Netzwerke I und warum ich tu, was ich muss

Ich habe mal die letzten beiden Blog-Beiträge re-bloggt von US-amerikanischen KennerInnen der Szene, um mal das Niveau anzudeuten, auf dem sich die Debatte um Menschenhandel und Sexarbeit bei einigen Sexworker-Rights-Advocates sich schon befindet.

Eine Diskussion, von der ich stetig lerne, schliesslich sind Maggie Mc Neil und Cheryl Overs, von denen die letzten Blog-Beiträge ja stammen, und Carol Leigh und Laura Augustin Adressen, an die ich mich orientiere und jeden, der sich mit diesem Thema ernsthaft auseinandersetzen möchte, kann ich nur raten, ihren Blogs und Meinungsäusserungen in den verschiedenen Social Media zu folgen. Ok, es ist alles englisch-sprachig, das hat seine Gründe. Weil ich dort, ausser teils im Sexworker Forum, die befruchtenderen Debatten und Erkenntnisse gewinne. Ich bin darüber hinaus mit Gruppen in allen Winkeln dieser Erde vernetzt, die mir helfen, meine Erfahrungen, Erkenntnisse und Perspektiven permanent zu überprüfen. Ich lerne jeden Tag dazu, auch von Alliierten in Deutschland mit jahrzehntelanger Erfahrung, die meist ihre Lebensarbeitszeit darauf verwenden, wenn auch unterirdisch bezahlt, den Rechten von Sexworkern zu dienen. Daher kann ich es nicht ulkig finden, wenn Leute, die meinen, in meinen Interessen zu sprechen, Schwachsinn fabulieren oder Mist fabrizieren, ihren persönlichen Befindlichkeiten geschuldet.

Ja liebe Leser und Leserinnen, ich habe ja schon lange meine ureigenen Interessen in diesem Blog dokumentiert. Je mehr ich mich in meinem Arbeitsumfeld, auch virtuell, umgeschaut habe, umso mehr hat es mich bei einigen Erscheinungen gegruselt, also alles, was über meine persönlichen Dates und Erfahrungswerte hinausweist. Daher bin ich nach und nach immer mehr in den politischen Bereich abgetaucht und habe immer weniger über meine persönlichen Erfahrungen des Flüssigkeitsaustauschs geschrieben. Das wichtigste habe ich eh schon gesagt, auch in diversen Foren, und in intime Details eines Dates möchte ich öffentlich nicht mehr abdriften. Manche werden enttäuscht sein, aber so ist das Leben, man verlegt halt die Schwerpunkte und Interessen.

Das mich der Politik-Virus erwischt hat, ist ja nichts neues, meiner Biografie geschuldet, und als extrem wissbegieriger Mensch, muss ich alles durchforsten, was mir vor die Linse kommt. Eine sehr zeitaufreibende, aber für mich lohnenswerte Neugier, vor allem, da es sämtliche meiner Arbeitsgebiete und ewigen Interessen unmittelbar berührt.
Einer sehr langen Forschungsarbeit, an der ich über Jahre werkelte, hatte ich einst folgendes Zitat vorangestellt, was damals wie heute zutrifft:

„Er wird er selbst, ganz derselbe, der er zuvor war, bis auf die unbedeutendste Eigentümlichkeit, und doch wird er ein anderer, denn die Wahl durchdringt alles und verwandelt es.“
Sören Kierkegaard, Entweder-Oder, 1960, S. 782f.

Im Prinzip ändert sich alles durch die Wahl, ich bin immer dieselbe geblieben, egal in welchem Beruf ich mich herumtreibe. Ok, mögen es andere weiterhin Hobby nennen. Womit ich zum wesentlichen komme:

Die Gesetzesnovellierung des deutschen Prostitutionsgesetzes. Ich wurde von verschiedenen Seiten zurückgepfiffen und für mögliche Interventionen meinerseits verwarnt, doch nicht nicht die Pferde scheu zu machen. Aber umgekehrt, bin ich schon längst durch Interventionen anderer im öffentlichen Raum scheu gemacht worden und zutiefst beunruhigt. Dies hat mich zu aktiver politischer Arbeit mehr und mehr gebracht, dahin, wo ich niemals mehr hinwollte. Ich wollte eigentlich meine Ruhe haben und Escort bietet dazu ausreichend Möglichkeiten und eine erstaunliche Freude, auch sich von sonstigen Erfordernissen abzulenken. Das habe ich immer genossen und tue es noch, nur seltener. Im Augenblick ist ALARM angesagt, die verschiedenen Fraktionen beraten über die von der CDU/CSU eingebrachten Bundesratsvorlage. Ich hab schon seit längerem hier und dort darüber rumgeunkt, aber solange es nicht weh tat, wird man ja meist nicht ernst genommen.

