Alte Fohse (Brecht)

Ratschläge einer älteren Fohse an eine jüngere (1927)
(Verf. Bertolt Brecht)

1
Wenn ich dir sag, wie man als Fohse liebt
So hör mir zu mit Fleiss und ohn Verdruss
Weil ich schon lang durch Kunst ersetzen muss
Was dir die Jugend einige Zeit noch gibt
Doch wisse, dass du desto jünger bleibst
Je weniger Mechanisch du es treibst.
2
Mit Faulheit ist’s bei jedem gleich verhunzt
Riskier nur, dass er dich zusammenstaucht
Und er, wenn du ihn fickst, dass dir die Fotze raucht
Stinkfaul am Arsch liegt und: „Mehr Demboh“ grunzt.
Und nennt der Herr die beste Arbeit schlecht
Halt deinen Rand: der Herr hat immer recht
3
Klug musst du sein wie Pfaffen, nur genauer
Sie zahlen dir nicht das für die Bequeme!
Und ihre Schwänze sind für dich Probleme
Genau wie Pfeifen für den Orgelbauer.
Jung ahnt man nicht, was alles daran hängt
Doch was ist eine Fohse, die nicht denkt?
4
Was seinem Weib nicht frommt, der Fohse frommt’s
Drum – musst du ihn hereinziehn auch am Strick –
Seufz, wenn er drinnen ist: „Ihrer ist dick!“
Und wenn’s ihm kommt, denn stöhne schnell: „Mir kommt’s!“
Denn bei den Jungen grad wie bei den Alten
Du musst sie immerfort im Aug behalten.
5
Sag ihm, es macht dich geiler, wenn der Herr
Dein Ohr leckt. Leckt er’s stöhn: „Ich bin so scharf!“
Und glaubt er’s schön: „Ich bitt, dass ich mich strecken darf!“
Und dann: „Entschuldigen Sie, ich bin so nass parterre.“
Dass ihr ein Herz und eine Seele scheint
Er zahlt dafür, dass er dich gut bedient.
6
Nicht immer ist es schmackhaft, ungesalzen
Sich einen bärtigen Schwanz ins Maul zu stecken
Und ihn, als wär es Lebertran, zu lecken
Doch oft ist’s saubrer, ihn dort zu umhalsen.
Und er verlangt nicht nur, dass er geniesst
Sondern auch, dass du selbst erregt aussiehst.

7
Wenn du es je nicht schaffst, dich aufgeregt zu stellen
Halt deinen Atem an, als sitzt du auf dem Topf
Dann scheint’s, als steige dir das Blut zu Kopf
Bequemer ist’s, als wie ein Fisch zu schnellen.
Auch einen sanften Mann kannst du empören
Denkst du an Dinge, die nicht hergehören.
8
Vergiss nie, dass es sich um Liebe handelt
Vergisst Du’s doch, so fall nicht gleich aufs Maul
Und mache aus dem Saulus einen Paul
Ein Finger im Arsch hat manchen schon gewandelt.
Du hast noch nicht erlebt, was ihrer harrt
Der Fohsen ohne Geistesgegenwart
9
Für unsereinen ist es eine harte Nuss
Sieht sie, dass ihre Fotz zu weit wird (wie bei mir)
So dass ein Mann gar nichts mehr spürt bei ihr
Und er sich um den Schwanz ein Handtuch wickeln muss.
So eine muss beizeiten daran denken
Ob ihr die Gäule was fürs Vögeln schenken.
10
Die Bürgermädchen, die auf Gartentischen
Die älteren Brüder längst zusammenhaun
Machen die Fotze enger mit Alaun
Um sich für ewig einen Mann zu fischen.
Wo’s angebracht ist, richte dich nach denen
Und: was ist eine Fohse ohne Tränen?
11
Sehr viele Männer vögeln gern Gesichter
Das Weib muss oben so wie unten nass sein
Bei einem solchen darf es für das Weib kein Spass sein
Er selbst erscheint sich umso ausgepichter
Vor diesen also heuchle ruhig Qualen
Wo’s angebracht ist. Denn auch diese zahlen.
12
Der Herr weiss selber selten, was er will
Du musst es wissen! Tritt er in die Kammer
Weisst du: ist er heut Amboss oder Hammer?
Werd ich gevögelt, hält Er heute still?
Die Menschen zu erkennen, ist die Kunst
Das muss so spielend gehen, wie einer brunzt.
13
Die schlimmsten Leute sind die klugen Leute
Ich hätt oft lieber doch mit einem Hund geschlafen
Die klugen Leute, du, sind unsere Strafen
Die graben sich ein, das seh ich an mir heute
Ich selbst, obgleich ich nie, was ich tat, gern getan
Ich tat doch keinem was Kluges an.
14
Doch wisse, dass ich selber mich verachte!
Wenn du, nachdem du lustlos unter Männern lagst
Einmal nicht […]im Dreck verrecken magst
So mach es anders, als ich selbst es machte.
Wenn du einmal was Kluges findest, dann tu’s
Hab ich es nicht geschafft, vielleicht schaffst du’s

