Das Mädchen Irma la Douce – gestern, heute

Irma la Douce im gleichnamigen Film von Billy Wilder

Vorgestern lief ja mal wieder einer meiner Lieblingsfilme „Das Mädchen Irma la Douce“ von Billy Wilder, der übrigens als Eintänzer in Berlin der 20er Jahre gearbeitet hat. Eintänzer waren üblicherweise aus der Armee entlassene Offiziere, die so ihren Lebensunterhalt verdienten. Aufgrund ihres ausgezeichneten Benehmens und eleganten Auftreten, waren sie bei den Lokalbetreibern sehr geschätzt. Z.B. in einem meiner Lieblingslokale, das es noch heute gibt, Klärchen’s Ballhaus. In der Musikgeschichte wurde aus dem Eintänzer der berühmte „Gigolo“.

So schreibt Wikipedia über den Film (Korrekturen, in Klammern gesetzte Anmerkungen von mir):
„In der Rue Casanova in Paris werden die Geschäfte des Rotlichtmilieus von der korrupten Polizei gebilligt. Bis der naive Polizist Nestor Patou in den Bezirk versetzt wird, der sofort sämtliche Prostituierte auf die Wache bringen lässt. Unter den Freiern befand sich der Polizeichef, der Nestor nun feuert. Nestor will seinen Kummer in der Zuhälter-Kneipe Chez Moustache ertränken, wo er seine Bekanntschaft Irma la Douce wiedertrifft. Falsch: Als ihr Zuhälter übel mit ihr umgeht, bekommt er von Nestor eher zufällig eine Tracht Prügel. Irma nimmt Nestor mit in ihre Wohnung und bietet ihm an, bei ihr einzuziehen.“
Richtig: Nestor lädt Irma, die regendurchtränkt hereinläuft, um sich eine Pause zu gönnen, auf einen Minz-Tee ein. Ihr Mec, der „Ochse“ genannt, gönnt ihr keine Pause und drängt sie zur Arbeit, Nestor, der sich höflich einmischt, kriegt eins auf die Nuss, läßt sich dies aber nicht gefallen und es kommt zu einer Prügelei, bei der der „Ochse“ den kürzeren zieht, er entmachtet wird und Irma den arbeits- und obdachlosen Nestor zu ihrem Mec ernennt und ihn mit zu sich nach Hause nimmt. Die beiden verbringen einen gemeinsame Nacht und verlieben sich ineinander.

Wikipedia: „Von nun an tritt Nestor als Irmas Zuhälter auf, kann es aber aus Eifersucht nicht ertragen, wenn sie Umgang mit Freiern hat. Er verkleidet sich auf Anraten des Barkeepers Moustache als reicher englischer Lord X und bezahlt Irma 500 Franc für nichts als einige Partien Patience. Sie vereinbaren, sich zweimal die Woche zu treffen, sodass Irma keine Freier mehr annehmen muss. Um das Geld aufzutreiben, arbeitet Nestor die ganze Nacht (über) auf auf dem Wochenmarkt (,während Irma nichtsahnend schläft). Weil Nestor so den ganzen Tag müde ist, vermutet Irma eine nächtliche Affäre. Sie flirtet enttäuscht mit dem Lord, der versehentlich anbietet, sie mit auf sein englisches Schloss zu nehmen. Als Nestor feststellt glaubt, dass Irma den Lord mehr liebt als ihn, lässt er dessen Verkleidung in der Seine verschwinden. Irmas ehemaliger Manager beobachtet ihn dabei und deutet den Vorfall als Mord am Lord. Nestor wird verhaftet, (Moustache) kann aber Irma davon überzeugen, (das Nestor) den Mord aus reiner Liebe begangen (hat). Im Gefängnis erfährt Nestor von Irmas Schwangerschaft und kann mit Moustaches Hilfe fliehen. Sie lassen den Lord wieder aus der Seine auferstehen, sodass Nestor Irma heiraten kann.“

