im gleichen Boot

Was hindert selbstständige Escorts sich zu vernetzen, auch, um gegenüber Prostitutionsgegnern Gesicht zu zeigen?

Ein engagierter Foren-Mod erwähnte kürzlich „das Zerfleischen vieler Anbieterinnen“, vor und hinter den Kulissen, qua Kundenwerbung und Anpassungsdruck. Ich denke, er hat den richtigen Riecher. Daher ist es auch schwer, eine Interessenplattform für Sexworker zu entwickeln, auch eine, die alle Sparten des SW-Gewerbes umfasst. Die mangelnde Solidarität ist der Konkurrenzsituation geschuldet, aber auch der Unkenntnis, daß es einige Interessenvernetzungen schon gibt.  Allerdings nicht schlagkräftig genug, zu unserem eigenen Nutzen, für die Damen des Gewerbes wie auch für ihre Kunden.

In den U.S. und U.K. ist man da um einiges weiter, was der Gegenwehr gg. der Rechtslage geschuldet ist, die Sexworker zu einer Einigkeit zwingt und zum handeln. Es gibt bereits informelle Netzwerke, mit Kundenempfehlungen, allerdings nur im anglo-amerikanischen Raum und nur für Anbieterinnen einsichtbar. Im deutschsprachigen Raum, jenseits von Agentur intern verifizierten und empfehlenswerten Kunden, ist eine dahingehende Vernetzung Mangelware, teils in den Anfängen. Auch gibt es Blacklists, die nur intern gehandelt werden, in jedem Land, d.h. verknüpft mit Buchern/Freiern, die negativ aufgefallen sind, qua Selbstschutz. Kein Listing mit Männern, mit denen man gute Erfahrungen gemacht hat. Dies gilt für den virtuellen Raum. In Bordellen wird es ebenfalls informell gehandhabt, wie auch Agenturen ihre Pappenheimer kennen.
Sexworker.at, wo ich mich engagiere,  ist keine Werbeplattform, Bewertungsportal, auch nicht umgekehrt über Bucher und sog. Freiern; sondern eine Interessenvertretung von deutschsprachigen unabhängigen Huren, Callgirls, Escorts, eben aus allen Sparten von P6. „Das Forum richtet sich hauptsächlich an SexarbeiterInnen und alle, die ihren Horizont erweitern oder bei der Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Sexworker mithelfen wollen.“  Dieses Ziel ist umso wichtiger, da engagierte Sexworker es satt haben, daß über sie, aber im Regelfall nicht mit ihnen geredet wird. Was die mediale Selbstpräsentation und Interessenlage betrifft, hier spielt das Stigma, der Zwang, den Job anonym auszuüben sowie der Mangel an Herrschaftswissen/Rechtsgrundlagen eine wesentliche Rolle. Auch müßten kenntnisreiche Sexworker der Szene, die sich öffentlich politisch einmischen, ein entsprechendes Coaching vorab durchlaufen, um auf die Fallstricke der Kommunikation mit Journalisten und Prostitutionsgegnern vorbereitet zu sein. Zum anderen bedeutet das Diskretionsgebot, das Werkeln im Anonymen, im Regelfall das Aus für die Kollegin, wenn sie sich öffentlich zu erkennen gibt. Die wenigsten sind so pfiffig, wie es Felicitas Schirow aka Weigmann, Sexworkerin und Clubbetreiberin vorgemacht und das Prostitutionsgesetz in Deutschland auf den Weg gebracht hat – ,  die als Betreiberin zudem in der privilegierten Stellung war, weiter einen Clubbetrieb aufrecht erhalten zu können, wenn sie sich in der Öffentlichkeit outet, also Gesicht zeigt.

Es gibt eine im europäischen Raum wohl einzigartige Interessenplattform, nämlich www.sexworker.at, die kontrovers und auf hohen Niveau unsere gemeinsame Interessenlage diskutiert und Informationen bereitstellt, die wir benötigen, um im In- und Ausland die regional/lokal unterschiedlichen Verbotslagen zu umschiffen bzw. sich aufmerksam in einem grösstenteils rechtsfreien Raum zu bewegen, der unser gemeinsames Hobby verregelt.
Jeder aufgeklärte Mann/Frau/Mensch ist herzlich eingeladen, sich bei  uns kundig zu machen, einzubringen, um den eigenen und die Horizonte anderer zu erweitern.

Meine regelmässigen Kunden finden mein Engagement gut, und es ist üblicherweise kaum Bestandteil eines Treffens, darüber zu reden, wo es um Amüsement geht, nicht um angestrengte Unterhaltung. Männer, die das in der Vergangenheit suchten, hab ich im Regelfall kein zweites Mal treffen wollen, ist mir persönlich zu anstrengend, wenn sie ein Date mit einer therapeutischen Sitzung verwechselten, die ihnen evtl. hilft, aber nicht mir, da meist der Aspekt private Fragen, Verhör, Kaspertum hinzutrat. Dieser Typus, den ich den nicht-rationalen Bucher nenne, ist leider ubiquitär vorhanden. Etwas anderes ist es, wenn ich als Sex Coach zu Rate gezogen werde, alternativ philosophische Lebenshilfe biete, aber das ist eine andere Geschichte.

