Aufruf: Kunden übernehmen Patenschaften für Huren?

Zur Info, es geht mir nicht darum, mich selbst ins Spiel zu bringen oder Karriere in künstlerischer Hinsicht zu machen (der Arbeitstitel des Projekts war ein Vorschlag des Regisseurs), ich bin Hure und Sexwork Aktivistin (und dafür benutze ich alle Mittel, auch künstlerische), nichts anderes, mich interessieren allein die sozialen Rechte und Sicherheit aller Sexworker, auch Strassenmädels, in Deutschland und überall, und das wir in sicheren Räumen arbeiten können und endlich der schwachsinnige und gefährliche Diskurs aufhört, wie Politiker und Journalisten mit uns umgehen; allein in Österrreich sind in den letzten Monaten viele Kolleginnen ermordet worden, eine Escort Kollegin liegt schwerverletzt im Krankenhaus, in den USA ist aufgrund der Verbotslage und sog. Sittenwidrigkeit auch die Hölle los, wie ich dort bei einer Nuttenkonferenz in Las Vegas lernen durfte, das war alles todtraurig (ich benutze absichtlich den Begriff, um seine Bedeutung zu verkehren). Wer sind denn eigentlich die Nutten in der Nuttenrepublik? In Europa versucht man eine europäische Politik durchzusetzen, die jeden Fortschritt der Sexarbeiter Bewegung rückgängig macht, in Deutschland wird das Prostitutionsgesetz lokal unterlaufen, die Frauen werden regelrecht für vogelfrei erklärt, überall, was ihre Sicherheit gefährdet.
Deshalb ist das Theaterstück so wichtig, weil es eine gewisse Aufmerksamkeit erhält, wenn es denn zustande kommt, und Politik, die auf unsere Kosten Karriere macht, unterläuft.
Es gibt so viele Frauen in aller Welt, nicht nur in Deutschland, die sprachlos sind, die jeden Tag von (korrupten) Polizisten mit Säure übergossen, vergewaltigt werden wie in Indien, oder die man in Outdoor-Cages, also Gefängnissen unter der Gluthitze von Arizona einsperrt, wo sie elendig verrecken; Kolleginnen, die tagtäglich den gleichen Job machen wie wir; an die müssen wir ebenfalls denken.
Und generell geht es um Fragen der Selbstbestimmung und Selbstermächtigung aller Frauen in dieser Welt und Männer, die dies unterstützen, dies nicht unterlaufen und aushebeln, sind unsere Gefährten.
Paysex ist Sex und Erotik und alles, was wir bereit sind, von unserer ganzen Persönlichkeit herzugeben, wir sind – ob 20 Minuten oder 1 Std oder Overnight-Termin – immer ganz dabei; diese Triebbeschäftigung, die der ganzen Gesellschaft und vielen Ehen nützlich ist, kann nur unter Rahmenbedingungen mit Lust und Freude praktiziert werden, wenn man uns Rechtssicherheit garantiert, und zwar allen, auch Frauen am Strassenstrich, die am liebsten auch völlig selbstbestimmt werkeln wollen. Und es gibt keinen Grund, daß manche privilegierte High-Class-Kolleginnen an dieser Stelle die Nase rümpfen, um sich abzugrenzen. Es geht um Sicherheit im öffentlichen Verkehr und das Tabu bleibt weiterhin bestehen, was uns alle auch weiterhin attraktiv macht. Dafür zu argumentieren, daß gemäss des Diskretionsgebots oder dem heimeligen Scham des „Verruchten“ die Missstände weiter unter der Decke gehalten werden und wir deshalb die Schnauze halten sollen, ist eine irrige Auffassung. Das Verruchte wird niemals verschwinden, solange Beisammensein, Sex und Intimität gegen Geld getauscht wird. Alle aufgeklärten Kunden-Männer schätzen selbstbestimmte Frauen, die möglichst frei von jeder Not ihrem Job nachgehen, denn sie wissen, das nur so ein Optimum aus einer P6-Begegnung erzielt werden kann. Auch ihr Gewissen entlasten.

