Nuttenrepublik * Chapter VI

Teil VI Mein Leben als Ehefrau oder: „Therapie der Menschheit“

Im amerikanischen Magazin „Christ & Antichrist“ spricht Regisseurin Ariane G. erstmalig anlässlich der Filmpremiere von „Whorefare“ über pöbelnde Ehefrauen, den Papst und warum programmierte Cyborgs als Ehemänner besser taugen.

C & A: Ms Ariane, der Film ist schwer verdauliche Kost. Lassen Sie uns zum Aufwärmen mit einigen Fragen zu Ihrer Person beginnen. What did you want to be as a child?
A: Sprechen Sie etwa nicht die deutsche Sprache? Die Sprache der Aufklärung? Nun, ich wollte Opernsängerin werden. Singen, spielen, forschen interessierte mich und ich probierte alles aus, begnügte mich damit, mittelgut zu sein, auch als Ehefrau.

C & A: Mußten Sie sich von irgendwelchen Träumen verabschieden?
A: Bis jetzt weigere ich mich, mich von Träumen zu verabschieden. Zum Beispiel Opernsängerin. Ich werde in diesem Leben keine Maria Callas mehr werden. Ich kann einige Lieder von Schubert vortragen, z.B. „An die Musik“. Dabei laufe ich zur besten Tagesform auf, und das morgens um 7 Uhr. Macht gute Laune. Genügt mir.

C & A: Eine pragmatische Haltung. Man senkt seine Ansprüche und kann nie richtig enttäuscht werden.
A: Es ist eine positive Haltung, die hilft, nicht zur Zynikerin zu werden, um den Schönheitsschlaf gebracht zu werden, auch um Berlin zu überleben.

C & A: Bestünde da bei Ihnen die Gefahr?
A: Bei mir nicht, aber ich habe über die Jahre viele Menschen kennengelernt und beobachtet, wie sie im Laufe der Jahre zynisch wurden. Einfach ekelhaft. Das stößt mich ab.
Zumeist ist Zynismus auf Neid zurückzuführen. Menschen haben etwas nicht, was sie begehren – und den Frust darüber lassen sie in fiesen Kommentaren ab. Übrigens eine sehr deutsche und britische Haltung. Es gibt kein schlimmeres Verbrechen als Frau klug, attraktiv und mit einem grossen Herzen ausgestattet zu sein; nur eine Eigenschaft davon reicht aus, um die Nachbarschaft fuchsig zu machen. Wenn dann noch Erfolg hinzu kommt, ist es ganz aus.

C & A: An was denken Sie konkret?
A: Die, die besonders laut über glückliche Huren oder Callboys schimpfen, sind immer die, die selber keinen hochkriegen oder keine Knatter haben, sie zu buchen, oder keinen geraden Ton singen können. Die im Museum herumstehen, über moderne Kunst lästern, hatten aber noch nie einen Pinsel in der Hand. Zyniker leiden darunter, dass sie Möglichkeiten nicht nutzen, die andere nutzen.

C & A: Darauf wird mancher antworten: wenn man sieht, in welchem Zustand die Welt ist, landet man automatisch im Zynismus.
A: Sie werden mich eine altmodische Romantikerin nennen, aber es ist doch immer besser, etwas zu unternehmen, als nur bittere Kommentare abzugeben oder?

C & A: Und was schlagen Sie vor? Die Welt ändern?
A: Ja natürlich und dabei nicht anderen Menschen auf die Nerven zu fallen. Dann doch lieber den Gang auf Autoerotik umschalten. Da tut man wenigstens was für sich.

