Haute Dolly

„Ich bin ein Mensch, nicht nur ne Nutte“
Homestory

Ich empfand schon eine leichte Nervosität, als ich Ariane anrief und sie um ein Interview bat. Sie ist Independent Escort in Berlin & London und ist für ihre Ehrlichkeit bekannt, nicht gerade auf den Kopf gefallen, insbesondere im Umgang mit Reportern.

Man sagt, das Gehirn sei das größte Sexualorgan, daher nahm ich auf Anfrage der Redaktion die Herausforderung an. Ich kannte bereits ihren Webauftritt, der verhaltener ausfällt als ihre originellen Werbeanzeigen, die ich mit grosser Leselust regelmässig verschlinge. Aber nichts hat mich auf das vorbereitet, was kommen sollte; ein leicht anzügliches, unerzogenes, mitreissendes Erlebnis, das mich in Berlin an einem strahlenden Herbsttag erwartete. Ariane empfing mich am späten Vormittag in ihrem Berliner Salon, unweit des Hackeschen Marktes und einen Steinwurf vom Bode-Museum entfernt. Die vier Treppen nahm ich spielerisch in Angriff und als ich leicht ausser Atem die letzte Stufe erklomm, empfing mich gleissendes Sonnenlicht, das durch einen Lichtturm fiel, und da stand sie: in einem eleganten, schwarzen, leicht transparenten Hausmantel, der um den Körper mehrfach geschwungen war und nur von einem Satin-Band gehalten wurde, sodass ich gewisse Konturen erahnen konnte; ihre leicht gewellten kastanienroten Haare waren hochgesteckt, nur roter Lippenstift aufgelegt, die grünen Augen funkelten mich an. Ich war einigermassen überrascht, denn ich hatte sie als kokette Blondine in Erinnerung. Sie freute sich, dass ich sie „erkannte“ und meinte auf mein sichtbares Erstaunen, dass sie mal eine Auszeit von dem „Nutten-Look“ gebraucht hätte und sich einfach im Spiegel mit ihrer natürlichen Haarfarbe sehen wollte. Time for Change, lacht sie, zumindest äußerlich, aber auch sonst scheint bei ihr einiges im Wandel zu sein (in der Zwischenzeit ist sie wieder erblondet, die Red. Stand: Okt. 09).

Ehrfürchtig trat ich durch die Tür und Ariane erlaubte mir einen Einblick in ihr privates Refugium, dass sie nur selten jemandem gewährt. Ich wurde auf Wunsch zunächst herumgeführt; es ist eine Atelier-Wohnung mit dazugehörigem Loft; im Eingangsbereich empfing mich ein grosser Strauss orange-farbener Gladiolen, in allen Räumen hängen wunderschöne gross- und kleinformatige Bilder in leuchtenden Farben, zumeist abstrakte Kompositionen; im Hintergrund plätscherte leichter Dub-Sound und sie erklärte mir, daß der Grossteil der Bilder „diskrete Malerei“ sei, diskret, weil das künstlerische Verständnis des Malers sich u.a. der diskreten Mathematik verdanke. Der Maler, erklärt sie, ist zugleich Musiker, der auch die seltsam schönen Sounds im Hintergrund komponiert hat.

Ich fühle mich wie in einer anderen Welt, hoch oben über den Dächern von Berlin und mein Blick fällt aus dem Fenster, wo ich die rasselnde Tram am Monbijou-Park entlang fahren sehe, im Hintergrund die goldene Kuppel der Synagoge leuchtet; eine angenehme Ruhe breitet sich in mir aus. Wir gehen in ihren Salon und sie bietet mir eine Tasse Tee an und ich lasse mich in den roten Sessel fallen, italienisch, Retro, ich schätze auf frühe 70er und tippe richtig. Sie erahnt meinen Gedankengang und kommentiert, daß sie keine neuen Möbel schätze und sie die Dinge, mit denen sie sich umgibt, im Laufe der Jahre gesammelt hat. Einen alten Bauhaus-Schreibtisch aus massiven Holz entdecke ich ebenfalls. Dort schreibt Ariane also ihre frechen Postings, die sie in verschiedenen Blogs und Foren einstellt. Ein unaufgeräumter Schreibtisch mit vielen Zetteln, Notizbüchern, eigenartige Figuren tummeln sich dort; auch ein angebissenes Marmeladen-Brötchen; sie war gerade am frühstücken, entschuldigt sie sich, und dass sie gerne alle Mahlzeiten am Schreibtisch oder im Bett einnehme; das sei entspannter denn am Küchentisch, der ebenfalls mit seltsam getrockneten Pflanzen und Figuren überzogen ist. Ich sehe einen Wellensittich aus Keramik und Ariane berichtet, daß sie ihn kürzlich in Hamburg bei einem Streifzug durch St. Pauli in der Detlev-Bremer-Strasse entdeckt hätte, zusammen mit einer Lotusfrucht, gleich gegenüber vom Sexy Eyeland, in einem wunderschönen Blumenladen, der sie vom Arrangement an London, ihrer zweiten Heimat, erinnert hätte. Die Lotusblüte steht in Asien und im Buddhismus für Reinheit, Schöpferkraft, Treue und Erleuchtung; korrespondiert auch mit der Bedeutung ihres bürgerlichen Vornamens, der aus dem hebräischen stammt und ausgerechnet mit Keuschheit übersetzt wird. Sie lacht. Womit wir beim Thema sind.

