IV Task Force für Sexworker

* meine Einschätzung des sozial- und migrationspolitischen Hintergrundes zur Begründung der Gesetzesnovellierung

Die Gleichheit vor dem Gesetz wird durch den Gesetzgeber selbst gebrochen, indem Rechtsansprüche konkret verweigert werden. Grundrechte gelten für jedermann, auch MigrantInnen, nicht nur MigrantInnen aus EU-Ländern, die hier legitimes Aufenthaltsrecht geniessen.

Es kann nicht sein, dass das Prostitutionsgesetz, dass der Stärkung der Rechtssicherheit und Verhandlungsposition selbständiger SexarbeiterInnen dienen sollte, nun instrumentalisiert wird, um sozialpolitische und migrationspolitische Felder zu beackern bzw. Folgen im Handling von Osterweiterung und globalisierungsbedingten Migrationsbewegungen zu steuern. Lokal und vor Ort fehlt es an der konsequenten Rechtsanwendung und Rechtsdurchsetzung für EU BürgerInnen. Ohnmacht? Fehlender Wille!
Dieses Versagen wird zum Nachteil des ProstG ausgelegt und die Legalisierung diffamiert, um teils eine ausländerfeindliche Politik zu betreiben und von den eigentlichen Ursachen der sozialen Kosten politischen Versagens abzulenken. EU-BürgerInnen werden ihre Rechte vor Ort entzogen. Die Kosten einer Politik sozialer Ungleichheit zwischen Zentrum und Peripherie in Europa, zwischen Industriestaaten und ökonomisch schwächeren Ländern, denen man teils durch eine menschenverachtende Agrarpolitik die Lebensgrundlagen und die Möglichkeit vor Ort nimmt, sich zu ernähren, entzogen hat, und Wanderungsbewegungen auslöst, die zu zunehmend prekarisierten Arbeitsverhältnissen eines Grossteils der Bevölkerung führen, ausserdem zum Nebenerwerb Prostitution bzw. ist Prostitution vor diesem Hintergrund als eine prekariatisierte Erwerbstätigkeit zu verstehen.

Wer dieser instrumentellen Logik folgt, mit Regulierungen des ProstG komplexe Probleme lösen zu können, täuscht über die wahren Ursachen hinweg. Nicht die Legalisierung von Sexarbeit hat zu Verbrechen geführt, sondern eine Politik, die Verbrechen und Ausbeutung erst ermöglichen.

Hier ist einiges falsch in der Bestandsaufnahme: Polizeigesetze erlauben fast überall und jederzeit uneingeschränkte Kontrollen und Durchsuchungen. Nur nicht in privaten Wohnraum von Alleinselbständigen angeblich? Hier werden jetzt schon regelmässig Durchsuchungsbeschlüsse erwirkt, um SexarbeiterInnen hinsichtlich Sozialbetrugs zu überprüfen und sie unter den Generalverdacht von Schwarzarbeit zu stellen.

Die Mehrheit aller Osteuropäerinnen, in manchen öffentlich-rechtlichen Medien „alle“, werden als sog. „Zwangsprostituierte“ markiert. Dazu muss man wissen, das MigrantInnen in der Sexarbeit unter 21, gemäss des Volljährigkeitsalters in den Herkunftsländern, schon jetzt als „Menschenhandelsopfer“ in der Statistik gezählt werden.

Es wird ein Bild von Sexarbeit in der öffentlichen Meinung gezeichnet, dass alle SexarbeiterInnen als „Opfer“ allesamt nicht nur stigmatisiert, sondern Sexarbeit mit Verbrechen gleichsetzt. Dies läuft dem Willen der Gesetzgeber des ProstG ebenfalls völlig entgegen. Die öffentlich wahrnehmbaren Ideologen arbeiten zusammen mit Kontrollbehörden, die selbstverständlich damit überfordert sind, soziale Probleme zu lösen, der These zu, dass „alle“ Osteuropäerinnen Opfer von Menschenhandel seien (ich kann dazu verschiedene Quellen diesjähriger Berichterstattung anführen) und die wenig verbliebenen „selbständigen“ Sexworker in einen Bereich von 2-5% verorten, wobei ihnen noch ein „falsches Bewusstsein“ unterstellt wird und alle selbstbestimmten Sexworker nicht nur entmündigt, sondern ihnen die Möglichkeit, Sexarbeit selbstbestimmt und frei von Zwängen auszuüben, abspricht.

