Schottisches Tagebuch

Update: mein Konferenzbericht ist hier zu finden

 

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Heute ist schon Tag 2, eigentlich Tag 3 seit 34 Minuten. Ich fang mit Tag 1 an. Schlechte Internetverbindung, daher die Verzögerung. Einige Extra-Infos und Links zum SWOU-Event 2013 kann man auch auf meinem Twitter Account verfolgen. Jetzt und in den kommenden Tagen.

Tag 1

Flug Berlin – Glasgow

Der Tag fängt schon mal prima an; eine praktizierende Buddhistin und Schottin in Mönchskutte sitzt im Flieger neben mir; natürlich Easyjet, meine Lieblingsairline in Europa; das Orange der Airline passt gut zu ihrem Outfit. Wir kommen ins Gespräch. Ich erzähle ihr, dass ich einmal dem Dalai Lama persönlich begegnet bin, in einem Aufzug in Köln 1994. Das war kurz nach Studienende, 3 Monate Praktikum bei der Heinrich Böll Stiftung, damals noch in Köln angesiedelt. Ich komme da morgens nichtsahnend in Kölle an, nach meinem täglichen Ritt mit dem Zug aus dem Ruhrpott, und betrete gerade den Aufzug. Kurz bevor sich die Tür schliesst, stellt jemand das Bein in die Tür, um zuzusteigen. Es war der Fuss des Enkels von Böll und an seiner Seite der Dalai Lama; der schaut mich an, lächelt und verbeugt sich. Also der Dalai Lama lächelt mich an, ich grüsse zurück und verbeuge mich ebenfalls, halte meine beiden Hände vor mir gefaltet, so wie er es gemacht hat. Beide betreten den Aufzug. Der Tag fängt gut an. Die schottische Buddhistin, die gerade aus einem Retreat in Berlin kommt und auch bald wieder für einige Monate dorthin zurück kehrt, lacht mich an und meint, ich hätte ein gutes Karma. Was ich denn in Glasgow mache? Ich erzähle ihr dies und das und sie ist sehr angetan, nicht ablehnend. Sie war früher auch in der Sozialarbeit und Krankenpflege tätig, als sie ihre Kinder grosszog. Seit sie nicht mehr arbeiten muss, hat sie sich ganz dem Buddhismus verschrieben. Also das mache ich auch eines Tages: ich verziehe mich ins Kloster, also ein buddhistisches Kloster und kümmere mich um den Garten.

Ankunft Glasgow am Nachmittag; 10 Grad Aussentemperatur, also Plus, yeah, Sonne, kein Grau, kein Schnee. Ich nehme ein Taxi. Die Differenz zum Bus sind etwa 10 schottische Pfund, man gönnt sich ja sonst nix. Ist doch wahr. Ich habe erst mal nur zwei Nächte in einem Gästehaus mit Einzelzimmer und geteilter Dusche gebucht; meine Freunde hier in Glasgow haben Probleme, ausreichend Schlafplätze und Matrazen zu organisieren. So richtig steht das Netzwerk hier noch nicht. Also das Matrazennetzwerk. Bei solchen Events schläft man lieber zusammen mit seinen Leuten unter einem Dach; da wird dann die ganze Nacht diskutiert, Wein getrunken und man fällt glücklich und erschöpft ins Bett. Man hatte mir einen Schlafplatz bei einem schottischen Freund angeboten, der nachts arbeitet, aber da ist noch eine Freundin und irgendwie scheint das ganze nicht sehr willkommend zu sein.

Das schottische Gästehaus ist ganz putzig, wie man es eben aus U.K. so kennt. Schmale Gänge und Treppen, ein komischer Mief im ganzen Haus. Schön ruhig, kein Hostel oder Absteige, das ist immer so ekelig und laut.

Ich hab mich mit Kosmetik in kleinen Grössen eingedeckt, bei Handgepäck kaufe ich immer vor Ort ein, das schleppe ich nicht mit mir rum. Das Duschgel duftet nach Minze. Und dann bin ich zum Friseur und hab mir einen neuen Haarschnitt verpassen lassen. Ich musste der Friseuse, die nur schottisch spricht, irgendwie erklären, dass ich einen langen Pony haben möchte und seitlich so eine Art Rundhaarschnitt entsteht, es darf aber nicht schick und frisch vom Friseur aussehen, das mag ich garnicht. 30 Minuten diskutierten wir und sie säbelte mir ganz vorsichtig die Haare ab. Also ich finde es gut. Das letzte Mal, dass ich so aussah, war mit 9 Jahren. Da kam so ein Fotograf in die Schule, der machte Fotos. Eins davon hängt im Gästezimmer meines Vaters in Spanien. Und genauso sehe ich jetzt auch aus.