Warum ich mit dieser ganzen Thematik sehr viel Zeit aufwende? Ich verdiene nichts daran, ich verliere nur, nicht nur Kunden und Geld, da ich zeitlich zunehmend unflexibler und nach aussen durch mein Engagement unattraktiver wurde, meinen Interessen und Aktivitäten geschuldet; auch bin ich nicht in die Falle eines sog. Helfersyndroms getappt. Der Gedanke, so langsam mit dem Escort aufzuhören, hat in erster Linie private Gründe und ist derzeit Zeitknappheit und meinem Interesse geschuldet, Widerstand gegen manche, auch für manche auf den ersten Blick noch so gut gemeinte Kernforderung des Gesetzesnovellierung etwas entgegen zu setzen. Die Zeit läuft, gegen mich und alle Sexworker in Deutschland. In einer sehr kurzen Zeit muss es mir, idealerweise in Kooperation mit anderen engagierten Leuten, gelingen, Klartext und Entscheidungsgrundlagen zu formulieren, und dies bei dem bislang niedrigen Organisationsgrad von Sexworker-Interessen selbst. Zugleich muss sich eine entstehende nationale Sexworker-Lobbypolitik sich idealerweise mit der globalen Bewegung vernetzen, um internationale Geltungskraft zu erlangen. Wir sind keine Randgruppe, wir sind BürgerInnen. Eine effektive Sexworker-Community-Arbeit muss nach innen und nach aussen wirken, wenn uns unsere Interessen und auch die unserer Kunden lieb sind.

So komme ich nun zum eigentlichen Knackpunkt: eine Verständigung über gemeinsame Wünsche und Ziele der Sexworker muss nicht nur innerhalb, sondern ausserhalb virtueller Peer-Gruppen kurz- und langfristig möglich sein, dies in Kooperation uns zugeneigter Personen und Allierter, die in diesem Bereich für unsere Interessen aktiv sind. Alliierte bedeutet, Personen, die Sexworker nicht verraten, nicht gegen uns arbeiten, das können alle möglichen Leute aus der Gesellschaft sein und aus der sog. Sex-Industrie, wenn ihnen das Interesse unserer frei gewählten und selbst bestimmten Arbeit lieb ist, und geschützter Arbeitsbedingungen ohne Bedingungen der Ausbeutung und die man frei wählen kann.
Wir müssen uns in kürzester Zeit optimal informieren, Argumente austauschen und eigene verbessern, lernen sowie in Kontakt mit vielen gesellschaftlichen Gruppen treten, die über eine politische Entscheidung zu befinden haben. Manchen „Strategen“ sei an dieser Stelle gesagt: um Politiker zu überzeugen, braucht man die besseren Argumente und aufbereitete Informationen, kein Holter-di-Polter, Beleidigungen, Diffamierungen. Das braucht kein Mensch, auch Politiker sind Menschen. So sehr man sie für vieles kritisieren und verfluchen mag, wenn man Ziele zum Wohle von Sexworkern erreichen will, bedeutet dies zu kooperieren, d.h. zunächst erst einmal ins Gespräch zu kommen, anstatt die Türen sofort zuzuknallen. Einige werden wissen, was ich damit meine. Stammtisch ist Stammtisch und Politik ist Politik. Den Unterschied sollte man kennen, wenn man seinen Argumenten Geltungskraft geben will.
Es bedeutet auch, das manch naiver Einfaltspinsel sich nicht einbilden braucht, das er von seiner/ihrer Verantwortung entbunden ist, nicht nur ureigene, sondern Interessen durchzusetzen, die das gesamte Spektrum der Sexarbeit berühren. Das bedeutet, die verschiedenen Bereiche von Sexarbeit als gleichwertige und Sexworker untereinander als Gleiche zu betrachten, auch wenn es für manche schwerfällt, die aufgrund der Wettbewerbssituation andere KollegInnen auf verschiedene Weise versuchen auszuknocken, die aus den gleichen Gründen wie sie selbst nach einem besseren Leben, nach etwas Wohlstand suchen, egal, woher sie kommen, weil offenbar der Hochschulabschluss nicht ausreicht oder andere Talente nicht ausreichen oder garnicht die Möglichkeit vorhanden war/ist, den Luxus, aus reinem Hobby, Interessenlage und Spass einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Dies gilt also auch für viele Leute in diesem Job, die eine höhere Ausbildung genossen haben, aber nun unter prekariarisierten Bedingungen arbeiten. Sexarbeit ist im Regelfall den Kriterien nach immer eine prekariarisierte Arbeit. Es nützt auch jenen nichts, die permanent den Klassismus vor sich hertreiben und sich über Preise, Philosophie und Selbstdarstellung bemühen, sich von anderen abzugrenzen. Kriminalisierungspolitik und darüber hinaus unverstanden gebliebene sog. Regulierungen durch Gesetze trifft letztlich immer alle. Und sei es nur, dass man im Verborgenen anonym werkelt und sich daraus erst Recht kein Rechtsanspruch entwickeln lässt, der einen zu einer UN-Person in der bürgerlichen Gesellschaft werden lässt. Sofern man sich outet oder nicht-outet. Das Stigma wirkt immer.

