Nuttenrepublik – Chapter III

III Mein Leben als Hure oder: Tabulose Grüße aus Kleinbasel

aus: „Die Baseler Stimme“ (DBS), editor-in-schief Urs Hütli, unser Korrespondent für außerirdische Angelegenheiten

DBS: Fräulein Ariane, ich, wir, die Baseler freuen uns, Sie endlich wieder bei uns als Gast zu haben. Zuletzt wurden Sie im bürgerlichen Gewand während der Art Basel gesichtet, zusammen mit Ihrem Künstler-Gatten; nun beehren Sie die Eidgenossen mit einem Gastauftritt ab 150 Fränkli?! Ich darf Ihnen im Namen der Baseler Lesegesellschaft ausrichten, dass sie die krisenbedingte Preisanpassung sehr zu schätzen wissen.

AdsP: Grützi Herr Hütli! Ja, die Rakete ist vorgestern gelandet, aber zu früh, um die ersten Lohntüten einzusacken. Ein Buttersäure-Anschlag in den Aufgang meines Apartment-Hauses verschmähte noch die wenigen Preiskasper, die den beschwerlichen Aufstieg in die oberste Etage schafften und damit die Lust auf mehr. Zuletzt wurde ich indirekt Opfer eines Buttersäure-Anschlags in den Treppenflur eines Wohnungsbordells in Rosenheim/Bayern Anno 2005. Da ich extrem selten Termin-Wohnungen in meinem Huren-Leben aufgesucht habe, insgesamt sechs, scheint dies doch offensichtlich eine sozialräumlich-spezifische Grenzerfahrung äääh Praxis zu sein, die sich auf den süddeutschen und den deutschsprachigen Schwietzer Raum erstreckt und Gäste fernhalten soll. Mit Erfolg, wie ich finde, sodass ich relativ unterfickt bin. Nun ich nutzte die Stille vor dem heutigen Gewitter, um an meinem Roman zu schreiben, so hat es immerhin sein Gutes, Hauptsache ich ficke die Reisekosten wieder raus.

DBS: Oh, das ist ja furchtbar zu hören verehrtes Fräulein Ariane; ich schäme mich regelrecht fremd; sowohl für den gräuslichen Willkommensgruss als auch für das Wetter.

AdsP: Ach, das Donnerwetter heute war der Zorn Zeus auf diese gräusliche Stadt, die ausser der „Art Basel“, leer stehender Nachtlokale, die üblicherweise um Mitternacht schliessen (Unterbrechung durch einen Lachanfall und lautes Husten; die Redaktion) und einer schier unglaublichen Humorlosigkeit und Langeweile wie der Rest des Landes ausser Naturerfahrung nicht viel zu bieten hat. Ich erinnere mich jedoch gerne an eine Affäre mit einem Altphilologen, die sich noch während eines Nietzsche-Kongresses ereignete, da war ich noch Doktorandin und quasi unschuldig verliebt in einen verheirateten Mann, wie sich im nachhinein herausstellte. Es brach mir damals das Herz, als ich per Zufall von seiner Familie erfuhr. Er lebte ja an drei Standorten weltweit und konnte lange Zeit sein Privatleben vor mir verbergen. Immerhin hat mir Basel zwar nicht den besten Sex aller Zeiten eingebracht, aber gewissermassen das Herz gebrochen.

DBS: Gab es denn für Sie jemals so etwas wie den „besten Sex aller Zeiten“? Sie sind ja vom Fach … man bezeichnet Sie hinter vorgehaltener Hand ja auch gerne als Frau Dr. Schwanz.

AdsP: Ja, gibt es, aber das ist strictly private und hat in einer Provinz-Gazette nichts verloren. Sie können es aber gerne in meinem Buch nachlesen.

DBS: Sie erwähnten vorhin die Terminwohnungen. Was hat es denn damit auf sich? Was ist das … eine Terminwohnung? Dies interessiert sicher nicht nur die allgemeine Lesegesellschaft zu Basel.

