meinen Hurenfreunden gewidmet

Erst durch eine sehr intime und vor allem ehrliche Email-Korrespondenz mit einem Unbekannten, bin ich auf die „Erinnerung an meine traurigen Huren“ von Gabriel Garcia Marquez aufmerksam geworden, eine Pflichtlektüre für alle Huren-Freunde:

„Ich habe nie mit einer Frau geschlafen, ohne
dafür zu zahlen, und die wenigen, die nicht
vom Gewerbe waren, überzeugte ich kraft Vernunft
oder Gewalt, das Geld anzunehmen, und
sei es nur, damit sie es später in den Müll warfen.
Ich war um die Zwanzig, als ich begann,
ein Verzeichnis anzulegen, in dem ich Namen,
Alter, Ort und eine knappe Gedächtnisstütze
über die Umstände und die stilistischen Eigenarten
notierte. Bis zu meinem Fünfzigsten waren
es fünfhundertvierzehn Frauen, mit denen
ich mindestens einmal zusammen gewesen
war. Ich führte die Liste nicht weiter, als der
Körper nicht mehr so viel hergab und ich
nichts Schriftliches brauchte, um den Überblick
zu behalten.“ Quelle

Manchmal denke ich wie ein Mann, hat mir auch mal ein Forenmitglied geschrieben, obwohl ich eine Frau bin, zu 100% biologisch und freilaufend. In Internet-Foren bekommt man höchstens eine Ahnung, was in den Köpfen der Männer, die P6 suchen, vor sich geht. Anders verhält es sich mit „echten“ Begegnungen, die diesen Namen verdienen, oder mit der erwähnten Email-Korrespondenz mit einem Unbekannten, mit dem ich eine gewisse Vertrautheit teilen darf, weil er mir Einblicke in sein Intim- und Innenleben, auch sein P6-Leben gewährt. Wer zu mir durchdringt hat schon gewonnen.
Mir ist natürlich klar, daß meine „Halbstarken-Attitüde“, die ich aus Selbstschutz extra vortäusche, viele Kleingeister abschreckt, das ist ja der Sinn der Sache. Ängstliche, ich-schwache Narzißten, die eine (P6-) Mutti suchen und in ihrer eigenen perfekt-perfiden Art dazu neigen, Kontrolle auszuüben, sind bei mir eh an der falschen Adresse (sic!). Es macht nur wirklich Freude mit selbstreflektierten, sensiblen, intelligenten Menschen umzugehen, Mann wie Frau, die schwach sein können und nichts und niemandem meinen, beweisen zu müssen. So einfach ist das.

Wahre Hurenfreunde sind m.E. jenseits einer „Fach-Stecher-Fraktion“ angesiedelt, jenseits von „Pferdemarkt-Fachgesimpel mit Einschubtiefe, Hupengröße und Stöhn-Phonzahl“ (O-Ton meines unbekannten Korrespondenten).

Ich habe kürzlich eine sehr schöne Begegnung mit einem Literatur-Freund gehabt, um ihn mal so zu benennen. Wir haben zusammen gelacht, gesexelt und orgasmiert und sogar geweint bzw. ich, aber später wieder gelacht, gegessen und einen kleinen Spaziergang durch die Spandauer Vorstadt gemacht. Geweint?!
Ja. Ich weiss nicht mehr genau, wie wir darauf gekommen sind. Ich glaub, er fragte wohl, ob ich eine Hure X kenne, die vor längerer Zeit bei XY gewerkelt hat. Ich verneinte. Er erzählte mir, daß er sie privat bei einem Fight Club in den Strassen Berlins kennenlernte und er als Retter in der Not hinzusprang, sich daraus eine Art freundschaftliche Bekanntschaft entsponn und er so erfuhr, daß sie u.a. eine Hure ist und bei XY werkelt. Aber auch eine Sängerin, deren Karrieretraum nicht so richtig funktionieren wollte und sie so ihre ungestillte Sehnsucht gelegentlich ertränkte, sie sich offenbar über Jahre, aufgrund des Crème Caramels ihrer Hautfarbe, rassistischer Idioten erwehren mußte und keine Auseinandersetzung scheute, sie, tapfer und mutig, über all das genannte ganz deprimiert wurde, bis er eines Tages erfuhr, daß sie sich verabschiedet hatte von dieser Welt, endgültig, sie sich also umgebracht hat, um den Schmerz und das Gefühl des Scheiterns, die Unmenschlichkeit um sich herum abzutöten.
Und als er mir so von ihr erzählte, im Sitzen gegenüber, auf dem durchgewühlten Laken, mußte ich einfach weinen, weil ich ahnen konnte, wie sie empfunden hat. Es brach mir regelrecht das Herz und zum Trost haben wir danach einen Teller leckeres Falafel verspeist, sind die Oranienburger Strasse entlang promeniert, dann die Friedrichstrasse und er zeigte auf ein Haus, nahe am Berliner Ensemble, wo Thomas Brasch zu Ostberliner Zeiten gelebt hatte und seine Stammkneipe war. Und er erzählte mir noch viel mehr, vom rastlosen F. Jung und seinem Ausflug in die Wuhlheide, und als aktuelle Empfehlung riet er mir zu Helmut Krausser’s „Einsamkeit und Sex und Mitleid“, amüsante Stories, die mich zum lachen bringen, die Geschichte mit dem Callboy ….

also danke meine Hurenfreunde, für eure ehrlichen Worte und intensiven Begegnungen, und dass ich Anteil an eurem Leben nehmen darf, im Guten wie im Schönen, manchmal auch traurig Tragischen, es gehört nunmal dazu, zum Leben. Also mir braucht keiner ein Geschenk mitbringen, einen Parfumflakon oder Blumen, auch wenn ich mich über Blumen schon gefreut habe wie Harry Lego, am besten nur sich selbst mitbringen, und offenen Herzes und geputzten Schwanzes mit mir ins Bett springen, das genügt mir.

So, die Sonne lacht da draussen in diesem an Sonne armen Frühling,
ich muß jetzt los, mir eine langweilige Vernissage mit wahrscheinlich noch langweiligeren Plastic People reinziehen … aber vielleicht habe ich ja Glück und es wird nett.

bonne weekend!



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