Wer ist eigentlich die sog. feine Gesellschaft, die über uns den Stab bricht? Das sind „wir“ alle, auch wenn wir über manche Kolleginnen lästern – zu billig, zu teuer, Herkunftsfragen, igittigit die Osteuropäerinnen, Südamerikanerinnen, die angeblich die Preise überall kaputt machen, die einfach nur überleben wollen, dem Globalisierungsdruck geschuldet, weil sie in ihrer Heimat kaum überleben können, alle wollen sie ohne Bedrängnis und Abhängigkeiten leben und überleben, nicht nur ein paar handverlesene und selbst ernannte High-Class-Escort-Girls, deren Realität jeder anderen gleicht; wir, die Community von Sexworkern, sind keine Randgruppe, sondern Bürger und Bürgerinnen in der Mitte der globalen Gesellschaft, genauso wie unsere Kunden, die millionenfach tagtäglich unsere Dienste in Anspruch nehmen.

Klar mögen manche nicht den schnöden Begriff der „Sexarbeit“, aber Kunden können daran mitwirken, auf die ein oder andere Art, dass die Arbeit weniger nach Arbeit riecht, sondern Vergnügen. Denn es ist gar keine Arbeit im klassischen Sinne und auch nicht mit jeder anderen sog. Dienstleistung vergleichbar. Es geht um Intimität, Nähe, Wollust, Inszenierung, Befriedigung, ja sogar Glücklichsein, wie ich weiss, und das möglichst auf freiwilliger, einvernehmlicher Basis.

Ich werde mich nun um Patenschaften bemühen, für jede am Theater-Stück teilnehmende Kollegin wird ein Kunde als Pate gesucht, die ihr helfen, die Probenzeit zumindest finanziell abzufedern; die Gegenleistung ist die kulturelle Leistung und die Gewissheit, daß eine Hure, Callgirl, Sexarbeiterin ohne Nöte in einem Theaterstück sich selbst spielen kann, aus Spass, Neugier und nicht zur gesellschaftlichen Belustigung, sondern im Zuge eines Paradigmenwechsels vom Objekt zum Subjekt.

Wir sind kein „Loch“ und austauschbares „Fickstück“, sondern Menschen – geht das bitte in jeden Kopf hinein? – und möchten Gleichen begegnen. Genauso wie wir die öffentliche Definitions- und Deutungshoheit gewinnen müssen und es nicht anderen, unfähigen Journalisten und Verlegern, rechten feministischen Kreisen und christlich motivierten Prostitutionsgegnern, Provinz-Politikern überlassen dürfen, mit uns Politik zu machen, Verleger, die ihre meinungsmachenden Blätter (wobei wir die höchsten Anzeigenpreise blechen für den Schrott an redaktionellem Inhalt), ihre feuchten Träume und Mindfuck qua Bestseller mit uns millionenfach verkaufen und den Profit erzielen, jene, die ihr „Moralmonopol“ auf unsere Kosten anfüttern, sich selber den Heiligenschein aufsetzen und dabei selbst unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen, ihre öffentlich-finanziellen Stellen in „Gut-Mensch“ geleiteten Ein- und Ausstiegsorganisationen mit möglichst wenig Arbeit legitimieren müssen oder als AkademikerInnen sog. Drittmittel für Forschung an uns einwerben, mit Studien „über“ uns und meist darüber, wie „abnormal“ und „geistes/krank“ wir angeblich sind, was bei öffentlicher Lektüre unsere Selbst-Stigmatisierung noch verstärkt. Wer sind denn wirklich die Gesunden, wer die Kranken? 😉

Leider geht es immer um Geld und nicht nicht nur um Spass und deshalb muss man den Begriff Sexarbeit im Munde führen, auch wenn es einige „unpassend“ finden mögen, besonders jene, die „es“ angeblich nur zum „Spass“ machen und dabei durchschnittliche und im Regelfall hart erarbeitete Monatslöhne für ein paar Stunden aufrufen. Ich habe noch keine vergoldete Clit sehen dürfen. Wenn „ich“ will, dann treibe ich es auch kostenfrei. Und manchmal eben per Geld, wie jede Sexworkerin, die sich dazu zählt, frei zugibt.



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