Kurzweil II

Die normotische Störung

Als Winnicott schrieb: „Mehr als alles andere ist es die kreative Wahrnehmung, die dem einzelnen das Gefühl gibt, dass das Leben lebenswert ist“ (1974/1993, S. 78), war er sich darüber im klaren, dass die Psychoanalyse sich auf jene Störungen der menschlichen Subjektivität konzentriert, die ein kreatives Leben erschweren. Als wolle er auf einen weiteren Erkrankungsweg hinweisen, deutete er noch eine andere Störungsachse an:

Menschen können durchaus ein befriedigendes Leben führen, aussergewöhnlich wertvolle Arbeit leisten und dennoch schizoid oder schizophren sein. Sie können im psychiatrischen Sinn wegen ihres geringen Realitätsbezuges als krank gelten. Um dies richtig zu bewerten, muss man festhalten, dass es auch Menschen gibt, die so tief in der objektiv wahrnehmbaren Realität verwurzelt sind, dass sie in entgegengesetzter Richtung krank sind, d.h. den Kontakt zur subjektiven Welt und die kreative Haltung gegenüber den Dingen verloren haben.“ (1974/1993, S. 79)

Ich glaube, wir sind heute entweder Zeugen einer neuen Akzentverschiebung innerhalb der Psychopathologie, oder aber wir beginnen erst neuerdings ein Persönlichkeitselement wahrzunehmen, das schon immer da war. Dieses Element ist ein besonderer Drang dazu, normal zu sein, und zeigt sich im Betäuben und schliesslichen Auslöschen der Subjektivität. An die Stelle der Subjektivität tritt ein als materielles Objekt begriffenes Selbst, das sich nahtlos in die Objektwelt von Menschenhand gemachter Produkte einreiht.

aus: Christopher Bellas: Der Schatten des Objekts. Das unbedachte Bekannte. Zur Psychoanalyse der frühen Entwicklung, S. 146, Stuttgart 1987/2005



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