Es wird so getan, als ob der Staat vor dem Verbrechen Menschenhandel kapituliert hat, weil die Kontrollmöglichkeiten nicht gegeben seien, Zuhälter und Menschenhändler von knapp 100% nicht selbstbestimmter Sexarbeiter nicht festgesetzt werden können, da sie ihre Opfer in Angst und Schrecken versetzen, weshalb es zu keiner Stafverfolgung kommen kann.
Die niedrigen Zahlen des BKA zu gezählten Verurteilungen im Zusammenhang von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung in der Prostitution sprechen eine andere Sprache und die mangelnde Verurteilungsquote wird einfach mit dem Fehlen an Zeugenaussagen vom Tisch gewischt. Das kritische Hinterfragen von Zahlen fehlt im Zusammenhang mit der globalen „Menschenhandelsdebatte“ um Prostitution völlig, Schätzungen werden frei erfunden und als Wahrheiten und Fakten verkauft. Die öffentliche Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit Ausbeutungsverhältnissen wird alleine auf Prostitution konzentriert, und lässt völlig unter den Tisch fallen, wieviele Menschen zum Vorteil reicher Staaten als Lohnsklaven werkeln, an den Werkbänken aller Welt und eben auch in prekariarisierten Arbeitsverhältnissen, wo an Altersversorgung und sozialer Absicherung überhaupt nicht zu denken ist.

Es wird behauptet, dass Gesetze zur Bekämpfung von Menschenhandel und Zuhälterei abgeschafft wurden. Tatsache ist, dass die sog. Zuhälter- und Menschenrechtsparagrafen im Gesetzesbuch stehen, den Zusammenhang mit Prostitution immer noch fokussieren, anstatt diesen Bereich jeder Form von Ausbeutung zuzuordnen. Für die Strafverfolgung ist die Anwendung des geltenden Strafrechts ausreichend.

Migrantinnen aus EU/Nicht-EU Ländern werden aufgrund der mangelnden Rechte-Durchsetzung Rechte vorenthalten, auf die sie Anrecht haben. Migrantinnen aus Nicht-EU-Ländern verbleiben ohnehin in der illegalisierten Prostitution, also clandestinen Sexarbeit, und sind noch höheren Risiken ausgesetzt. Sie haben hier keinen Rechtsanspruch gegen Ausbeutung jeglicher Form vorzugehen und werden dies unter jetzigen Bedingungen auch nicht tun, da sie mit ihrer Abschiebung rechnen müssen.

Die sozialen Kosten des Zuzugs teils mittelloser und analphabetischer Menschen mit keiner oder kaum Ausbildung, die noch dazu vom sog. 1. Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, bereitet Kopfzerbrechen und man sucht hier eine einfache, also populistische Lösung, um Menschen ihre Rechte vorzuenthalten.
Hinzu kommt die eingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit, aber auch die Anerkennung von Abschlüssen und Qualifikationen/Diplomen aus Nachbarstaaten. Dieses Problem ist mittlerweise auch bei der Bundesregierung angekommen, obwohl es lange bekannt ist. Welcher volkswirtschaftliche Schaden verursacht wird, durch eine protektionistische Arbeitsmarktpolitik, werden Experten sicher besser einschätzen können und welches Potential an klugen Köpfen verloren geht, die in prekäre Arbeitsverhältnisse ausweichen.
Im übrigen wird mit solch einer Abschottungspolitik Schwarzarbeit und Scheinselbständigkeit vielmehr befördert und verursachen die immensen Ausfälle bei Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen.

Was bedeutet das für die Sexarbeit?
Jedwede Form von verpflichtenden Massnahmen, Lizensierungsmodelle, führen dazu, dass ein überwiegender Teil von SexarbeiterInnen in nicht kontrollierbare und ungeschützte Räume abtaucht und das Risiko, Opfer von Gewalt zu werden, steigt, den Zugang für Outreach und Präventionsarbeit verhindert wird. Das bedeutet auch, dass der öffentliche Gesundheitsschutz von Zwangsmassnahmen kontakariert wird. Dies zeigen vergleichende Länderstudien.

