philologische Lebensweise

Ich schrieb einmal an anderer Stelle, daß ich meine bürgerliche Karriere schon hinter mir habe, beendet mit einem Befreiungsschlag im kontrollierten Kontrollverlust. Wenn man es rein beruflich betrachtet, weine ich meiner wissenschaftlichen Tätigkeit und anderen diversen anschliessenden Tätigkeiten, z.B. in einer Wirtschaftsprüfungskanzlei, keine Träne nach. Regelmässig werde ich mit einer Art Mitgefühl und Mitleid konfrontiert, seien es Bekannte, die aus mir ein bemitleidenswertes Opfer machen wollen, weil ich den Weg des käuflichen Sexes und der professionellen Begleitung gewählt habe. Oder sei es der Vorwurf, ich würde meine Talente, Begabungen verschwenden. Alles Unfug. Zum einen blase ich mich ja nicht um den Verstand, wie es mir mal eine ehemalige Lehrerin weismachen wollte, zum anderen schöpfe ich ja aus der jahrelangen Lern- und Lehrkultur, ich bin immer noch die gleiche teilnehmende und kritische Zeitgenossin, die ich immer war und habe auch nicht aufgehört zu denken. Im Gegenteil, wenn man im Laufe von Jahren auch im Umgang mit sich selbst in diesem Gewerbe, einen Weg findet, die gewonnene Zeit nicht zu vertrödeln, vorzugsweise auf Männer trifft, die einen im Gespräch inspirieren können, dann ist doch sehr viel für mich gewonnen. Wie sagte einmal ein Kunde vor einigen Jahren zu mir im Gespräch, es kam leider zu keinem Sex, weil wir uns im Gespräch verloren, daß ich ein Schmetterling sei, dem man nicht die Flügel abschneiden darf. Brutal, aber gut gesagt. Letztlich geht es um Freiheit so sein zu dürfen, wie man ist. Idealerweise gefällt das anderen ebenso, sie erfreuen sich an den bunten Farben der Flügel und haben nicht die Absicht, einen hinter Glass zu pressen. Kürzlich meinte meine Schwester, als ich etwas schief ein Liedchen trällerte und damit einige Bilder von meiner letzten NY-Reise unterlegte, dass es sie traurig mache, wieviele Talente in mir schlummern und …. an dieser Stelle brach sie ab und war traurig. Dabei hat doch jeder Mensch vielfältige Talente und Begabungen und kann sie meist aufgrund von Sachzwängen nicht entwickeln und ausleben. Was sie indirekt meint ist wohl, dass man mit einem besonderen Talent auch hauptberuflich aufwarten kann und entsprechend damit verdient. Vorausgesetzt, man entwickelt es marktgängig und unterwirft seine Schaffenskraft der Konsumption. Was dabei rauskommt sind, Beispiel Hochschule, Fleissarbeiten und gelehrte Traktate mit vorangestellten Zitaten irgendwelcher Geistesgrössen, man gibt seine Mündigkeit von vorneherein ab, lässt sich von „anerkannten“ Schulen verunsichern und meist fehlt in Folge der Mut zum eigenen Gedanken. Wenn jetzt wieder mal nach „Mut“, regelmässig nach „Innovation“ gerufen wird, von Frau Dr. Angela Merkel in Folge, nicht nur bei der letzten Neujahrsansprache, dann frage ich mich, ob sie und andere glauben, dass es auf den Bäumen wächst. Der Mut, die Ideenfreude wird einem doch regelrecht ausgetrieben, wenn man auf Karriere getrimmt wird. Viele Innovative hauen auch einfach ab ins Ausland, obwohl dies für die allermeisten keine einfache Entscheidung ist und dies langen Überlegungen vorausgegangen ist. Sicherlich befinde ich mich seit längerem auch in diesem Prozess, aber da ich die lokalen Gegebenheiten meiner Zielorte mit allen Vor- und Nachteilen zu bewerten weiss, kann ich insbesondere vieles in meiner Heimat wertschätzen, worüber jene meist rumstänkern, die ihren Hintern kaum aus der Stadt hieven, noch nicht mal aus dem Kiez, den sie bewohnen. Dies erinnert mich auch an die engen Grenzen vieler Denkschulen; ich frage mich wirklich, was in Folge der Finanzkrise und Staatsbankrotten an den wirtschaftswissenschaftlichen Lehranstalten noch gelehrt wird, ausser die Klassiker. In gewisser Weise ist Politik und weite Teile der Wissenschaft doch überfordert in der Bewältigung und Bewertung der Konsequenzen. Ich vertraue eher den Analysten. Und ansonsten bemühe ich mich eine „philologische Lebensweise“ zu führen. Altmodisch wie ich bin, kann ich mich am ehesten darin wiederfinden. Ein intellektueller Freund und Philologe stufte mich schon vor 15 Jahren als politische Philologin ein, recht hat er behalten, und um das zu bleiben, bleiben zu können, habe ich schliesslich den Weg der selbstbestimmten Hure gewählt. Sicherlich für die Mehrheit meiner Zeitgenossen nicht nachvollziehbar. Daher möchte ich kurz erwähnen, was es mit der besagten Lebensweise auf sich hat.
Schön zusammengefasst in einem Artikel, über den ich kürzlich gestolpert bin „Philologie als Lebensform – ein Plädoyer für Autonomie. Und ein Nachruf“ (auf den Rheinischen Merkur), der mir wieder Mut gemacht hat, auch wenn es als „aussterbende Lebensform“ eingestuft wird.
Der Blog-Autor Uwe Walter verweist feinsinnig auf denselbigen Josef Zellner und seinem Plädoyer für eine philologische Lebensweise in seinem Merkur-Artikel ‚Ich denke nicht, also bin ich‘.

