Leben als Performance

obituary

mourning

Ich traf Sebastian Horsley das erste Mal während der „Stop the Traffic“ Demo 2009 (Traffic doppeldeutig; Strassenverkehr/Menschenhandel), als wir den Piccadilly Circus lahmlegten; dies als Auftakt eines mehrtägigen Events der Sexworker Open University in London. Sebastian, ein bekennender Liebhaber von Sexworkern aller Couleur, die er Zeit seines Lebens aufsuchte, lebte sein Leben in der Tradition des exzentrischen Dandyismus eines Oscar Wilde und Lord Byron, wie es sein deutscher Verlag betitelte, war charmant, klug, gewitzt, sarkastisch, melancholisch, sensibel, zornig und bezeichnete entsprechend seine Autobiographie auch als Dandy der Unterwelt. Sein turbulentes Leben endete nun prompt im jungen Alter von 47, er verstarb vorgestern an einer offenbar ungewollten Heroin-Überdosis in seiner Londoner Wohnung; am 9. Juni hatte übrigens das gleichnamige Bühnenstück Premiere, das bis zum 10. Juli laufen sollte, dies wurde nun ausgesetzt, weil Sebastians Doppelgänger Milo Twomey und die Crew des Soho Theatre die schockierende Nachricht erstmal verarbeiten müssen.

Sein Wunsch, in den Armen einer Prostituierten zu sterben, erfüllte sich nicht. Seine Autobiographie, die zunächst in England, im letzten Juli auch in Deutschland herausgebracht wurde, ist wirklich ein Knaller; übrigens gewidmet allen Rachels, damit meinte er seine Freundin und alle Frauen, denen er in seinem Leben begegnet war. Ich traf ihn zuletzt während der Buchpräsentation im Café Burger in Berlin, wo er mir meine englischsprachige Ausgabe mit folgenden Worten signierte: „My Dear Ariane, I think we ve met before. Did money change hands? Remember to read this with one hand. lots of love. Sebastian xxx“. Er erinnerte sich an unsere Begegnung in London im März 09, rätselte noch, ob Money zwischen uns geflossen war *lach* ihm hätte ich es auch umsonst besorgt bzw. er umgekehrt mir, er hatte ja in früheren Jahren als Callboy gearbeitet und es wäre sicher ein feiner Tauschhandel geworden.

Jedenfalls lud er mich bei meinem nächsten London-Aufenthalt zu sich nach Soho ein, nur leider kam ich nicht auf seine Einladung zurück, obwohl ich mir jedes Mal fest vornahm, ihn anzurufen, war meine Zeit vor Ort immer so kurz und ausgefüllt, daß ich keine Zeit für einen vergnüglichen Abend fand. Dies rächt sich nun wie auch manches andere, was man zu entscheidenden Zeitpunkten versäumt und unwiderbringlich verloren ist.

Seine Biographie läßt sich am besten als „Philosophy of the Boudoir“ bezeichnen, wie es The Chap bezeichnet hat. Sie ist nichts für schwache Nerven, da er mit einem gewaltigen Rundumschlag ausholte und von seiner Wiege bis heute schnörkellos seine eigenen Up and Downs beschrieb und auch mit seinem frühen Ableben kokettierte. Gewollt hat er es allerdings nicht, die Umstände seines Todes lassen keinen Schluss auf einen Suizid zu, er war sehr heiter und fröhlich in den letzten Monaten, nicht nur weil seine Biographie zur Aufführung kam, und er politisch gegen die Säuberungs- und Gentrifizierungspolitik von Soho mobil machte, auch Aussagen seiner Weggefährten lassen darauf schliessen.

Bekannt wurde er übrigens über die britischen Grenzen hinaus nicht nur wegen seiner Biographie, sondern auch, weil die USA ihm die Einreise „wegen moralischer Verkommenheit“ nicht erlaubte. Er hatte sich als Performancekünstler zuvor auf den Philippinen ans Kreuz nageln lassen und sich zu Drogenkonsum bekannt und dass er gern mit Prostituierten schlief. Übrigens hatte er ein Problem mit „Nähe“, führte meist on-off-Beziehungen und fühlte sich wohl deshalb in den Armen von Huren mit am wohlsten, Begegnungen in klar umrissenen, auch zeitlichen Grenzen, die Intimität und Nähe gewährten, denen aber keine Besitzansprüche von vereinnahmender Natur folgten. Ähnlich gehts mir übrigens umgekehrt und macht Callgirling für mich attraktiv. In der Liebe verliert man zumeist immer, insbesondere Energie, die man als ruheloser und rastloser Mensch, Künstler zum (Über-) Leben und Werken braucht.
I ll miss you Sebastian!!

Sebastian Horsley, performance artist, writer, meinem Bruder im Geiste
* 8. August 1962 † 17. Juni 2010 London


Sein deutscher Blumenbar-Verlag schrieb u.a. über ihn: „Seine Memoiren sind unbedingt lesenswert – denn »sie handeln davon, wie man im Rettungsboot tanzt. Cha-Cha-Cha!« Verena Lugert, NEON

Notiz im Independent: theres-a-fine-line-between-the-rebellious-and-the-farcical-2004813.html



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