Gewalt und Ausbeutung, die es zweifelsohne gibt und über deren Ausmass wir mangels seriöser Zahlen überhaupt nicht befinden können, ist nicht auf die Liberalisierung des Prostitutionsgesetzes zurückzuführen, sondern auf die Effekte der Osterweiterung und Globalisierung und Migranten im rechtlosen Raum, was einen Zustrom in die klandestine Sexarbeit begünstigt, aber EU-BürgerInnen erlaubt, einer selbständigen Erwerbstätigkeit nachzugehen. Der Zugang in den ersten Arbeitsmarkt und sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmerverhältnisse bleibt verschlossen.
Kriminelle Netzwerke bestehen, deren Interesse es ist, Menschen in ihren Hoffnungen und Existenznöten (nicht nur in ihren Herkunftsländern, sondern transnational) nicht nur der Prostitution zum Zwecke ihrer Ausbeutung zuzuführen, sondern in alle Wirtschaftsbereiche. Es steht nicht die gesamte Gastronomie am Pranger, obwohl hier häufig Löhne gezahlt werden, die an sklaverei-ähnliche Frohn erinnern, Schwarzarbeit und Scheinselbständigkeit sind hier en masse anzutreffen.

Desweiteren ist der Begriff Menschenhandel im Zusammenhang mit Prostitution genauer zu betrachten. BKA-Zahlen stehen diameträr zum medialen Diskurs, der behauptet, dass „alle“ Osteuropäerinnen Zwangsprostituierte und 97% aller SexarbeiterInnen Opfer von Menschenhandel seien und fremdbestimmt arbeiten. Die übrigen 3-5% seien selbständige SexarbeiterInnen, denen jedoch die Selbständigkeit zum Treffen ihrer Lebensentscheidungen abgesprochen wird. Rechts-feministische Kreise, zusammen mit Kirchenvertretern und einigen Sozialarbeiterinnen wie Dr. Lea Ackermann (Solwodi) und Sabine Constabel, führen diesen Diskurs gemeinsam, aus unterschiedlicher Prägung und Interessen geleitet, teils durch Erfahrung im Umgang mit Menschen in akuter Not geprägt. Die Selbständigen, die man nach ihren Berechnungen an einer Hand abzählen kann, werden als Opfer eines falschen Bewusstseins ausgewiesen. Danke schön.

Bis heute gibt es keine seriöse Grundlage für die Behauptung, dass die Mehrheit aller SexarbeiterInnen Opfer von Menschenhandel sind. Dies hat eine Anfrage auf EU-Ebene ergeben und lässt sich auch nicht bei der im Diskurs gelegentlich zitierten UNO-Studie über Menschenhandel ablesen, wo eine „Schätzung“ von Zwangsarbeit und Ausbeutung in allen Wirtschaftsbranchen, zu einer Schätzung über Menschen gerät, die in die Versklavung zum Zwecke sexueller Ausbeutung vermittelt werden. Das ist höchstgradig unseriös und viele Studien können unter Junk-Science verbucht werden, was die Glaubwürdigkeit der wissenschaftlichen Zunft extrem beschädigt.

Ähnlich verhält es sich mit der Angabe der in der Sexarbeit tätigen Menschen in Deutschland. 400.000 war eine Schätzung, die vor 30 Jahren getroffen wurde. Genaues wusste man damals schon nicht und auch heute. Seitdem ist viel passiert. Der gesamte Markt hat sich verändert, die Segmente der Sexarbeit sind ausdifferenziert inkl. der eingesetzten Technologie Internet, was eine selbständige Arbeit in der Sexarbeit befördert hat. Das Internet hat dabei geholfen, dass selbständige Frauen ihr Sex-Biz vollständig selbst abwickeln können und nicht auf Auftragsvermittler oder Bordellbetriebe angewiesen sind. Ähnlich wie die auf dem Strassenstrich tätigen Frauen, wickeln sie Kontakt direkt mit dem Kunden ab. Jede Frau und Mann, transgender und transsexuelle Sexarbeiter suchen sich das für sie am besten geeignete Arbeitsumfeld und Geschäftsmodell selbständig aus. Die Legalisierung der Sexarbeit in Deutschland hat dazu beigetragen, dass der Sexarbeit straffrei nachgegangen werden kann, leider unter den bereits genannten Einschränkungen.

