Alliance

Ratlosigkeit in der Nuttenrepublik; ob Neuordnung der internationalen Finanzarchitektur, der Umgang mit der Whistleblower-Plattform Wikileaks als Alternative zum Meinungsjournalismus oder mit den aktuellen Demokratiebewegungen in der arabischen Welt. Lokales Aussitzen und Schulter zucken, ob ein Duisburger Oberbürgermeister, ein baden-württembergischer Mappus oder die jüngste Sicherheitskonferenz, von unseren politischen Eliten ist offenbar nicht viel Substanzielles für die Weiterentwicklung unserer Demokratien zu erwarten.
Was hat das alles mit einem Callgirl Blog zu tun? Ganz einfach; es gibt seit einiger Zeit die Tendenz, das schwedische Modell der „Freierkriminalisierung“ in ganz Europa durchzusetzen, das Thema Prostitution aus- und durchzusitzen, das in Schweden übrigens seit der Einführung keinen Erfolg bzgl. der gesteckten Ziele gezeitigt hat. Die Kunden – auch aus Finnland und Norwegen – weichen nach Dänemark, Deutschland und Osteuropa aus und die Kriminalisierung der Prostitution führt nur dazu, dass sie unsichtbarer wird und sich in den Untergrund verkrümelt, weshalb auch weniger Frauen auf dem Strassenstrich und damit in der Öffentlichkeit sichtbar sind als vor Einführung des „Schwedischen Modells“. Und den selbstbestimmt werkelnden schwedischen KollegInnen ist am allerwenigsten geholfen, von denen sich viele auch als „glückliche“ oder zufriedene Huren bezeichnen, wie ich und viele andere KollegInnen übrigens auch. Aber das wird einem ja eh von der unheiligen Allianz aus Prostitutionsgegnern, rechten feministischen Kreisen, Ordensschwestern aka Ackermann abgesprochen, die jedwede „Freiwilligkeit“ ausschliessen: wenn man ihnen mit selbstbestimmtem Handeln kommt, ihre Antworten lasch ausfallen und „ökonomische Zwänge“ bemühen. Ja, aber aus den gleichen Gründen geht auch fast jeder Bürger tagein, tagaus seiner Arbeit nach, und manch Privilegierte noch dazu mit Lust und Interesse.

Nicht nur in Schweden wird Prostitution mit Menschenhandel in eins gesetzt und hilft vor allem der Helferindustrie und die Sicherung eigener Jobs, Forschungsaufträgen, journalistischer Oberflächenberichterstattung, die einen ausforschen wollen und dabei ihr reines Gewissen, ihr scheinheiliges „echtes“ Interesse im Umgang mit den sog. „Betroffenen“ unter Beweis stellen wollen, und nebenbei an hohen Auflagen zum Thema „Rotlicht“ mitverdienen. Ich rate jedem zu Kooperationsverweigerung mit den Medien, genauso wie man sich bei professionellen Dates nicht über Privates ausquetschen und von manchem Kasper bekehren lassen möchte. Der Geständnisimperativ in diesem Umfeld wird überall eingefordert, selbst von „betrogenen“ Ehefrauen, die sich in Fick- und Ratgeberforen breitmachen und uns als Ursachen des „Betrugs“ ausmachen, anstatt ihre Männer über den Mangel zu befragen, der sie aus dem Haus treibt (wieviele Frauen ja umgekehrt auch sich manchmal treiben lassen) bzw. anstatt zu respektieren, zu akzeptieren, dass man niemandes Besitz ist, dass man idealerweise Absprachen bzgl. eigener Bedürfnisse aushandeln muss und falls unmöglich, man über manch eigenes Geheimnis den Mantel des Schweigens fallen lässt. Ich beziehe mich hier auch auf meinen vorhergehenden Blogeintrag zum Thema Betrug & P6 in „Pussyleaks“. Wenn jemand nach Lösungen, ja Visionen sucht, mehr als das Goldschwanz-Manifest (hier und an anderer Stelle publiziert) & die Love School ist mir dazu bislang nicht eingefallen. 😉