C & A: Do you think society is harder on women than men?
A: Ooooh, jetzt sprechen Sie ja wieder englisch. Also wenn es sein muss … Yes. I definitely lead a more traditional life now than I have in the past. I had a lot less fear when I was younger. I could go off to Gomera at 17 and didn’t seem like a weird thing to do. I haven’t been afraid to end up in relationships that probably weren’t right. I think a lot of women get into a position where they are co-dependent or financially dependent and to scared to get out of the situation.
C& A: What have you learnt about relationship in your life?
A: When I was younger I was headstrong, nowadays I think things through. Wenn man jung ist, dann soll der Partner alle Ansprüche, die an ihn gerichtet sind und alle Wünsche, die auf ihn projiziert sind erfüllen; einem Kitsch-Verständnis von Liebe geschuldet, mit dem wir auch heute noch in Pilcher-Filmen und Arztromanen drangsaliert und sozialisiert werden. Wenn man erwachsen wird, wird man nicht anspruchsloser, das Gegenteil; aber die Erwartungshaltung, daß der Andere einen gefälligst glücklich machen soll, fällt weg. Gut, bei vielen hält sich die Vorstellung hartnäckig und das ersehnte Glück wird regelrecht eingefordert. Schauen Sie sich die Bestsellerlisten an, die sind ein Indikator für den Mangel, ob Glück, feuchte Gedanken u.a.
Be thankful for what you ve got … ist meine Devise. Weshalb ich auch einen androgynen Cyborg als Partner habe, den ich eigenständig programmiert habe.
Was mich immer irritierte, ist die Infantilisierung des Partners, die zunimmt, je länger ein Paar zusammen ist. Fängt mit der Ansprache mit „Mutti“ oder „Papi“ an. Auch Partnerlook, Windjacken & Co, hält sich genauso hartnäckig wie die Klein-Mädchen-Strategie, und das im 21. Jahrhundert, oder wie Feministinnen diese Strategie nennen: Macht aus Schwäche. Die eigene Bedürftigkeit wird permanent zelebriert, gar noch als Freundschaft oder Liebe ausgegeben. Dabei verstehen jene rein garnix von der Liebe und von Freundschaft, die nämlich nicht einklagbar ist, sondern immer neu ausgehandelt werden muß. Wenn da jemand permanent am Ärmel zerrt, einem den Arm ausreißt, mit Forderungen und Ansprüchen daherkommt … da schüttel ich nur mit dem Kopf. Entsprechende Probleme tauchen bei meinem Partner gar nicht erst auf. Wie es einige Frauen immer noch exerzieren, da hab ich noch nicht einmal Mitleid, da wird mir schlecht. Sorry, aber Freundschaft und Liebe basiert nicht auf Einbahnstrasse. Mir wird bei devoten alternativ kalten Frauen nicht das Höschen nass, maximal mein Beschützerinstinkt geweckt, wenn sich eine leidende Knattermime als taube Nuss erweist, also gegenüber jederweder Ansprache taub ist. Da entwickle ich sogar sadistische Phantasien, obwohl ich sonst lammfromm bin.

C& A: Dazu fällt mir die Szene aus Ihrem Film ein, wo eine Co-Alkoholikerin jammert, daß ihr Partner trinkt, aber ihm beim Trinken Gesellschaft leistet.
A: Wissen Sie, mir reichen schon die Frauen aus meiner eigenen Familie, die ein Leben lang vor sich hin litten, weil sie unfähig zum Handeln waren. Aber auf mich schimpfen. Ich bewege mich wenigstens, und sei es nur meinen Arsch, von oben nach unten. Wie kann man nur ewig so tun, als ob man ein Leben auf Probe führt?

C & A: Ohnmacht erweckt bei Ihnen Ekel und Hass?
A: Schlimmer als die Macht ist die Ohnmacht, hat mein Professor und Lehrer immer gesagt.