Danach habe ich mir organischen Rotwein gekauft und mich um 18h ins Bett gelegt, bis Mitternacht geschlafen, von einem Mann mit schönem Schwanz geträumt. Ich träume in letzter Zeit dauernd von Sex, merkwürdig. Also ich schlafe hier wie ein Baby. Den Wein habe ich allerdings nicht angerührt. Heimlich eine Zigarette am Fenster geraucht, nach Mitternacht im Netz rumgekurvt, WLAN ziemlich schwach. Die Landlady sagte mir, dass man nur im Speisesaal Internetempfang hat. Da bin ich dann um Mitternacht runter, aber es war sehr ungemütlich dort, ich also wieder hoch und siehe da, ich fand in meinem Zimmer ein paar Balken, also Internetzugang. Es wurde spät und ich habe mein schottisches Frühstück verschlafen, musste zur Strafe zu Starbucks.

Tag 2

In der letzten Nacht las ich bei meiner schottischen Kollegin, dass sich eine Druckerei aus moralischen Gründen geweigert hatte, Plakate zu drucken. Es geht um die lokale Gewerkschaft STUC, die für unser Diskussionspanel am Samstag plötzlich die Räume verweigerte, mit der Ausrede, dass wir Sexworker sind. Aber das wussten sie sie schon vorher und alles war in feuchten Tüchern, Flyer gedruckt. Da muss die Labour Tante Rhoda Grant rumgerantet haben, die gerade Wahlkampf auf unsere Kosten macht. Die wollen hier die Freierbestrafung, also das Schwedische Modell einführen. Bordelle sind in U.K. insgesamt verboten, also Sexarbeit in Wohnungen ab zwei Sexworker, dies gilt als Bordell. Also ist man gezwungen, ganz alleine in einer Wohnung zu werkeln, alternativ Strasse, H/H. Problem ist bei diesen ganzen Einschränkungen, das die Gewalt gegenüber Escorts, also Sexworkern deshalb so gross sind, weil sie kriminalisiert sind und kaputte Typen denken, sie können alles mit einem machen. Ich hab auch keine Werbung geschaltet, in meinen 10 Tagen hier in Glasgow. Ich will entspannt dem Event beiwohnen. Reisetaschengeld für Unterkunft, Verpflegung und Flüge hätte ich schon gebrauchen können, da meine Kosten in Berlin ja weiter laufen. Ich verdiene ja den Familienunterhalt. Ich hab mir etwas zusammengespart, damit ich hier teilnehmen kann. Als ich das letzte Mal auf verschiedenen schottischen Seiten Werbung geschaltet habe, das war anlässlich meine Aufenthalts und Gastspiels beim Fringe Festival 2011, da riefen zwar sehr viele Männer an, aber die versuchten, nur den Preis zu drücken und beschimpften mich. Da hab ich ja noch 1 Stunden Dates angeboten. Alles in allem hatte ich nur Theater am Telefon und in zwei Wochen zwei Dates, eins im Hotel und eins in meinem Zimmer im Hostel, bevor ich zu Freunden gezogen bin. Was wohl für ein Stress am Telefon auf mich zukäme, wenn ich denen antworte, dass ich nur noch 2 Stunden Dates im Hotel anbiete. Hausbesuche kamen schon damals nicht in Frage. Nein danke, dann bin ich eben gänzlich ungefickt und träume weiter von schönen Schwänzen. So wie heute am frühen Abend, wo ich wieder ein Schläfchen hatte. Immerhin ist es mir gelungen, eine Druckerei ausfindig zu machen, die unsere Poster druckt, mit denen wir am Samstag vor STUC demonstrieren. Ich musste dem Mitarbeiter der Druckerei versichern, dass wir ja nicht öffentlich bekannt machen, wo wir haben drucken lassen. Ist das nicht deprimierend? Morgen hole ich die Poster und Banner ab; 170£ kosten die, war noch im Budget der SWOU. Gab nicht viele Spenden. Gut, dass der Red Umbrella Fund SWOU etwas unterstützt. Ich werde auch etwas bares in die Spendenkasse legen, die bei allen Veranstaltungen ausliegt. Das, was die Leute hier mit allen Beteiligten auf die Beine stellen, ist einfach unglaublich. Und super, dass für das ganztägige Politik-Panel am Samstag ein anderer Veranstaltungsort gefunden werden konnte. Jedenfalls wird der Sex Worker Open University Event seit 2009, vorher immer London, nur von Sexworkern und ehem. Sexworkern organisiert, keine Sozialarbeiter, keine Beratungsstellen und auch keine Betreiber von Agenturen, Massagesalons etc. Morgen starten wir abends mit der Sexworker Film-Nacht. Mit internationalen Filmen von Sexworkern. Ich trete auch auf. An Tag 4. Gute Nacht!

