Schule des Lebens

Ich habe kürzlich das Update für einen französischen Berlin-Reiseführer erstellt. Nein, kein Redlight-Reiseführer, sondern ein ganz normaler City-Guide. Ich lutsche ja nicht nur Schwänze, sondern verbringe die meiste Zeit mit dem ein oder anderen Honorar-Job. Hand-Job könnte man sagen, weil schreiben tue ich auch. Bei der Gelegenheit habe ich mal wieder darüber nachgedacht, warum um Berlin so ein Hype gemacht wird und insbesondere viele junge Menschen aus aller Welt anzieht. Job-technisch siehts eher mau aus. Ok, die Mieten sind um einiges erschwinglicher, noch, aber die Gentrifizierung ganzer Stadtteile schreitet unerbittlich voran.

Junge Franzosen oder Londoner oder Franzosen, die in London leben, schauen mich immer mit grossen Augen an, wenn sie hören, daß ich in Berlin wohne und fangen an zu schwärmen. „Oooh, Berlin it’s so fantastic.“ Ok, wir haben auch ausgezeichnete DJ’s und eine phantastische Clubszene, aber die cruisen auch durch die ganze Welt bzw. kommt die Welt zu uns.
Und da fiel es mir ein, natürlich …, Paris ist nicht nur teuer und erschwinglicher Wohnraum Mangelware, es fehlt der „Buzz“, das vielstimmige, laute, heterogene, und ist zu einer langweiligen Stadt für junge Menschen geworden. Und London ist auch nur mit zwei Brot-Jobs finanzierbar, auch wenn dort der Bär im Underground tobt.
Aber etwas anderes haut rein. Die Macdonaldisierung in den Köpfen. Das Selbst-Cloning, inkl. Silikon-Airbags und Schlauchbootlippen. Die Homogenität wird abgefeiert, nicht die Differenz. Man braucht sich nur viele Webseiten im P6-Gewerbe anschauen, auch Setcards und sog. „Wish-Lists“. Name-Dropping und Labelling allerorten. Ooh böse, jetzt verdinglische ich die schöne teutsche Sprache auch noch. Sorry, sorry, es gibt dafür keine besseren Begriffe.

Nehmen wir einmal das Rauch-Verbot. Mittlerweile hat es sich in Paris so ausgewirkt, daß immer weniger Leute abends in Clubs und Bars gehen und nicht wenige schliessen mußten. Kürzlich wurde dank bourgeoiser Anwohnerklagen sogar durchgesetzt, daß man vor Clubs, Bars nicht mehr rauchen darf. Auch tanzen in Bars soll verboten worden sein, getanzt werden darf nur in Clubs. Demnächst wird vielleicht auch das Lachen in Bars oder Clubs verboten.

In London hat sich das Rauchverbot auch extrem ausgewirkt. Viele Pubs mußten dichtmachen, noch mehr im ländlichen Gebiet. Wenn in einem Dorf vorher drei Pubs waren, hat einer davon überlebt. Man darf nicht vergessen, Bars, Pubs oder Kneipen sind sowas wie die moderne AGORA, der Marktplatz, wo man sich austauscht.
Auf die Raucher hat mittlerweile eine regelrechte soziale Diskriminierung, ja Hetzjagd eingesetzt, gab es schon vorher im gesundheitsbewußten Amerika, wo allerdings tonnenschwere Menschen das Strassenbild beherrschen. Arbeitgeber stellen keine Raucher ein, danach wird man in Bewerbungsgesprächen gefragt und man tut gut daran, die falsche Antwort zu geben. Rauchen gilt bei den Amis und Angelsachsen als asozial; quasi missionarisch raunen einem wildfremde Menschen im Vorbeigehen „stop it“ zu, wenn man unter freiem Himmel vor einem Pub oder sonstwo herumsteht und sich ein Zigarettchen gönnt. Der in den USA zu Ruhm gekommen Maler David Hockney ist im hohen Alter zurück in seine Heimat, nach England, gezogen, wohnt aber auf dem Land. In einem Interview meinte er kürzlich, daß das allgemeine Klima in London einfach gräßlich ist, weshalb er, als Raucher und Bürger, überhaupt keine Lust mehr hat, ins swinging London hineinzufahren und nur noch zuhause bleibt. Ja, so geht es mir in Berlin meist auch. Ein französischer Student hat es kürzlich während einer Bahnfahrt so beschrieben: Berlin ist vergleichbar mit deiner verrücktesten besten Freundin, London mit deiner Ehefrau, die oberflächlich betrachtet nicht allzu glamourös daherkommt, aber immer noch dein Interesse hält, und Paris ist wie deine Geliebte: schön, aber ultimativ langweilig. He he….. hat mir gefallen der Vergleich.