Da fehlt ja dann völlig die Leichtigkeit im Gespräch, die für Erotik und
Vergnügen notwendig ist. Und bestimmte entscheidende Defizite im Leben mancher Menschen kann selbst ein Escort nicht füllen und sollte es auch nicht, wenn ihr eigenes Seelenheil ihr lieb ist.
Ein Date ist ein Date, komplizierte Sach- und Fach-Diskussionen zu führen, behalte ich mir für mein Privatleben vor, also auch als Schreibende ist man privat, da man ja Einsichten über eigene Haltungen vermittelt. Womit wir beim Bloggen und Forum-Posten (üblicherweise als Werbe-Strategie eingesetzt) und informellen Austausch schon in der Falle sind, was die Schnittstelle von privat/öffentlich betrifft und der Frage, inwieweit man wirklich authentisch sein darf, wenn permanent von Kundenseite nach dem Authentischen, also Wahrhaftigen, der Echtheit gerufen wird. Und schon ist man im Konflikt, die Identität als Escort/Dienstleisterin und die Identität als Privatfrau/Sexworker-Rechte-Aktivistin auseinanderzuhalten.

Ehrlichkeit zahlt sich im Regelfall kaum aus, in diesem Gewerbe, das aus Lügen und Illusion besteht. Daher wird auch unermüdlich nach dem Authentischem geschrien, das „Echte“ eingefordert, und, wenn man es denn liefert, sind viele auch nicht zufrieden, im Grunde wünscht mann sich die Illusion und damit auch die Lüge. Aber warum dann in manchen Callgirl-Blogs und Foren mitlesen, wo die Beiträge von beiden Seiten Rückschlüsse auf das Denken der Schreiber zulassen? Will man nur lesen, was man lesen will? Ok, alles andere ist zu anstrengend. Aber warum immer das Insistieren auf das „Wahre“ und das Mißtrauen gegenüber der „Illusion“, die ein Callgirl/Escort angeblich nur vorspielt?

Die Frage nach dem Authentischen im SW-Business verquickt sich mit Fragen nach dem Privaten, bei vielen geht es doch nur um Kontrolle, auch die Kontrolle des eigenen Bildes, was man über uns hat, nicht um ein tatsächliches Interesse SWern in den verschiedenen Segmenten gegenüber – ob 5-Sterne Hotel, Bordell, Strassenstrich, Wohnung -, sie einfach als Menschen mit Berufen, Hobbies, Interessen, Sozialität, Familien, Sehnsüchten, Träumen, Leben wahrzunehmen, wie jeden anderen Menschen eben auch. Man zwingt ihnen eine allumfassende Identität auf, die sich auf die Funktion als Hure beschränkt und entlässt sie ungerne diesem Käfig.
Man versichert sich seines eigenen Klischees bzw. sucht nach Anhaltspunkten, die eigene Vorurteile untermauern. Von einem Happy Hooker, also einer zufriedenen, ja glücklichen Hure/Escort/Callgirl, von  Selbstbestimmung will im Regelfall kaum jemand tatsächlich was hören: der Satz „ich mache es aus Spass“ wird von Konsumentenseite eingefordert, aber wenn tatsächlich eine Frau es aus Spass macht und keine leere Werbeschiene ist, glaubt man ihr meist auch nicht. Es ist zum verrückt werden, weil so permanent Double-Bind Situationen geschaffen werden, in denen sich virtuell auftretende, schreibende Frauen verstricken. Deshalb: stay off the boards! Bleibt den einschlägigen Foren fern! Es entzaubert euch nur und ihr könnt mit besten Wissen und Gewissen eh nur alles falsch machen, wenn ihr versucht, echt zu sein. Mit guter Laune geht man rein und hofft auf charmante Unterhaltung und sachdienliche Diskussionen, mit schlechter Laune geht man raus, weil ein Hauen und Stechen allerorten und schmierige Berichte/Bewertungen an der Tagesordnung sind. Zumindest ging es mir bei der Lektüre oft so. Hat mich meist wütend und traurig gemacht, weshalb ich an manchen Ecken das Bein heben musste. Aber vielleicht bin ich auch zu sensibel und ernsthaft. Gute Unterhaltung findet man in solchen Foren kaum.