Tag 3

Rückblick: Hab die Banner und Poster abgeholt und zum CCA (Centre for Contemporary Arts) gebracht. Dann sehr schlecht chinesisch gegessen. Überall diese Mittags-Buffets. All you can eat, bäh! Am ersten Tag meiner Ankunft erkundigte ich mich nach einem indischen Restaurant in meiner Umgebung, da ich so gerne indisch esse. Und zwar aus allen Regionen. Der Service war unfreundlich und es kam niemand, um meine Bestellung aufzunehmen. Ich fragte, ob ich evtl. stören würde und später wiederkommen sollte. Sie waren dabei, das Buffet abzubauen. Dann waren sie sehr zuvorkommend und das Essen schmeckte auch sehr gut. Genauso wie das Steak & Ale Pie im Pub am zweiten Tag. Bin ein wenig durch die Stadt gestromert und hab mir die Architektur angeschaut. Es gibt so schöne alte Art Deco Bauten. Z.B. das vergammelte The Beresford Hotel in der Sauchiehall Street. Charles Rennie Mackintosh hat ja die ganze Stadt mit seinen Bauten und Innenarchitektur verschönert. Schottischer Jugendstil. Die Willow Tea Rooms seien jedem Besucher empfohlen, wo man köstliche Club Sandwiches verschnabulieren kann. Das ganze Interior ist von Mackintosh entworfen und man sitzt auf den berühmten Stühlen mit den hohen Rückenlehnen sehr bequem. Also am Samstag muss ich endgültig aus meinem Gästehaus ausziehen; ausgerechnet jetzt, wo auch eine Freundin aus Österreich angereist ist, die im gleichen Haus wohnt. Ich ziehe ein paar Strassen weiter. Dieses Jahr sind auch die Veranstaltungsorte ganz zerfasert. An jedem Tag sind wir woanders. Gestern abend fand die Film Nacht statt. Am besten gefiel mir die Doku über das grösste internationale Sex Worker Rechte Festival in Kolkata/Indien, wo ich ja letztjährig teilnehmen durfte. Ich hab mich wieder kringelig gelacht, als Liz von Empower Foundation, Thailand sprach. Sie ist ziemlich radikal und bringt einiges auf den Punkt. Super meine afrikanischen und südamerikanischen KollegInnen, total souverän und klug. Ich will jetzt gerade nicht auf den Inhalt eingehen, sonst fange ich wieder an zu heulen. Vielleicht morgen.

Ein Film, der mich sehr berührt ist, ist ein Film von Nic Mai: „Normal“. Auf das Thema ‚Trafficking‘ (Menschenhandel) werde ich sicher noch in den kommenden Tagen eingehen. Hier ein Ausschnitt aus dem Film.

http://vimeo.com/ondemand/611/52750619

So muss los, die Demo ruft! Dann ganztägig Politik und Diskussion rund um Entkriminalisierung. Es reist extra aus Australien eine Kollegin von Scarlet Alliance an. Und heute abend ist die SWOU Partner und Gast beim Launch des Edge Fund Glasgow, wo ich auftreten werde. Ich berichte morgen. Schönes Wochenende euch!

Wenn die Internetleitung steht, twitter ich vom Politik-Panel ab ca. 12h mittags.