Jedenfalls hat auch die Langeweile in London Einzug gehalten. Die „Geeks“ sind auf dem Vormarsch. Der aktuellste Indikator dafür ist, daß die urbanen trendy „must have“ très chic brits, wie ich sie nenne, nun die Philosophie als Event entdecken. Sogenannte Schools of Life spriessen an allen Ecken, in Clubs und Cafés aus dem Boden. Virtuell nehmen Millionen an online-Vorträgen teil (check out: unter intelligence2 oder TED googlen). Ein modischer Philosoph wird eingeladen und mit ihm debattiert; andächtig lauschen relativ un- und halbgebildete modische und gelangweilte Trendsetter den Worten einer Barbara Ehrenreich, die kürzlich dem bekannten Credo des „positiven Denkens“ den Kampf angesagt hat. Sie spricht von der „Tyrannei des positiven Denkens“. Ohne verkaufsträchtige Titel hat die Philosophie überhaupt keine Chance mehr, erhört zu werden. Recht hat die Amerikanerin Ehrenreich trotzdem, nebenbei gesagt. Im angelsächsischen Raum ist das aber wirklich schlimm, die bleierne Political Correctness hat kritische Auseinandersetzungen im öffentlichen und auch im privaten Gespräch in den letzten zehn Jahren zunehmend ausgespart. Vielleicht kann man das plötzlich erwachende Interesse in die intellektuelle Neugier auch als Hoffnungsschimmer deuten. Ich habe, soweit ich das verfolge, aber eher den Eindruck gewonnen, daß es sich um einen sog. „Brain Fetish“ handelt, weil die Leute die Schnauze vom unüberhörbaren Zynismus allerorten voll haben. In den Nachrichten kommen ausschliesslich schlechte, meist dramatische Nachrichten, alternativ das Promi- und Celebrity Gedöns, das unendlich langweilt. Daher gibt es wohl diesen Run auf Brain-Nurturing, der Pflege des Geistes. Obwohl; in einer Copy & Paste Gesellschaft kommt man gedanklich nicht viel weiter. Siehe der Hegemann-Skandal, einfach peinlich.

Ich hoffe, der nächste Trend, der ausgerufen wird, gilt der Pflege des Eros. Würde auch mal Zeit werden. Vielleicht sollte ich demnächst online eine TED-Debatte initiieren und dort eine 18-minütige Vorlesung halten (18-Minuten sind dort festgeschrieben), über meinen Lieblingstext von Plato, das Gastmahl bzw. als Symposion bekannt. Und dies aus der Sicht eines Callgirls. Vielleicht auch einen Vortrag zum Empathie-Faktor.*g*
Ich bin ja sehr geübt in Lehrveranstaltungen und Entertainment und wenn es global und virtuell offenbar eine zunehmend grosse Zahl an jungen Menschen gibt, die an der Universität vorbei, nach Wahrheit und Erkenntnis streben, why not?! Da kommen meine Fähigkeiten und Bildung wenigstens zum Einsatz, zuletzt hab ich ja auch unbezahlte oder mies bezahlte Seminare in Deutschland abgerissen. Das ist ja heutzutage alles völlig normal, die Selbstausbeutung und die Vorstellung, daß Bildung keinen Mehr-Wert hat. In Grossbritannien ist jetzt auch ein Sparkurs in der Bildungspolitik eingeläutet worden, und tausenden Lehrbeauftragten, Lecturer, droht die Massenentlassung, gar das Schliessen von einigen Unis, die kein privates Geld auftreiben können. Wie denn auch, in Krisen-Zeiten?! Für unser LULU-Project haben wir auch noch nicht genügend Sponsoren finden können, weshalb sich alles elendlich verzögert.
Für UK gilt nun „Pisa Reloaded“, damit kennen wir Deutschen uns ja aus. Obwohl: wenn tausende arbeitslose Lecturer virtuell debattieren nennt sich das immerhin Diskurs.


One Comment on “Schule des Lebens”

  1. Bestimmt eine wichtige These. Ich hoffe, der Blog bleibt am Thema dran?! Im Freundeskreis vergeht kein Treffen, wo das nicht Gesprächsthema ist. Gruß von Eugenia Hagel


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