Selbstverständlich vertreten alle aufgeklärten Menschen, nicht nur Männer und Frauen im Gewerbe, weltweit die Auffassung, dass den Opfern versklavter Sexarbeit, und nichts anderes ist Zwangsprostitution, geholfen werden soll (übrigens werden die Zahlen hierzu auch immer gerne interessengeleitet aufgeblasen; zum Thema Helfer-Opferindustrie bei Laura Augustin oder im Forum sexworker.at nachschlagen) und dass man den Banden dieser Form von organisierter Kriminalität beikommen muss. Fakt ist gleichfalls, dass nicht nur hiesige Politiken dies verhindern, indem betroffene Frauen, wenn sie es denn bis zu einer Anzeige überhaupt schaffen, die Abschiebung droht, ihnen und ihren Familien Gewalt. Davon abgesehen tragen Prostitutionsverbote in keinster Weise dazu bei, dass sich das Thema von selbst auflöst, sondern sie verlagert das Geschehen nur in den Untergrund oder in andere Länder und macht alle Beteiligten verwundbarer, nicht nur Sexworker, die schutz- und rechtlos ausgeliefert sind, sondern auch die Kunden-Männer. Dass es P6 überhaupt gibt, liegt doch in allererster Linie im Bedürfnis nach Sexualität, dass unabhängig durch alle Zeiten der Menschheitsgeschichte fortbesteht. Auch gab es in allen Zeiten eine Prostitutionshierarchie, in der Antike war die Mehrheit der Prostituierten Sklavinnen, selbstbestimmte Huren, die der gebildeten Oberschicht zu Diensten standen, gab es vereinzelt, man nannte sie Kurtisanen wie jeder weiss. Und auch die finanzierten sich trotz ihrer Privilegien erst einmal ihren Lebensunterhalt, wie ökonomische Gründe die Hauptursache ist, diese Tätigkeit auszuüben. Meine Meinung zu den Werbeslogans der „lupenreinen“ Hobbyistinnen ist ja bekannt und muss auch nicht von jedem geteilt werden. Entscheidend für mich ist nur, dass „alle“ Frauen, Männer, Transgirls … egal wie kurz oder lang wir diesem „Hobby“ frönen, alle Privilegierte sein sollten, sei es die Wahrung der sexuellen Selbstbestimmung, die Auswahl der Spielgefährten, sei es ein Lohn/Honorar, von dem man leben und sich weiterbilden kann, wo nicht „abgearbeitet“ werden muss, was eh nicht im Interesse der etwas sensibleren Männer ist, die Wert auf beidseitigem Vergnügen legen, und selbstverständlich die Abwesenheit von Abhängigkeiten, Druck und Gewalt, ob von staatlicher Seite oder Kundengewalt, ob Druck und Ausbeutung über manche Betreiber und Vermittler. Und hierzu bedarf es einer beruflichen Standesvertretung, die nicht nur vereinzelte, gebildete und privilegierte Huren vertritt, die über Gender Studies, Pro-Sex und Post-Porn fabulieren, sondern selbstverständlich die gesamte Bandbreite des Gewerbes inkl. die Interessen der Frauen im Bordell und am Strassenstrich integriert. Hier braucht es genossenschaftlicher Zusammenschlüsse, sichere Räume zum Arbeiten, die vor Ausbeutung und Gewalt schützen und einen Konsens innerhalb der Sexworker-Szene bzgl. politischer und sozialer Rechte, Sicherheitsstandards, getragen von einem Ethos, der Sexworker und Kunden vereint, die Prostitutionsgegner befriedet.
Wenn es all dies nicht gibt und sich viele auch weiterhin nur auf dem Ego-Trip bewusstseinslos bewegen und nicht solidarisch miteinander erklären, man nur den kurzfristigen Gewinn anvisiert, schadenfroh über die Konkurrenz lästert, dem unmittelbaren Druck-Abbau ohne eigene Handlungskonsequenzen frönt, Verantwortungszusammenhänge nicht mitdenkt, dann hat eine standesrechtliche Vertretung im Sinne einer eigenen Sexworker-Gewerkschaft keinen Sinn. Und an all jene gesprochen, die sich einbilden, dass Escort keine Prostitution sei: leider wird auch jede Escort-Dame, ob mittel- low- oder hochpreisig irgendwann die leidvolle Seite dieses „Hobbies“ spüren, sei es als ein einziges Erlebnis von Grenzüberschreitung und/oder Gewalterfahrung oder „nur“ die Auseinandersetzung mit dem Stigma, dem Doppel-Leben und der Lüge; die Geldübergabe mag sexy sein wie auch der Tabubruch, manche Manolo Blahnik Schuhe entpuppen sich dann und wann doch mehr als Kompensationskauf mit schalem Nachgeschmack, ok, spätestens dann bitte ich euch, sich an diese Zeilen zu erinnern: dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Und jene, die es schon jetzt gerafft haben, was die Ziele und Interessen einer eigenen Vertretung sein könnten – und selbstverständlich sind hier die aufgeklärten Kunden-Männer gleichfalls mit angesprochen, nicht nur jene Freunde und Förderer diverser Hurenorganisationen – bitte ich um ihre konstruktive Meinung und Feedback, ob persönlich per Mail, als Blog-Kommentar oder im Forum Sexworker.at, wo ich dieses Posting ebenfalls veröffentlichen werde.

So, und hier ist Nuttenrepublik I abgeschlossen; ab morgen lasse ich manche Männer an dieser Stelle zu Wort kommen.

liebe Grüsse
Ariane

meine früheren Blog-Einträge zum Thema:

Diskurs & Gegendiskurs

Im gleichen Boot

meinen Hurenfreunden gewidmet

Schwanz dran!

an die ein-äuige Schlange


One Comment on “Alliance”

  1. […] Nuttenrepublik – Da gibt es weitere interessante Einblicke dieser […]


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