Dazu ein Auszug, der hier vielleicht manch Mitlesendem gefällt und um eine zusammengesparte Zeitung etwas trauern lässt: „Hinter einer fulminanten Kritik fehlgeleiteter Aufmerksamkeiten für die Hiltons, Beckers, ‚Loddars‘ und anderen Nullitäten verbirgt sich ein wertvoller Gedanke, der einem in der Tat kommen kann, wann immer ein eloquenter Journalist mit rasch und quer angelesenem Wissen in einer Talkshow den Wissenschaftler aussticht, obwohl sich dieser viele Jahre lang intensivst mit dem behandelten Phänomen befaßt hat. Eine verbreitete philologische Lebensweise ist dem Untergang geweiht. Die Moderne und a fortiori der Mensch unserer Tage beansprucht Originalität für sich, sein Denken, seinen Lebensentwurf. Unoriginell dünkt das Nach-Denken des schon Gedachten, das Erkennen des bereits Erkannten, das Bedenken des vielfach Bedachten – auf welchem Feld des Lebens auch immer. Anders ausgedrückt: Wir googeln gerne, aber wir leisten ungern die anstrengende wissensarchäologische Feldforschung, die jedem sinnvollen Googeln vorauszugehen hat, wollen wir als Wissensbeschaffer nicht zum hilflos-willfährigen, gar unwissenden Opfer präetablierter Algorithmen werden. (…) Bewertung aber setzt stets Bewertungskriterien voraus. Valide, sachadäquate Kriterien wiederum lassen sich am sinnvollsten auf der Basis eigenen Wissens entwickeln. Dieses Wissen zu erwerben gilt in unseren auf die Vermittlung von Kompetenzen getrimmten Post-Bologna-Schulen als unzeitgemäß. August Böckh dagegen hatte erstmals 1809 in seiner Vorlesung über die „Enzyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften“ als deren eigentliche Aufgabe „das Erkennen des vom menschlichen Geist Produzierten, das heißt des Erkannten“ bestimmt. Das bedeutet, der Reproduktion den Vorrang vor der eigenen Produktion zu geben. Diese Reproduktion gilt heute als unkreativ, unmotivierend, daher als „mega-out“ und ist folglich strengstens abzulehnen. Als hätte nicht ein sachadäquates Nach-Denken der Gedanken epochenbestimmender Geistesgiganten mehr an Qualität zu bieten denn ein freundlich-ahnungsloses Dilettieren in eigenen, höchstens pseudooriginellen Entwürfen, die bestenfalls als Belege historisch-denkgeschichtlichen Unwissens durchgehen können.
So gut kann es um das Selbstbewusstsein des heutigen Menschen nicht bestellt sein, wenn er sich regelmäßig in grotesker Ignoranz, ja in grandioser Hybris über 2500 Jahre abendländische Kultur- und Denkgeschichte zu stellen wünscht, um als prätendierter Dominus et Deus seine individuelle Creatio ex nihilo zu entwerfen. Doch da wir ein Recht auf die eigene Meinung haben, ist die eigene Meinung eben die eigene Meinung. Schwellen der Peinlichkeit sind damit abgeschafft! Die psychohygienischen Bedürfnisse einer pubertären Gesellschaft gebieten es zudem offenbar, sich ständig als „Macher“ in autopoietischer Pose zu gerieren, statt sich mit einem gesunden Selbstbewusstsein, das per se Selbstrelativierung einschließt, nachdenkend in eine lange Reihe großer Denker einzugliedern, um für die neuen Herausforderungen unserer Zeit Honig aus den zahlreichen Blüten der abendländischen Wiesenblumen zu saugen. (…)
Gewiss erschreckt aus heutiger Sicht mitunter die geistige Enge der früheren reichlich mikroskopischen Wortphilologie, die oft genug den Wald vor lauter Baumbetrachtung nicht mehr sah, ebenso wie das detailverliebte L’art pour l’art ihrer Zwillingsschwester, der Sachphilologie, die nicht selten zu Gelehrtendiskussionen kafkaesk-loriothafter Art führte und den unbedarften Zuhörer entweder vor Ehrfurcht erstarren oder aber als Zeugen einer vermeintlichen Live-Satire in exaltiertes Kichern ausbrechen ließ.
Und doch versagte und versagt ein Gutteil der etwas sensibleren Anwesenden noch heute jener aussterbenden Art von spitzfindiger Gelehrsamkeit ihren Grundrespekt nicht, so wie auch heute noch Schülerinnen und Schüler jene seltener werdenden Oberstufenlehrkräfte besonders schätzen, deren Ausführungen sie zwar nicht immer in Gänze zu folgen verstehen, deren gelehrte Abstraktion und deren stupend-faktengesättigte Substanz sie aber sehr wohl zu erkennen vermögen. Welch eine Wohltat, in einem Meer des bramarbasierend-medialen Hypes um das schiere Präsentations-Nichts einmal eine Insel tropisch-unbekannter Gedankenfülle zu erleben!
(…) Vielleicht müssen wir erst an Verstopfung des medial gestylten Besonderen leiden, vielleicht müssen uns erst Event-Überdruss und Medien-Flatulenz lehren, dass das vermeintlich langweilige Normale wenn schon nicht das Besondere, so doch das entscheidend Wichtige eines sinndurchtränkten philologischen Lebensentwurfs ist. „Tun, was der Tag verlangt.“ Auf diese scheinbar karge Formel brachte einst der selige Redemptoristenpater und Schullehrer Kaspar Stangassinger aus Gars am Inn die christliche Ethik. Ein solches Ansinnen bedeutet für den modernen, exaltierten Menschen auf der Suche nach dem zerstreuenden Rund-um-die-Uhr-Kick und der virtuell durchgestylten Dauerekstase zwar eine Zumutung, denn es verlangt keck nach einer prima facie unzumutbaren Schwarzbrotkultur – und dies in einer Zeit der allgegenwärtigen Sahnetorte -, doch Kinder- und Altenpopos, die Operationswunden des Lebens wie auch die minimalinvasiven denkerischen Bohrlöcher in den dicken Erkenntnisbrettern von Wissen und Wissenschaft werden es uns danken!“