Meine Version der Geschichte: Billy Wilder bringt in seiner amüsanten Komödie mit ernstem Hintergrund, den Konflikt auf den Punkt, wenn Hure und Freier sich ineinander verlieben. Irma ist eine selbstbewußte souveräne Strassendirne; dass sie für einen Loddel arbeitet, scheint für sie normal zu sein und sie offensichtlich nicht zu stören. Sie wirkt zufrieden. Sie erwähnt einmal, daß sie den Stammplatz an der Strasse von ihrer Mutter geerbt hat und macht sich über sie lustig, weil sie sich verliebte, den Job aufgab und schwanger wurde. Irma wurde unehelich geboren, der Erzeuger machte sich davon und die Mutter arbeitete den Rest ihres Lebens im Grossmarkt, um ihre Tochter und sich durchzubringen, und starb verarmt. Alleinerziehend, mit unehelichem Kind war ihr der Rückweg zum Anschaffen versperrt, eine aus Sicht der Tochter bessere Arbeit als sich auf dem Grossmarkt abzurackern.
Organisieren tun sich allein die Zuhälter, nicht die Strassendirnen, die auch eine Mec-Organisation gründen und Nestor ungefragt zum Ober-Mec ernennen, eine Ehre, weil „sein“ Mädchen den besten Umsatz macht, und zwar mit einem einzigen gut zahlenden Stammkunden – nämlich Lord X – . Wenig Kunden, maximaler Verdienst scheint schon hier erstrebenswertes Ziel zu sein. Irma freut sich, dass sie die Zeit zwischen den Terminen mit Lord X einzig und allein ihrem Liebsten widmen kann und nicht mehr auf der Strasse anschaffen muss. Nestor sitzt durch seine Doppelrolle in der Falle und muss durch harte Arbeit im Grossmarkt das Geld verdienen, Rinderhälften und Schweinsköpfe schleppen, um sie als verkleideter Lord X zu bezahlen. Die Verkleidung als einziger Ausweg, „seine“ Irma exklusiv ficken zu können.
Der Zuhälter, der Mec, wie sie in Frankreich genannt werden, taucht selbst in zwei Funktionen auf: als Ausbeuter und Faulenzer. Die Ausbeutung wird seitens der Frauen kompensiert, in dem sie ihn zum Statussymbol selbst machen: elegante Kleidung, Schmuck, jederzeit viel Bares in seiner Tasche etc. Die Frauen finden es „grosszügig“, wenn der Loddel ihnen von ihrem erarbeiteten Geld was Schönes kauft.
Vermeintlichen „Schutz“ gewährt der Zuhälter hier nicht einmal, er wird der Lächerlichkeit preisgegeben, der den ganzen Tag mit anderen Mecs das Geld verzecht und Billiard spielt, weshalb es seitens der Huren auch zu keiner Vermögensbildung und Alterssicherung kommen kann, die der SW nützt. Ähnlich ist die Lage auch in der Gegenwart, daß Huren im Alter üblicherweise verarmt sind. Nur wenigen gelingt der soziale Aufstieg und Vermögenssicherung.
Irma’s Schwangerschaft ermöglicht den „Ausstieg“ (wobei Irma ja im Glauben ist, das Kind sei von einem Kunden, nämlich Lord X, was ihre Heiterkeit und die Liebe zu Nestor aber nicht trübt). Während Nestor im Gefängnis sitzt, verdingt sich die Schwangere als Kassiererin im Grossmarkt. Durch einen gelungenen Gefängnisausbruch mit Hilfe des Multi-Talents und Wirts Moustache, kann Nestor durch „Wiederauferstehung“ von Lord X seine Unschuld zu beweisen, was die Mordanklage hinfällig werden lässt. Die Zukunftsperspektive für Irma bleibt das sittsame Frauchen an der Seite eines designierten Polizisten, der Spielplätze bewacht. Fin. Ein Ausstieg und sozialer Aufstieg scheint in dieser Zeit nur über Heirat möglich zu sein, wenn sich denn überhaupt ein bürgerlicher Mann findet, der kein Kunde ist. Inwieweit sich dies bis heute geändert hat, das muss jede/r Beobachter/In selbst entscheiden, nur soviel: nicht jede SW ist Studentin mit alternativen Handlungsoptionen und wenn sie es tatsächlich ist, gelten hier zusätzliche Sicherheitsmassnahmen – möglichst gesichtslos im virtuellen Strassenstrich auftreten, neudeutsch Sedcards -, die bei Nichteinhaltung umso leidvoller erfahren werden muss und manche Traumkarriere erledigt. Zur Erinnerung: Brooke Magnanti, ehemaliges Escort, die ihre Doktorarbeit auch durch professionelles Dating finanzierte, verwandelte ihren Callgirl-Blog „Belle de Jour“ in einen Kassenschlager, nämlich Bestseller und Verfilmung. Trotz Beherzigung aller Sicherheitsvorkehrungen – z.B. Schreiben des Blogs von wechselnden Internetcafés mit einer zweiten Identität, da sie wußte, daß Kunden und Kenner der Szene ihrer Identität erfolglos auf der Spur waren – wurde sie erst durch die Erpressung eines Ex-Freundes anlässlich ihres Bucherfolgs, der ihr dies offensichtlich nicht gönnte, im nachhinein zu einem erzwungenen Outing genötigt. Glück gehabt, ihr eingeweihter Arbeitgeber und Kollegen standen ihr bei und so kann sie nun in Ruhe als Wissenschaftlerin arbeiten und das Geld, dass sie mit ihrem Bestseller verdient, ordentlich verpulvern.



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