Minus Sau, Spiegelneuronen

Meine für Aussenstehende merkwürdig erscheinende Stand Up Ambitionen, in denen ich mich über mich selbst und die politische Welt lustig mache und auflöse, waren und sind ursprünglich  von eher unschönen Erfahrungen ausgelöst worden, in meinem privaten wie auch beruflichen Umfeld. Jeder findet andere Wege, Negativ-Erlebnisse zu verarbeiten. Es kann mitunter befreiend wirken, für mich und andere. Es kann eine regelrechte Kartharsis freisetzen.

Zunächst habe ich schreibend, inkl. dem Stilmittel der Übertreibung, mit Hang zum Absurden, meine Lebensposition eingekreist; Bildungs- und sozialer Aufstieg aus einem bildungsfernen, kleinbürgerlichen Idioten-Milieu, gegen alle Widerstände (eigentlich wollte man einen Sohn haben, kam aber nur ich, für die Erb- und Firmennachfolge kam ich als Frau nicht in Betracht; dann wollte man, dass ich nicht auf die höhere Schule sprich: Gymnasium gehe, nur dank Dritter einflussreicher Aussenstehender, also Lehrer,  ist mir das gelungen; schlussendlich erzwang man von mir aufgrund von Unterhaltspflichten meines Vaters, dass ich Wirtschaftswissenschaften studiere; habe mich dort immatrikuliert, aber heimlich noch einen zweiten Studiengang gemäss meiner Interessen und Begabungen belegt und „beides“ mit Bravour abgeschlossen he he), die mich dennoch auf dem Zenit einholten, in meiner Weigerung mich nicht für wissenschaftliche Auftragsarbeiten einkaufen zu lassen. Ich muss gestehen, dass nach meinen zahlreichen Einblicken in vermeintlich prestige-trächtige Berufe – Wirtschaftsprüfung, Unternehmensberatung, Werbung, Journalismus, Wissenschaft -, mir der Weg in die Prostitution zunächst nicht schwer fiel, und auch mein erstes P6-Erlebnis war dufte; zunächst aus einer Motivation der Trotz-Haltung, Neugier und dem unbedingten Willen, meine Überzeugungen, mein ethisch-moralisches Koordinatensystem nicht zu verraten und gleichzeitig „ehrliches“ Geld zu verdienen. Fleisch gegen Fleisch. Ich empfand und empfinde Hookerism nach wie vor als ehrliche Art, Geld zu verdienen, Intimität zu teilen, ohne tiefe Emotionen vorzutäuschen. Idealerweise in Begegnungen mit Menschen, Kolleginnen und Kunden, die mein Leben bereichern. Hätte ich diesen Weg, ursprünglich aus Neugier, dem Antrieb zu finanzieller und persönlicher Selbstbestimmung nicht gewählt, ich wäre wahrscheinlich in einer neverending depression gelandet, weil ich vieles, wonach fast alle in dieser Gesellschaft streben, persönlich als ziemlich sinn- und nutzlos empfinde.

Im Zuge meiner Überlegungen zu dem, was ich auf der Bühne zu sagen habe, keine Sorge, es geht nicht um das Ausplaudern intimer Erfahrungen und Geständnisse von Kundenseite und damit von Indiskretionen, sondern um Sex und Politik und die heuchlerische Fratze, die einen fast überall angrinst, wurde ich auch auf mich selbst zurück geworfen; wo stehe ich und wo will ich eigentlich hin?

Meine positive Utopie, die ich aus meiner Zeitgenossenschaft, aus tagesaktuellen, politischen Ereignissen,  auch im Umgang mit Escort und P6 entwickelte, hab ich bereits in meinem dem Liberalismus und der Liebe verpflichtenden Goldschwanz Manifest niedergeschrieben und konnte mit Kolleginnen vor einem Theater-Publikum Gehör finden.

