Diskussion

Dies ist ein Kommentar von mir in folgendem Kaufmich Blog

Und ansonsten sollte man vielleicht mit ein paar Mythen aufhören, die ein Klagelied anstimmen, dass Sexworker nirgends einbezogen werden. Ich habe von verschiedenen Seiten gehört, das bei Anfragen, z.B. über Vereine mit Sexworkern, die an manche Beratungsstellen angeschlossen sind, oft gar keine Ansprechpartnerinnen zur Verfügung stehen. So sind es immer nur wenige Akteure, die sich in den Medien oder in Fachveranstaltungen einbringen. Zum anderen fehlt der umfangreiche Informationsstand über das doch sehr umfangreiche Thema, weshalb andere Interessenvertreter und Vertreterinnen meist einbezogen werden, inkl. Fachanwälte, Kripobeamte, Behördenvertreter, die direkt oder indirekt beruflich mit diesem Thema zu tun haben. Aufgrund des verständlichen Wunsches nach Anonymität, aber auch mangels Zeit sind doch nur die wenigsten Leute in der Lage oder willens, sich in diese ganze Materie einzuarbeiten. Hinzu kommt, dass viele diesen Job für sich nicht als Beruf betrachten, auch weil sie nur kurz in diesem Bereich arbeiten oder weil sie unter einem Beruf eine gesellschaftlich anerkannte Arbeit verstehen, zu dem sie sich bekennen möchten. Da dies nicht der Fall ist und eindeutig Rechtsunsicherheiten herrschen und aufgrund der vielfältigsten Verbote und Einschränkungen ist dies durchaus nachvollziehbar. Der verständliche Wunsch nach einem positiven Image von Prostitution stehen allerdings auch Realitäten gegenüber, die nicht sonderlich prickelnd sind und worüber nicht offen diskutiert wird. Und dies betrifft die Arbeitsbedingungen, die in den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen in diesem Gewerbe für alle Sexworker, egal welchen Geschlechts und Herkunftsland gelten sollten, egal, ob Strasse, Bordell, Wohnung, Agentur etc. Und viele Leute in diesem Job kennen einfach ihre Rechte nicht und geeignete Massnahmen, sie durchzusetzen. Durch die ganze Debatte in den Medien, wo es immer um Verbrechen geht, stehen viele von uns mit dem Rücken zur Wand; nicht nur weil falsch informiert wird, sondern weil unsere Selbstbestimmung in Frage gestellt wird und man in einen Topf geworfen wird, mit Menschen, meist Frauen, die tatsächlich Opfer sexueller Ausbeutung wurden/werden. Jene, die nach Prostitutionsverboten schreien, wissen meist, was Verbote bewirken, siehe Nachbarländer. Man arbeitet dann unter noch schwierigeren Bedingungen und weil man keine Rechte hat, wissen dies auch Leute sie auszunutzen.
Gut finde ich den Beitrag auch von Christine, weil er zeigt, wie recht sie hat, dass Prostitution als Wirtschaftszweig ja genauso funktioniert wie die übrige Wirtschaft. Wer arbeitet, schafft an und wer profitiert, wem nützt es, wenn Preise für Dienstleistungen verfallen? 5€ für einen Blowjob, 20€ für Verkehr ist doch vergleichbar mit 1€ Jobs, zu denen Arbeitslose verdonnert werden. Und Leute im Niedriglohnsegment, die von ihrer 40 Stunden Woche nicht überleben können und zusätzlich mit Hartz IV aufstocken gehen müssen.
Was gesetzliche Änderungen betrifft: nach meiner Kenntnis – und ich bin recht gut informiert – sind der Dreh- und Angelpunkt die Prostitutionsstätten (wie auch der Bremer Gesetzentwurf zeigt). Wenn Prostitution ein Beruf und Teil des Wirtschaftslebens ist, weil damit Geld verdient wird, dann muss dieser Bereich auch so behandelt werden. Und genau dagegen rennen Prostitutionsgegner an, mit kreischenden moralischen Verurteilungen. Und hier sind Sexworker aus allen Bereichen gefordert, Politik zu beraten, weil sich ihre Arbeitssituation vor Ort überall unterscheidet. Auf dem Papier ist Sexwork nicht mehr sittenwidrig und laut Prostitutionsgesetz straffrei (entkriminalisiert, aber nur im Sinne, das die Sittenwidrigkeit abgeschafft wurde), allerdings gibt es so viele Sonderverordnungen, die die Arbeit einschränken, verbieten, das man in Deutschland nicht einmal von einer Legalisierung der Prostitution sprechen kann. Das Prostitutionsgesetz war ein fauler Kompromiss aus drei Paragrafen. Es ist aber nichts in den Städten und Ländern passiert, diese besondere Dienstleistung wie andere Gewerbe zu handhaben. Und dies wird nun nachgeholt. Allerdings müssen die Massnahmen auf die verschiedenen Bereiche genau abgestimmt werden und zwar so, das sie mit den Grundrechten vereinbar sind.

