Zensur, wahlweise Missbrauch oder totgeschwiegen

Das Narrativ auch der weitgehend deutschen Medienberichterstattung über Prostitution/Sexarbeit, trifft sich in weiten Teilen mit derjenigen in aller Welt, die regelmässig Menschenhandel und Prostitution synonym verwenden. Das Narrativ folgt üblicherweise Vorgaben von Fundamentalisten jeglicher Couleur, ob religiös oder  rechtsfeministisch geprägt, die ihre persönliche Moral zum Mass aller Dinge erklären und mit ihrer scheinbar moralischen Autorität nichts anderes als Kontrolle bezwecken, tatsächlich nur Schaden zufügen. Sie gerieren sich im Regelfall als Helferlein von „Opfern“ und entlassen sie auch nicht aus der von ihnen zugeschriebenen Rolle. Denn schliesslich verdienen sie sehr viel Geld damit und ganze Industrien stehen dahinter, die vordergründig das Wohl der Gesellschaft im Sinn haben, wenn man genauer hinschaut, ganz anderen Interessen folgen. Reduktion von Komplexität einer Realität mündet üblicherweise in Schwarz-Weiss-Denken, an dem  Reflexion und Rationalität einer Aufklärung völlig vorbeigegangen ist. Das Individum nicht mitzudenken und seine autonomen Entscheidungen zu respektieren, dies ist fast aller Berichterstattung über stigmatisierte Gruppen einer Gesellschaft gemein. Gemein ist dabei, dass sie aufgrund des Stigmas kaum mit Gegenwind zu rechnen haben. Und wenn sich einzelne Stimmen, Akteure zu Wort melden und sich trauen, aus ihrem stigmatisierten Verliess auszubrechen inkl. aller sozialen Folgekosten zu tragen, so wird diese Person als nicht repräsentativ, alternativ als „privilegiert“, „nicht typisch“ gekennzeichnet und wieder in die Verbannung geschickt. Im Internetzeitalter, wo sich Gegenöffentlichkeiten stärker zu Wort melden und weltweit vernetzen, geschieht diese Ablehnung, Zensur durch Löschung von Kommentarbeiträgen und natürlich in der Nicht-Berichterstattung. Alternativ heuert die Propaganda-Maschine eben die 50-Cent-Army an, um Themensetzung und Verbreitung zu erhöhen. Was die Löschung von Beiträgen betrifft, tut man gut daran, jeden erstellten Beitrag, Forenpost oder Kommentar zu speichern und mit dem Nachweis eines Bildschirmfotos zu versehen. So etwas kann nie schaden.

Das jüngste Beispiel betrifft einen Artikel aus der Tageszeitung „Die Welt“, die für ihre tendenziöse Berichterstattung zum Thema Prostitution bekannt ist und ist verlässlicher Partner von Alice Schwarzer, die und ihresgleichen widerum dafür bekannt sind, ihnen unpassende Kommentare aus ihren verschiedenen Blogs zu löschen. Mit der Meinungsfreiheit ist es nicht gut in Deutschland, und wenn man genau hinschaut, fast überall auf der Welt schlecht bestellt. Und dort, wo kritische Beiträge stören und um den Anschein einer freien Rede aufrecht zu erhalten, unterhält man im Regelfall die 50-Cent-Army, Hofschreiberlinge und ihre Begünstigten. Der Schein muss eben mit aller Macht gewahrt bleiben.

Über Rotlicht-Bashing und gottlose Politik handelt also folgender Artikel http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article108473787/Prostitutionsdebatte-Sie-wollen-alle-nur-das-eine.html#disqus_thread/a>, der selbstverständlich wieder in sündiges Puff-Licht getaucht ist. Für bunte Bilder dürfen die Damen des Gewerbes ja immer gerne hinhalten. Und hier die zwei mittlerweile geretteten, dort gelöschten Kommentare, die doch sehr lesenswert sind, wie ich finde, und die ich den Lesern nicht vorenthalten möchte. Freundlicherweise wurden mir die Kommentare zur Verfügung gestellt. Mein Kommentar mit Verweis auf meinen Blog-Eintrag wurde natürlich ebenfalls gelöscht. Ein Leser hatte im Kommentarteil angefragt, wo denn die Kommentare geblieben sind und er wies darauf hin, dass sie ganz und garnicht gegen die Netiquette verstiessen, wie man ja im folgenden nachlesen kann.

+++ Beginn des Kommentarteils +++

Kommentare (2)

Echtzeitaktualisierung ist pausiert. (Fortsetzen)

  • Sexworker

Dieser Artikel ist m.E. in weiten Passagen eine sehr einseitige bis falsche Propaganda gegen Sexarbeit.

Sexarbeit steckt in einem Teufelskreis. Wenn man die Tätigkeitkopplung promiskuitive Sexualität und Geldverkehr moralich negativ entwertet und dann in eine Tabu- und Grauzone verbannt mit Stigmatisierung bis hin zu Kriminalisierung, so werden dort verstärkt auch nur kriminelle oder gescheiterte Elemente anzufinden sein. So wird ein moralisches Unwerturteil zur Self-Fullfilling-Prophecy und Selbstbestätigung einer gebildeten, gutverdienenden und herrschenden Mittelschicht.

