den AktivistInnen finden sich so unglaublich kreative und beeindruckende Personen, Leute, die sich permanent im Widerstand bewegen und als Aktivisten von allen Seiten mit Repressalien rechnen müssen. Besonders in Ländern mit Prostitutionsverboten.

Ich bin aufgrund meiner Erfahrungen als Beischlafbeobachterin und Rotlicht Korrespondentin zum Schluß gekommen, daß nur ein Entkriminalisierungsmodell in Frage kommt, daß die Rechte, auch die Menschenrechte von Sexarbeitenden schützt.

Ich kann mir vorstellen, daß erlittene Gewalt und Traumata sich in den Körper einschreiben und nicht verarbeitet werden. Und es kann sein, daß dadurch die objektive Wahrnehmung vernebelt wird, wenn es zu der erlittenen Erfahrung kommt und der Frage, ob Prostitution verboten sein soll.

Die Freierbestrafung ist auch deshalb keine Lösung, weil in allen Ländern mit Sexkaufverbot beobachtet werden kann, daß die Gewalt gegen SexarbeiterInnen gewachsen ist. Es kann nicht sein, daß Menschen, die einvernehmlichen Sex praktizieren, kriminalisiert werden. Deshalb bin ich gegen Prostitutionsverbote und fordere, daß Harm Reduction nicht nur im Rahmen der Drogenpolitik zentral sein muß, sondern auch in Prostitutionspolitik. Nur Entkriminalisierung kann helfen, Kriminalität zurück zu drängen und die Voraussetzung für gute Arbeitsbedingungen und sichere Arbeitsplätze schaffen, wo die Rechte von SexarbeiterInnen respektiert werden.

Erst dann wird auch das Prostitutionsstigma eine Wandlung erfahren, wenn SexarbeiterInnen als gleichwertige Bürger anerkannt werden. In einem Land wie Indien haben sich 5 Millionen SexarbeiterInnen organisiert und kämpfen für die Entkriminalisierung und Safer Sex, gegen Menschenhandel und Ausbeutung. Eine Macht, mit der auch die Politik zu rechnen hat.

Ich habe in der Psychiatrie eine Frau kennengelernt, die bei der Polizei gearbeitet hat und jeden Tag Bilder aus dem Netz sichten mußte. Bilder über Kinderpornographie, Missbrauch, Erniedrigung und andere gräßliche Themen. Sie ist an der Wirklichkeit verrückt geworden.

Wahrscheinlich ist es unter diesen Umständen am besten, der Sexarbeit für immer den Rücken zu kehren. Doch diese durchaus subjektive Einstellung kann nicht auf alle SexworkerInnen übertragen werden. Darüberhinaus hat ein Sexkauf-Verbot lediglich den Effekt, daß das Ganze dann illegal stattfindet und es somit der Idee, damit jemandem helfen zu wollen, zuwider läuft.


7 Kommentare on “Warum ich als Survivor keine Prostitutionsgegnerin wurde”

  1. Danke für deine Offenheit, Respekt vor deiner Haltung. Dein Text macht mich persönlich betroffen: Ich hoffe, ich halte durch und entwickle nicht auch eine Psychose.
    Ich wünsche dir viel Kraft!
    Salomé Balthus

  2. Liebe Ariane,

    ich freue mich riesig, dass Du wieder zu lesen bist …

    Herzlichst alle guten Wünsche für Dein Glück und Deine Gesundheit,
    Friederike

    Du warst und bist wirklich wichtig für mich!