Sie erzählt mir, daß sie üblicherweise Outcalls anbiete, also Hotelbesuche und Begleitung, ganz selten auch einen Hausbesuch, nur wenn sie beim Kontakt einen sehr positiven Eindruck vermittelt bekommt oder sie jemanden bereits kennt; seit kurzem empfange sie auch gelegentlich, denn es hatte sich angeboten, daß insbesondere Herren, die sie kenne, kein unpersönliches Hotel vorziehen, insbesondere wenn sie in Berlin leben und arbeiten. Es hat sich gezeigt, daß ihre auf äußerste Diskretion bedachten Kunden das Angebot sehr dankbar aufnähmen, nur komme ein Besuch bei ihr selten vor; zum einen wünscht sie selber Diskretion, ihr Salon sei schliesslich kein Bordell, wo Laufkundschaft vorbeikommen kann, sondern eine angenehme Ausweichmöglichkeit und Alternative. Auch werde die private Atmosphäre geschätzt.

Sie führt fort, daß sie zwar sehr abenteuerlustig sei und sinnliche, erotische Freuden aller Couleur geniesse, aber dabei erfahren genug, gesundheitliche Risiken zu meiden, wie sie es sich auch von ihren Spielgefährten wünscht; gegenseitiger Respekt, Diskretion und die Wahrung gewisser Sicherheitsstandards sollten für beide gelten; daher geht sie bei einer Date-Anbahnung sorgfältig vor, weshalb eine gewisse Bescheidenheit, auch die finanzielle Seite betreffend, durchaus angebracht sei. Es sei nicht notwendig, extreme Honorare zu fordern, auch wenn sie es durchaus könnte, wenn sie sich entsprechend vermarkten würde. Dies würde womöglich die falsche Zielgruppe ansprechen …. lacht sie. Auch sei ihr fremd, Geld für Luxus auszugeben. Ariane spielt auf ihre Herkunft an und zeigt Bodenhaftung, denn sie erfuhr zwar einen gewissen materiellen Wohlstand, sah aber, wie hart dieses Geld verdient wurde, insbesondere wenn der Vater Unternehmer, Mittelständler ist; von aussen sähe man immer nur die Accessoires wie ein teures Auto oder eine schöne Cartier Uhr am Handgelenk der Eltern. Das waren meistens Kompensations-Geschenke an sich selbst, wenn man einen 16 Stunden Arbeitszeit tagtäglich hatte und wenig Zeit fürs Private und sonstige Aktivitäten übrig blieb und erzählt, wie ihr der Sozialneid von Kindesbeinen an entgegen schlug, weil der Vater Unternehmer war; man erwog, ein Internat zu besuchen, aber sie entschied, mit ihrem Vater zusammen zu leben und ihn nicht alleine zu lassen, vor allem nach dem Weggang der Mutter.

Eigentlich wollte sie ursprünglich Journalistin werden, entschied sich dann aufgrund des Zuratens ihrer Professoren für eine Hochschullaufbahn, ein Fehler, den sie heute bereut. Diese geistige Enge sei überraschend gewesen, mit der sich regelmässig konfrontiert sah, die sog. „Schulen“, die nachgebetet wurden, ein regelrecht totalitäres Denken teilweise, so fand sie heraus, was eine holistische Sichtweise ausmacht und von der sämtliche Fakultäten durchzogen zu sein scheinen. Es war sehr freudlos, darauf hingewiesen zu werden, bitte bestimmte Namen wie Adorno oder Begriffe wie „neoliberal“ nicht in Vorträgen zu erwähnen, natürlich vor der Wirtschaftskrise; bestimmte Wissenschaftler werden hier- und anderswo wie Persona Non Grata gehandelt, als stünden sie auf dem Index. So weit ist es schon gekommen, daß bei sämtlichen modernen Denkern, z.B. der Dialektik, die Keule herausgeholt wird und sie unter General-Verdacht gestellt werden. Die System-Frage wird daher auch seit 1990 mittelbar und immer wieder gestellt. Das politische Kalkül ist natürlich klar.