Aber der Kampf um Selbstorganisation und Empowerment der SexarbeiterInnen (weiblich, männlich, trans- und intersexuell) hat längst weltweit an Fahrt aufgenommen. Neulich auf dem Sex Worker Freedom Festival (hat Welt.de über SWFF berichtet?) parallel zur Welt AIDS Konferenz in Washington und Kolkata haben 800 Sexworker-Delegierte aus 44 Ländern die Mindest-Forderungen für sichere Prostitution in Freiheit und Selbstbestimmung ohne Ausbeutbarkeit formuliert: http://www.zoom.it/mcoK .

Sexarbeit ist eine hochkomplexe persönlich inszenierte Dienstleistung, die in einer Grauzone im gesellschaftlichen Hinterhof nur scheitern kann. Aber es gibt viele gut vernetzte Sexworker die zeigen, dass freiwillige und selbstbestimmte und nachhaltige Sexarbeit möglich ist, wenn ein Outing und Legalisierung gelingen. Das bestätigen auch zahllose Studien zu Migration, Prostitutionsökonomie und Sexarbeit. Allerdings muß dazu die Verteufelung der Prostitution aufhören und abgetrennt werden von der Verfolgung von Straftätern, die im Graubereich ihre ökonomischen Vorteil finden. Das ist der weg, den Rot-Grün und auch Schwarz in NRW richtigerweise gehen wollen.

Wichtig ist eine ENTKRIMINALISIERUNG der Sexwork-Tätigkeit an sich z.B. nach dem Vorbild von Neuseeland 2003 und NSW-Australien 1995, um die Prostituierten selbst ersteinmal vor Ausbeutbarkeit zu schützen. Ein rein legalistischer Ansatz erzeugt namlich automatisch immer auch einen illegalen Untergrund.

Im internationalen Sexworker Forum http://sexworker.at sind die Studien sorgsam zusammengetragen und bewertet. Ein sachlicher Diskurs wird so ermöglicht, was bei dem aufgeladenen Sex and Crime Thema sonst so schwer fällt insbesondere wenn keine Quellen verlinkt sind.

Anmerkungen:

– „Frauenkauf“: das Wort ist sachlich falsch bzw. Propaganda. Wir Sexworker verkaufen per se nicht uns selbst als Mensch (Korruption/Menschenhandel), sondern eine erotisch-sexuelle-inszenierte Dienstleistung, so wie ein Journalist sein Gehirn/Stimme oder ein Sportler/Bauarbeiter seine Muskeln/Potenz verkauft. Menschenhandel und Prostitution dürfen nicht gleichgesetzt werden!

– „Null-Toleranz-Politik gegenüber Prostitution“ ist moralische Ideologie entweder feministisch oder christlich. Gebraucht wird Null-Toleranz-Politik gegen Straftaten und Kriminelle. Ideologie und Religion ist ok als persönliche Überzeugung, aber nicht als Rechtsgrundlage und Politik im Staatswesen z.B. über sozio-sexuelle Minderheiten. So können Sexworker d.h. mehrfach die Frauen nur Opfer werden (Haßtaten).

– Die jüngsten „Bordell-Skandale“ sind noch nicht gerichtlich abgeschlossen. Es gilt in Deutschland die Unschuldsvermutung egal wie grausam die Anschuldigungen sind. Bitte keinen Kachelmann-Effekt herbeischreiben.

– Das Schwedische „Modell“ der Freierbestrafung hat die Prostitution nur in den Untergrund und ins Private gedrängt und moralisch-feministische Normen wurden öffentlich verankert, aber es hat die Sexarbeit und schon gar nicht die Ausbeutung von SexarbeiterInnen oder Menschenhandel wirklich verringert wenn man die vorgelegten Studien genauer anschaut.

– „Sozialversicherte Arbeitkräfte“ sollten zwar mit dem ProstG ermöglicht werden, was aber aufgrund lokaler prostitutionsfeindlicher Gesetzesauslegungen, intimer Qualität der Sexarbeit und weiterbestehender Zuhälterei-Strafgesetze nicht funktionieren konnte.

– „Einstiegsberatung“ ist keine Förderung oder Verführung zur Prostitution, sondern eine Aufklärung und Empowerment für pot. DienstleisterInnen, damit Verführung und Ausbeutung eben nicht mehr einfach möglich werden. Wo sollen Sexworker ihr Handwerk und Backoffice-Kompetenzen (Recht & Steuern) erlernen, wenn man ihnen das verwehrt und mit solchen Artikeln schlecht macht? In den Armen von Freiern und Zuhältern auf der Straße? Ist es das was sie wollen? Wir Sexworker finden die 168.000 Euro sind gut angelegt. Es braucht sogar mehr berufsbegleitende Erwachsenenbildung von uns vielen Sexworkern.

– „30-70% seien illegal“. Hier liegt wohl eine Verwechselung mit „ausländisch“ vor. So schlecht können unsere Behörden und vielen Kontrollen und Razzien gar nicht sein, dass sie so hohe Quoten in öffentlichen Häusern nicht längst abgestellt hätten.