Machtspielchen intern, auch unter Anbieterinnen, sind mir nicht wichtig genug, um sie auf der Bühne durchzubuchstabieren. Selbst von den Medien herbei geschriebene Skandale eines DSK oder JK finde ich persönlich kaum interessant zu kommentieren, ausser meinen Ekel bezüglich der Name & Shame Manier auszudrücken, wie in den kürzlichen Skandalen und  hier geschehen. Vergleichbar auch der VW-Skandal vor einigen Jahren.

Ich bin umgekehrt nicht, wonach die meisten streben, auf dem Weg nach „oben“, mit dem Ziel der Versorgerehe, Ausstiegsmythos Pretty Woman, sondern qua freiwilliger Entscheidung in dieses Redlight gekommen und kann noch nicht einmal behaupten, mich „unten“ zu fühlen, auch wenn es für manche nach aussen den Anschein hat. Ich mache mir bei allem Stigma wirklich nichts vor, aber ich bin zufrieden, dort, wo ich bin.

P6 & Escort hat mir alle Mittel, auch Überlebenstechniken bereit gestellt, um in dieser Gesellschaft meine Natur und Begabungen bedingungs- und anstandslos auszuleben, ohne mich in meinen Grundüberzeugungen verbiegen zu müssen. Allerdings gab es ein Schlüsselerlebnis, dass mich später von mir selbst als Beischlafbeobachterin sprechen liess. Ich stellte schon früh, in meiner übersichtlichen, nichtsdestoweniger erfolgreichen und kurzen Puffzeit fest, dass ich meine Vita und Bildung ja nicht abschütteln, als Feministin nicht plötzlich Klein-Doofi performen kann und mich gegenüber Übergriffen, auch verbaler Natur, von weniger aufgeklärten und sensiblen Kolleginnen und Kunden kaum zur Wehr setzen kann. Daher wählte ich schnell den Weg in die Unabhängigkeit als selbständiges Escort und Callgirl, was auch den Vorteil hat, sich vor einem Treffen mündlich und schriftlich zu besprechen, und damit ungute Begegnungen beiderseits zu vermeiden. Leider ist die Welt voll von Freaks und Menschen, die es nicht so gut mit einem meinen, und davor sollte man sich tunlichst in acht nehmen. Im Rotlichtmilieu, wo das Prekariat längst angekommen ist, hat es allerdings vor 6-7 Jahren bei meinem Einstieg noch viele verwundert, wenn eine Hure sich als Akademikerin zu erkennen gab. Mit Studentin wurde und wird geworben, aber eine gestandene Frau mit Lebenserfahrung und Bildungsbiografie, Familie und Freunden, das war und ist tatsächlich für viele überraschend, dabei garnicht so selten. Lange Rede, kurzer Sinn. Es gab ein Schlüsselerlebnis für mich, wie die Politik in den Puff kam und nicht nur theoretisch als Akademikerin, sondern auch meinen weiteren Weg als Frau und Hure in Folge bestimmte; dabei hatte ich mir bei meinem Wunsch nach Zerstreuung und Kontrollverlust genau dies nicht erhofft. Wie auch umgekehrt Männer sich in einem Callgirl-Blog anderes zu lesen erhoffen.

Nämlich die Begegnung mit einem Ex-Stasi-Offizier und andere leidvolle Erfahrungen, die man als Frau im P6-Business macht, weshalb ich Menschenrechts-Aktivistin wurde. Persönlich habe ich in sieben Jahren „nur“ vier unangenehme Erfahrungen gemacht, zwei im Escort-Bereich auf höchstem Nivea und zwei in meiner Anfangszeit im Bordell. Die Trostlosigkeit in Bordellen und Terminwohnungen galt überwiegend der isolierten Situation und Abhängigkeitsverhältnissen vor Ort, weniger dem Zusammensein mit Kunden. Statistisch betrachtet kann ich meine Negativ-Erfahrungen als Hasenfurz vor der Geschichte bezeichnen, aber mit „nachhaltiger“ Wirkung, da die wenigen Erfahrungen identisch mit jenen sind, die meinen Kolleginnen regelmässig wiederfahren und wovor man sich schützen muss.

