Penisse auf Halbmast

Nein, ich bin noch nicht ins Sommerloch gefallen … verzweifel nur gerade am Aufbau meiner Schränke, weshalb ich es bis Montag einfach bleiben lasse und nach überstandenem Umzug faul zwischen unausgepackten Kisten vor dem Rechner liege. Ich habe mir heute zum Frühstück einen Gay-Porn angeschaut, macht mich irgendwie an. Da mir gerade nicht nach schreiben zumute ist und meine Handwerker-Hände geschont werden müssen, überlasse ich das Wort

***

Suizido

wenn im Laufhaus die Penisse auf halbmast bleiben …..

ist das ja nicht gerade zwingend als ein gutes Zeichen zu werten. In diesem speziellen Fall hat die Schlappschwänzigkeit jedoch einen guten Grund, denn im Berliner Freudenhaus Hase in Reinickendorf findet nach den vaginalen Öffnungszeiten der Belegschaft eine Vernissage mit musikalischer Begleitung statt. Die deutsch-britische Künstlerin Mia Morris stellt in allem für den Ort gebotenen Exhibitionismus ihre Kunst aus, bei denen sie zumeist eigene Fotographien malerisch zuschmierte. Wodurch die Künstlerin laut Eigeninterpretation deren Intensität steigere.

Das Thema der Fotomanipulationen ist an Aktualität kaum zu überbieten, denn die Tagespresse ist ja derzeit übervoll von Sexuellen. Der Spiegeltitel zeigt eine als Phallussymbol stilisierte Krawattennadel und fragt schelmenhaft: „Sex und Macht, die Anatomie einer gefährlichen Beziehung“. Eine Versicherung schickt ihre erfolgreichsten Ver-Trieb-ler auf bumsfidele Businessreise nach Ungarn, Ministerpräsidenten (Italien) und Bankvorstände (Frankreich) bescheinigen dem Oralverkehr aufrichtige Genitalwachstumschancen, wie ihre eigenen Feldversuche mit der weiblichen Zivilbevölkerung bestätigen sollen. Und noch eines habe ich aus der aktuellen Tagespresse gelernt, dass man im politischen Schönsprech bitte von Betroffenen statt von Opfern sprechen möge. Und Prostituierte sind in der Presse ja quasi per se immer Opfer. Schließlich will man sich politisch korrekt geben.

Wo sonst die „Hasen“ bei geöffneter Tür auf Freier warten, die gut zu Fuß sein sollten, weil sie von Etage zu Etage sowohl einen Kennerblick auf die „Betroffenen“ werfen können als auch mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Dienstleistungsdarstellerinnen ein Verkaufsgespräch aufgezwungen bekommen, macht man heute auf große Kunst. „Wir haben faire Konditionen, bereichern uns nicht an den Extras der Dienstleisterinnen“, wirbt das Freudenhaus neue Freudenmädchen. Das unterscheidet sich vom üblichen Geschäftsgebaren in Bordellen, wo die sexuell Tätige häufig lediglich fünfzig bis siebzig Prozent ihres Umsatzes vom Betreiber erhält, der seinen Anteil am Geschäft mit Miet-, Werbekosten, Investitionen ins Ambiente, Telefon- und Empfangsdienst der Hausdame sowie mit der Lust am eigenen Gewinnstreben rechtfertigt. Einfach mal so einen Tagesausflug ins Laufhaus zu machen, um durch durchs Treppenhaus zu schlendern, seinen Kommunikationsbedarf für den Tag zu decken und sich geschminkte Frauen in zu engen Kleidern anzusehen, ist übrigens kostenfrei.

Das als einziges Laufhaus der Hauptstadt vermarktete Bordell befindet sich an einer Straße mit starkem Gefälle, in einer Gegend, wo die Menschen mehr Gedanken ans Geld verschwenden als es auszugeben. Im nächstgelegenen Restaurant Messina gibt es Pizza ab 2,99 Euro, wobei bereits ein vorsichtiger Blick in die Küche den Appetit stillen kann. Die Mieten haben hier noch kein Hauptstadtniveau. Und die atmosphärische Stimmung in dem hügeligen Teilstück der Hochstraße bestimmen weitestgehend die Motorengeräusche der Autos.