– „EWL“ ist eine einseitig fremdfinanzierte prostitutionsfeindliche Lobbygruppe, die interessengelenkt Opfer von Gewalt mit freiwilliger Sexarbeit verwechselt/vermischt [Dr. Laura Agustín, Schweden].

– „Sucht“ wird gerne überbetont z.B. indem man nur Straßenstrich betrachtet. Gibt es eine sachliche Debatte über Sucht und Drogen in unserer konsumfixierten Leistungsgesellschaft?

– „Ausstiegsproblem“ existiert wegen Doppelmoral, Kriminalisierung, fehlender Aus- und Weiterbildung und erzeugt die sog. „Prostitutionsfalle“.

– „Traumatisierungen“ in der Kindheit sind bei Sexworkern nicht signifikant höher als bei anderen Bürgern oder Süchtigen [Zürich Studie, Prof. Dr. Wulf Rössler 2010]. Sexarbeit ist nur traumatisierend wenn unfreiwillige Zwangsarbeit [Straftatbestand]. Wir sollten deshalb die Frauen in den KZ-Bordellen und die selbstbestimmten Prostituierten die auch ins KZ kamen endlich entschädigen.

– „Frauenrechtlerinnen“ sind bisweilen fundamentalistisch feministisch oder christlich. Aber: Sexworker-Rechte sind Menschenrechte und Frauenrechte.

– „Regina van Dinther forder Razzienpolitik“. Als ob es die nicht immer schon gäbe [siehe Auswertungen Dona Carmen e.V. Frankfurt]. Aber Razzien haben eingeschränkte Wirksamkeit und traumatisieren die Frauen am Sexarbeitsplatz [Studie Urban Justice Center NYC 2009].

– „Glaube an vermeintlich freiwillige Prostitution“. Es ist menschenverachtend bis paternalistisch uns Sexworkern eine eigene Meinung, Berufstätigkeit und Selbstbestimmung abzusprechen. Umgekehrt gefragt, wer arbeitet denn in geringgeschätzten Niedriglohnarbeit freiwillig? Selbst Hartz IV scheint nur mit Zwangsmitteln zu funktionieren in unserer Wachstums-Zwangs-Ökonomie.

Wir Sexworker leisten einen wichtigen Beitrag zu einer befriedigten und friedvolleren Gesellschaft. Die sexuelle Erwerbstätigkeit ermöglicht vielen Frauen, Transsexuellen und jungen Männern selbstbestimmte Lebensabschnitte finanziell besser gestalten zu können für uns und unsere eigenen Angehörigen. Sexworker verdienen Respekt! Sexworker brauchen geeignete Rahmenbedingungen, um sich am Arbeitsplatz, Rotlichtbezirk und Land gewerkschaftlich organisieren zu können und politisch angehört zu werden. Sexwork is Work!

(Dies ist eine hart erarbeitete Sexarbeiter Meinung. Ich bitte inständig diese Stimme nicht wegzukürzen.)

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  • vor 14 Stunden
  • Wolfgang Russ

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Dieser Artikel ist sehr einseitig, trägt weiterhin zur Stigmatisierung von Prostituierten bei.

Wo sind die Quellen für die angegebenen Zahlen? Schon alleine der Vorwurf, 40 – 70 % der Frauen in der Prostitution bräuchten Alkohol um überhaupt arbeiten zu können ist nicht belegbar, Beschaffungsprostitution ist eine Folge der Sucht!

Für SexarbeiterInnen gelten auch die Grundrechte – sie werden ihnen ständig vorenthalten: z.B. durch Prostitutionsverbote (in BaWü/Bayern grundsätzlich in Orten unter 35.000 Einwohnern, auch wenn es sich um die private Wohnung des Freiers handelt!). oder ständige Kontrollen / Razzien, auch wenn es dazu keinen Anlass gibt.

+++ Ende des Kommentarteils +++

Bei dieser Gelegenheit möchte ich doch einmal auf einen jüngsten Beitrag anlässlich des Sexworker Freedom Festivals hinweisen, nämlich wie sich  Sexworker in aller Welt die Medienberichterstattung über uns nicht vorstellen und haben sich folgender massen dazu positioniert: Festival with a difference http://www.thehoot.org/web/Festival-with-a-difference/6133-1-1-25-true.html

und der Entwurf eines Medien-Guidelines für neugierige Anfragen von Journalisten, Wissenschaftlern, Studenten, Filmproduktionen die regelmässig bei  Sexworkern eintrudeln. Im Sexworker Forum hat Marc of Frankfurt folgenden Entwurf zu einer „Freiwilligen Selbstverpflichtung zu Standards fairer Medienberichterstattung zu Prostitution, Sexwork & Paysexkonsum“ erarbeitet.  Dank an Marc auch an dieser Stelle.


One Comment on “Zensur, wahlweise Missbrauch oder totgeschwiegen”

  1. Ariane sagt:

    Update: Zum „Welt“-Artikel auch folgender Kommentar bei Madonna e.V. http://www.madonna-ev.de/index.php?option=com_content&task=blogsection&id=1&Itemid=56


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