sülz … wenn keiner zuhört

sülz

Zwischenstand (fortlaufend aktualisiert):

alles andere als Klischee: die politischen Forderungen des unterhaltsamen Goldschwanz-Manifests wurden mal wieder unterschlagen bzw. nicht zur Kenntnis genommen; sämtliche Kritiker raffen es einfach nicht, das es dem Schutz der Sexworkerinnen dient, die im Chor gesprochenen Texte nicht individuell zuordnenbar zu machen, auch indem Texte von Frau X von vielen, oft anderen gesprochen werden; was heisst  „Fehlen der individuellen Figur, die betroffen macht“? Dass eine Hure eine Lebensbeichte ablegt und sich dabei schlecht fühlen muss? Es geht doch garnicht um Betroffenen-Theater.  Wir spielen Lulu, d.h. wir verkörpern die Figur Lulu, zusammen mit der Schauspielerin Laura Tratnik. Und die Texte sind alles Originaltexte von sog. „echten“ Sexarbeiterinnen, die wir gemeinsam sprechen und die mit der Handlung verwoben ist. Einige Kritiker werfen Volker Lösch vor, dass er keine Einzelstimme sprechen lasse, nee er lässt viele Stimmen sprechen. Sollen sie doch mal Bernd Freytag fragen, mal schauen, was er auf diese Frage antwortet. He, he …

Es soll ja Theaterkritiker geben, die während einer gesamten Aufführung schlafen und erst zum Schlussapplaus aufwachen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass das Fehlen von Biographischem moniert wird, dabei ist dort Biographisches zu hören, nur eben nicht eindeutig zuordnenbar, dem Schutz, auch der Identität der Beteiligten geschuldet.

Was wollen die Herrschaften denn hören und sehen? Eine individuelle „Leidensgeschichte“, Arbeitsadresse, Body-Mass-Index, Futter für Voyeuristen? Natürlich wurden die Erfahrungen aus der Strassenprostitution einiger Kolleginnen in die Schlussszene eingebaut, bevor Jack the Ripper auftaucht, macht ja Sinn, wurde auch nicht verstanden.
Und das der Begriff Nuttenrepublik garnicht auf die sog. Nutte verweist, wird auch nicht geschnallt.  „Meine Projektion habe ich dort nicht wiedergefunden“, sagt Eberhard Spreng im verlinkten Interview oben;  oooooch, das ist aber schade, dass wir Sexworkerinnen den Herrn Spreng nicht betroffen gemacht haben; da hat er wohl manch durchaus betroffen machenden Text im Spiel und die (absurden?) Forderungen „sog. Betroffener“ im Schlussmanifest überhört. Morgen ist der von Dr. Annie Sprinkle und der Sexwork Rights Movement vor sieben Jahren ausgerufene Internationale Gedenktag gegen Gewalt und Haßtaten an Sexworkern.

Auch wurde an anderer Stelle vom Gründungsparteitag der Muschi-Partei geschrieben; ist sachlich falsch, Zuhören oder ein Blick ins Programmheft kann nicht schaden. Und den Vorwurf, sog. Freier lächerlich zu machen, lasse ich auch nicht gelten, wenngleich zwischen Lulus Lebenspartner und Freunden gewisse Parallelen zu den differenzierten Beschreibungen von Kundenverhalten bestehen. Selbstverständlich gehört Jack zum Typus 2, dem Grenzüberschreiter und Macht-Menschen.

Einige mir völlig unbekannte Herren sprachen mich nach den Aufführungen persönlich an und sagten mir unabhängig voneinander, wieviel Zärtliches sie aus unseren Texten herausgelesen haben. Ich war sehr berührt.

Hinzuweisen ist noch auf die  Kritik von Irene Bazinger in der FAZ sowie auf die Kritik in der SZ. Alle anderen „Kritiken“, die ich bislang zur Kenntnis nehmen durfte, sind wirklich peinlich; weniger die Aufführung, die eben keine „Betroffenen“ auf die Bühne stellt und ein Konzept verfolgt, was wohl kaum jemand in seiner Schubladen-Denke begriffen hat.

Nachtkritik: Klarstellung einer Chorfrau

sophisticated Theater-Forum #150 eine Zwischenbemerkung



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