C & A: Empfinden Sie es nicht als Betrug an Ihrem Mann, wenn Sie mit Männern gegen Geld ins Bett gehen?
A: Ach wissen Sie, in solchen Kategorien denke ich schon lange nicht mehr. Mein Partner sagt immer, ist die Frau glücklich, ist der Mann auch glücklich; sprich gelegentliche Ausflüge in fremde Betten oder Hotelzimmer haben noch keiner Ehe geschadet, im Gegenteil. Sofern man sich nicht verliebt und der Gefühlshaushalt verrückt spielt. Kam bislang auch nur einmal vor, und da war ich durch persönliche Umstände derart geschwächt und daher anfällig für eine positive Ansprache. Daraus ergab sich eine kurzweilige Affäre, die mir mehr geschadet, denn genutzt hat. Das war mir eine Lehre. Am besten fragen Sie mich gleich noch, ob ich es als Betrug an den Ehefrauen betrachte, wenn ich mit ihren Männern ins Bett gehe. Die meisten sind eh unverheiratet. Also what the point? Wir stehen ja nur aus Sicht der Zukurzgekommenen am Pranger, sie betrachten uns als sexuelle Konkurrenz, dabei konnten wir viele Beziehungen so erst retten. Alles eine Frage der Perspektive. Es ist typisch, daß die Huren in die Verantwortung genommen werden, aber die ach so Betrogenen sich nicht selbstkritisch hinterfragen, welcher Katzenjammer ihre Männer erst aus dem Haus getrieben hat.

C & A: Sie können das Treuegelöbnis nicht anerkennen?
A: Wir Menschen sind promiske Tiere; viele wollen es einfach nicht wahrhaben. Der Treueanspruch ist so blasphemisch wie der Besitzanspruch eines Partners.
Partnerschaftliche Probleme haben mit unserer Existenz als Huren nix, aber rein garnix zu tun. Es soll die Männer nur mit einem schlechten Gewissen belasten; zudem blasen viele Ehefrauen schlecht bzw. Prostitutionsgegner und Frauenversteher ins gleiche Horn, weil sie sonst nix zu blasen haben.

C & A: Stichwort Blasphemie. Da sind wir beim Thema Religion und ihrem neuen Film, produziert in den Goldschwanz Studios, weil der Vatikan keine Einwilligung gab, auf dem Petersplatz zu drehen. „Whorefare“, die neue Verfilmung Ihres Romans, handelt von einer Verschwörung von Frauenverstehern in kleinkarierten Hosen, erzählt von der brutalen Macht der Kirche, eine einzige grosse Kritik am Vatikan.
A: Der Film kritisiert nicht nur die Strukturen der katholischen Kirche. Auch die Orthodoxie anderer Glaubensgemeinschaften. Er erzählt etwas über Menschen, die Macht ausüben oder mißbrauchen.

C & A: Der Vatikan verweigerte die Drehgenehmigung zu einem Gang Bang auf dem Petersplatz. Und als ihr erstes Theaterstück „Nuttenrepublik“ vor einiger Zeit zur Aufführung kam, sagte der Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone: „Das Stück zu boykottieren ist wohl das Mindeste, was man tun kann.“
A: Die sollen sich im Vatikan mal um ihre tatsächlichen Probleme kümmern: Zölibat, systematischer Kindesmißbrauch … was ist schon ein Film im Vergleich zum derzeitigen Kirchenoberhaupt? Der Mann schadet der katholischen Kirche weiss Gott genug. Noch vor „wir sind Papst“, wie die Blödzeitung jubelte, war der Mann als Hardliner verschrien und verdruckste seine Zeit mit exzessiver Exegese und gesundheitsgefährdender Selbstkasteiung als Mitglied des Opus Dei. Er war schon von jeder weltlichen Realität abgekoppelt, bevor er im Raumschiff „Vatikan“ landete.

