Maulheldin

Blasen und Lachen, geht das? Nein, nicht gleichzeitig, sondern davor oder danach. Ich meine, unterhalten Sie sich manchmal mit der Dame, der Sie horizontal begegnen? Über Aschewolken, Samenstau, Inflationsängste und Finanzanlagen? Soll ja vorkommen, real. Dann seien Sie gewarnt. Gespräche und Humor verhalten sich zu Erotik und Genitalverkehr wie der Teufel zum lieben Gott. Besser ein Schweigegelübde ablegen und rauf auf die Gretel. Alternativ ein befreiendes Stöhnen oder Lachen während oder nach dem Orgasmus. Das sind die Töne, die man hören möchte, oder nicht?!

Im Internet und P6-Foren blödel ich über manche Erfahrungen rum, aber nun hat es sich ausgeblödelt. Manche Männer verhandeln das Thema P6 mit bierernster Miene und korrigieren einander mit Rotstift. Da verteilt man auch virtuell Noten an die Damen der Horizontalen, ähnlich wie die Stiftung Warentest. Zu dieser Logik passt auch, dass man XL Leistung zu XXS – also Schnäppchen- Preisen anpreist (die Begriffe allein … würgen mir einen regelrechten Kotzreiz empor „Schnäppchen“, „absolutes No-Go“, „auf Augenhöhe“, „…pur xyz“ , allesamt „no-go’s“, also Unwörter des Decennium).

Ergebnis: manch eine Dirne wirbt in Berlin auch heute noch mit Preisen „wie zu 1977“. Die Finanzkrise ist im horizontalen Gewerbe also schon lange angekommen. Erst pünktlich zum Mauerfall, ein Schub später zur sog. „Währungsreform“, als der Durchschnitts-Verdiener begann, den gefühlten Teuro dreimal umzudrehen. Und es gibt die Zeit nach der Ost-Erweiterung und nach Hartz IV, seitdem sich Flatrate-Verkehr nicht über mangelnden Zulauf beklagen kann. Preis-Dumping verhält sich ähnlich wie Lohn-Dumping. Es fragt sich nur, welche Seite gewinnt. Vermutlich keine, weil beide dabei arm werden. Wer gewinnt immer? Die Bank, also hier der Vermittler, die Puff-Mutti oder Agentur-Betreiber, gelegentlich der Zuhälter, der mittlerweile ebenfalls um Hartz IV anstehen muß. Ich hab da kein Mitleid.

Dann gab es die Zeit, als Politiker und Wissenschafter uns einreden wollten, daß das, was man fühlt, nicht „echt“ sein kann, und wir winkten ihnen für ihre warmen Worte mit der leeren Lohntüte hinterher.
Ja, die guten alten Zeiten eben, als eine stolze Hure ohne Küssen 20.000 DM monatlich einstrich, sind schon laaaaaange vorbei. Der Stolz ist ihr ja nun auch ausgetrieben, seitdem sie sich mit dem Prostitutionsgesetz als „Dienstleisterin“ schimpfen und das leere Staatssäckel mit Steuern aus Massage und Verkehr füllen darf. Hurra, bitte merken, 2. Juni, Welt-Huren-Tag, ein Tag, den keiner kennt, wie andere Minorities, Kinder, Frauen, Tiger, Wölfe, Pfaffen, die noch keine Kinder betatscht haben … hurra!

Schade eigentlich, ich war mal wieder die (ewige) Nummer 2, also begann zu spät als Callgirl zu werkeln, auf der Zeitschiene betrachtet, mit meinem selbstbestimmten Anstossen gegen die guten Sitten.

Irgendwie sind die Zeiten doch trost- und humorlos geworden, trotz oder wegen Mario Barth ….. Umso wichtiger wiegt P6 im Alltagsleben unserer Mitbürger, alternativ virtuelles Gewichse in Internet-Foren im Kampf gegen die Langeweile. Oder etwa nicht?!

Nicht erst seit der aktuellen Chaos-Politik und der unerträglichen Langsamkeit des „Aus-Sitzens“, einer „gefühlten“ Total-Insolvenz, ja man kann sagen „leerer Hirne“ von Innovations-Verhinderern, die seit einer ebenso gefühlten Ewigkeit dazu verdammt sind, das Land zu regieren – Moment, ich twitter das der „Mutti“ mal schnell ins Kanzleramt … so erledigt … – bekommen wir also echte Hämorrhoiden vom Aus-Sitzen, aua, es schmerzt regelrecht, nicht nur bei mir, aber ich tu was und steh auf, weshalb ich letztes Jahr auch auf die Idee kam, als Stand-up, also in echt, meine Kommentare zur Lage, zum Stellungswechsel ins Gästebuch der Nation zu zwitschern.
Auf einer kleinen, dunklen muffigen Bühne in London. Gage: eine Flasche Sekt mit Strohhalm, die ich während eines Auftritts regelmässig wegschlürfen muß. Allerdings nur noch in England, weil man sich in Berlin eine Flasche Sekt nicht einmal leisten kann, nur eine Pulle oder halbes Kasterl Bier, worauf ich herzlich gerne verzichten kann, will sagen, daß also mein Humor nicht wirklich ankommt und man hierzulande drei Stunden nach der letzten Pointe noch darüber nachgrübelt.
Nun hat die Vulkanasche auch mir meine persönlichen Grenzen aufgezeigt und trotz zweimaliger Umbuchung konnte die Rakete nicht abheben. Es ist zur Zeit nicht easy mit dem Jet-Set, also aus Berlin raus zu kommen. Eine Rakete, die nicht fliegen kann, verhält sich in etwa zu einer Hausfrau, die nicht blasen will oder kann, verhält sich wie pralle Erotik zu manch bierernsten Typen im Bordell oder virtuell; dabei möchten wir doch nur gutgelaunte Männer treffen, die sich auf intime Momente freuen, und sei es nur, um „Druck“ abzulassen. Womit ich die Kurve zu meiner Eingangsfrage bekommen habe.