AdsP: Terminwohnungen sind Apartments, Wohnungen, manchmal Clubs, die sogenannte Wanderhuren für einen kurzen Zeitraum in verschiedenen Städten aufsuchen. Die Kürze der Verfügbarkeit an einem Ort macht die Damen attraktiv, allerdings gilt dies nicht generell. Es gibt gut eingelaufene Terminwohnungen, wie man so sagt, wo die Damen innerhalb eines kurzen Zeitraums von 1-2 Wochen einen extremen Profit erzielen, ich korrigiere – vor der Krise erzielt haben, aber das gilt nicht für alle Adressen. In der deutschen Zeitschrift „Heim & Welt“ sind fast alle Terminwohnungen vertreten, die regelmäßig Girls suchen. Oder die Betreiber dieser Apartments ködern mit Lockangeboten über grosse Verdienstmöglichkeiten per Mail oder per SMS. Der Gier oder der Not, wie man es sehen will, kann man sich schlechterdings nicht entziehen und treibt einen aus seinem Zuhause; so hab ich im Prinzip alle Terminwohnungen gefunden, ob Rosenheim, Freiburg, Stuttgart, Edinburgh, Basel, Zürich, aber alle waren sie Pleiten, in jeder Hinsicht.

DBS: Pleiten? Wieso denn? Auch schon vor der Krise?

AdsP: Ja für mich, nicht für alle anderen Damen. In Zürich bin ich im Club Globus gelandet, wo ich mit einer Ost-Bratze aneinander gerasselt bin bzw. sie verprügelt habe, ihr nach verbalen Übergriffen, die bis hin zu einem offenen Antisemitismus reichten, die rote Karte gezeigt habe, also ihr eins in die Fresse gehauen habe, natürlich im Affekt. In Rosenheim hagelte es Strausseneier vom Himmel und kein Kerl liess sich blicken. Dies zusammen mit dem bereits erwähnten Buttersäure-Anschlag der Konkurrenz hatten mir die Stimmung deutlich verhagelt, so daß ich nach drei Tagen schon abgereist und nach München-Schwabing getürmt bin, um meine ehemalige Professorin und Mentorin zu besuchen und zu trösten, die sich von ihrem kokainabhängigen Geliebten, den sie seinerzeit aushielt, bereits den Kiefer und den Fuss hat brechen lassen, ach ja und ihre Wohnung hatte er auch demoliert, ihre intellektuellen Freunde permanent beleidigt. Sie hat in jungen Jahren übrigens über den Emanzipationsbegriff habilitiert und war ihrerzeit die jüngste Professorin auf einem Lehrstuhl. Tja so kann es gehen. Apropos Rosenheim, da war noch eine vergnügliche Anekdote: wenn ich also so in der Fremde gastiere und auf mich allein zurück geworfen bin, dann neige ich dazu, in stiller Einsamkeit ein Glas Wein zu verzehren, auch mal eine Flasche, wenn es sein muss. Nun, in Rosenheim gab es keine Stille, da ich die Wohnung mit anderen unterfickten Damen teilte, sprich: die Stimmung war auf dem Nullpunkt, kein Easy Money and so on. Ich bin da also raus nach dem Hagelschlag und hab gleich umme Ecke eine Kneipe gefunden, die regenbogenfarbene Flagge wies mir den Weg. In Sicherheit dachte ich. Wo Gays verkehren, habe ich als Frau meine Ruhe. Ich kam ins Gespräch mit einem Herrn in den 50ern, der unheimlich schwul aussah, wir verstanden uns supi; da ich nach Kneipenschluss nicht alleine einschlafen wollte, bin ich noch mit zu ihm gefahren, um das Gespräch fortzusetzen. Sorry, jetzt bin ich ins Plaudern gekommen. Interessiert Sie das eigentlich?

DBS: Ja … ja natürlich, ich höre gebannt zu, also erzählen Sie weiter… bitte schön.

AdsP: Gut, bei ihm angekommen – er fuhr einen offenen Mercedes-Cabrio und die laue Rosenheimer Nachtluft umwehte mein damals noch langes Haar – überraschte mich seine Wohnung, hübsch in Eiche Rustikal, Erbstücke seiner Eltern, eingerichtet, dazu gab es einen Dackel, der mich freundlich begrüßte. Es stellte sich heraus, daß er nicht schwul war, sondern heterosexuell, er gerne kokste und ein ehemaliger Bankräuber war. Seine Kollegen von damals waren alle tot, ob in Haft bereits verstorben oder danach, er war ganz allein, er und der Dackel. Er zeigte mir dann ein wenig stolz und mit Wehmut in den Augen sein Album, eine Sammlung ausgeschnittener Zeitungsartikel über die Brüche aus den 70ern in bayrischen Landen, sorgsam aufgehoben in diesem hübschen Album; ich erkannte ihn auch auf den Fahndungsphotos. Er sah in jungen Jahren ungeheuer gut aus. Mit der Geschichte und dem Koks im Kopf haben wir dann noch bis zum frühen Morgen mit Gummi durchgefickt. Viele Männer sind auch im Alter einfach klasse!

