Nuttenrepubliken IV

„Wer“ sind die Kriminellen?

 

Es ist erschreckend, wenn man auf den Status „kriminell“ zurückgeworfen wird. Grausam, wenn berechtigte Interessen der Teilhabe einem verweigert werden. Barbarisch, wenn einem das Mensch-Sein abgesprochen wird.

 

Mag das eigene Selbstverständnis und das hart erarbeitete, am Geländer eines Menschenlebens entlang gehangelte, dafür um so klarer entwickelte Denkvermögen, das sich ins Verhältnis setzen zu einer gesellschaftlich diskriminierten, illegalisierten, wahlweise kriminalisierten „Tätigkeit“ auch noch so fortgeschritten, der Mut und die Entschlossenheit noch so gross sein, sich offensiv zu einer „Tätigkeit“ zu bekennen, die in der Gesellschaft nicht nur Kopfschütteln, sondern offene Ablehnung, gar Feindseligkeit erzeugt, die im schlimmsten Fall mit sozialer Isolation bestraft wird, gar den sozialen Tod bedeuten kann, die in so furchtbar vielen Ländern dieser Welt in den Kerker führt, zu Vergewaltigung, Folter durch Vollzugsbeamte bis hin zum Tod, dort, wo diese besondere „Tätigkeit“ wie in Nigeria unter Todesstrafe steht, an dieser schlichten Zuweisung, an dieser Mauer, kriminell zu sein, kein Mensch zu sein, da prallt man einfach ab, da man muss Luft holen, sich sammeln, sich ordnen. Und organisieren. So wie wir es in Kolkata getan haben.

 

In den USA, dem Gastgeberland der diesjährigen Weltaidskonferenz, habe ich vor zwei Jahren erfahren müssen, dass verhaftete Sexarbeiterinnen in Outdoor-Gefängnissen unter der sommerlichen Glut-Hitze in Texas und Arizona elendig verdursten, verrecken, weil ihnen Wasser vorenthalten wird. Ich habe dort, hier und weltweit lernen dürfen, dass, wenn man sich der Ordnungsmacht entgegenstellt, mit krasser Gewalt zu rechnen hat, in jedem Fall aber immer struktureller Gewalt. Man muss nicht das ferne Ausland bereisen, um zu wissen, wie sich staatliche Gewalt anfühlt und wer sie verursacht. Ich kenne eine Kollegin und die Aussagen weiterer, die durch polizeiliche Kontrollen und Übergriffe in deutschen Landen allesamt traumatisiert sind. Und ich kenne männliche und weibliche Gewalt in ihren verschiedenen und perfidesten Ausführungen, verbal, autoritativ, grenzüberschreitend und nein, dies ist kein Spezifikum der alltäglichen Praxis von Sexarbeit, sondern allumfassend und erlebte Erfahrung von fast jedem Menschen in dieser Welt, selbst von Opfern, die zu Tätern wurden.

 

Deshalb verstehe ich unter Politik, Massnahmen zu ergreifen, die die Gewalt und das Gewaltpotential des Menschen einhegen, das Leiden lindern. Der Firnis der Zivilisation ist denkbar dünn, eine Aussage, wie ich sie in grauer Vorzeit mal bei einem schlauen Menschen las und unbedingt bejahen kann, und ich vertraue nicht auf die Einhegung dieses Potentials kraft der Wunder angeblich gesellschaftlicher Fortschritte. Der Fortschritt ist ein mythischer Glaube und asozial und zahlt sich nur für wenige aus.

Sogenannte Prostitutionspolitik hat die Aufgabe, die Rahmenbedingungen und Arbeitsbedingungen eines gesellschaftlichen Phänomens namens Prostitution so zu gestalten, dass möglichst wenig bis kein Schaden für die Beteiligten dabei herauskommt. Der einzige Weg führt über die Anerkennung davon, dass es Sex auch als Arbeit gibt und damit die Durchsetzung politischer und sozialer Rechte. Die Idee, die Sexualität exklusiv macht, die sie der Ausschliesslichkeit einer absoluten monogamen Liebe und Reproduktionsmacht vorsieht, ist eine institutionell gewollte und von ein paar Intellektuellen geschaffene, mit allen perfiden Mitteln unters Volk gebrachte, dafür umso wirkungsmächtigere soziale Realität.

 

Sexualität ist zunächst erst einmal Natur und macht den Menschen zu einem Menschen und dies in aller Vielgestaltigkeit wie es die Menschen selbst sind. Schon dies wird von allerlei Institutionen negiert, wenn sie z.B. Hetero-Normativität als Pflicht, als Kür vorschreiben, die Triebe und Leidenschaften unter staatliche oder kirchlich-dogmatische Vormundschaft stellen.

