die „neue“ Welt

Berlin ist so scheisse, sorry, ich darf das sagen, ich behaupte auch nicht High Class zu sein, obwohl ich hochdeutsch spreche und mich gelegentlich zu benehmen weiss, das einzige, was mich mit dieser ueberschaetzten Provinzhauptstadt versoehnt, ist derzeit das Theaterstueck und die engagierten Frauen und alle, die es moeglich machen. Ansonsten geniesse ich mal ein  Date mit einem angenehmen Herrn,  meist Maenner, die mir schon laenger bekannt sind und die mich schaetzen, so wie ich bin, fuer die ich als Spielgefaehrtin genauso interessant bin wie als Gespraechspartnerin, und die es auch aushalten, dass ich Feministin und Sexworkaktivistin bin, was ueblicherweise bei einem schoenen Zusammensein, auch Abend, nicht Gegenstand von Gespraechen oder Attitueden ist, ausser man kennt sich und streift gemeinsame Interessen und die des anderen.

So gut wie alle Leute, die mir nahe stehen, wohnen nicht (mehr) in dieser Stadt, sind alle gefluechtet, auch meine netten Herren, die ich gelegentlich treffe, sind so gut wie nicht in Berlin wohnhaft, Berlin ist eben Durchgangsstation, aber eine, wo man haengenbleiben kann, wie klebriger Honig. Wahrscheinlich deshalb, weil es zumindest in Deutschland keine Stadt gibt, die anziehend auf mich wirkt, also fuer einen laengeren Aufenthalt fuer mich geeignet ist.

Bin muede, muss morgen frueh um 6h raus, bin bepackt wie ein Esel, mit der fast gesamten Magazin-Edition der nun eingestellten Sexworker Zeitung Spread, einzigartig, ich musste diese Kostbarkeit unbedingt auftreiben, fast alle Ausgaben der letzten Jahre, hoffe, die nehmen mir die unzuechtigen Zeitschriften am Flughafen nicht ab. Will die eigentlich mit meinem Handgepaeck einchecken. Und dann hab ich so eine Kopfstuetze beim Hinflug gekauft, kann man besser schlafen im Flieger, so eine Art Kissen, eine Wurst, die man sich um den Hals legt, ich fand es unbequem, also ein Fehlkauf, in meinem Fall ein verlaengertes Schwein mit Kopf, also die Form des Kissens,, damit werde ich um den Hals einchecken, hab keine separate Tasche dafuer, das Schwein und die Sexworker Magazine, und dann muss ich auch noch den Flughafen in London wechseln, trudel Montag am spaeten Abend in Heathrow ein und muss dann nach Gatwick, von wo ich die Heimreise am fruhen Morgen antrete, da lohnt keine Uebernachtung in London, werde auf dem Flughafen schlafen und bei Ankunft in Berlin direkt zur Theaterprobe, ohne ueber Los zu gehen. Das wird der reinste Horrortrip der Rueckflug und dann noch die Zeitverschiebung, hier wurde in der letzten Nacht die Uhr ja ebenfalls um eine Stund zurueck gestellt, Bonus-Time wird das hier genannt.

Die Leute in NY fanden mich gut bis lustig, und die besten beiden, die ich als Performer ebenfalls schaetze, finden mich vor allem im gesunden Sinne crazy, das ist die Hauptsache. Eine Besucherin der Veranstaltung, eine sehr nette Kenianerin, die fur eine NGO arbeitet und sich fuer die Sexworker Rechte in Ost-Afrika einsetzt, hatte mir nach meiner Performance ein von ihr geschriebenes und auf meinen Wunsch signiertes Buechlein geschenkt und mir eine Widmung reingeschrieben, im Sinne, dass ich die Herzen und Seelen von Menschen beruehre. Da habe ich mich sehr gefreut, wie ueberhaupt alle sehr sehr freundlich und aufmerksam zu mir waren.

Ach, und heute war ich zu einem spaeten Fruehstueck bei Katz, gilt mittlerweile als Touristenfalle, hab aber keine Touristen gesichtet, ein Diner, das als Kulisse im Film  Harry & Sally diente, als Sally einen Orgasmus im Restaurant imitiert. Einer meiner Lieblingsfilme.

Jon Stewart

http://www.thedailyshow.com/full-episodes/thu-november-4-2010-david-sedaris


3 Kommentare on “die „neue“ Welt”

  1. haveanicedai sagt:

    Nun, vielleicht ist es unfair Berlin nach einer tollen Zeit in NYC im Vergleich zu bewerten. Es sieht so aus, als ween Dein Auftritt dort sehr gut gelaufen ist. Dann solltest Du in Berlin endgültig zum Star werden. Ansonsten kann Dich vielleicht der alte Diskurs zwischen marx und Bakunin trösten – Bestimmt das Sein das Bewusstsein, oder ist es andersrum? Ich bin sicher, dass Dein Bewusstsein auch aus Wanne-Eickel einen „hot spot“ machen könnte….

  2. Wanne-Eickel, LoooooooL, aus dieser Gegend komme ich von wech, also vom Ruhrpott, dann Düsseldorf, Köln, Berlin, London, Chicago, Magdeburg, Berlin, London, New York, Berlin ….. du kannst dir sicher vorstellen, welch Welten sich da auftun …. he he

  3. haveanicedai sagt:

    natürlcih kann ich das – und grundsätzlich bin ich ja nun auch lieber in den Metropolen als auf dem Lande… ich werde auch in dieser streng wissenschaftlichen Diskussion nicht abgleiten und mich zu der Frage hinreissen lassen: wie und wo hast Du denn bei diesen Stationen so gut französisch gelernt? Nein, lieber komme ich auf Marx und Bakunin zurück….


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