VI Ich klage an

Sehr geehrter Bundespräsident,

sehr verehrte Bundeskanzlerin,

sehr geehrte Mitglieder aller Fraktionen im Hohen Haus,

sehr geehrte Bundestagsabgeordnete,

die Bundesratsvorlage ist ein Schmutzfleck auf den Namen Ihrer Regierung. Die Geschichte wird zeigen, dass Ihre Präsidentschaft es war, unter welcher eine Gesetzesverschärfung beitrug, das Leben von Bürgern und BürgerInnen, EU BürgerInnen in diesem Lande mit weitreichenden Folgen für ihre Gesundheit und Sicherheit zu gefährden.

Meine Pflicht ist es zu sprechen, ich will nicht Mitschuldige sein und ich könnte des Nachts kein Auge mehr zutun, für die Folgen einer Politik, die dazu beiträgt, dass Unschuldige für Verbrechen büssen, die sie nicht begangen haben. Wie ein Alptraum lastet es auf mir, vor allem weil ich im Bilde der Realitäten bin, deren Einzelheiten ich zu kennen glaube. Die furchtbare Rechtsverweigerung, und hier liegt der Keim, aus dem sich die wahren Verbrechen entwickeln. Eine gesellschaftliche Gruppe zu stigmatisieren und zu kriminalisieren, bedeutet den Mitgliedern dieser Gruppe, ihre Bürger- und Menschenrechte zu entziehen, auf die sie Anspruch haben.

Es ist auch eine Geschichte von Verrat, dass mächtige Gruppen und Celebrities nicht nur sich erdreisten, im Namen von Sexarbeiter Interessen zu sprechen, um daran nicht zu knapp zu verdienen, sondern jene, für die sie meinen zu sprechen, verhöhnen und diskriminieren, ihre Stimmen zum Schweigen bringen. Und wenn sich eine kleine Stimme lautstark erhebt, sie zu bevormunden, ja zu entmündigen, sie als Einzelfall abzutun, um ja eine mögliche repräsentative Kraft von vornherein zu leugnen und auszuschalten.

Sie haben sich mächtige Freundinnen und Lobbygruppen gesucht, die über die sexuelle Selbstbestimmung von Männern und Frauen in dieser Gesellschaft richten. Um sich über diese ungeheuerlichen diskriminierenden und ehrverletzenden verbalen Gewalttaten unter Zuhilfenahme erfundener Statistiken und als Fakten und Wahrheit gerierende Falschaussagen eine Gewissheit zu bilden, braucht man nur die Medienberichterstattung in den letzten Monaten zu verfolgen. Deutschland hat hier keinen Fortschritt zu verzeichnen, auch nicht im Vergleich zu Nachbarstaaten und Ländern mit Prostitutionsverboten, auch nicht, wie über Frauen, Männer, Trans* und Intersex* Menschen in der Sexarbeit geschrieben und gesprochen wird und an der Verfestigung des Stigmas mitwirkt, was ihnen in der Konsequenz, einen gleichwertigen Platz in der Gesellschaft einzunehmen, verweigert, sie ihrer Handlungs- und Freiheitsmöglichkeiten beraubt.

Sowohl in ihrem eigenen Interesse zu sprechen, als auch an Bedingungen mitzuwirken, die es erlauben würden, dass ihnen keine Gewalt zugefügt wird, sie stark genug sind, sich gegen Behördenwillkür, auch menschenrechtswidrige Behandlung durch Vollzugsbeamte zu Wehr zu setzen, sie der Gesellschaft erfolgreich die Stirn zeigen können, die sich in ihren Fantasien an ihnen aufgeilt, mit ihren Medien Kasse macht und sich regelmässig ihrer Dienste versichert.

Zunächst die Wahrheit über die Begründung der Gesetzesvorlage:

Die Begründung der Novellierung ist eine Lüge, die ich bereits entlarven konnte.

Die Ersteller dieser Bundesratsvorlage erscheinen mir als höchst verworrene Köpfe, ähnlich einer Öffentlichkeit, die Sensationsgeschichten und wahnwitzigen Fantasien nachjagt.