DBS: Da bleibt mir echt die Spucke weg; hatten Sie denn gar keine Angst, mit einem Fremden, einem Bankräuber mitzugehen?

AdsP: Das wusste ich ja vorher nicht, aber no risk no fun, nur der Dackel störte ein wenig beim Ficken und auch das Ambiente, ich bin ja Ästhetin. Was die Räuberei betrifft, ich habe meinen vermögenden Vater schon in jungen Jahren regelmäßig beklaut, damit ich mir nach der Schule eine Pizza kaufen konnte, unsere Haushälterin kochte meist so schlecht und immer aus der Dose, gab es jedoch als hausgemacht aus die Haushälterin, mein Vater hat den Unterschied noch nicht mal bemerkt, so beschäftigt wie der war, trotz der Kochkünste meiner Mutter, die mit einem armen, hübschen ungarischen Oberkellner getürmt ist, was mein reicher Vater schwer verwunden hat; auch habe ich ihm mal den Safe geknackt, Zeus das Feuer wegnehmen also ich meine das Geld, das tat ihm immer sehr weh, und bin mit einer A-Konto-Zahlung eines Gerüstbauers ausgebüxt, also im Safe knacken kenne ich mich aus. Der Mensch dahinter und seine Nöte, die ihn zu dieser Tat veranlassen, sollte man wirklich nicht ausser acht lassen.

DBS: Was war denn das mit Zürich? Sie haben mich neugierig gemacht …

AdsP: Ach, darüber möchte ich garnicht gerne sprechen …

DBS: Ich bitte Sie inniglich; was hat es denn mit der von Ihnen erwähnten „Ostbratze“ auf sich gehabt, dass Sie so ausser sich waren? So kennt man Sie ja eigentlich garnicht.

AdsP: Ach, das waren so zwei Ost-Proll-Schnecken aus den neuen Ländern, zwei Mandys eben, die wohl schon einige Male zuvor im Club verkehrten und sich deshalb einbildeten, irgendwelche Vorrechte geniessen zu können. Während der langen Wartezeiten, draussen waren es 30 Grad und das im Mai, neigten sie dazu, andere Frauen zu schikanieren und autoritär anzufahren, vor allem die deutlich hübscheren Kolleginnen, die Osteuropäerinnen und mich hatten sie sich vorgenommen, dissen eben vom Feinsten. Ausserdem belauschten sie heimlich meine Telefonate, die ich von einem Nebenraum aus führte, auch ein Gespräch mit der Wirtschafterin vor Ort, die mit mir auf einer Wellenlänge lag und mit der ich mich sofort anfreundete; eben Stasi-Küken. Am dritten Morgen meines Aufenthalts war es dann soweit: Während wir unseren ersten Morgen-Kaffee schlürften und sich fast alle angeregt über die nächste Titten-Vergrösserung und Falten-Unterspritzungen austauschten – rennen aber gleichzeitig unter die Sonnenbänke, was Faltenwerdung beschleunigt, die Doofis -, raunte mir eine der Mandys den Spruch zu: „Hitler hätte nicht ganze Arbeit getan“. Mir war sofort klar, dass sie ein Gespräch belauscht hatte am Abend zuvor, aber was rede ich, ich habe nicht nachgedacht in diesem Moment, einfach nur noch körperlich reagiert, nahm den Kaffeebecher vor ihr und schüttete ihn über sie aus, sie sprang hysterisch auf und ab und heulte, stürzte auf mich zu und ich verpasste ihr eine gerade Rechte. Mit Nazi-Fotzen, sorry, möchte ich nun wirklich nicht die gemeinsame Luft einatmen, weshalb ich noch am gleichen Tag abreiste und das zusammengefickte Geld in ein überteuertes Rückflug-Ticket der mittlerweile Pleite gegangenen Swiss Air investierte; nicht ohne dieser Mandy noch gründlich Bescheid zu stossen, also zu drohen, daß ich wüßte, wo sie in Hannover werkelt und ich ihr meine arabischen Freunde vorbei schicken würde; ausserdem würde sie noch Post von der Staatsanwaltschaft persönlich bekommen, mit einer Anzeige wegen Volksverhetzung; eventuell würde ich ihr auch meinen dicken Cousin aus Zürich vorbeischicken, um sie aufzumischen. Jedenfalls haben meine Drohungen ihr wirklich Angst bereitet, habe die Nazi-Schnecke ordentlich eingeschüchtert. Wer mir ans Bein pisst, sprich, mit verbaler Vernichtung droht, darf sich auf was gefasst machen….