Dies führt dazu, dass man vorsichtiger agiert, misstrauisch ist und sich bemüht nach aussen cool und besonnen zu wirken und sich die Aura der Unangreifbarkeit zu strickt, um die eigene Verletzlichkeit zu übertünchen, zu maskieren, was widerum bei anderen, teils misstrauisch Agierenden, auch Kunden, die umgekehrt unangenehme Erlebnisse in der schönen und exklusiven Escortwelt machen durften, dazu führt, dass das Image, dass als Schutzschild wirken soll, nur von den wenigsten durchschaut wird. Die mich durchschauen, haben aber längst erkannt, dass ich weder Vamp noch Sau bin. Dies ist mir erst kürzlich aufgefallen, dank eines klugen Beobachters, und daher schreibe ich diesen kleinen Text. Vielleicht auch, um falsche Verunsicherungen bei intelligenten und sensiblen Männern in Zukunft zu vermeiden. Eine (Selbst-) Aufklärerin und Sau war und bin ich gelegentlich schon; ich wollte als Forschungreisende in Sachen Erotik sämtliche Bereiche und Grenzen als Frau austesten, was mir auch gelungen ist. Nur eins wollte ich nicht; in meinem Leben schauspielern müssen und eine Fratze aufsetzen, auch während eines Dates. Und dies ist mir halbwegs gelungen, bis auf meine falschen Altersangaben, zu denen mir Kunden geraten haben, weil ich angeblich 10 Jahre jünger aussehe.

Was ich nur sagen will, ich bin introvertiert, sensibel und schüchtern und mache nach aussen den lauten Max, um mir narzisstische Egos vom Hals zu halten sowie Menschen, die mich persönlich oder politisch zu vereinnahmen suchen. Ich bin 43 Jahre und gelegentlich naturgeil, meist gekitzelt, wenn ich Männer treffe, die wie ich einen kontrollierten Kontrollverlust suchen. Aber das nachhaltig.

Übrigens: die allergrösste Kränkung, die mir wiederfahren ist, kam seitens von Männern, die sich bei mir beschwerten, dass ich ein „Mensch“! bin, dass ich authentisch sei, weshalb ich immer wieder qua Text und Bild auf der Klaviatur von Objekt und Subjekt rumgehämmert habe. Manch einer kam mit merkwürdigen Unterstellungen und Projektionen, die mich überfordert haben, weil sie völlig falsch waren und nur ihren eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen folgten, denen ich mich idealerweise unterzuordnen hatte. Hab ich aber nicht. Was bildet manch einer sich ein, über mich urteilen zu können, nur weil er selektiv aus meinen Wortergüssen wählt und eigene Begehrlichkeiten angesprochen sieht, die mit mir rein garnichts zu tun haben? Ich habe nur selten bei Männern die Erfahrung gemacht, privat oder Kunden-Mann, dass es nicht um „meine“ Person ging, sondern nur um die Erfüllung einer Projektion. Da bin ich leider ganz und gar unprofessionell, bin lieber aufrichtig und verspüre weder Lust noch Wille, strategisch Bedürfnisse auszubeuten. Ich bin ein unter den gegebenen Umständen freier Mensch und werde dies auch bleiben.

Tja, so kompliziert und emotional bizarr ist manchmal die ganze Escort-Existenz. Es wird Zeit, sanftere Töne anzuschlagen. Da ich in Zielgruppen-Kategorien nicht leben kann, noch nicht mal strategisch denken, existiere ich im Promille vom Promille-Dasein  und nur die Spiegelneuronen leiten meine Begegnungen, man entdeckt sich selbst im anderen, und tapst gelegentlich unsicher durch bizarre Gefilde.



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