Es kann nicht sein, dass im Namen und zum Schutz unserer Rechte, das Recht gebrochen wird, man SexarbeiterInnen durch Kriminalisierungspolitiken und repressiver Massnahmen unser Menschsein weiterhin  beraubt, die Kriminelle gerade eben dadurch ermutigt, uns als Aussätzige und Rechtlose zu bewerten und behandeln, sie sich sicher fühlen, dass wir uns nicht zur Wehr setzen, wir eben nicht dazu ermutigt werden, Akte der Gewalt  ausreichend mit rechtlichen Schritten zu beantworten.

SexarbeiterInnen sind keine homogene Gruppe, wie jede andere durch zugeschriebene Klassifikationen bewertete und markierte soziale Gruppe. Wir sind Bürger mit legalem Status, die sich aus völlig unterschiedlichen und persönlichen Gründen, die die Öffentlichkeit nichts anzugehen haben, diese besondere Arbeit ausgewählt haben und nachgehen. Es benötigt keinster Rechtfertigung, sich zu erklären, warum man tut, was man tut. Genauso wie ein Anwalt, kein Arzt, kein Unternehmer sich für die Wahl seiner besonderen Tätigkeit, die mit berufseigenen besonderen Herausforderungen einhergeht, erklären muss.

Ich bitte Sie, daran mitzuwirken, dass in Deutschland, den Nachbarstaaten und allen Ländern dieser Welt, eine die Grund- und Menschenrechte respektierende Politik einzuleiten und umzusetzen, die das Leben und die Gesundheit von SexarbeiterInnen stärkt und sie nicht beschädigt. Wir sind weder „Schnäppchen“ noch Randexistenzen, die sich in der bürgerlichen Gesellschaft verlaufen haben. Wir wissen durchaus, was wir tun und mit wem wir etwas tun. Frauen und Männer, deren Leben durch Gewalt, Misshandlung und Ausbeutung auf dem Spiel steht, Menschen, Kinder, die durch verachtungswürdige Gewalt in Sklaverei geraten sind, ihnen allen gilt nicht nur mein Mitgefühl, sondern auch mein Engagement. Bitte hören Sie auf, im Namen von Menschenhandel und dem Kampf gegen sexuelle Ausbeutung die Sexarbeit zu kriminalisieren. SexarbeiterInnen in aller Welt verurteilen jede Form von Gewalt und Ausbeutung und es bedarf weiterführender und gemeinschaftlicher Initiativen, um gegen jede Form von Sklaverei und Ausbeutung vorzugehen, auch die Unterstützung von Initiativen und Ansätze, die in internationalen Sexworker-Organisationen selbst entwickelt und erfolgreich in autonomen Best Practice Projekten umgesetzt werden: in Indien, Australien, USA und Neuseeland.

Ich warte auf Ihre Antwort.

Hochachtungsvoll

Ariane G. Berlin 13. Oktober 2012

1.      The World Charter on the Rights of Prostitutes; Brussels. 1985 http://www.bayswan.org/ICPRChart.html

2.      The Sex Workers‘ Manifesto. Kolkata. 1997 http://www.bayswan.org/manifest.html

3.      The Taipei Declaration of Sex Worker’s Human Rights. Taipei. 1998 http://coswas.org/archives/1351

4.      The Durbar Vision. SEX WORKERS, HUMAN RIGHTS. Kolkata 2003

5.      Sex Workers: Part of the Solution. Cape Town 2003.

6.      Sex Workers in Europe Manifesto.  Brussels. http://www.sexworkeurope.org/images/phocadownload/manbrussels2005.pdf

7.      Declaration on the Rights of Sex Workers Brussels 2005 http://www.sexworkeurope.org/images/phocadownload/dec_brussels2005

8.      Stella, l’amie de Maimie. eXXXpressions: Forum XXX Proceedings, Montreal, Canada, 2006. http://www.chezstella.org/stella/?q=en/follow

9.      Sex Workers Human Rights and the Fight Against HIV Montreal 2006

10.     The Global Working Group on HIV and Sex Work Policy Draft Reworking of the UNAIDS Guidance Note on HIV and Sex Work. Delhi 2007

11.     St. Pauli Protocol.  Hamburg April 2008

12.     Recommendations of the African Sex Worker Alliance. Pretoria  October 2009

13.     Wards of the state: Young sex workers‘ special vulnerability to HIV and AIDS under the law. Vienna 2010 http://www.plri.org/resource/wards-state-young-sex-workers-special-vulnerability-hiv-and-aids-under-law