DBS: Wie gewohnt kämpferisch das Fräulein. Sie erwähnten Schottland, also Edinburgh. Auch eine Pleite? Wieso das denn?

AdsP: Nun ja, ich hatte im voraus alles gut geplant, aber die Praxis … also Rosenheim, dann Edinburgh durchkreuzt jede Planung, ich verbrachte ja einige Tage bei meiner Professorin in München, die sich Sorgen machte, daß ich mich um Kopf und Kragen blase und meinen Verstand noch dazu, worüber wir uns mal wieder zerstritten haben, weshalb ich dann noch für zwei Tage in einem Münchner Laufhaus in der Landsberger Allee wohnen und anschaffen mußte, bevor es dann im Flieger nach Schottland ging. Dort angekommen, habe ich es mir in einem Hostel, im Dormatory, das ich mit elf Studentinnen aus der ganzen Welt teilte, gemütlich gemacht und bin dann rüber in den Massage Parlour, geleitet von einem Mallorquiner und seiner Familie, die peinlich darauf achten, daß alle mit Spiegeln zugefliesten Wände nach jedem Gast erstmal poliert wurden, so was dämliches. Der Laden war eine Goldgrube, aber nicht für mich, denn ich bot keinen Verkehr ohne Gummi an, was dort offensichtlich gang und gäbe war, wurde von Gästen andauernd nachgefragt, bis ich nach einem Tag schon beschloss abzureisen. So was ist sowas von Psycho, sag ich Ihnen … Interessant zu sehen, wie der mallorquinische Hygienewahn mit der selbstverständlichen Praxis, AO (AO = Alles Ohne = Geschlechtsverkehr ohne Kondom; die Red.) zu ficken, korrespondiert. So sind sie eben die Analfixierten! Die Spanier mit ihrem ewigen Franquismus, bei den Leichen im Keller wundert einen garnix mehr. Wussten Sie eigentlich, daß Franco schuld an der Immobilienblase in Spanien ist? Er hat doch den Weg für Massentourismus in Spanien ab den 50er Jahren geebnet; selbst mein Vater hat noch in der Diktatur günstig Bauland erworben, wo er später eine seiner Kitschbuden baute und Urlaub machte. Wie pervers ist das denn? By the way, ich hab ihm seine Mittelmeerjacht in die Luft gesprengt und ein ETA Bekennerschreiben hinterlassen; zwar gab es viel Towabohu drumherum, aber die Versicherung hat gezahlt, so ein Ärger; so hatte er noch was davon, ähnlich wie er sich die auf meinem Namen abgeschlossene Krankenhaustagegeldversicherung hat auszahlen lassen, bei meinem Psychiatrie-Aufenthalt von sechs Monaten kommt schon ein hübsches Sümmchen zusammen. Einfach ekelhaft. Wenn ich mir vorstelle, wie ich als Kind, noch vor dem Ableben Francos, Familienurlaub in einer Diktatur gemacht habe wird mir schlecht; die Ausflüge mit Care-Paketen in die DDR waren ja schon schlimm, aber mein Vater mußte gegenüber seinen Verwandten ja unbedingt im Porsche vorfahren und zeigen, daß er es im Westen zu was gebracht hatte.

DBS: Das klingt alles sehr anstrengend.