Sie selber, so erzählt Ariane, entstamme ja einer ost- und westdeutschen Familie, der väterliche Zweig sei im Osten enteignet worden und in den Westen geflüchtet, der mütterliche Zweig sei vor drei Generationen vom Judentum zum Christentum konvertiert, vor Pogromen vom Osten in den Westen geflüchtet, Konversion als lebensrettende Massnahme. Sie persönlich kann mit Blut & Boden Mystifikationen nicht viel anfangen, auch nicht mit der orthodoxen Sichtweise, daß das Judentum über das Blut der Mutter vererbt werde. Alle Formen kollektiver Identitätssuche mit fundamentalistischem Gestus seien ihr suspekt.

Als Freigeist war ihr ein Glück in der akademischen Lehre nicht vergönnt, sie entschied radikal, ihrem Leben einen Wechsel zu geben, die Lust und die Schönheit sollten von da an Freudenbringer sein. Sie sah sich selbst nie zur Künstlerin berufen, eher zur Lebenskunst; mein politisches Herz hat ja nie aufgehört zu schlagen, verkündet sie, und so verbinde sie nun beide Interessen und verknüpft ihren libertären Lebensstil mit eigenem Wirken in der „International Sexwork Rights Movement“.
Auch hätte man an ihr ein gewisses Talent für Komik und Tragikomik entdeckt, und so kam sie in diesem Frühling zur Performance-Kunst und auf die Bühne und spielt im nächsten Jahr in London Theater, in einer Neuadaption von Frank Wedekinds „Lulu“. „Ist das nicht herrlich?“ Und sie freut sich sichtlich über diese unerwartete Chance, die das Leben ihr bietet. Ja, dankbar sei sie, insbesondere, da dieses Jahr reich an familiären Schicksalschlägen war; es sei wie ein Geschenk, daß ein ganz anderer Anlass sie von nun an nach London treibe, nicht mehr die Wissenschaft oder irgendwelche Sex-Parties wie in früheren Jahren, sondern die Kunst. Derweil schreibt sie an einem Buch, aber keine Schauergeschichten aus dem Leben sog. Prostituierter, meist Abrechnungen mit dem Gewerbe, die sich gut verkaufen lassen und die feuchten Träume von Verlegern befriedigen, dies interessiert sie nicht und geht auch an der Realität völlig vorbei, wenn allein die Opferschiene bedient wird oder der Voyeurismus der Leser. Nein, ihr Buch sei eher als gesellschaftskritischer, satirischer Unterhaltungsroman zu verstehen, der viele Realitäten zu Wort kommen läßt. Klar, es gibt einige vergnügliche und dramatische Anekdoten aus der bunten Welt eines Escort, die unbedingt erzählt werden müssen, aber das Leben ist ja nicht Paysex allein bzw. sollte es auch nicht sein, genauso wie viele Männer mehr darstellen, denn nur Kunden sind. Weshalb sie auch die Reduktion auf „Sexarbeiterin“ oder „Freier“ in Diskussionen nicht mag. „Die Begriffe klingen fürchterlich … es begegnen sich zwei Menschen unter bestimmten Rahmenbedingungen, die top secret sein sollten. Jeder kauft sich ein Stück Freiheit und Lust ein.“ Es sei schliesslich jedem selbst überlassen, wie er sein Leben führt, weshalb sie sich generell einen liberaleren Umgang mit Sex und Erotik – jenseits der Generation Porno – wünschen würde, dies würde auch zu einer Aufwertung von Paysex führen, ohne Gewissensbisse und moralische Anklage. Dies sei doch einfach nur heuchlerisch und „zum Kotzen“. Auch sei den vielen selbstbestimmten Frauen nicht gedient, wenn das Thema in den Medien reisserisch bedient wird und zumeist in einem Atemzug mit Menschenhandel und Ausbeutung genannt wird. Das sind verschiedene paar Schuhe, die interessengeleitet vermengt werden. Die Medien machen sich zu Erfüllungsgehilfen der Politik. Investigativ und kritisch sei da garnichts, Hauptsache die Auflage stimmt. Dagegen gilt es anzusprechen und anzuschreiben, damit endlich der EROS die Oberhand gewinnt und alle Escorts, Callboys, Huren die Stellung in der Gesellschaft einnehmen, die ihnen gebührt. „Ich sehe den öffentlichen Umgang mit dem Thema äußerst kritisch zu, ob hierzulande, in England oder in den USA. Mich erinnert es häufig an das indische Kastenwesen, in welchem die sog. Unberührbaren ein vogelfreies Dasein fristen müssen.“

Ihr Lotterleben wird sie wohl noch eine Weile fortsetzen, es scheint ihr gutzutun und macht sie unabhängig, ein wahres „independent“ escort eben.
Mehr Informationen zu ihren hier erwähnten Aktivitäten sind auf ihrem Nachbarblog Goldschwanz Variationen zu finden.

Claus van Pimp für „Haute Dolly“, Magazine for Escort Lovers
autumn-edition, 2009



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