material girl * part one

Pfffft, ich hab wieder einige Geschichten im Gepäck für euch mitgebracht, habe mich im englischen Garten gesult und äußerst selektiv verkehrt, nach sorgfältiger Vorauswahl, wie immer, was ich auch jedem Silberschwanz nur raten kann.
Hilfreich bei meinem selektiven Vorgehen ist bereits die räumliche Lage (in Berlin 5 Türen, alternativ *****Hotel oder Stundenhotel) und das Erscheinen des Anwesens, ein Castle. Die genaue Adresse und Wegbeschreibung erhält mein Besucher jedoch erst am Ortseingang und ich delegiere ihn per Handy auf das Anwesen. Ich stecke dann die Nase aus meinem Turmzimmer und kann dann schon anhand des Autofabrikats erkennen, ob ich es mit jemandem aus der lower oder respektable working class, der lower, middle oder upper middle class zu tun bekomme. Am liebsten sind mir jene aus der middle-middle class und selbständige Handwerker. Herren aus der Upper-Class und Aristokratie verkehren üblicherweise nicht mit öffentlich zugänglichen Damen meines Standes, da ich zu preiswert erscheine. Obwohl es gab da mal jemanden mit Chauffeur und Rolls-Royce, der hat sich nicht abschrecken lassen, daß ich sowas von offclass bin. Ist mir einmal passiert, ein Exzentriker, der klassenübergreifend denkt, so wie ich.
Das Gebäude, das Castle besteht (Grade I listed; gebaut 1839) u.a. aus einem neo-gothischen Turm (150 feet high) und ist ein Landmark, also Wahrzeichen der Region, ein Käufer wird derzeit gesucht; der Erbauer hatte sich so eine Aussichtsplattform schaffen wollen, um bei guter Sicht bis ans Meer zu schauen, das ca. 1 Std Autofahrt entfernt liegt. Ähnlich genutzt im zweiten Weltkrieg, um das Herannahen deutscher Bomber zu erspähen.

Der Turm beherbergt mehrere Räume in verschiedenen Farben. Ich wohne im blauen Zimmer, das rote ist der Pool-Dance-Room für private Parties, braun ist der Salon mit Kamin und schwarz der originale Dungeon. Wie ein gigantischer Phallus reckt und streckt der Turm sich empor und kitzelt den Himmel. Das weisse Zimmer – ein Geheimzimmer – liegt am höchsten, passt scho. Jedenfalls sind die handverlesenen Gäste, die ich aus Dutzenden von Anrufern auswähle, von meiner Logis immer zutiefst beeindruckt und überrascht, der respektable working class’ler läßt sich natürlich nichts anmerken, wenn er die Klassengrenze überspringt. Das ein genuine sophisticated german fraulein ihm den Rüssel lutscht wird sehr wohl goutiert, das Gesamtpaket, davon zehrt er noch Jahre und wird es seinen Kindern und Kindeskindern eines Tages erzählen. Middle-Middle-Class-Punters rufen zur Begrüssung vor Ort immer das Gleiche: “ Oh, it’s so fantastic. How did you find this place?“
Selbstverständlich empfange ich nur im kleinen Schwarzen oder im Kostüm, das gewisse Einblicke gestattet; ich stehe nicht halbnackt im Türrahmen rum. Und mit High Heels die vielen schmalen Wendeltreppen rauf und runter …. na ich ziehe sie dann immer aus und im blauen Zimmer wieder an.