Cui bono? Noch nie war der missionarische Eifer in aller Welt grösser als im 21. Jahrhundert. Kein Wunder, das das Sexualstigma überlebt hat, dass das natürliche Begehren in ein Versteck, in Schuld treibt, und alle Sexualitäten und Identitäten in Schubladen. Die Perversion ist es, dass im Namen eines „scheinbar“ Guten, das sich moralisch geriert und über andere richtet, erst eine fortwährende psycho-sexuelle Vergewaltigung stattfinden kann und so permanent Verbrechen produziert, insbesondere von Menschen ausgeübt, die sich dank ihrer eigenen Wirrnisse und Berufswahl so „Schutzbefohlenen“ erst nähern können, so nah, wie es sonst nur Eltern können, wo ebenfalls versteckt in der trauten-Heim-Glück-allein-Realität die scheusslichsten Verbrechen stattfinden. Auf die vielen ungesagten und ungehörten Stimmen kommt es an, nicht auf die, die das Wort sprechen und kulturell die Oberhand besitzen.

 

Und da sage ich als Bürgerin, Frau, Geliebte, Akademikerin, Hure, Partnerin, Tochter und Schwester mal ganz locker: Leckt mich einfach am Bello! Und ich lasse mich dafür gerne bezahlen. Und ich tue Gutes, wie meine Kolleginnen und Kollegen in aller Welt, und rede drüber. Wir Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter verdienen Geld mit Sexualität, so what? Wir sind in der Lage aus Sex ein Geschäft zu machen, wie es manche Ehefrau oder Geliebte unter Vorgabe falscher Tatsachen immer schon verstand. Wir sind ehrlicher und wir können Nähe mit Fremden nicht nur zulassen, wir wollen es auch;  wir können Liebe von Sex trennen, genauso wie wir klarsichtig auf Bedingungen von Ausbeutung schauen und versuchen diese abzuschaffen. Und wenn wir, „obwohl“ Geld im Spiel ist, auf besondere Emphatiker und Feinmotoriker treffen, umso lieber. Und wir sagen nein zu Aggression und laut Aua und ziehen Grenzen, anders als viele Frauen ausserhalb der Sexarbeit; ich habe meinen beiden Grossmüttern vor langer Zeit versprochen, Sexualität nicht wie sie zu „ertragen“ und „hinzuhalten“, mein Bewusstsein für meine eigene Sexualität, meine Phantasien und Leidenschaften zu schulen, mich nicht aus Zwängen zu verehelichen. Und da wollen mir selbsternannte Frauen-Rechtlerinnen weismachen, dass ich und meine Kolleginnen in aller Welt Opfer sind, handlungsunfähig und nicht selbst über uns bestimmen können?

 

Ja, Opfer werden wir erst einmal durch euch, institutionalisierte Moral- und Verwahr-Anstalter, Tugendwächter und Kriminalisierungspolitiker, die die Rahmenbedingungen erst für Ausbeutung und Aggression schaffen, treibende Agenten in einer ungerechten Weltgesellschaft und Weltwirtschaft, die wenigen nützt und viel Leid und Armut schafft. Und dies betrifft nicht nur die echten Opfer, die es in der Prostitution genauso wie in allen Wirtschaftsbranchen gibt, und Täter, die sich die soziale Ungleichheit zunutze machen. Und diese Menschenhändler sind nicht besser und nicht schlechter als Regierungen, in deren Namen Menschenrechtsverletzungen tagtäglich stattfinden, Industrien, deren Produkte nicht dem Wohl aller Menschen dienen, sondern nur einem erlesenen Kreis aus den Industriestaaten, die unbehelligt ihre Geschäfte machen können, Abkommen schaffen, die die Produktion von Generika abwürgen, um millionenfach Menschen verrecken zu lassen. Und die behaupten – im Dunstkreis eines waghalsigen Gottesverständnisses, eines pervertierten Glaubens, eines fehlenden Gerechtigkeitssinns sowie menschenverachtender Ideologien -, dass Sex Sünde sei und bezahlter Sex „falsch“, ja kriminell, das Klassengesellschaften etwas „Natürliches“ seien so wie die weisse Hautfarbe Privileg, obwohl wir doch alle von unserer schwarz-afrikanischen Familie abstammen.

