* new pix *

Passend zum Internationalen Hurentag, der gestern begangen wurde, kam ich in den Genuss eines Photoshootings einer jungen Künstlerin, die für ihre Abschlussarbeit Frauen portraitiert, die als SDL werkeln. Es wird dazu eine internationale Wanderausstellung geben und ich habe mich gefreut, Modell zu stehen. Danke Kathrin und Nikolas!

nachgereicht (veröffentlicht 2.6.2009)

*** Das Wort zum Internationalen Hurentag ***

Heute ist der 2. Juni und damit der von den wenigsten Beobachtern zur Kenntnis genommene „Internationale Hurentag“; warum ich das erwähne? Weil die Gesellschaft nicht nur zweigeteilt ist, was Pro & Contra Prostitution betrifft und die Diskussion darum entsprechend von rigider Gegnerschaft, Herabwürdigung oder Viktimisierung alternativ: von einer völlig fehlgeleiteten Idealisierung und Romantisierung geprägt ist. Das unrealistische Bild, daß die Medien im Regelfall zeichnen, schwankt zwischen Pretty-Woman-Märchenwelten einerseits, was einer Einstiegshilfe für unbedarfte Nymphchen gleichkommt bzw. Skandalisierung und öffentliche Empörung andererseits. Allen voran ein „Gottes“ Vertreter auf Erden (!), dem nicht alle als prinzipiell unmündig bezeichneten „Schäfchen“ folgen wollen. Um es mit Peter Sloterdijk zu befragen: „liegen hier nicht tiefere Wirklichkeiten vor, die sich der Zurückführung auf hysterische Kollektivierungen und telekommunikativen Stress-Plastiken widersetzen?“ Nur durch permanente multimediale Agitation Tag für Tag lassen sich diese Bilder gesellschaftlich integrieren; der sich fortwährend reproduzierende Status-Quo erzwingt dabei Vorstellungen, daß nur unter der Qual von Gewissensbissen Leidenschaften gelebt werden dürfen und beschwört gleichfalls das Gegenteil: eine hedonistische Kultur, die im Hier und Jetzt ein glückseligmachendes Versprechen behauptet und jegliche Verantwortungen und Loyalitäten abstreift, Identität nach aussen gewendet und aufgeführt auf alterslosen Körpern: scheinbare „Individualität“ wird in die Körper hineingestanzt, ob Piercings, Arschgeweih, ob die polierte silikonisierte Oberfläche der doch immer gleichen „Typen“ und Bilderwelten von Frau und Mann: Heidi Klum ist allmächtig geworden.

In solch einem Verständnis ist der Mensch „natürlich“ Ware, allerdings steigerungsfähig; er wird selbst zum reinen Accessoire, für sich selbst als auch für andere.

Warum schreibe ich das? Weil wir im 21. Jahrhundert leben und eine Hure das Maul auf machen darf, außer zum Blasen und Schlucken. Und das verdanke ich vielen mutigen Männern und Frauen in der politischen Geschichte, nicht nur der kleinen, aber feinen Bewegung der „International Sexwork Rights Movement“, eine soziale Bewegung, die sich erst spät und global herausgebildet hat.

Umgekehrt, und ich bin wahrlich kein Engel, komme ich mir fast wie eine Exorzistin vor, wenn ich an diesem Tag daran erinnern möchte, daß Doppel-Moral und Heuchelei immer noch den Umgang mit Sexwork bestimmen; egal ob Escort, Puffbesuch oder Strassenstrich. Der „Selbst-Ekel“, den viele Männer als Kunden, aber auch viele Frauen als Sexworker empfinden, teilweise durch Kompensationskäufe ausgleichen, resultiert ja nur daraus, weil sie selbstverständlich die normierten Messlatten anlegen, sich aufhalsen, was gesellschaftlich erwünschtes und unerwünschtes Verhalten betrifft.

Tabubruch und Selbstbestrafung resultieren doch hauptsächlich aus der tradierten christlichen Kultur und es ist Zeit, doch ohne schlechten Gewissens einfach die Zeit zu geniessen zu „dürfen“, mit einer attraktiven, geilen Lady unkomplizierten Sex zu haben und seine Phantasien zu leben.

Auch wenn ich Sex nach wie vor als die natürlichste Sache der Welt begreife, trifft dies auf Prostitution nicht zu, auch wenn ich auf diesem Parkett aktiv bin. Ich kann weder behaupten, „stolz“ darauf zu sein, wie manche behaupten, noch verachte ich mich dafür, warum auch?! Ich betrachte es nicht als Hobby, sonst würde ich dafür kein Geld annehmen, sondern als eine Form der Erwerbstätigkeit, i.d.R. Männern, manchmal Paaren, selten Frauen, Entertainment, intime Lust und Vergnügen zu bereiten, das ist mein Zuständigkeitsbereich, der sich m.E. in jeder Hinsicht von allen anderen „Berufen“ abhebt. Ich treffe zumeist sympathische, nette, oftmals gute Männer-Menschen, die ich in gewisser Weise als Verbündete betrachte und die ich noch nicht einmal auf den „Status“ Kunde, Gast, Freier reduzieren kann, weil es m.E. einer intimen Begegnung nicht gerecht wird, schlicht: weil sie mich ernähren, was ich trotz akademischer Ausbildung auf höchstem Niveau durch meine sonstigen Tätigkeiten (noch) nicht ausreichend tun kann, so ist das eben heutzutage…. Auch ermöglichen mir gelegentliche Dates dadurch einen gewissen Spielraum an Freiheit und macht mich in gewissem Sinne „reich“, natürlich sind nicht irgendwelche Güter gemeint, die ich persönlich nicht anstrebe, sondern meine geistige Unabhängigkeit. Dafür bin ich dankbar! Mit dieser Einstellung, die mich von Anbeginn in diesem Job begleitet, bin ich sehr gut gefahren und die Herren danken es mir umgekehrt: also eine gute bis sehr gute Performance bin ich ihnen schliesslich schuldig, egal wie kurz oder lange ein Date vereinbart ist. Dabei wirke ich noch nicht einmal „professionell“, höchstens erfahren, sensibel, einfühlsam; ich habe gelernt, meine Grenzen zu ziehen und die anderer zu respektieren. Nichts anderes erwarte ich von meinen Gästen und generell von Menschen, die mich umgeben.