Dies als Prolog zu meinem folgenden Beitrag, der morgen hier aufflammt, der die Forderungen der Gesetzesnovellierung zum Inhalt hat, die Interessen, die ihn begründen erklärt, welche Konsequenzen diese in der Umsetzung für die gesamte Branche haben werden. In Teil III übermorgen folgt dann meine Einschätzung dazu, Vorschläge der Verbesserung der Novellierung selbst, die Einordung im aktuellen Diskurs (auch um Menschenhandel) und meine Forderungen, die sich für mich daraus ableiten. Dies werde ich allen zugeneigten Lesern zur Diskussion stellen.


7 Kommentare on “Netzwerke I und warum ich tu, was ich muss”

  1. Bernhard sagt:

    Hi Ariane, eine Nebenbemerkung: ein Engagement von Herzen, wofür auch immer, macht nie „unattraktiver“ (entgegen Deiner Vermutung). Auch nicht wenn mal in inhaltlichen Details unterschiedliche Auffassungen vorhanden sein sollten.

  2. wolfgang99 sagt:

    Wenn man nur etwas die Augen aufhat, kann man über dieses gesellschaftspolitisches Vorhaben nicht hinwegsehen. Und „Pferde scheu machen“, was soll dies, wenn die Brandstifter schon im Haus sind.
    Leider wird eine verfehlte Asyl- und Migrationspolitik publikumswirksam auf einem Nebenkriegsschauplatz inszeniert.
    Ja, es gab unschöne Ereignisse, welche von der Sensationspresse ausgeschlachtet wurden. Wie will ich Menschenhandel bekämpfen, wenn es keinen Opferschutz gibt. Aber es geht doch nur um Prostituierte, nicht um Pflegekräfte, nicht um Bauhilfskräfte, Menschen welche als SubSubSubSub-Unternehmer und Scheinselbstständige ausgebeutet werden.

    Ariane, wir kennen uns ja etwas und ich denke, das gesellschaftspolitische Bewusstsein verbindet uns. Auch mir passt das geringe bzw. unprofessionelle öffentlichkeitswirksame Verhalten einiger Akteure hier in Deutschland nicht.
    Ich will dir hiermit erstmal gedanklich den Rücken stärken und dort wo es mir möglich ist, auch unterstützen.

    Gruß Wolfgang

  3. thisis sagt:

    *stillundleisevormichinapplaudierunddenHutzieh*

  4. Ariane sagt:

    Ich danke euch lieber Bernhard, Wolfgang und Thesis. *umarm* Ich bin so erschöpft und komme nicht so schnell voran, wie ich möchte. So viele Baustellen, an denen ich gerade arbeite und übersetze, mit Deadlines versehen. Hätten wir eine Sexworker Organisation, die permanent und konsequent Lobbyarbeit betreibt, wäre vieles nicht so mühselig. So kocht seit Jahren jeder sein eigenes Süppchen, schreibt mal ein Briefchen hier und da. Wer nicht gehört werden will, hat keine Stimme.
    liebe grüsse an euch
    ariane

  5. […] Mühe gegeben, an einer Sache mitzugestalten (und tut es noch), die Männer und Frauen betrifft. Hier erzählt sie, warum und was überhaupt. Hier, warum das brandaktuell ist. […]

  6. […] I-stens über das Netzwerken für und von SexarbeiterInnen […]


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