  3. 64er sagt:

    Einige aus meinem persönlichen Umfeld wissen, dass „meine“ Frau Sinnlich eine Sexarbeiterin ist.
    Dabei erlebe ich ich immer wieder große Unsicherheit in den Gesprächen. Die Unsicherheit entsteht aus meiner Sicht daher, dass eine undefinierbare Stigmatisierung zu Sexarbeiterinnen in unserer Gesellschaft herscht.
    Einerseits ist da das Vorurteil, dass alle, wirklich alle Sexarbeiterinnen ständig Ausbeutung und Gewalt erleiden müssen. Dieses Bild wird so wie ich das sehe von den Medien durch ihre Berichterstattung beeinflusst und verstärkt. Ich habe nicht das Gefühl, dass in den Massenmedien, im Fernsehen, in der Presse mit großer Reichweite oder im Radio je ein Bericht von einer Frau erschienen ist, die ihren Beruf gerne ausübt.
    Daraus entsteht nach meiner Einschätzung das zweite große Vorurteil. Alle Sexarbeiterinnen müssen unehrlich sein und nur auf Betrug aus sein. Diese führt dazu, dass den Frauen auch im Alltag nur Boshaftigkeit zugetraut wird.
    Mich macht das einfach wütend.
    Mein einziges Rezept dagegen ist zu erzählen was ich erlebe wenn ich mit Frau Sinnlich zusammen bin. Wie wichtig mir die Frau, der Mensch ist.

  4. Ariane sagt:

    Danke fürs Lesen und Deine Toleranz und Anerkennung Deiner Frau gegenüber. Viele Sexworker leben in Partnerschaften und ihre Männer lieben sie, obwohl oder weil sie Sexworker sind. Eine stabile Beziehung wirkt sich auch sehr positiv auf die Arbeit aus. Ein Ankerpunkt bei diesem manchmal doch sehr stressigen Job, wo man angenommen und gehalten wird. Deshalb gibt es auch eine Kampagne mit dem Titel „Someone I love is a Sexworker“

  5. Ariane sagt:

    Liebe Friederike
    Ich erinnere mich gut an Dich und habe Deine Foren Postings immer sehr geschätzt. Ich hoffe, es geht Dir gut?! Danke für Deine guten Wünsche, kann ich immer gut gebrauchen, auch wenn es mir momentan ganz gut geht.

    liebe Grüße
    Ariane

  6. Ariane sagt:

    Liebe Salomé,
    sorry, daß es Dich betroffen gemacht hat. Aber es sprechen nur Survivors in der Öffentlichkeit, die Prostitutionsgegnerinnen sind. Ich bewundere deren Mut, öffentlich Gesicht zu zeigen und kann mich da hinein denken. Ihr Schicksal berührt mich sehr. Es ist deshalb auch wichtig zu betonen, daß es Leute wie mich gibt, die trotz negativer Erfahrungen und einer daraus erwachsenen Erkrankung, die mich mein Leben lang begleiten und an schreckliche Vorkommnisse erinnern wird, für die Entkriminalisierung einstehen. Trotz der Probleme, die es in dieser Branche gibt. Die Probleme werden ja nicht kleiner, wenn man Prostitution illegalisiert oder wie jetzt durch die Zwangsregistrierung die Mehrheit in die Illegalität treibt. Dadurch werden sie für Hilfs- und Professionalisierungsangebote kaum erreichbar. Ich schicke Dir auch viel Kraft und Energie für neue Projekte. Ich habe Deine Kolumne immer sehr gerne gelesen.

    liebe Grüße
    Ariane

  7. 64er sagt:

    Ich habe mich wirklich sehr missverständlich ausgedrückt.

    Frau Sinnlich ist (u.a. in meinem Freundeskreis) mein Pseudonym für die Sexarbeiterin deren Gast ich häufig sein darf. Ich hege starke Gefühle für sie, halte meine Emotionsbestie bisher im Zaum.
    Sie ist mir Therapeutin, Freundin und Geliebte – aber leider nicht „meine“ Frau.
    Pseudonym und Geheimniskrämerei um sie und ihren Job halte ich vor allem deshalb, weil durchaus die Chance besteht (so hoffe ich), dass wir uns neben den sinnlichen, bezahlten Stunden eines Tages auch im persönlichen Umfeld begegnen.


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