aus: Das Dirnenlied


4 Kommentare on “Alte Fohse (Brecht)”

  1. haveanicedai sagt:

    Ein grossartiges Werk vom Altmeister! Wenn ich heute Morgen etwas mehr Zeit hätte. würde ich DIr eine passende Replikt aus Wien schicken….. vielleicht mit einem etwas fröhlicheren Ende. Take care!

  2. Goldie sagt:

    Gute Idee, ein kluger Mann des 21. Jhdts und Escort’s Freund schreibt das Ende um. Gruss ins schöne Vienna!

  3. lederschaft sagt:

    der gute , alte Bertolt……………….immer wieder ein Erlebnis und eine Freude, wenn man seine „Ergüsse“ lesen und schauen darf!

  4. Kimi sagt:

    Ja der Brecht und die Lyrik. Ich muss zugeben, als ich vor einiger Zeit eine Gedichtesammlung von ihm geschenkt bekam, habe ich mich erstmal richtig gefreut. Als ich mich ranmachte um darin zu lesen, war ich „FRAU“ ziemlich, sagen wir mal erstaunt. Nun frauenfreundlich, nett, romantisch, sinnlich oder gar schön sind seine Reime, Gedichte nicht.
    Es sind harsche, meist sehr vulgäre, knallharte reine Männertexte, so was wie ich mir früher am Biertisch vorgestellt hätte. Ich war total überrascht vom berühmten Brecht diese Art des Schreibens kennenzulernen. Ich habe mich oft danach gefragt, wie er diese Art von Texten in der damaligen, offiziell doch prüden Zeit, veröffentlichen konnte. Konnte er halt, es waren Männer die bestimmten, regierten. Ich hab das Büchlein noch öfters gelesen, schön konnte ich glaub ich außer einem Gedicht keines finden. Meins ist es nicht. Ich mag seinen Schreibstil, ganz Frau nicht.
    Da liebe ich mir doch den Goethe.
    Lasst Euch das schönste aller Liebesgedichte doch mal von Konstantin Wecker (auf seiner aktuellen CD „Stürmische Zeiten mein Schatz“ vorlesen. ER liest es so schön, das man versteht, wie Goethe gefühlt haben muss, als er es schrieb und es ist sanft zur Seele. Für Romantiker halt. Die Welt ist Hasch genug.

    Wilkomen und Abschied von J.Sebastian Goethe:

    Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
    Es war getan fast eh gedacht.
    Der Abend wiegte schon die Erde,
    Und an den Bergen hing die Nacht;
    Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
    Ein aufgetürmter Riese, da,
    Wo Finsternis aus dem Gesträuche
    Mit hundert schwarzen Augen sah.

    Der Mond von einem Wolkenhügel
    Sah kläglich aus dem Duft hervor,
    Die Winde schwangen leise Flügel,
    Umsausten schauerlich mein Ohr;
    Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
    Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
    In meinen Adern welches Feuer!
    In meinem Herzen welche Glut!

    Dich sah ich, und die milde Freude
    Floß von dem süßen Blick auf mich;
    Ganz war mein Herz an deiner Seite
    Und jeder Atemzug für dich.
    Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
    Umgab das liebliche Gesicht,
    Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!
    Ich hofft es, ich verdient es nicht!

    Doch ach, schon mit der Morgensonne
    Verengt der Abschied mir das Herz:
    In deinen Küssen welche Wonne!
    In deinem Auge welcher Schmerz!
    Ich ging, du standst und sahst zur Erden,
    Und sahst mir nach mit nassem Blick:
    Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
    Und lieben, Götter, welch ein Glück!

    Viele Grüße
    Kimi


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