Man muss durch eine Hofdurchfahrt gehen, steht dann in einem verrotteten Hinterhof-Idyll, dessen Eindruck lediglich durch das erste Ensemble gleich links und rechts nach dem Torbogen gemildert wird. Diese dezent restaurierten Hausteile machen einen positiven Eindruck und sind aufgehübscht mit zwei Werbeschildchen, auf denen man eine liegende Frau neben der namentlichen Erwähnung des Etablissements in Augenschein nimmt. Oberhäsin Elke begrüßt jeden Besucher mit Lächeln und Handschlag. Mit ihrem dunklen Teint Marke „sonnenbanksüchtig“ und ihrer kommunikativen Ausstrahlung versteht sie es, in Sekundenbruchteilen ein Gefühl des Willkommenseins zu verbreiten. Schleppend finden sich die ersten Kunstinteressierten zur Ausstellung im Puff ein, wo man im Hof bei einem Glas Sekt für 2,00 Euro etwaige Ängste vor dem Austragungsort permanenten Geschlechtsverkehrs im Alkohol ertränkt. Männer mit eindeutigen Absichten werden mit den Worten „Feierabend“ in Richtung Ehefrau verwiesen. Eine Musikband, bestehend aus drei Gitarristen und einem Schlagzeuger, üben kurz und gehen dann dazu über, ihre zahlreich eintrudelnden Freunde mit Umarmung zu begrüßen.Die Sexarbeiterinnen des Laufhauses sitzen an einem im Hof aufgestellten Biertisch, als ob genau dieser für sie reserviert gewesen wäre. Manche kommen von Zuhause, manche kommen frisch vom Arbeitsbett und tragen einen auffällig mit zerknüllten Papiertüchern gefüllten Müllsack in die Tonne ehe sie sich zu den Kolleginnen setzen. Erstaunlich wie viele Menschen ihr Kunstinteresse zum heutigen Besuch treibt. „Wenn es eng wird … es gibt ja Betten“, merkt eine horizontal Werktätige launisch an.

Die Ausstellung im Rotlichtbetrieb ist eröffnet. Und tatsächlich sind die Oberlichter im Ausstellungsraum mit roter Plastikplane beklebt, sodass das Ganze einen puffwürdigen Eindruck macht. Allerdings sind die Räumlichkeiten viel zu eng für die vielen Besucher. Es kommt zu ungewolltem Körperkontakt unter den Besuchern der Vernissage. Eine gerahmte Preisliste ist das Erste, was einem beim Betreten der unheiligen Räume auffällt. Es gibt Extras ab 10,00 Euro und Extras ab 20,00 Euro. Die Ausstellung selbst hat man innerhalb von vielleicht drei Minuten durch. Es sind ziemlich gleichförmige Fotomontagen, wenige Ideen, häufig eine Art Andy-Warhol-Verschnitt. Es gibt sie in drei Größen und drei Preisklassen: Selbstporträts für 95,00 Euro (Auflage 80 Stück), Kunstfotos für 135,00 Euro (Auflage 80 Stück) und große Fotokollagen für 498,00 Euro (Auflage 50 Stück). Selten wurden in einer Ausstellung so wenig die Bilder gewürdigt, stattdessen waren alle neugierig darauf, dass Innenleben eines Bordells kennenzulernen. Die Ausstattung ist spartanisch und glänzt mit ein paar Eigenarten: im Vögelzimmer – ein Vogelkäfig, im Puffzimmer – ein roter Samtvorhang, im Spiegelzimmer … da kommen Sie jetzt selbst drauf. Abgetrennt hinter einem Paravent verstecken sie hier die Arbeitsutensilien der Damen, insbesondere Schuhwerk, Augenbinden, eine Mundspülung, mehr konnte ich nicht sehen, der Druck der Masse zwang mich zum Weiterlaufen.

Besuchermeinungen an der frischen Luft: „das sind ja sehr kleine Zimmer“, „die Schaumstoffmatratzen sind recht hart“. Über die Bilder sprach so gut wie niemand.

Es herrscht nun eine gelöstere Stimmung. Olfaktorisch beherrschen die strengen Gerüche gebratener Rostbratwürste den Innenhof, die akustische Untermalung übernehmen derweil die freiberuflichen „Hasen“ des Laufhauses, die teilweise über ihren Umgang mit männlichen Geschlechtsteilen schwadronieren, was durchaus seinen Reiz beim Zuhören birgt. Die Häsinnen sind laut- und meinungsstark.

Chefin Elke bittet zur Führung durch die Örtlichkeiten. Das Interesse ist so groß, dass die Gruppe geteilt werden muss und zwei Besichtigungen hintereinander stattfinden. „Echt mal, Männer. Ihr wart natürlich alle noch nie in sowas, habt noch nie `nen Puff von innen gesehen“, lauten die launischen Kommentare der Sexarbeiterinnen, wie wir neugierig Elke durch die Eingangspforte folgen.