Sex ist gesund für Stressabbau, Trieb- und Samenstau, aber wir sind nicht die richtige Adresse für „Frust-Abbau“. Hier wird manchmal was verwechselt, das man auch im Internet verfolgen kann. Internet-Foren in Sachen P6 wurden ursprünglich eingerichtet, damit Männer sich anonym über Damen „wie uns“ und ihre jeweiligen Vorzüge informieren können, ein legitimer Wunsch, wie ich finde. Dann kaperten immer mehr Schreiberlinge die Foren, um eine virtuelle Weltöffentlichkeit an ihren erträumten P6-Begegnungen, narzißtischen Konklusionen und persönlichem Leidensdruck teilhaben zu lassen. Schliesslich lud man Escorts, Callgirls, Modelle, Puff- und Agenturbetreiber zum Erfahrungsaustausch hinzu.
Mittlerweile schreiben selbst Callgirls öffentlich Tagebuch und nutzen Blogs als Kommunikations- und Werbeplattform. Und was passiert? Die Escorts/Callgirls/Huren werden menschlich, allzumenschlich. Und auch potentielle Kunden, die sich mit anonymen Nicks auf entsprechenden Plattformen aktiv tummeln, werden manch interessierter Leserin immer vertrauter, fast wie ein Freund, oder ein Feind …. Die Konsequenz: je mehr man herausfindet, wie das Callgirl X oder der Kunde Y tickt, umso mehr verliert P6 sein Geheimnis, die Spannung, also eigentlich alles, wofür das sog. Rotlicht steht. Den letzten unbekannten Rest zerren die Medien in reisserischer Manier ans Licht, also ins TV. Das Geheimnis offenbart sich vollends und wird … damit uninteressant.
Dabei möchten die meisten Männer doch lieber das Klischee einer Hure vögeln, alternativ Pretty Woman oder?! Wenn Huren ihnen zu menschlich werden, erinnern sie einen an die Freundin oder herum krittelnde Ehefrau, also das Gegenteil von dem, was man im P6 sucht. Einfachheit, Klarheit.
Daher rate ich schreibenden Damen aus eigener, leidvoller Erfahrung: schreibt nix, laßt euch beschreiben, bewerten, bezahlen und fertich und tragt nichts zur virtuellen Truppenbetreuung in manchen P6 Foren bei. Selbst wenn mal eine „Bewertung“ negativ ausfällt, shit happens. Eine gute Bläserin und Kurtisane findet immer ihre Gäste und Stammgäste. Laßt euch nicht virtuell in Diskussionen reinziehen; viele Schreiberlinge mit Geltungsdrang nutzen diverse Plattformen einzig nur, um Dampf abzulassen, und diese Lektüre stimmt meist nicht hoffnungsfroh, sondern haut eher aufs Gemüt der unbescholtenen Anschaffbraut oder sog. High Class Escort Dame; selbst wenn ihr euch intelligent, charmant oder wortgewandt präsentiert, es ist letztlich geschäftsschädigend und schreckt die Leserschaft nur ab. Ausser ihr witzelt, macht einen auf naiv und doofi, das kommt in dieser leeren Runde immer an.

Es ist sinnvoll, nur bei einer echten Begegnung das Gespräch zu suchen, also von Angesicht zu Angesicht, wenn überhaupt. Wenn man denn überhaupt sprechen möchte, also besser nach dem Akt, wenn man den Mund nicht mehr voll hat. Also Gretel mit Schnittstelle und Anschluss-Kommunikation ist das Rezept und kein virtuelles Salbadern. In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein sinnfreies Vögeln und eine unbeschwerte Zeit! Und das ist es, worauf es letztlich ankommt.


2 Kommentare on “Maulheldin”

  1. Stephan sagt:

    Gerade weil ich Dienstleister im angrenzenden Unterhaltungsgewerbe bin, habe ich ähnliche Gedanken und kann Dir nur zustimmen.

  2. Giuliettta sagt:

    Freut mich, von Dir gelesen zu haben.
    Sehr schön geschrieben, und hinterlässt Dein Prädkat.
    Alles Gute, Du stolze Frau
    Giulietta


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