Ja, wie fand ich eigentlich diesen Ort? Das ist bald fünf Jahre her, wobei ich zumeist mit kleinem Gepäck reise und in mal grossen, mal kleinen Intervallen, um mich in „Platos Retreat“ einzuquartieren.
2005 war ein ganz furchtbares Jahr, daß mich fast um den Verstand gebracht hätte. Ich flüchtete regelmässig nach England; eine exzessive Liebesbeziehung in Berlin saugte arg an meinen Kräften. Ich hatte damals lange blonde Haare und wog bei einer Grösse von 1,76m zum Schluss nur 52 kg. Der Gewichtsverlust hatte nichts mit regelmässigen Matrazensport zu tun.
Es war die Zeit nach meiner Rückkehr aus England, wo ich eine Weile gelebt und gearbeitet hatte; eine lausig bezahlte Stelle an einer englischen Provinzuniversität brachte nicht soviel ein, um mein kleines Studio in London zu finanzieren (eine WG kam in meinem ganzen Leben nie für mich in Betracht), das für mich nur erschwinglich war, in dem ich an zwei Tagen, zum Sabatt, in einem jüdischen Massage Parlour im Nordosten Londons Rabbis massierte und geschichtsphilosophische Gedanken austauschte. Nach dem Ablauf meines Vertrags und meinem Umzug nach Berlin – der Liebe wegen -, begab ich mich in einen Puff in Berlin-Neukölln, unweit meiner damaligen Wohnung gelegen, wie praktisch, jedenfalls ein schönes Loft auf 200qm. Im Puff habe ich nur nächtens gewerkelt, also 2-3 Nächte, und Internationalität geschnüffelt, multikulturelles Mischgemüse auf meiner Matraze kennengelernt. Wenn nix los war, haben wir, ich und die Freundin vom Chef, die als Türsteherin fungierte, ordentlich Party gemacht, uns die Nase gepudert und die Mucke hochgedreht. Dadurch überhörten wir manchmal die Türklingel, was meinen armenisch-jüdischen Chef sehr wütend machte, wenn er davon Wind bekam. Dort habe ich auch „Wagen“ kennengelernt, einen sehr netten Typen im Rolli; der Puff war einigermassen geländegängig. Ein Künstler aus Köpenick gehörte auch zu meinen regelmässigen Gästen; er brachte mir immer wunderbare kleine Geschenke mit, handgefertigte Akt-Zeichnungen von mir, die er aus dem Gedächtnis nach unserer Begegnung anfertigte.
Meine private Beziehung machte es dann notwendig, daß ich nur noch wenig Zeit in die Fremdfickerei investieren wollte und ich den H/H Weg einschlug, wobei ich später auf das H wie Haus fast ganz verzichtete, da mich zumeist unangenehme Gesellen erwarteten und ich die Flucht antreten mußte. Da war zum Beispiel einer meiner ersten Haus-Klienten, der sich über ein Berliner Fickforum in mich verguckte bzw. verlas, und war der erste Liebeskasper in Folge, der meinen Weg kreuzte. Er hatte sich in besagtem Forum wahre Lorbeeren erschrieben und als ich den Vorfall Monate später outete – er erwähnte öffentlich ein bevorstehendes Treffen mit einer anderen Fan Frau – , was mich elektrisierte, hatte sich die überwiegende Mehrheit der ehrenwerten Board-Member inkl. Moderator stante pede sofort auf seine Seite geschlagen, was für mich unvergesslich blieb. Diese Opfer-Täter-Umkehr ist ja üblicherweise aus Vergewaltigungen bekannt, wo sich die Frau hinterher nochmal doppelt scheisse fühlen muss. Er war es, der mir bei einem zweiten Date völlig unmotiviert und beim Vögeln, er lag oben, mit seinen kräftigen Pranken seitwärts ins Gesicht und auf mein Ohr schlug. Ein grosser, kräftiger Mann, promovierter Jurist und Kunstsammler, und ich lag wehrlos unten, mein Trommelfell hat noch Tage später geschmerzt. Ich habe das „Date“ natürlich an dieser Stelle sofort abgebrochen und war froh, als er von mir abliess, nicht ohne mich noch wochenlang mit Telefonanrufen zu traktieren, die ich nicht entgegennahm; nur einmal, um das Elend zu beenden, nahm ich es an und er versuchte sich in einer absurden Entschuldigung, nicht ohne mir zu sagen: „Ihr Frauen, ihr steht doch darauf.“ Tja, dieses Vorurteil ist nicht nur bei manchen Männern anhängig, die Huren treffen. Er war wirklich sehr sophisticated, könnte man sagen. Jahre später bat er mich, ihm dabei behilflich zu sein, seine Kunstsammlung zu liquidieren, weil er inzwischen erkrankt war und jeden Pfennig benötigte. What goes around, comes around ….