Die Kontrolldichte ist äusserst hoch und die länderspezifischen Polizeigesetze erlauben, wenn auch nicht einheitlich, schon jetzt den unangemeldeten Zugang zu Prostitutionsstätten und führt Personenkontrollen durch. Die Befürworter der Konzessionierung haben aus meiner Sicht nur die Erweiterung der Kontrollbefugnisse auch auf privaten Wohnraum im Blick, in Bordellen wird bereits permanent kontrolliert. Man hat den privaten Wohnraum im Visier, wo viele selbständige SexarbeiterInnen arbeiten, da sie sich den Abgaben, z.B. hohen Mieten in Bordellen oder Agenturprovisionen entziehen wollen, die ihr Einkommen schmälern.

Eine Erweiterung der Auflagen im Zusammenhang mit dem Begriff Prostitutionsstätte würde legale Arbeit in diesem Segment erschweren bis behindern. Alle Orte, wo SexarbeiterInnen tätig sind, ob allein oder mit Kolleginnen, bedürfen Sicherheitsmassnahmen, die die SexarbeiterInnen im Regelfall am besten für sich selbst treffen können. Allerdings ist hier eine weiterführende Professionalisierung und der Zugang zu Information zum Schutz ihrer Rechte anzustreben, damit sie sich vor Willkür, aber auch vor Risiken in diesem Beruf besser schützen können.

Der Begriff Menschenhandel wird international mittlerweile so weit gefasst – in Deutschland wird darunter jede und jeder unter 21 Jahre alte Sexworker gefasst, die/der nach Herkunftsland erst ab 21 volljährig sind -, dass nicht nur alle Frauen und Männer, die tatsächlich Opfer von Sklaverei zum Zwecke ihrer Ausbeutung werden aus dem Blickfeld geraten und die tatsächlichen Verbrechen nicht nur ungewollt relativiert werden, indem der unspezifische Begriff Menschenhandel so gut wie auf alle Menschen, die der Sexarbeit nachgehen, ausgeweitet wird. Wie in U.S., aber auch in Grossbritannien werden bspw. Taxifahrer, Zimmervermieter an SexarbeiterInnen, Betreiber von Prostitutionsstätten und Agenturen, die als Dienstleister Kundenanfragen im Auftrag selbständiger SexarbeiterInnen vermitteln und dabei auch Leistungen für Sicherheit und Schutz bieten, allesamt als Menschenhändler bezeichnet, mittlerweile in fast allen europäischen Ländern und bald auch bei uns?

Kriminalisierungspolitiken und sämtliche Sonderverordnungen, die im Zuge einer Legalisierung der Sexarbeit getroffen wurden und werden, verschärfen nicht nur die Stigmatisierung aller der in diesem besonderen Arbeitsfeld beteiligten Parteien, es wirkt sich unmittelbar auf die Arbeitsbedingungen selbst aus. Je repressiver das Arbeitsumfeld reguliert wird, umso mehr erhöht sich das Risiko, Opfer von Gewalttaten zu werden. Die Schwächung der Verhandlungsposition der Sexarbeiterinnen führt zu verstärkter Nachfrage nach ungeschützten Sexpraktiken, was sich widerum auf die Gesundheit der SexarbeiterInnen auswirkt. Je engmaschiger die Räume legalen Arbeitens werden, umso grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass Prävention, Aufklärung und Zugang zu gesundheitlichen Diensten versagen und macht sie für Outreach unerreichbar.

Dass das Misstrauen in staatliche Institutionen und die Hürden, Beratungsstellen und andere Hilfsangebote aufzusuchen immer noch so gross ist, liegt einzig und allein in der Tatsache begründet, dass SexarbeiterInnen durch die Stigmatisierung ihrer Tätigkeit die Risiken und Folgen alleine tragen müssen (deren Outing häufig mit dem sozialen Tod beantwortet wird und ein Leben in der bürgerlichen Gesellschaft erschwert und üblicherweise ausschliesst) und sie durch Diskurs und permanente Kontrollmassnahmen doch nur in einer Ansicht bestärkt werden: der Staat will ihre Einkünfte aus prekären Arbeitsverhältnissen besteuern, aber behält ihnen sämtliche Rechte vor. Dies steht jeder Gleichbehandlung mit anderen Berufstätigen entgegen. Zusätzliche repressive Massnahmen, die im Namen des Schutzes von SexarbeiterInnen vor Ausbeutung und Verbrechen und der „Volksgesundheit“, der Ordnung des öffentlichen Raums ins Feld geführt werden, würde in der Folge eben nicht die Lösung selbst gesetzter Ziele der Novellierung bedeuten.

