Pissed off

I‘ m totally pissed off…. auf deutsch: ich bin echt angepisst.

Ist noch nicht ausgemacht, ob ich im August in Berlin bleibe, aber ausgesprochen schwierig eine bezahlbare Unterkunft, insbesondere auf den letzten Drücker zu finden und eine Riesen-Sauerei, dass die Performer abgemolken werden, für die Performances kommen ja die Touristen und Kunstbegeisterten nach Edinburgh und bringen der Stadt sehr viel Geld ein. Und Vermietern von verrotteten Wohnungen some extra money. Gestern rief ich eine Vermieterin an, die mir ihre Wohnung zu 1000 ₤ vermieten will, die Dusche funktioniert nicht so richtig, sagt sie, und der Vintage Look der Wohnung, naja, sieht auf den Bildern eher nach Gartenlauben-Buchte aus. Die Wohnung befindet sich unweit des Schottischen Parlaments, mit Blick ins Grüne, ruhig und abgekehrt von dem vibrierenden Trubel der Stadt. Genau der richtige Rückzugsort für mich, wenn die kaputte Dusche nicht wäre. Die Briten, uups, auch Schotten, sehen solche Dinge nicht so eng wie die Deutschen. Dort ruft man mal nicht schnell nach dem Klempner, der kostet ja nur, sondern improvisiert im Regelfall, drückt bspw. einen Gartenschlauch in die Armatur.

Dann gibt es noch flat sharing, also dass man ein Zimmer zur Untermiete bucht, meist bei Studenten, was ja nicht unbedingt das Problem ist, da kein Mindestalter erforderlich ist, wenn sie nicht dauernd Party feiern würden. Aber die Mindest-Mietdauer liegt im Durchschnitt bei 6 Monaten bis 1 Jahr und nicht bei einem Monat. Am liebsten hätte ich, wie in früheren Zeiten ein 4-5* Serviced Apartment gebucht (was ich allerdings nur wochenweise gemacht habe), aber während der Festivalzeiten steigen sie ebenfalls um das Zigfache, das geht garnicht, in Zahlen: zwischen 3000-5000₤ (bei 26 Übernachtungen sic!).

Ich hatte ursprünglich gedacht, meinen mehrwöchigen Aufenthalt mit zwei bis drei schönen Escort Dates (nur Outcall bzw. Begleitung) zu garnieren, aber ich will kein überteuertes Apartment für 2000-4000 ₤ mieten und dafür die meiste Zeit Kundensuche betreiben müssen. Ich wollte dort sein, weil ich zu diesem grossartigen Ereignis „eingeladen“ wurde – und es für eine kleine Zuckerschnecke mit wenig Bühnenerfahrung wie ich es bin eine Ehre ist dort auftreten zu dürfen, ich die Leute mit einer kleinen, aber feinen Performance täglich zum lachen bringen wollte und nicht, um in einem Apartment die meiste Zeit des Tages die Miete abzurackern oder auf Anrufe zu warten. Das wäre dann wirklich „Sex-Arbeit“ mit Werkbankcharakter, da Briten üblicherweise für eine halbe bis eine Stunde vorbeikommen wollen. Und wenn es „nur“ zwei Termine am Tag wären. Dies ist meines Wissens nach der tägliche Durchschnitt bei Kurz-Dates, bei Incalls in London. Noch dazu bei den schottischen Gesetzen, die nicht ohne sind. Ein extremes Risiko kommt also noch dazu. Was wäre, wenn ein First-Timer ein Fake-Kunde oder gar ein verkappter Cop wäre? Dann wär Schluss mit lustig, Inhaftierung und Geldstrafe drohen (in U.S. Ausweisung und lebenslanges Einreiseverbot) und vor allem könnte ich nicht meine täglichen Runden auf der Bühne drehen. Da die Show im Free-Fringe Programm läuft, ist auch nicht mit grossen Einnahmen aus der Spendenkasse zu rechnen. Free-Fringe bedeutet kostenloser Eintritt, und das Publikum zahlt nach Gusto in die Kollekte und wird unter den Performern und dem Host, also Gastgeber der Show aufgeteilt. Der Clubbetreiber verdient an den Getränken. Im sonstigen Fringe Programm, das auf grösseren Theater-Bühnen läuft, auch das Solo-Programm meiner Gastgeberin Desiree Burch, sieht die Sache anders aus.

Die Zeiten, wo ich gierigen Vermietern einer (Termin-) Wohnung viel Geld in den Rachen warf, sind auch schon lange vorbei. Meine Freundin und Gastgeberin der Comedy Shows ist bei befreundeten Comedians untergebracht, die sie schon lange kennt, dort ist alles dicht, also kein Plätzchen mehr frei, alle anderen müssen sich selber etwas suchen.
Und all der Ärger nur, weil die Vermieterin des bereits gebuchten Apartments zu gierig wurde und mich mal schnell gegen einen anderen Mieter austauschte, der ihr das Dreifache bot. Oft, wie ich jetzt erfahren habe, werden Zimmersuchende auch komplett abgezockt, in dem die Hälfte der Miete als Kaution im voraus bezahlt werden soll, u.a. Vorsicht bei Leuten, die über Western Union Zahlungen abwickeln wollen. Meist existieren die Wohnungen nämlich garnicht.