C & A: Das sehen viele Katholiken aber anders.
A: Mag sein. Seine Kommentare über Verhütung, die absurde Behauptung, Kondome würden in Afrika das Aids-Problem verstärken, das sagt er, ohne mit der Wimper zu zucken, während Abertausende von Kindern beide Eltern an HIV verlieren. Eine ganze Generation wurde so fast ausgelöscht. Das erinnert mich an Voodoozauber und Schamanismus in afrikanischen Stammesgesellschaften: die Dorfheiligen erzählen jungen HIV-infizierten Männern, sie müssen mit Jungfrauen schlafen, um wieder „rein“ also gesund zu werden. Anstatt auf das Essen von Affenhirn zu verzichten, wo die Übertragung offenbar seinen Ausgang nahm, und Kondome zu predigen. Ist das Demenz oder kalkulierte Absicht? Den Verstand hat er wohl noch nicht völlig verloren, er soll ja angeblich soooo klug sein, mit fast 83. Kann man seiner eigenen Kirche mehr Schaden zufügen, als solche Sachen daher zu schwafeln? Aktuell wettert er gegen das britische Antidiskriminierungsgesetz, das auch Engländern gleichgeschlechtliche eingetragene Partnerschaften ermöglichen soll, das aus seiner Sicht gegen „natürliches Recht“ verstosse. Von welcher „Natur“ spricht er bitte schön? Ist es natürlich, sich an kleinen Kindern zu vergreifen? Sogar Erzbischof und Nobelpreisträger Desmond Tutu sagte, daß selbst Gott über die exzessive Schwulenfeindlichkeit und Hetze, ja die Besessenheit der katholischen Kirche beim Thema Homosexualität weine.

C & A: Sind Sie religiös?
A: Nein, ich wurde nicht religiös erzogen.

C & A: Haben Sie Verständnis für Menschen, die religiös sind?
A: Ja, wenn Menschen Religion wichtig ist, weil sie daraus Kraft schöpfen, bitte. Allerdings, und dies gilt für alle Religionen und Ideologien, je orthodoxer, fundamentaler die Auslegung, desto destruktiver wirkt es im Geist. Ich sehe hier keine Erleuchtung, nur eine Einbahnstrasse, ein „Dead End“, wie es im englischen heisst. Das „tote Ende“ ist hier durchaus wörtlich zu nehmen, wie wir u.a. aus der Kirchengeschichte der Inquisition und der aktuellen Terrorgeschichte, der letzten 50 Jahre wissen. Gerade erst hat eine katholische Schülergruppe in Australien über eine Facebook-Kampagne zur Ermordung aller Sexarbeiter aufgerufen, die wir aber stoppen konnten. Ich kann mich einer Religion theoretisch nähern, ohne sie als Glauben zu übernehmen. Für mich spielt nur gelebte Praxis eine Rolle, einem tiefsitzenden Humanismus geschuldet.