M.E. sind die Vorschläge von einem Wunschdenken getragen und führt zu unkalkulierbaren Risiken bzw. falscher Risikoeinschätzung. Die schon jetzt am Rande ihrer Belastbarkeit arbeitenden sozialen Dienste, die unterbudgetiert und überfordert sind und auf deren Rücken politisches Versagen ausgetragen wird, würden demzufolge vollständig kollabieren. So meine Einschätzung.

Zum Schluss und zur Bebilderung meiner Einschätzung nehme ich das Beispiel Strassenstrich: Nicht nur in Deutschland versucht man die sichtbare Prostitution durch Verbote unsichtbar zu machen, in Folge von teils pogromartigen Ausfällen der Anwohnerschaft lässt sich die Politik unter Zugzwang setzen. Verschiedenen Strategien zur Regulierung des Strassenstrichs werden in verschiedenen Ländern angewandt, die alle das gleiche Ziel haben: die Ordnung, ja „Reinheit des öffentlichen Raumes“ herzustellen und sichtbare Zeichen sozialer Not und Armut unsichtbar zu machen. Man geht immer davon aus, dass der Strassenstrich per se der gefährlichste Ort in der Sexarbeit ist, obwohl SexarbeiterInnen überall einem Risiko ausgesetzt sind, das sich durch Kriminalisierung und Stigma nur verschärft. Der Strassenstrich verschwindet nicht durch Verbote, diese schwächen höchstens die Verhandlungsposition der SexarbeiterInnen und setzt sie Risiken aus. Unter Zeitdruck und mit der Angst, bei diesem Job von Kontrollbehörden erwischt zu werden, sinkt die Zeit, das Anbahnungsgespräch mit Kunden zu führen, um eine Einschätzung des Kunden vorzunehmen. Es steigt die Wahrscheinlichkeit, schneller ins Auto von jemandem zu steigen, der gefährlich ist. Hier haben sich gewissermassen die Liebesboxen bewährt, die in manchen Städten aufgestellt wurden.

Eine vollständige Entkriminalisierung der Sexarbeit führt, wie Neuseeland mit seiner Entkriminalisierungspolitik der Sexarbeit vorgemacht hat, dazu, dass sich dann sehr viel weniger Frauen für eine Arbeit am Strassenstrich entscheiden und jene, die in diesem Bereich arbeiten wollen mit ihren Kunden geschützte Räume aufsuchen können (Bsp. „sichere Räume“ unter öffentlicher Trägerschaft, Bspw. Melbourne, zuletzt Toronto).

In England wird der Sexkauf für Kunden am Strassenstrich (Kerb Crawling) bestraft. Neben dem allgemeinen Bordellverbot, das Frauen in die Allein-Prostitution ohne KollegInnen zwingt oder unter o.g. riskanten Bedingungen am Strassenstrich verbleiben, ist dort die Gewalt, Vergewaltigung, Raubüberfälle alleinselbständiger Sexarbeiterinnen in ihren Wohnungen gestiegen. Da jeder Zimmervermieter automatisch als Zuhälter und Menschenhändler behandelt wird, wagt sich auch kaum jemand, an eine Sexarbeiterin Arbeitsräume zu vermieten, sodass man auf den privaten Wohnraum ausweicht und damit auch die private Identität schlechter geschützt ist. Kriminelle wissen das und sie können meist davon ausgehen, dass eine Sexarbeiterin allein und in ungeschützten Räumen arbeitet.
In Australien/Viktoria http://www.theage.com.au/victoria/phone-apps-shifting-sex-off-the-streets-20120929-26sht.html
wurde ebenfalls das sog. Kerb-Crawling, also mit dem Auto am Strassenstrich rumkurven verboten, indem man dort Kunden dafür bestraft. Dies hat zur Folge, dass Frauen auf andere Strassenstriche ausweichen und über Onlinekontakte ihre Kunden daten und sich an unsicheren Orten verabreden. Also aus bekannten Gebieten, wo Polizei, aber auch Sozialdienste Überblick und Zugang haben, in unbekannte Orte drängen und sie so indirekt einem erhöhten Risiko aussetzen.