14.     The Sex Worker Forum Declaration.  2010 http://www.sexworker.at/SWdeclaration.pdf

15.     Sangram Bill of Rights. Sangli 2010

16.     NSWP Smart Guide on Sex Work and HIV: Only Rights Can Stop the Wrongs. Vienna 2010 http://www.nswp.org/page/smart-guides

17.     The Pattaya Draft Declaration. Pattaya. October 2010 http://plri.wordpress.com/2010/10/15/pattaya-draft-declaration-on-sex-work-in-asia-and-the-pacific-2010/

18.     Sex Worker Open University Manifesto London 2010 http://www.sexworkeropenuniversity.com/manifesto.html

19.     The Kolkata Call to Action, Sex Worker Freedom Festival 2012 http://twitpic.com/afscxn/full

20.    Sex Work and the Law in Asia and the Pacific http://www.snap-undp.org/elibrary/Publication.aspx?ID=699


23 Kommentare on “VI Ich klage an”

  1. Diesen offenen Brief unterstütze ich als Sexworker.

    Die umfangreichen vorangegangenen Ausarbeitungen (vielen Dank) und die enthaltenen inhaltlichen Anal-ysen möchte ich hiermit ebenfalls bekräftigen und kann sie im Wesentlichen bestätigen aus eigener Sexdienstleistungspraxis, Forschungs-, Netzwerker- und Bürgerrechtler-Tätigkeit.

    Marc of Frankfurt
    (Sexworker Forum)

    __
    zu 6. Sex Workers in Europe Manifesto. Brussels 2005. Bedeutsam sind auch die Deklaration und Empfehlungen.
    http://www.sexworkEurope.org

    zu 11. Sankt Pauli Protocol, Hamburg 2008 (das und die Brüsseler Erklärungen habe ich quasi mit verfasst, auch wenn der Deliberationsmechanismus und die Sexworker-Inklusion stets verbesserungsbedürftig war, selbst innerhalb unseren prekarisierten NGO-Netzwerken.)
    http://www.sexworker.at/phpBB2/download.php?id=169

    zu 15. Sangram Bill of Rights, Sangli 2010
    http://sangram.org/Download/Sangram-bill-of-rights.pdf

    Prostitutionsgestz und -regulierung in Deutschland
    http://www.sexworker.at/prostg

    Schattenberichte der Sexworker an die UN:
    http://www.sexworker.at/phpBB2/viewtopic.php?t=1497

    Sexworker Atlas Deutschland
    http://www.bit.ly/sexworkatlas

    World Sex Worker Activists Resources
    http://www.bit.ly/sexworkinternational

  2. Tanja_Regensburg sagt:

    Klasse Ariane, genau so sehe ich das auch….

    Prostitution ist nicht gleich Menschenhandel und Gewalt, genausowenig wie jeder andere Beruf. Ich habs auch satt , dass uns die Opferindurstie und ihre Helfer in eine Ecke drängt, in die wir nicht gehören.

    Sexarbeit ist ein Job, nicht wie jeder andere, aber auch nichts Außergewöhnliches.
    Wir verdienen auf legale Weise Geld, um unseren Lebensunterhalt zu sichern…
    Wer sichert uns, damit wir dies gefahrlos und unbeschadet tun können?

    Verbote bieten nur krimminellen Energieen Vorschub, da viele dann in die Illegalität flüchten müssen und Repressalien schutzlos ausgeliefert sind.

    Sondersteuern werden gerne erlassen (Vergnügungssteuer usw) um marode Stadt-Haushalte zu unterstützen… aber trotzdem drängt man uns gerne an den gefährlichen Rand, bzw versagt uns unsere bürgerlichen Rechte, Schutzt und Unterstützung…

    Gerne redet man über uns mit anderen, sehr sehr selten mit uns selbstbestimmten Sexdienstleister/innen.