Tag 4

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Tag 5

Bekam vorhin einen mitternächtlichen Schock, als ich aufs Bankkonto schaute. Und bin wieder wach geworden. Ich frag mich, wo mich mein Engagement noch hinbringt. Klapsmühle oder Hartz IV?! Erschöpft bin i! Sehe schon seit Tagen müde aus, da ich nur in meinem eigenen Bett gut schlafen kann. Kalt ist es in Glasgow. Auch meine neue Unterkunft ist nicht sehr behaglich. Klinisch rein und steril. Man kann vom Fussboden essen. Ihr wisst, was das heisst. Überlege, ob ich morgen früh wieder zurück in mein altes Gästehaus ziehen soll, da ist wieder was frei geworden und viel behaglicher. Wären ja immerhin noch drei Übernachtungen. Ein Hin und Her ist das. Und ich hab mich mal wieder zwischendurch geärgert. Es scheint echt eine deutsche Eigenart zu sein, gerne an anderen rumzukritteln, zu bevormunden, persönlich wie auf Sachebene, dabei selbst Null Check zu haben oder nicht in den Spiegel zu schauen. Wie mir das auf die Eierstöcke geht. Ob meine Zurückhaltung an gewissen Stellen als Gutmütigkeit oder Schwäche ausgelegt wird? Kriege ja meist aus teutsche Land so gut wie gar kein Feedback, bis auf eine Person/(Ex?)Kollegin, die ich sehr schätze. Guten Mutes bin ich jedenfalls, da ich Reaktionen von anderen Seiten bekomme. Und das sind meist Leute aus dem Ausland. Nee, nee, nee, mit gewissen Leuten ist echt kein Staat zu machen und daher bleibe ich auch schön auf Distanz. ‚Wir sollten jeden Sonntag SW-only Diskussionen abhalten‘. Meinte eine schottische Kollegin heute zu mir. Na, ich weiss nicht. Hauptsache kein Stammtisch in Berlin. Auf ein paar Herren ist noch Verlass, was ich so von ihnen lese und die ich persönlich kenne und schätze. Danke schön.

Es gibt auch einiges Positives zu vermelden! Unsere GegnerInnen schäumen und scharren schon die Hufe. Die Geschichte zeigt, dass man sich einer richtigen Erkenntnis auf Dauer nicht in den Weg stellen kann. Ausser mit Gewalt, um die Stimmen verstummen zu lassen. Dafür sind wir aber schon zu viele und das Wort ist draussen. Ich freue mich riesig über die bisherige Berichterstattung zum Event. Zwei Einladungen aus dem Ausland habe ich in den letzten Tagen erhalten, über die ich mich sehr freue und die ich gerne annehme, weil ich sprechen darf. Politik, keine Comedy. Apropos: mein Auftritt letzte Nacht war ganz entzückend. War in Bestform und bekam gutes Feedback von vielen Leuten! Eine liebe Person, trusted ally, hat gefilmt. Sie sagte mir allerdings, dass die Beleuchtung mies war und daher die Qualität nicht sonderlich gut ausfällt. Voll toll! Entweder bekomme ich keine Videoaufnahmen, obwohl vorhanden, ich kriege sie nicht konvertiert oder die Qualität ist mies. So wird das nie was als Stand Up Comedian. Gute Nacht! Euer Goldschwanz

performed here

edgefund-glasgow

Tag 6

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Tag 7 & 8

eher nichts zum öffentlichen berichten. Konferenzbericht folgt.

Tag 9 & 10

schön, dass ich wieder zuhause bin. Wurde ja auch Zeit. In meinem Bett, bequem. Lesend, denkend und das Lachen nicht vergessend.


4 Kommentare on “Schottisches Tagebuch”

  1. alivenkickn sagt:

    Jedenfalls wird der Sex Worker Open University Event seit 2009, vorher immer London, nur von Sexworkern und ehem. Sexworkern organisiert, keine Sozialarbeiter, keine Beratungsstellen und auch keine Betreiber von Agenturen, Massagesalons etc.

    Das ist der einzige Weg um sich seine – die Unabhängigkeit zu bewahren und zu sichern.

    Deine Schreibe ist entspannter geworden. Keine Aggressivität und keine Wut. Zorn is ok . . . .

    Hab noch eine schöne Zeit . . . .

    lg alivenkickn

  2. alivenkickn sagt:

    ups seh gerade das war ja vor ner Woche. Bist ja wieder zu Hause. Ich bin vergrippt, da kommt sowas schon mal vor . . . 😉

  3. Ariane sagt:

    Gute Besserung und erhole dich gut mein Lieber! 🙂

  4. Ariane sagt:

    Ja bin etwas entspannter, hab mich an meine Situation in Deutschland bzgl Interessenvertretung gewöhnt. Spreche ja eh nur für mich. Übrigens: es ist ja nicht alles schlecht. Ich arbeite noch an einigen policy guidelines, Ende der Woche hab ich ein TV Interview für ein Magazin und im Frühsommer darf ich in einem Parlament sprechen, kurz, aber immerhin. Nein, nicht in Deutschland. Da war ich schon und hoffentlich bald wieder. kisses und halte nicht nur die Ohren steif xx


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