Alle Politiken versagen an der Stelle, wo man die Anzahl von SexarbeiterInnen reduzieren will, mit repressiven Massnahmen entweder die Anbieter-Seite angeht oder die Nachfrage-Seite. Sexarbeit eindämmen zu wollen, durch Verbote, ist vor dem Hintergrund der Geschichte und der Wirkung international unterschiedlicher Rechtsauffassungen von Prostitution, nicht nur naiv, sondern gefährlich. Was die Sicherheit, Schutz und Gesundheit der SexarbeiterInnen betrifft.

Mit dem Forderungskatalog über das Prostitutionsgesetz noch weitreichendere Kontrollbefugnisse zu erlangen, um soziale und migrationspolitische Probleme zu lösen, geht nicht nur zu Lasten aller selbständigen SexarbeiterInnen, sondern löst nicht die Ursachen der Probleme. Selbst in manchen Bereichen von sog. „Überlebensprostitution“ und „Armutsprostitution“ zu sprechen, verstellt den Blick darauf, dass alle Menschen in allen Wirtschaftsbranchen darauf angewiesen sind, zu arbeiten und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Je repressiver Prostitutionspolitik gehandhabt wird, umso grösser die Risiken für SexarbeiterInnen, da mit Lizensierungspolitiken eine 2-Klassen-Gesellschaft von SexarbeiterInnen geschaffen wird und ein Grossteil von Sexworkern überhaupt nicht die Auflagen, die mit Lizensierungen verbunden sind, erfüllen kann und in illegalisierte Räume abwandert. Was widerum den Zugang für Hilfeleistung erschwert bis unmöglich macht.

Wenn wir von Zwang und Ausbeutung sprechen, müssen wir berücksichtigen, dass alle Wirtschaftsbranchen von Lohndumping und unterschiedlichen Privilegien im Zugang zum Arbeitsmarkt betroffen sind. Ökonomisch ist der Druck für alle Menschen gleich hoch, die Wahl an Optionen allerdings nach Herkunft, Bildung etc. beschränkt. Frauen und Männern in der Sexarbeit muss es nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch möglich sein, sich jederzeit beruflich neu orientieren zu können. Dies würde alleine schon dadurch erleichtert, indem es flächendeckend Beratung für berufliche Neuorientierung gibt und Sexarbeit nicht als Lücke im Lebenslauf verstanden wird und der Erwerb besonderer Fähigkeiten, die man üblicherweise über einen längeren Zeitraum in dieser Tätigkeit ansammelt, als Qualifikationen gelten (social skills).

Intensive Peer-to-Peer Arbeit in sog. Best-Practice Projekten – in Ländern mit vollständiger Entkriminalisierung wie in Neuseeland oder dem Bundesstaat New South Wales in Australien -, aber auch lokale Projekte in Ländern mit Prostitutionsverboten wie in den USA und Indien zeigen, dass kriminelle Strukturen, auch Zuhälterei und gewalttätige Kunden zurückgedrängt werden können, die Stärkung der Verhandlungsposition der Sexarbeiterinnen die Durchsetzung safer-Praktiken erhöht und eine effektive Präventionsarbeit möglich ist, was sich positiv auf die Gesundheit der SexarbeiterInnen, ihrer Kunden und die Gesellschaft auswirkt.

Quellen zum Regulierungsmodell „Entkriminalisierung“:

Open Society Foundation
http://www.soros.org/sites/default/files/decriminalize-sex-work-20120713.pdf

Pivot-Report Beyond Decriminalisation: http://d3n8a8pro7vhmx.cloudfront.net/pivotlegal/legacy_url/275/BeyondDecrimLongReport.pdf?1345765615

Erfahrungen aus Australien zur Lizensierung von Bordellen und 17 Gründe, warum es nicht funktioniert
http://siteground198.com/~nothinga/wp-content/uploads/2010/11/17-reasons.gif

Empfehlungen der Sexworker-Organisation Scarlet Alliance zu Plänen der Regierung von New South Wales, das dort derzeitig gültige Entkriminalisierungsmodell rückgängig zu machen und durch Einführung repressiver Massnahmen zu ersetzen