    LG Tanja

  3. Univ.-Prof. i.R. Dr. Walter Piel, Köln sagt:

    Ariane G. schreibt: „Es kann nicht sein, dass im Namen und zum Schutz unserer Rechte das Recht gebrochen wird, man SexarbeiterInnen durch Kriminalisierungspolitik und repressive Maßnahmen unser Menschsein weiterhin beraubt, die Kriminelle gerade eben dadurch ermutigt, uns als Aussätzige und Rechtlose zu bewerten und zu behandeln, sie sich sicher fühlen, dass wir uns nicht zur Wehr setzen, wir eben nicht dazu ermutigt werden, Akte der Gewalt mit rechtlichen Schritten zu beantworten…“
    Ich solidarisiere mich ausdrücklich mit dieser Aussage.
    Prof. Dr. Walter Piel, Köln

  4. Matt sagt:

    Ich unterstütze diesen offenen Brief, insbesondere die Forderung danach, nicht länger im Namen der angeblichen Bekämpfung des Menschenhandels oder der sexuellen Ausbeutung die Sexarbeit zu (re-) kriminalisieren, und unter Zuhilfenahme längst widerlegter Statistiken der Bevölkerung bewußt ein Trugbild zu vermitteln. Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern steht genau wie Mitgliedern anderer Berufsgruppen ein Mitspracherecht zu bei der Entwicklung oder Veränderung von Gesetzen, die sie selbst betreffen.

    Daß die Kriminalisierung der Sexarbeit den Menschenhandel oder die sexuelle Ausbeutung von Menschen wirksam bekämpft ist mitnichten erwiesen. Ganz im Gegenteil führt diese Maßnahme dazu, daß Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter sich in einem rechtsfreien Raum bewegen, in dem sie über wenig oder gar keine Möglichkeiten verfügen, gegen Akte der Gewalt vorzugehen. Das beinhaltet auch, daß es ihnen nicht möglich ist, Verdachtsfälle von Menschenhandel zu melden, da sie sich dadurch selbst gefährden könnten.

    Die Kriminalisierung der Sexarbeit führt aber nicht nur zu einer Verschlechterung der Lage von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern innerhalb eines Landes, womit sowohl deutsche als auch migrantische Sexarbeiter/innen gemeint sind. Darüber hinaus führt sie auch zur Migration von Sexarbeiter/innen in Drittländer, in denen sie u.U. noch viel weniger Zugang zu Rechtsmitteln und anderen Hilfen haben.

    Ich verstehe durchaus, daß der Wahlkampf begonnen hat und sich konservative Kräfte profilieren müssen, um ihre Wählerschaft von so manchem Mißstand abzulenken. Das darf aber nicht bedeuten, die Rechte von ohnehin marginalisierten Bevölkerungsgruppen noch weiter zu schwächen.

    Die deutsche Politik und die deutsche Gesellschaft haben bereits mehrfach bewiesen, daß sie in der Lage sind, neue Wege zu gehen und andere zum Nach- oder Umdenken zu bewegen.

    Ich fordere Sie daher auf, Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in ihre Arbeitskreise einzubinden und den von der damaligen rot-grünen Bundesregierung begonnenen Weg zu Ende zu gehen und ein Gesetz zu schaffen, daß Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern den größtmöglichen Schutz bietet, ohne ihre Menschenrechte und Würde zu verletzen.

    Ihre Wählerstimmen gewinnen Sie stattdessen am ehesten damit, daß Sie beweisen, daß Ihnen alle in Deutschland lebenden Menschen am Herz liegen, nicht nur Ihre jeweilige Basis. Das sollte Ihnen der Fall des Mitt Romney und seiner Aussage über die 47% deutlich vor Augen geführt haben.

    Ich schließe mit den Worten des Autors Dan Gardner. “You don’t have to agree. You do have to read.” Sie müssen nicht allem zustimmen, aber sie müssen lesen! Wenn Sie sich statt mit einseitigen Darstellungen mit dem gesamten Forschungsspektrum befassen, das zum Thema Prostitutionsgesetzgebung existiert, bin ich sicher, daß sie zu der Erkenntnis gelangen werden, daß sie mit der Kriminalisierung der Sexarbeit ihre Ziele nicht werden erreichen können. Stattdessen werden Sie mitzuverantworten haben, das die Gesundheit und Sicherheit von Menschen in Deutschland nachhaltig gefährdet zu haben.