Es ist schon ein schlechter Witz. Wegen der Künstler und Performer kommt die ganze Welt nach Edinburgh, eine Stadt, die an ihren Festivals exhorbitant verdient, da sie sehr viel Geld in die Stadt spülen und sich das Label, Image der Kulturstadt leistet, und jene, um die es geht, die Künstler, Schauspieler, Comedians können sich in den seltensten Fällen eine vernünftige Unterkunft leisten bzw. werden abgezockt. Selbst die Hostels mit Mehrbettzimmern haben schon vor drei Monaten exhorbitante Raten aufgerufen. Alleine schon diese Abzock-Nummer lässt den Gedanken in mir reifen, dort nicht meine Aufwartung zu machen. Irgendwie erinnert mich das an manche Parallelen zum Escort (und anderen beruflichen prekären Verhältnissen, ist überall dasselbe, ob Hochschule, Kunstbetrieb, Theater, sog. Generation Praktikum et. al.), wenn ich manch Abzockgeschichten Revue passieren lasse, die mir passiert sind bzw. die manch einer mir umgekehrt berichtete. Und dann noch bei den Zimmer- und Apartment-Beschreibungen im Netz einen auf exklusiv machen, eine Gartenlaube-Datsche als 5*Resort umschreiben, ist doch überall der gleiche Irrsinn.

Ich hatte mich so gefreut, aber unter diesen Bedingungen habe ich kein gutes Gefühl zu reisen. Auch hatte ich einige schottische Escort-Kolleginnen, die politisch aktiv sind, in die Show eingeladen sowie Freunde erwartet, die mit mir ein Wochenende dort verbringen. Und nun das….

Wenn ich aus dem Fenster schaue, nervt mich allerdings auch der Dauerregen. In den wunderschönen Highlands kann man wenigstens wandern und es stört nicht im geringsten. Die Castles, Lochs, die Gartenlandschaft, auch die Stadtarchitektur sieht bei Regen wunderbar aus, Berlin dagegen total hässlich. Ach, die können mich mal kreuzweise die Schotten. Dann performe ich eben anderswo.

Wünsche allen Daheim-Gebliebenen oder Wiederkehrern trotzdem ein schönes Wochenende! Und lasst euch durch den Regen nicht die Stimmung vermiesen.

ariane


3 Kommentare on “Pissed off”

  1. ecerium sagt:

    Ariane, so wie du die Zustände dort beschreibst, sieht man in euch nur Idioten, die man schön verarschen kann. Unglaubliche Preise, so frech sind nich mal die Südeuropäer… Aber gibts denn nicht woanders noch ähnliche Festivals? Da würde ich mir das ganze auch noch ma überlegen. Alternativen, dich auf der Bühne zu produzieren, muss es doch noch mehr geben… Und mit deinen Freundinnen kannst du dich auch zu anderen Möglichkeiten treffen, ohne dass es ein Vermögen kostet oder du dir das ganze mit nem Bein im Knast erbetteln musst.

  2. Goldie sagt:

    Die Performer spielen das Geld in die Kasse und gehen selber leer aus, aber das ist in der Freien Kunst, Theater, der Bildenden Kunst so üblich. Ok in Hollywood und im Kunstzirkus gibt es einfach Leute, die sich gut vermarkten, das sind aber alles Ausnahmeexistenzen, es gibt auch nur wenige gut bezahlte Comedians. Was Comedy in Deutschland und überall betrifft; jeder fängt ganz unten an, ähnlich wie bei der Ochsentour vom Ortsverein in den Bundestag, und nur wenige geschliffene Diamanten erreichen jemals das Privileg, von Kunst leben zu können. Mit deutscher Comedy konnte ich mich noch nie anfreunden, selbst wenn ein Mario Barth das Olympia-Stadion füllt, ich habe mir seine Shows gelegentlich angeschaut, einfach um zu erfahren, warum das Publikum derart darauf abfährt, ähnlich Mittermayer, der sein Baby imitiert. Ich verstehe es einfach nicht.

    In Deutschland habe ich mit meinem speziellen Humor kein Publikum, bin mit britischen Humor gesegnet und liebe das Absurde, also bleibt nur UK und US. In US spielt nur NYC eine Rolle, wo man täglich auftreten kann und auch muss, um sich ein Publikum zu erspielen, zunächst alles ohne Gage. Das FRINGE Festival ist das wichtigste und internationale Open-Arts-Festival, das in Deutschland nur die wenigsten kennen. Dort laufen auch viele Agenten herum, immer auf der Suche nach neuen Talenten. Ich bin kein Ausnahmetalent, sondern nur mutig und hab was zu sagen und spiele mich quasi selbst auf der Bühne und erzähle Anekdoten aus meinem Leben. Solch einen Bühnenfigur gibt es noch nicht, zumal auch lustige Geschichten als Escort einfliessen und mit ganz grosser Politik verbunden werden. Allerdings nicht im Sinne von Outings oder so ein Schmarrn. Naja, vielleicht kriege ich es ja noch hin, irgendwie.

  3. Liebe Ariane, ich verstehe deinen Ärger absolut!

    Das hat das Showbiz wohl mit dem Rotlicht gemeinsam: Die (zumindest behaupteten) horrenden Umsätze kommen definitiv nicht bei den Leistungserbringern an, erwecken aber auf allen Seiten Begehrlichkeiten.

    Wenn es dich tröstet: Jimmy Hendrix war zu arm um sich eine Linkshändergitarre leisten zu können …

    Love & hugs, Aoife


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