LASH-Studie des Kirby-Instituts, das die in drei verschiedenen australischen Bundesstaaten unterschiedlichen Regulierungsmodelle von Sexarbeit vergleichend auf die Auswirkungen untersuchte (Kriminalisierung, Entkriminalisierung und Lizensierung)

http://nothing-about-us-without-us.com/lash-law-and-sex-worker-health-project/

http://nothing-about-us-without-us.com/wp-content/uploads/2011/05/WA-Sex-Report-2010.pdf

Unterschied zwischen Legalisierung (inkl. Lizensierungsmodell Nevada und die Auswirkungen) und Entkriminalisierung:

Bloggerin und Ex-Callgirl erklärt es ausgezeichnet http://maggiemcneill.wordpress.com/2012/09/03/bottleneck/

Beispiele für Best Practice Policy und erfolgreiche Sexworker-Community-Arbeit = Self Regulatory Boards

DURBAR, Indien

http://books.google.de/books?id=_L-UkxjWVoAC&pg=PA104&lpg=PA104&dq=DURBAR+best+practice&source=bl&ots=85PsqalwZL&sig=dhuepsR2v_kFimMiT2DLgSZV5a0&hl=de&sa=X&ei=yb5xUJ6tI4-LswaJuoHAAg&ved=0CHoQ6AEwCQ#v=onepage&q=DURBAR%20best%20practice&f=false

USA http://www.bestpracticespolicy.org/index.html

Australien/New South Wales: Getting on Top Of Decriminalisation for the NSW Sex Industry http://www.scarletalliance.org.au/library/wotton_2006/

http://nothing-about-us-without-us.com/wp-content/uploads/2010/11/Donovan_2010_Improving-the-health-of-sex-workers-in-NSW-maintaining-success.pdf

grober Überblick von Regulierungsmodellen (Karte)

http://www.globalizationandhealth.com/content/6/1/1/figure/F1?highres=y

allerdings sind die Modelle teils nicht sauber zu trennen, es gibt Übergänge. Bsp. Deutschland: Legalisierung ist konkret und lokal verbunden mit oben genannten Kriminalisierungspolitiken (zahlreiche Verbotszonen, Sperrbezirksverordnungen/Kontaktverbotsverordnung, Verordnungen, wonach in kleineren Gemeinden Prostitution verboten ist etc.)

V Handlungsempfehlungen folgen in ausbuchstabierter Weise


5 Kommentare on “IV Task Force für Sexworker”

  1. wolfgang99 sagt:

    Meine Einschätzung zur geplanten Umsetzung:
    Sieht man die politische Konstellation an, so werden im Bund nur Vorhaben umgesetzt, bei denen eine Partei auf Biegen und Brechen ihre Klientelinteressen durchsetzen will (siehe Stromumlage, Betreuungsgeld). Für die Änderungen des ProstG hat besonders die CSU Interesse, da sie hinsichtlich der bevorstehenden Landtagswahl in Bayern (welche ja unbedingt mit gesonderten Termin vor der Bundestagswahl abgehalten werden muss) meint, die religiös / konservativen Wählerschichten ansprechen zu können; zumal Hr. Seehofer ja unbedingt die CSU wieder zum Alleinherrscher in Bayern bringen will.

    Ich denke aber, dass dieses Gesetz zustimmungspflichtig sein wird und damit im Bundesrat abgesegnet werden muss. Das bedeutet, dass hier unbedingt die Länder mit diesen Hintergrundinfos entsprechend informiert werden müssen, da sich seit der entsprechenden Bundesratsvorlage die Mehrheitsverhältnisse dort geändert haben.
    Nichtdestotrotz wird versucht werden regional z.B. in Bayern dies umzusetzen.
    Was dann bleibt, ist nur die Klage in Straßbourg: http://www.coe.int/aboutcoe/index.asp?l=de&page=quisommesnous#

    Gruß Wolfgang

  2. thisis sagt:

    Yihaaaa! Wo darf ich unterschreiben?

  3. […] sie, warum und was überhaupt. Hier, warum das brandaktuell ist. Hier `ne Faktensammlung dazu. Hier noch mehr, hier konkrete Vorschläge und hier eine Portion […]

  4. […] IV … wie es gehandhabt wird. Und wie es gehandhabt werden sollte. […]


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