Wenn man sich aufgrund lehrreicher Erfahrungen konsequent negatives vom Hals hält und umsichtig agiert, Sicherheitsstandards einhält (eine gewisse Angst und Unsicherheit im Hinterkopf ist für eine Dame in diesem Gewerbe sogar sehr gesund, weil es einen vorsichtig werden läßt, mit wem man sich trifft), kann man sich auch auf jede neue Begegnung freuen, insbesondere, wenn man sich am Telefon für sympathisch befunden hat.

Prostitution/Paysex war und ist nun einmal in der Welt – es gibt keine globale Swingerparty, leider, also keine „befreite“ Sexualität – und es geht darum, sie zu gestalten, im Hinblick auf Respekt und Menschenwürde, Rechtssicherheit etc. Dabei bringt es nichts, weinerlich zu werden und zu akklamieren, daß wir doch „auch nur“ Menschen sind, wie ich es oft beobachte. Jeder Sexworker ist natürlich Mensch und seine Identität läßt sich nicht auf eine Funktion reduzieren, wie jeder verschiedenen sozialen Rollen gerecht werden muss; umgekehrt ist Sexwork natürlich Teil der Identität, je besser man diese Praxis in sein Leben integrieren kann, umso gesünder für die Seele. Gilt auch für die Herren der Schöpfung; was nützt der beste Sex, die schönste Form der Kommunikation mit einer attraktiven Frau, wenn man hinterher von Gewissensbissen geplagt ist, anstatt entspannt und zufrieden nach Hause zu fahren.

Da die allgemeine Sichtweise immer noch von der Vorstellung getragen wird, eine Hure ist erst einmal eine Hure und kein MENSCH, habe ich vor längerer Zeit beschlossen, Sexwork Aktivistin zu werden, auch wenn die Selbstermächtigung und das erforderliche Selbstbewußtsein sehr viele potentielle Gäste abschreckt, zumindest unter aktiven Lesern in diversen Foren. Zum Thema während eines Dates wird es im Regelfall nicht, außer jemand möchte es ganz genau wissen. Und es gibt partnerschaftlich denkende Männer, die mein Wirken als Gewinn begreifen und darüber freue ich mich natürlich sehr.

Zum diesjährigen internationalen Hurentag möchte ich einfach daran erinnern, daß ein Mensch mehr als „Loch“ oder „Ware“ ist und werde nicht müde daran zu erinnern. Wer so denkt, vor dem ekel „ich“ mich und möchte ich auch niemaaaaals kennenlernen. Dies widerspricht sich auch nicht mit dem Durchspielen von Porno- und sonstiger Phantasien, schliesslich sind wir triebhafte Tiere. Es geht als Aktivistin (Hilfe!! wie das klingt, zumindest in deutschen Ohren) „nicht“ um eine wie auch immer geartete Prominenz, sondern um diskrete politische und notwendige Lobbyarbeit, alternativ: künstlerische Arbeit, wie ich es mittlerweile vorziehe, um Schubladen-Gedenke aufzubrechen, um Irritationen zu verursachen! (gilt auch als Hinweis zur Lektüre meines Blogs, wo ich Fiktion und Wahrheit regelmäßig verschmelze, besonders wo es privat wird). Geistige Selbstbeschränkungen sind m.E. nicht gesund; sich dies selbstkritisch bewußt zu machen, darin liegt ein ungeheurer Reichtum und Freiheitsmöglichkeit.
Sich gegenseitig mit Anstand und Respekt zu begegnen, was im Prinzip eine Selbstverständlichkeit sein sollte, damit lebt es sich (auch beim Paysex) besser und vor allen Dingen zufriedener, wie die ZEN-Meister wissen.

Frauen/Männer in diesem Gewerbe müssen sich also überhaupt nicht „dafür“ schämen, dazu gibt es weder Grund noch Notwendigkeit, auch wenn die gesellschaftlichen Zuschreibungen mehrheitlich verächtlich und stigmatisierend wirken (Labelling Effect!) und sind zumeist aus eigenen Ängsten und Unfreiheit gezeugt. Schämen können sich all jene, die mit dem Finger auf andere zeigen und die gefährliche Moral-Keule schwingen, auch jene, die – Mann oder Frau – dem Gewerbe abgeschworen haben und sich wie fundamentalistische Nichtraucher verhalten.

Ich wünsche allen einen sonnigen Tag und ein Lachen im Herzen!
Ariane



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