    Matthias Lehmann
    Unabhängiger Forscher
    Forschungsprojekt Korea

    http://www.researchprojectkorea.wordpress.com
    http://independent.academia.edu/MatthiasLehmann
    ________

    Susanne Dodillet and Petra Östergren
    The Swedish Sex Purchase Act: Claimed Success and Documented Effects Conference paper presented at the International Workshop: Decriminalizing Prostitution and Beyond: Practical Experiences and Challenges. The Hague, March 3 and 4, 2011
    http://tinyurl.com/8ojeol7

    Wendy Lyon
    UNAIDS Advisory Group condemns Swedish sex purchase ban
    http://feministire.wordpress.com/2012/01/29/unaids-advisory-group-condemns-swedish-sex-purchase-ban/

    UNAIDS Advisory Group on HIV and Sex Work
    The report of the UNAIDS Advisory Group on HIV and Sex Work
    Joint United Nations Programme on HIV/AIDS (UNAIDS) (2011)
    http://tinyurl.com/96b9w99

  5. Friederike W. sagt:

    Mit diesem Schreiben möchte ich mich ebenfalls ausdrücklich solidarisieren.

    Friederike W., Berlin

  6. lust4fun sagt:

    Hallo Ariane,
    was hältst du von einer Textfassung in einer einzigen PDF-Datei zum Herunterladen?
    Gremien, Parteien, Fraktionen etc., die das Thema diskutieren, werden eine Papierfassung brauchen.

  7. Ariane sagt:

    Ja natürlich, ich wollte allerdings Ergänzungen, Vorschläge vorher einarbeiten, sofern ich welche erhalte. Auch kritische Anmerkungen aus der „Praxis“ und andere wohl begründete Sichtweisen sind willkommen.

    Und ich danke allen mutigen Kommentatoren ganz herzlich für ihre Solidaritätsbekundung und persönlichen Worte, die mir gut tun. Ich denke oft, ich werde verrückt bzw. fühle ich mich doch recht alleine mit meiner Wahrnehmung, ja auch Wut. Und viele KollegInnen von mir, die nicht öffentlich werden, sowieso.

  8. […] In diesem Sinne verlinke ich jetzt mal die nuttenrepublik. Da hat sich nämlich eine tolle Frau viel Mühe gegeben, an einer Sache mitzugestalten (und tut es noch), die Männer und Frauen betrifft. Hier erzählt sie, warum und was überhaupt. Hier, warum das brandaktuell ist. Hier `ne Faktensammlung dazu. Hier noch mehr, hier konkrete Vorschläge und hier eine Portion Nüsse. […]

  9. Ariane sagt:

    @Lust4Fun: Gerade habe ich mich mal nach sehr langer Zeit in das von dir andernorts verlinkte Forum begeben und muss gestehen, das, nachdem ich das alles so las, wie es in einem Puff zuzugehen haben soll, ich nur Kontrolle herauslesen konnte und 0,0 Interesse an der Autonomie der dort werkelnden Frauen.
    So gut wie niemand spricht sich dort für ihre Autonomie aus. Ich muss meine Vorschläge noch mal dringend nachjustieren und mir noch stärker die Machtverhältnisse, die bestehen, wieder klarer ins Bewusstsein heben. Vielleicht habe ich auch was wesentliches verdrängt. Merkwürdig, wo doch der Machtaspekt immer eine grosse Rolle für mich spielt und Autonomie mein Thema ist. Da stimmt was nicht mit meiner Wahrnehmung, ein blinder Fleck. Mag aber auch sein, dass ich zu den Puffzeiten in meiner Anfangszeit keinem Druck und ähnliches ausgesetzt war. Korrektur: in zwei Berliner Wohnungsbordellen, wo später auch Molotow-Cocktails gelegentlich reinflogen, kam es zu gewalttätigen Übergriffen und keine Wirtschafterin hat auf die Hilferufe gehört. Die Typen waren allesamt mit Drogen vollgedröhnt. Welche Drogen werden in manchen Foren genommen, frage ich mich gerade, wo Luftzwerge den Bonsai-Dom rauskehren? Schrecklich. Mir geht’s gerade garnicht gut. Ein Grund mehr, darüber nachzudenken.