Update:

Warum man diskutieren muss? Na, weil Staat – und das sind nicht nur Institutionen, sondern ein Gesellschaftsvertrag, den wir alle geschlossen haben – die Grund- und Menschenrechte beachten muss, wenn man diese besondere Dienstleistung verregeln möchte. Mir wäre auch am liebsten, wenn Staat sich aus meinem Hös’chen und meinen Freiheitsrechten raushalten würde. Aber ich bin realistisch. Wenn alle Sexworker in Deutschland und auf der Welt glückliche Huren wären, nie mit Gewalt, Online Belästigung, Stalking, Erpressung mit der Aufdeckung der Identität, Mord, Inhaftierung u.a. konfrontiert werden würden und die Einnahmen in einem guten Verhältnis zu dieser besonderen Leistung lägen (Intimität mit einem Menschen, persönliche Ansprache uvm. ist Luxus, Sexualität lässt sich garnicht in Preisen aufwiegen) und es keine Frau, Mann, Trans* und Intersex Menschen mehr gäbe, die nicht aus Not (Arbeitslosigkeit), Schuldenberg etc. diesen Job machen müsste, dann gäb es keine Probleme. Es gibt aber Probleme und die müssen gelöst werden. Und zwar zum Wohle aller Sexdienstleistungs-ErbringerInnen, natürlich auch Bulgarinnen und Rumäninnen, über die konservative Politiker und Journalisten besonders gerne abhetzen. Solange wir/sie wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, man anonym arbeiten muss, weil ein Outing den sozialen Tod bedeuten kann, braucht es umsichtige Politik, um Sicherheit, Gesundheit & Würde zu garantieren. Und zwar so, dass es auch jedem Kunden klar sein muss, dass wir Menschen sind, die Respekt und Wertschätzung verdienen, nicht nur den guten Kundenmännern, die ohne Grenzüberschreitung und Nötigung auskommen, um ein erfülltes Date zu haben.


One Comment on “Diskussion”

  1. Christian sagt:

    „natürlich auch Bulgarinnen und Rumäninnen, über die konservative Politiker und Journalisten besonders gerne abhetzen“

    Das Schlimme ist doch, dass wir es uns zu leicht machen, wenn wir es den konservativen Mitgliedern unserer Gesellschaft zuschreiben, Das Problem wird doch auch von liberalen (und ich meine nicht Mitglieder der FDP) Menschen weder vollständig erfasst noch besteht Interesse, sich damit wirklich auseinander zu setzen.

    Dann sind es natürlich wieder diese Rumäninnen oder Bulgarinnen, die schon in der Bülowstr. stehen, wenn die Kinder auf dem Schulweg sind, die in der ganzen Diskussion einen zu großen Raum einnehmen. Dann kommen wieder Diskussionen über Laufhäuser und ähnliches auf. Die Prostitution, Ursachen und Missstände werden nie grundsätzlich angegangen.


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