 

Erzählen mir ausgerechnet diese weissen Hausfrauen und Akademikerinnen, meist gottesfürchtige Amerikaner in ihren eifernden und skandierenden Anti-Menschenhandels-Kampagnen etwas über Sklaverei, die ihre eigene Historie und Statistiken verfälschen, aber am laufenden Band Junk-Science produzieren, die ihr kulturell-historisches Erbe bis heute nicht zu reflektieren vermögen geschweige den Ansatz einer Wiedergutmachung an den Nachfahren der ihrer Heimat entrissenen gekidnappten Menschen zu leisten? Die ihr bis heute ihre Ressourcen ausplündert, sie ihrer Existenzgrundlage beraubt, dass sie sich aufmachen müssen, Grenzen zu durchbrechen, zigtausendfach auf diesem Weg ertrinken? Die sie eine Anti-Drogen-Politik nur zu ihrem Nutzen finanziert, die erst die massenhafte Gewalt und Verbrechen, mafiösen Strukturen nicht nur an euren eigenen Grenzen hervorbringt und noch unterstützt? Sie, die den Heiligenschein der Miss Liberty aufsetzen und den Namen der Freiheit pervertieren? Eine hinreissende Erfolgsgeschichte der Zivilisation ist das, Kriege und Waffen, die Bibel und dank emigrierter europäischer Sektierer, die wir auf dem alten Kontinent nicht haben wollten, ein christlicher Fundamentalismus, der ihre Gesellschaft in Paranoia und Barbarei getrieben habt. Sie, die sie das Gesetz willkürlich auslegen und damit das Gesetz selbst pervertieren, sich wundern, wenn ihre Hybris irgendwann an Grenzen stösst? Ich sehe da kein Vorbild, sondern nur fortschreitende Zerstörung und alle Länder, die ihren Leitlinien folgen und Mass daran nehmen, nenne ich daher mit Abscheu „Nuttenrepubliken“. Ich weiss, wo die grössten Absatzmärkte für gekidnappte Kinder sind und die menschenverachtendsten Fantasien blühen und wo man mit Morden Pornos macht. Ich weiss, was Grausamkeit wirklich bedeutet, denn ich komme aus Deutschland und darf das sagen. Ich habe Geschichte nicht nur studiert, ich erlebe sie täglich hautnah.

Sorry, dies sollte ein Konferenzbericht werden, ist eine Abrechnung geworden. Der Konferenzbericht ist aber nicht vom Tisch.


7 Kommentare on “Nuttenrepubliken IV”

  1. Pete35 sagt:

    Auf eine lange Rede ein kurzes Bravo!!!

  2. haveanicedai sagt:

    Außergewöhnlich – inhaltlich aufrüttelnd und sprachlich brilliant. Das Thema für Dich. Danke!

  3. alivenkickn sagt:

    sehr emotional und mit viel leidenschaftlich straight from your heart. wunderbar.

  4. Ariane sagt:

    Danke euch allen! Ich war aber auch ganz schön in Fahrt, da hatte sich einiges angesammelt, das raus musste. Ein „sachlicher“ Bericht, nach all dem, was ich wieder einmal in den letzten Wochen lernen durfte, war da nicht mehr drin. Keine einfache Kost, das zu lesen. Ich danke euch ganz herzlich dafür. Ich möchte euch noch unbedingt von einer sehr erotischen Begegnung erzählen; hat sich ja jetzt alles verzögert. Also in den kommenden Tagen …

  5. wolfgang99 sagt:

    Grundsätzlich ist mir das Thema Gewaltfreiheit in unserer Gesellschaft sehr wichtig und ich finde diese menschenunwürdigen Ereignisse erschreckend. Hier besonders, dass immer wieder ganz fadenscheinige Gründe vorgebracht werden, um diese Gewalt gegenüber anderen Menschen zu rechtfertigen.
    In diesem Zusammenhang konnte ich kürzlich wieder ein Konzert von Joan Baez besuchen und bin immer wieder begeistert für ihre klare Linie zur Gewaltfreiheit und wie sie diese auch aktiv immer wieder unterstützt. Seit kurzem gibt es eine Chronik als DVD: http://www.amazon.de/Joan-Baez-Sweet-Sound-Audio-CD/dp/B002SZSGY2/ref=sr_1_13?ie=UTF8&qid=1346052750&sr=8-13

  6. alivenkickn sagt:

    Das Thema ist nach wir vor „aktuell“. Warst Du in „Durban“ der WAK in diesem Jahr?
    LG Wolfgang

  7. Ariane sagt:

    Bin in keiner NGO und hab kein Geld zum reisen.


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