  10. Sönke sagt:

    Respekt!Hut ab!Deine sehr umfangreiche Ausarbeitung hat mir wirklich die Augen geöffnet.DANKE!Ich hoffe, Du wirst richtig erhört-falls ja, sollte Dir endlich zumindest ein Posten im Hohen Hause sicher sein-falls Du den denn dann willst.Es gibt offensichtlich keine(n) andere(n) dort, die dieses Thema realistisch vertretenMeine volle Solidarität!
    Viel Erfolg

  11. Ariane sagt:

    Hey Sönke, danke für’s Lesen und das du hier vorbei gesurft bist und vor allem Zuspruch. Als Klofrau im Hohen Haus, ja da hab ich vielleicht eine Zukunfts-Option drauf he he …. Scherz beiseite, einfach danke!

  12. lust4fun sagt:

    Liebe Ariane,

    ich habe dir eine ausführliche, aber etwas lavierende Überlegung zu deinen Texten als PN geschickt – bevor ich deine Antwort hier gelesen habe. Jetzt denke ich, ich hätte meine Gedanken vielleicht besser hier gepostet. Mir war nicht klar, wie offen du hier schreibst. Und es tut mir leid, dass dich der Blick auf die Foren herunterzieht. Ich weiß genau, was du meinst. Autonomie, Machtverhältnisse. Aber es ist kompliziert. Auch meine Rolle in einem solchen Forum. Ich muss auch nachdenken. Wenn du Lust hast – ich freue mich an dem Gespräch mit dir…

  13. Ariane sagt:

    Ja, ich schreib hier ganz offen und das seit vielen Jahren und mache mich nackelig. Ansonsten würde mein Blog sein Ziel verfehlen.

    Ja, der Blick in Foren hat mich über Jahre oft runtergezogen und verletzt bzw. tut es noch. Ich glaube, dass schlimmste, was ich je in meinem Escortleben erfahren habe, war das Lesen von Foren, weil dort die anonyme Denunziation regiert. So verletzend, so entwürdigend, so dumm, so aggressiv, so unmenschlich. So etwas treffe ich real-time nicht.

  14. wolfgang99 sagt:

    O. K. dann gebe ich hier auch mal meinen Senf dazu:

    Ich vermisse hier einen weitergehenden Bezug auf die von dir in „V“ genannte Studie, welche vom BMFSFJ in Auftrag gegeben wurde. Aus den auch von dir genannten Gründen ist die Bundesratsvorlage keine Diskussionsgrundlage; anderseits sehe ich in der BMFSFJ-Studie verschiedene positive Ansätze bzw. Handlungsvorschläge.
    Es ist unerträglich, wenn Kabinettsmitglieder ohne Sachkenntnis medienwirksam mit den populistischen Vorschläge der Bundesratsvorlage versuchen, öffentlichen Handlungsdruck zu erzeugen.
    Gruß Wolfgang

  15. alivenkickn sagt:

    Hallo Ariane

    Meinen Respekt für Deine Arbeit – die Artikel, Dein Engagement.

    Was “ Das die Kriminalisierung der Sexarbeit den Menschenhandel oder die sexuelle Ausbeutung von Menschen wirksam bekämpft ist mitnichten erwiesen“ betrifft stimme ich „Matt“ vorbehaltlos zu. Gleches gilt ja auch für den Gebrauch von Drogen. Die Kriminalisierung und Verschärfung durch entsprechende Gesetze hat nichts bewirkt. Das Gegenteil ist bekanntlich der Fall.

    Mehr Rechtssicherheit, besseren Zugang zur Gesundheitsfür- und vorsorge insbesonderer für MigrantenInnen

    Möglicherweise ist die deutsche Politik in der Lage neue Wege zu gehen, mit Sicherheit ist es aber nicht die derzeitige Regierung.

    LG alivenkickn

  16. Ariane sagt:

    @alivenkickn Ja, die Aussage steht auch in meinen Texten und es ist nachweislich erwiesen, dass Kriminalisierung in der Sexarbeit gegenteiliges bewirkt. Daher hab ich ja auf die Best Practice Ansätze hingewiesen, die von Sexworkern selbst entwickelt wurden und erfolgversprechend sind.

  17. Ariane sagt:

    @Wolfgang Was meinst du genau mit Bezug? Der Bezug zu jenen, die die Vorlage erstellt haben oder den Bezug zu den Empfehlungen aus Ergebnissen der Evaluation in meinem offenen Brief einzuarbeiten? Als Lüge hab ich die Begründung der Novellierung entlarvt. Mehr ging an dieser Stelle nicht.