C & A: Es gibt da eine Szene in „Whorefare“, wo eine Darstellerin, gespielt von Fräulein Annie, einem ehemaligen Stasi-Offizier ins Gesicht kackt. Ist das human?
A: Aus meiner Sicht schon, es ist sogar gerecht. Die Szene beruht auf einer wahren Begebenheit. Ich habe zu Beginn meiner Kurtisanerie eine Ausbildung zur Domina gemacht und eine Weile auf diesem Gebiet gearbeitet und sehr verschiedene Dinge angeboten, das war mein Lebensmotto: you ve always to go where you ve never been before …. So frug ein Mann wegen einer Kaviar-Session an. Er wollte es erstmalig ausprobieren und ich lud ihn zu einem Vorgespräch ein, wobei er sich feixend als ehemaliger Stasi-Offizier outete, der die Wende erfolgreich überstanden hatte, als Leiter einer Supermarkt-Kette. Er erinnerte mich an die Figuren des österreichischen Karikaturisten Manfred Deix, ein rot angelaufener Dampfplauderer, wie dieser Metzger aus Köln, sie wissen schon, der Dauertalker, der auch von der Wurst abstammt … ach ja, Stefan Raab, nur 25 Jahre älter. Er war sehr vertrauensselig, in dieser delikaten Angelegenheit, und plauderte ungefragt aus seinem privaten Nähkästlein. Ich fragte kurz, ob er vor der Wende auch schon in Halorenkugeln gemacht hätte, etwa durch Betreiben eines Intershops. „Nein, nein, wo denken Sie hin?“ antwortete er, „ich war Stasi-Offizier und wohne noch heute in der Villengegend im Osten Berlins.“ „Aha“, antwortete ich, und nachdem ich ihn über den Ablauf der Session aufgeklärt hatte, auch darüber, als Anfänger, eine Folie über den dicken Belly zu streifen, um mein Geschäft darauf zu verrichten, er seinen Mund beim Staunen schliessen solle, wenn er auf meinen Hintern schaut, da ich durch die Dampfplauderei sonst abgelenkt werden würde, vereinbarten wir einen Termin und ich kassierte eine Anzahlung. Nach diesem Gespräch mußte ich an meine Freundin Sabine denken, Leiterin eines Berliner Kinderheims, die als Kind zusammen mit ihrem Bruder der Mutter weggenommen wurde, die plötzlich alleinerziehend war. Sie wuchsen im Waisenhaus auf und ihr Bruder, so erzählte sie mir einmal, wurde mit anderen kleinen Jungs gleich von der Stasi unter die Fittiche genommen und abgerichtet, sie als Geschwister getrennt. Die DDR-Geschichtsschreibung muß noch um einige grausige Kapitel erweitert werden, wenn ich an das Schicksal einiger Bekannter denke.
So kam die Politik in den Puff bzw. erst in ein Domina Studio und hat mich zu meinem Film inspiriert; ich habe dann gelegentlich von meiner Macht Gebrauch gemacht, in diesem Fall habe ich im entscheidenden Moment meinen Hintern etwas höher geschoben als abgesprochen und es plumpste direkt auf sein feistes rotes Gesicht. Es gab aber kein Gezeter, kleinlaut verzog er sich, seinem inhalierten Duckmäusertum geschuldet, unter die Dusche und war nicht mehr gesehen. Die blöde Sau!

C & A: Haben Sie etwas, was für Sie religiösen Wert besitzt? Ihr Glaubensbekenntnis?
A: In der Nase bohren. Gibt es keine interessanteren Fragen, die Sie mir stellen können?

C & A: Ich meine, Ihre Berufung, der Eros. Darüber haben sie sogar Bücher geschrieben.
A: Sie meinen aber jetzt die Hurerei?! Sie scheinen ja sehr fasziniert davon zu sein. Na, dann versuche ich Ihrer frommen Leserschaft etwas über die Faszination des bezahlten Verkehrs zu erzählen. Ich kann es Ihnen nur so beschreiben: wenn man als Escort eine wirklich lange Tour macht – meine längste dauerte drei Monate und führte mich von Berlin nach Bayern, die Schweiz, Schottland, London, New York und Norwegen -, wenn man eine lange Tour macht, da kommt der Punkt, wo man im Morgengrauen aufwacht, im Transit am Ende der Welt; man steht auf, setzt Kaffeewasser auf, raucht die erste Zigarette, zieht sich die Lackstiefel über, fährt wieder los, zum nächsten Blind-Date, und man weiss, das geht so Tag für Tag, Woche für Woche, das kriegt einen ganz eigenen Rythmus und die Zeit scheint aufgehoben. Es entsteht eine Leichtigkeit, die gibt es sonst nirgendwo im Leben. Es hat plötzlich alles eine „Klarheit“, selbst ein „Blind“-Date. Es gibt nur noch die grundlegendsten Dinge. Man braucht ein Rückflugticket, Wasser, etwas zu essen, Kondome, fertig. Selbst auf das Ticket kann man irgendwann verzichten. Die einzige Schwere, die mich regelmäßig überkommt, befällt mich beim Rückflug; der Transit ist meine eigentliche Heimat geworden: Airports, Hotels, da unterscheidet sich mein Leben nicht von Business-Leuten. Gut, die Leichtigkeit hört auf zu existieren, wenn man mit Fragen gelöchert wird oder in Escort-Foren Diskussionen verfolgt, daher schau ich dort auch kaum noch vorbei.