Ich habe in meinem ganzen Frauenleben zwei Gewalt-Erfahrungen gemacht, einmal das Geschilderte oben, und entsprechend achtsam in der Folge gesiebt, und einmal privat, auch ein promovierter Akademiker, Künstler, Musiker und Lehrer an der gymnasialen Oberstufe in meiner Heimat. Also nie unangenehme Erfahrungen mit Arbeitern, Angestellten oder Arbeitslosen gemacht. Wahrscheinlich ist es für manch durchgeknallten Akademiker notwendig, Frauen zu erniedrigen, um sich besser zu fühlen, wahrscheinlich friedlicher der Arbeiter, der eine Hure auf gleicher Augenhöhe begegnet, von Werkbank zu Werkbank sozusagen. Jedenfalls hatte mich dieses Erlebnis in Frühling 2005 veranlasst, noch intensiver auf Jobsuche zu gehen und auch einen Umzug nach England ins Auge zu fassen, trotz Liebesbeziehung in Berlin. Das lief ja alles massiv parallel. Auch war die private Situation nicht sonderlich prickelnd und ständig klebte die Ex meines Freundes wie Kaugummi an unseren Fersen; in diesem Zusammenhang wurde ich das zweite Mal im Leben Opfer von Stalking, also privat meine ich. Diese traurige Bilanz können nicht wenige Frauen wie Männer auftun. Wie krank diese Gesellschaft ist, naja, das wißt ihr ja selber. Der Witz war noch, daß die beiden schon seit vielen Jahren kein Paar mehr waren; sie hatte sich getrennt und einen neuen Lover gefunden, mit dem es nicht lief. Mein Freund und späterer Mann war so freundlich, ihr regelmässig Obdach zu gewähren, um sich bei ihm auszuheulen. Mit Ringen unter den Augen lutschte sie ihm aus Gefälligkeit auch mal den Schwanz, als Tauschhandel fürs Zuhören. Und das war Folter; das ewig gleiche Klagelied, mühelos repetiert, ich habe es persönlich gehört, und sich dann nach Jahren noch einbildet, sich den verlassenen Freund warmzuhalten. Jedenfalls war ich dann da und sie hing uns beiden am Arsch. Mit Rücksicht auf ihre labile Verfassung, ich hab es immer auf ihren Stasi-Knast-Aufenthalt geschoben, und einer Pseudo-Freundschaft, die sie akklamierte, bemühte ich mich also, diese Zeit durchzustehen, am besten im Ausland.
2005; im Sommer verschlug es mich dann endlich zu einem Bewerbungsgespräch nach Bournemouth. Ich hatte mich auf eine interessante Position beworben, die der Fakultät Media Studies angesiedelt war. Meine Performance war denkbar schwach, der häuslichen Situation geschuldet, Berlin hatte in Vorbereitung aufs Vorsingen einfach zu sehr an meinen Kräften gezehrt. Am Morgen nach dem Interview machte ich mich zeitig auf nach London, wo ich zu einer Orgie eingeladen war, genau das Richtige, um den doppelten Frust abzuschalten. Ich hatte früh um 7 Uhr noch die frische Meeresbrise um meine Nase wehen lassen und mich eigentlich viel zu früh auf den Weg gemacht. Ich wurde erst am Mittag erwartet. Und so kam es, daß ich schon gegen halb 9 Uhr Victoria Station erreichte und den weiteren Weg mit der U-Bahn Richtung Paddington nahm.
Und dann war alles sehr dunkel. Keiner wußte, was passiert war. To make the long way short, nach einigen Stunden konnten wir den Tunnel verlassen und ich hab völlig desorientiert den Weg zu meiner Location gesucht. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß an diesem Tag keine Party stattfand. Es war der 7. Juli 2005.

Fortsetzung folgt …



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