5 Kommentare on “philologische Lebensweise”

  1. Christian sagt:

    Ein Lob für diese Gedanken(welt). Dein Lebensmodell ist aller Ehren wert und Deine Talente sind augenscheinlich.

    Ein kleiner Kritikpunkt bleibt bei all der Beeisterung, ohne mich nur den Bewertungsalgorithmen von Google anzuschliessen.

    Texte sind zur strukturieren und mit Zwischenüberschriften zu versehen, um bei Google Pluspunkte zu sammeln, so sagt man Turnbeutelvergesser, der heute sich SEO-Experte schimpft.

    Nun gut, ich muss mich dem anschliessen, denn der Inhalt verdient es, nicht durch sein Form abschreckend daher zu kommen.

    Grüße und weiter so
    Christian

  2. Goldie sagt:

    Ich verstehe deinen Kommentar leider nicht. Und Google geht mir am Arsch vorbei. Verzeihung!

  3. Christian sagt:

    In wenigen Worten: Füge doch bitte bei solch langen Beiträgen Absätze und/oder Zwischeüberschriften ein.

    Google kann einem natürlich am Arsch vorbei gehen, ich wollte ja auch nur sagen, dass selbst Google mehr Struktur in Texten honoriert!

    Danke!

  4. wolfgang99 sagt:

    Für mich auch auf die Formel gebracht, nicht die Karriere zählt, sondern das persönliche geistige Wohlbefinden.
    Das dies ggf. auch finanzielle Durststrecken einschliesst, was solls. Wer nie gelernt hat, sich nach der Decke zu strecken, bzw. nur dem Pekuniärem nachhechelt, der hats nicht anders verdient.

  5. Goldie sagt:

    Ich will garnichts anderes ausser Schwarzbrotkultur, wenn du verstehst, was ich meine?! Süsse Sahnetorte verursacht bei mir Magenkrämpfe.


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