„Das ist unser Notzimmer“, eine Art bessere Abstellkammer, „da müssen die Anfänger rein“, scherzt Elke rum. Und legt dann bierernst nach: „brauchen wir nur wenn alles belegt ist … kostet aber genauso viel“. Wir laufen eine Treppe höher. „Ganz in rosa – Mädchen mögen das. Für viele Frauen ist es hier zu hell, da sieht man ihre Zellulite.“ In Schlagfertigkeit bekommt Elke schon mal volle Punktzahl. „Unsere Betten sind natürlich alle verstärkt. Frauen, die nicht gerade besetzt sind, stehen vor ihrer Tür und versuchen die Männer zu begeistern“, klärt sie die Besucher über das Procedere auf. Wir gehen noch eine Etage höher, wo wir in ein recht dunkles Zimmer mit Himmelbett kommen. „Das ist für Frauen mit starker Zellulite.“ Und was ist, wenn man noch eine Etage höher geht? „Da ist nur der Dachboden.“ Ich schlage vor ein Schild für diejenigen anzubringen, die dort hochgehen:

was willst du hier? Treppensteigen oder Ficken?

Der Hausverwalter dieser Immobilie, eine Berliner Urtype, sehr sympathisch, der zusammen mit seiner Frau an diesem Fest teilnimmt und mit ein bisschen Stolz in der Stimme die Chance sieht, in der Reportage vorzukommen, vertraut mir unter dem Bedürfnis es unbedingt weiterzuerzählen an wie dieser Dachboden vor ein paar Jahren aussah: „Alle Räume waren eine Wichse (Anmerkung der Redaktion: hat er wirklich so gesagt). Oben war ein Taubenverschlag. Der Frau, die damals einen SM- Club draus machte, hat das gleich gefallen. Die haben dann die Männer festgekettet, sodass sie mit Taubenkot beschissen wurden … ich glaub für mehr als hundert Euro die Stunde.“

Der Dachboden ist heute restauriert und die Tauben sind ausgeflogen.

Die Band beginnt zu spielen, viele Gäste wippen im Takt mit, der Getränkeumsatz steigt und wer erinnert sich jetzt noch, was der offizielle Grund unseres Kommens war? Das Laufhaus Hase, die dort tätigen Frauen, doch vor allem Chefin Elke zeigten sich von ihrer besten Seite. Ein Puff, der einen grundsoliden, ehrlichen Eindruck macht.

ihr Name ist Hase, sie wissen von nichts – wenn sie gefragt würden, ob du schon mal da warst

http://www.freudenhaus-hase.de/html/modelle.html

(Stimme des Lektorats: Halbmast „bleiben“ hätte ich durch „hängen“ ersetzt; Werbung erlaubt, da ich Elke kenne; eine ganz tolle Frau und engagierte Puffmutter, die politisch denkt; hatte mir vor ca. 6 Jahren den Taubenschlag mal angeschaut und bin geflüchtet. Die Location war aber schön trashig. Hätte ich Fotos von machen sollen …)

mfg

Galerie Maulwerk


3 Kommentare on “Penisse auf Halbmast”

  1. Suizido sagt:

    Wertes Lektoriat,
    deine Veränderungsambitionen hättest du doch umgehend „einarbeiten“ können. In deiner Anwesenheit hätte ich sogar Taubenkot noch was abgewinnen können … das wäre ja wirklich herrlich verrückt gewesen. Empfehle schnell noch die Lektüre dieses erstklassigen Artikels in der heutigen Taz über Internetsex: http://www.taz.de/1/netz/netzkultur/artikel/1/beruehrung-nur-in-gedanken/

    Beste Grüße
    Suizido

  2. Goldie sagt:

    Super Link! Insbesondere die letzten Absätze sind high class. Danke!!!!! ps: ich scheiss auf Taubenkot, aber danke für die Empfehlung. Hab ich dir eigentlich schon die Geschichte erzählt, wo ich in einem Weddinger Puff einen Ex-Stasi Offizier eingeseift habe?! Egal. Wird gerade in meinen Fringe-Text eingebaut.
    gruss & so
    ariane

  3. Goldie sagt:

    Empfehle dringend die Lektüre http://www.falkrichter.com/logic/article.php?cat=81&id=20043
    über die Beziehungen in Online-Foren.


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