C&A: …Leichtigkeit … eine schöne altmodische Romantik, die Sie uns da auftischen.
A: „Zeitlose“ Romantik! Die Zeit verschwindet im Transit, selbst wenn Termine noch Orientierungspunkte bilden. Man hat bei so einer Tour einfach keine Pflichten, keine Verantwortung. Ein Zustand, den Sie im Alltag nie erleben. Man ist für einen Moment wieder das kleine Mädchen. Dies gilt nicht nur im Bett. Escort muß einem quasi in die Wiege gelegt sein; mein Vater hat mich als Kind immer zu allen Reisen mitgenommen, sowas prägt zeitlebens.

C&A: Keine Pflichten, keine Verantwortung. Klingt, als würden Sie fliehen?
A: Ja, das ist aber nicht so. Das waren nunmal die grossen Träume meiner Kindheit: Singen, reisen und die Welt entdecken, spielen, forschen, schreiben, alles dokumentieren und ein Werk hinterlassen.
C&A: Beim Reisen werden Sie wieder zum kleinen Mädchen – oder soll ich sagen, beim Fremdficken -, als Performerin auf der Bühne oder als Spielgefährtin mit verschiedenen Männern werden Sie zu einem anderen Menschen? Ihre beiden grossen Leidenschaften haben mit Verwandlung zu tun?
A: Es gibt einen Unterschied. Jede Escort-Geschichte, jedes Escort-Erlebnis, das eigene Erleben enthält einen authentischen Kern: „not acting is important for me“.
Als Performerin auf der Bühne, im Film, als fiktive Figur in meinen Texten erlebe ich eine reduzierte Realität; beides hat aber viel mit Lust und Phantasie zu tun, sonst würde ich es ja nicht machen.
C&A: Wenn Sie schon als kleines Mädchen davon geträumt haben, ein Werk zu hinterlassen, dann haben Sie mit der Hauptrolle der Ada als Antichristin in „Whorefare“ eigentlich schon alles erreicht.
A: Ja, Wahnsinn. Als schönste Antichristin, von Gott verlassen, besudelt und voller Sünde … so eine Rolle bekommt man nur einmal im Leben. Der Film wird das Bild von Huren nachhaltig verändern. Liberation und Penetration gehören unweigerlich zusammen.

C&A: Man sagt, Sie hätten bei der Sexszene das berühmte Hintergrundrauschen täuschend echt synchronisiert, das Stöhnen authentisch vorgetäuscht und auch das Brummen des Vibrators intoniert, also mitgebrummt.
A: Ähm, ja. Ist mir tatsächlich passiert. Ich war eben erregt und aufgeregt! Vieles an diesem Beruf ist für immer noch so, wie ich es mir als Mädchen vorgestellt habe. Ich finde es Wahnsinn, mich bei einer Premiere selber lautstark stöhnen zu hören. Der Job ist eine tolle Möglichkeit, sich die jugendliche Euphorie zu bewahren.
C&A: Trotzdem werden auch Sie älter. In welchen Momenten wird Ihnen das bewußt?
A: Ich habe vor einigen Jahren zwei Filme „Dirty Claire“ und „Scat Sisters“ gedreht. Ich spielte ein junges Ding, das sich bekleckert hatte. Im Film „Whorefare“ spiele ich eine Psychiaterin, die sich um ihre jungen Patienten kümmert und sie verführt. Eines Tages, als wir gerade mit einer Szene begannen, durchfuhr mich plötzlich ein Schreck: Wow, du spielst eine Ärztin, die kluge, ältere Ratgeberin, die jungsche Schwanzleichen reanimiert. Früher hättest du die Rolle der verführten Patientin gehabt. Aua. Aber jetzt müssen Sie mich entschuldigen, die Rückkehr zum heimischen Herd ruft.



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