  18. wolfgang99 sagt:

    Ich meine den Evaluationsbericht, da ich der Ansicht bin, dass nur dieser Bericht eine Diskussionsgrundlage darstellen kann; außerdem werden hier auch die Mängel des ProstG aufgezeigt (bewusste Nichtumsetzung in den Ländern und Kommunen, Asyl- Migrationsproblematik in Zusammenhang mit Menschenhandel wo das ProstG eben der falsche Sack ist, auf den eingeprügelt wird). In diesem Bericht werden ja auch die Unwahrheiten der Bundesratsvorlage entlarft.
    Im Klartext heißt dies doch, dass zumindest dem BMFSFJ die Problematik bekannt sein dürfte. Es ist zu fordern, dass dieser Evaluationsbericht nicht in den Schubladen verschwindet, nur weil er nicht in die Richtung passt, sondern sich damit befasst wird (z.B. kompetent besetzter „Runder Tisch“ in den Ländern).

    Gruß Wolfgang

  19. Ariane sagt:

    Wolfgang, exakt so sehe ich das auch. Ich war kürzlich erst bei einem informellen Gespräch bei den Grünen mit dabei, am kommenden Freitag findet diese hier schon länger geplante Veranstaltung statt.
    In diesem Fall sitzen nicht die Sexworker im Panel, aber immerhin eine der Vorstandsfrauen von BUFAS. Wir Sexworker werden im Plenum sitzen. Einige werden kommen. Ich denke, das grundsätzlich Sexworkers Stimme mit an allen Tischen sitzen muss. Ich weiss allerdings auch, dass in der Vergangenheit für öffentliche Veranstaltungen Sexworker schwer zu finden waren. Zumindest haben mir das diverse Veranstalter mitgeteilt.

    Der finanzielle Aspekt politischer Beteiligung wird häufig ignoriert bzw. geht man selbstverständlich davon aus, dass das „reine“ Ehrenamt auf Dauer von ein paar sich selbst ausbeutenden Idealisten schon zu bewerkstelligen ist bzw. als selbstverständlich vorausgesetzt, insbesondere seitens vieler Menschen in Festanstellung. Wie sagte eine Kollegin von mir so schön: „Während es für die PolitkerInnen etc. Arbeit ist, die sie auch bezahlt kriegen, müssen wir ficken und Geld verdienen, um uns solch eine Beteiligung erlauben zu können. – Stimmt natürlich nur zum Teil: den anderen Teil sind wir schon selbst schuld.“ Ich finde, das ist eine klare Aussage, die die Verhältnisse sehr gut beschreibt.

  20. wolfgang99 sagt:

    Gut so Ariane. Das gleiche Problem „Ehrenamt“ gibt es ja überall. Wenn ich mich für etwas engagiere geht es eben von meiner Freizeit ab (schau gerade mal in meinen Kalender). Das zusätzliche Problem ist bei euch Sexworker halt, das „Outen“ . Wenn dann noch Presse bzw. Medien dabei sind, welche nach Schlagzeilen gieren, da sagt sich doch manche „Muss das sein?“.
    Nun muss aber noch die Internet-Suchmaschine in die richtige Richtung kommen. Leider bin ich da kein Experte. Aber wenn ich z.B. „Novellierung ProstG“ eingebe, stellen sich bei mir alle Stachel, wenn ich das Ergebnis sehe.

    Gruß Wolfgang

  21. Ariane sagt:

    Da tauchen sämtliche Blogartikel von mir nicht auf, auch die auf DAH Blogs stehen. Ich habe die täglichen Suchauswertungen erschienener Artikel zu den Stichworten Prostitution und Sexarbeit im Abo. Allerdings tauchen fast nur Artikel auf, die sich kritisch mit dem Thema befassen, hier steht „Menschenhandel“ und jede Form von Gewalt im Zentrum der Berichterstattung. Ich müsste das mal über mehrere Jahre analysieren, auch vor dem Hintergrund von Skandalisierungskampagnen. Hab leider keine Zeit dazu. Vielleicht findet sich ein pfiffiger Student, der das auswerten könnte.

  22. […] VI … Klare Worte. […]


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