Eine Allianz aus engagierten selbstbestimmten Huren/Escorts/Callgirls in allen P6-Segmenten tut Not. Noch mehr zusammen mit Freiern/Buchern,  in ihrem und unserem eigenen Interesse. Jenseits von Klassendenken, das u.a. dazu führt, Menschen nach der Höhe des Honorars zu bewerten und gegeneinander zu hetzen, Märchen zu erzählen. Ist aber Usus, u.a. da viele Escorts dazu tendieren, sich von Sexwork abzugrenzen. Sexwork riecht nach Arbeit (ist ja nur Hobby ;-), das mag kaum ein Mann hören, dass es sich um einen Job handelt, egal ob Teilzeit oder Vollzeit, und Prostitution, ach ja, ist ein kriminalisierter Begriff. Aber wenn mann weiss, daß es ein besonderer Job ist, warum immer das Insistieren auf der Spass- und Hobbyschiene? Zumindest in Forenwelten. Dieses ganze Abgrenzungsgebaren nennt man in der Soziologie „classism, Klassismus“

Nur bei selbstbestimmten Frauen ist davon auszugehen, dass die erwünschte „Hobby“-Schiene im Idealfall bedient wird, die beidseitigen Spass verspricht und keine leere Werbeschiene ist. Grosse Diskrepanzen zwischen vollmundigen Sedcard-Versprechen – Image – und Realität hinterlässt auf Bucherseite einen schalen Nachgeschmack, inkl. sog. Abzocke, professionelles Gebaren, wie in manchen Reviews zu lesen. Es ist einfach die permanente Wiederholung, die nervt. Je häufiger Superlative betont werden, umso leerer der Inhalt.

Jedenfalls sitzt Männlein und Weiblein im gleichen Boot. Die gemeinsame Front sind die Falsch-Spieler, Faker untereinander und auf politischer Ebene die Prostitutionsgegner, meist kirchlich getragen, ausgerechnet, wo ihre Reputation nicht erst durch die jüngst aufgeklärten Missbrauchsfälle zu wünschen übrig läßt. Es geht um einen freien und selbstbestimmten bezahlten Verkehr, Erotik und Vergnügen, auf beiden Seiten, ohne Scham, Schuld, aber mit Verantwortung und gegenseitigem Respekt. Anders kann man ein P6 Erlebnis, ein Escort-Date nicht geniessen, egal wie lang oder kurz es ist. Wer des englischen mächtig ist, schaue sich doch mal den folgenden aktuellen Artikel an http://www.guardian.co.uk/commentisfree/…-crucifix-italy. Europaweites Lobbying seitens „christlicher“ Kreise hinsichtlich eines europaweiten Prostitutionsverbots, dem auch schon auf EU-Ebene Gehör geschenkt wird.
Eine Lobby aus aktiven Sexworkern aus allen Sparten, zusammen mit engagierten Kunden (gerne auch beratend Politiker, Juristen, Computer Geeks u.a., die hier für Sicherheitsfragen allenthalben dringend gebraucht werden, qua Herrschaftswissen), sollte sich dringend Gehör verschaffen (auch ohne namentliches oder gesichtsmässiges Outing), um gegen politische Verwirrnisse gemeinsam anzugehen. Dann muß man auch nicht kirchlichen sowie Frauen- und Menschenrechts- und Ausstiegs-Organisationen sowie Individuen wie Alice Schwarzer die Definitionsmacht überlassen. So einfach ist das.

Wenn die Zukunft liberal sein soll, dann muss man auch etwas dafür tun und das Reden, Machen nicht andern überlassen. Im übrigen kann man nur einen „perfekten“ Service erwarten, von Frauen, die frei sind von Not und Abhängigkeiten und die mit selbstbewußten, respektvollen Männern Umgang pflegen.  Männer, die „Opfer“ suchen oder passives Hinhalten (ausserhalb eines Rollenspiels und Absprache natürlich) spreche ich nicht an. Das sind im Regelfall jene, die sich durch frustrierende, vernichtende, respektlose Berichte/Reviews über die Performance von Huren auslassen, was eine Menge über sie selbst aussagt. Umgekehrt gilt: Frauen, die qua vollmundiger Versprechen es in der Praxis an Einfühlsamkeit und dem selbst gesetzten Anspruch vermissen lassen, müssen sich auch nicht wundern, dann und wann öffentlich abgewatscht zu werden. Welcher Mann hat mit seinem im Regelfall hart erarbeiteten Geld schon Lust, die Katze im Sack zu kaufen oder sich durch ein Date hindurchzuquälen, weil er sich nicht traut abzubrechen? Niemand soll sich quälen und daher ist eine gewisse Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit von nöten, vor und zu Beginn eines Treffens, während eines Dates. Intimität, Nähe, auch bezahlte, sind ein Luxus, und bedeutet, daß die Bedürfnisse, Wünsche auf beiden Seiten respektiert werden müssen. Nur so kann es schöne und geile Treffen geben, die beide Seiten in guter Erinnerung behalten und keinen faden Nachgeschmack hinterlassen.

Honestly
Ariane


2 Kommentare on “im gleichen Boot”

  1. jupiter196 sagt:

    Ariane es ist nur für Kunden sehr schwierig sich einzubringen.
    Wenn ich nach aufwendiger Aktivität mit Gleichgesinnten in einem Projekt feststellen muss, dass die Interessenlage doch recht einseitig ist.

    Aber trotz eines gewissen Frustes, bin ich jederzeit wieder bereit mich einzubringen. Ich werde mir sexworker.at mal ansehen.

  2. Danke W. fürs lesen und comment. Manchmal heisst es halt, nach den Sternen greifen. Wünsche dir ein sehr schönes Wochenende, gruss an die wauzis! xx


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