AdsP: Ja, ich beschloss dann auch, nie wieder eine Terminwohnung von innen zu sehen. Nun, Basel ist jetzt eine vorläufige Ausnahme gewesen, weil ich vor einem schwer erkrankten traurigen Ehemann und einer neuen allzu grossen Liebe, einem Komponisten geflüchtet bin, so heiss wie eine Herdplatte, aber auch verbaselt, Basel ist eine einzige Pleite. Hab aber zwei wunderschöne alte Thonet-Stühle in einem Antiquitätengeschäft zu einem symbolischen Preis von insgesamt 14 CHF erworben; um die Logistik muss ich mich kümmern, morgen. Muss sie ja irgendwie nach Berlin bringen, im Flieger geht das nicht. Das Bodenpersonal würde große Augen machen, wenn ich mit zwei Stühlen einchecken will. Es ist halt alles sehr aufregend. Das Einzige, was mich am Leben hält ist die Liebe, die Schönheit, die Kunst, in diesem ganzen Irrsinn. Auch dachte ich, daß ich in meinem gemieteten Apartment zu 150 CHF Miete am Tag alleine und ungestört bin, wie abgesprochen. Jetzt zogen gerade noch zwei Blackies ein, also zwei schwarze Gazellen samt Hobbyzuhälter, also der Freund einer der Damen; sie tanzen unten im Club im gleichen Haus und gehen dort mit Gästen aufs Zimmer, eine Animierbar eben, aber haben dort seit fünf Tagen rein garnix verdient. Die wenigen Gäste wollen alle blond und weisse Haut, nix südamerikanisches Temperament. Naja, in einem Land, daß Rechtspopulisten nach oben wählt, auch kein Wunder. Die Gazellen, die sich illegal im Land aufhalten, wie mir der HZ mitteilte (HZ=Hobbyzuhälter, die Red.), waren vorher in einer anderen Wohnung untergebracht, in einer verdreckten Bude, mit Ungeziefer im Kühlschrank, sodass sie dort raus mußten, hat der HZ erklärt, und mein Vermieter ihnen kurzfristig eine andere Bleibe zur Verfügung stellen müssen. Hier kochen sie nun rund um die Uhr kolumbianische Spezialitäten, köstlich, aber nachts kriecht der Küchenmief durch die Türritzen bis unter meine Bettdecke und ich kann nicht schlafen, also ich gehe schon extra früh schlafen, die Damen kochen so mittags, wenn ich einen theoretischen Gast erwarte sowie gegen 2 Uhr nachts, da habe ich wenigstens etwas geschlafen, kann dann erst gegen 4 Uhr morgens einschlafen, wenn sich der Dunst verzogen hat. Also sie verpessten mir die Luft sag ich Ihnen. Im Hausflur Buttersäure, die wie Kotze stinkt, und in der Wohnung dann das … das schreckt noch die allerletzten Freier ab, die es bis zu mir in die oberste Etage schaffen, mit Voranmeldung natürlich. Im Hausflur wurde schon schwarzer Kaffee versprengt, um der Buttersäure Einhalt zu bieten, aber es hilft nicht viel. Der Gestank, der braucht Monate, um ihn herauszukriegen, eine spezielle Reinigung für solche Fälle ist ausgesprochen kostspielig und muss von einer Spezialfirma durchgeführt werden, aber dafür hat der feine Vermieter natürlich kein Geld. Überhaupt laufen die Geschäfte auch in der Schweiz nicht besonders gut; besonders hart hat es natürlich die Schweizer Seele durch das Rütteln am Bankgeheimnis getroffen, und den Finanzsektor generell ins Mark getroffen, ähnlich wie der Finanzplatz London, wo zuletzt mein einziger Klient ein Mann ohne Beine und mit gespaltener Wirbelsäule war, selbst in Genf und Zürich ficken die Damen schon unter Preis. Jetzt trifft es auch Basel, also mich, alles sehr unschön.

DBS: Sie erwähnten vorhin die Liebe und die Schönheit, was sie am Leben hält. Da würde ich gerne noch einmal nachhaken, wenn Sie gestatten…

AdsP: Naja, ich schreibe ja regelrecht um mein Leben, um aus dem Mief wieder rauszukommen. Erst der Hochschulmief, dann der Rotlichtmief. Wissen Sie, ich kann den Geruch von Sperma, benutzten Kondomen, ungewaschenen Arschlöchern nicht mehr ertragen. Auch behaarte Säcke stossen mich ab, die werden beim Waschen meist auch ausgespart und dann ausgerechnet Eier lecken gewünscht. Reinlichkeit ist alles in diesem Gewerbe, man muss die Freier dazu erziehen, wenn es schon ihre Mütter unterlassen haben. Wenn jemand äußerst gepflegt und reinlich ist, lecke ich ihm ja auch gerne seinen Arsch, sonst natürlich nicht. Aber ich habe gestern auch was kleines geschrieben, sozusagen lyrisch vor mich hin gegurrt, die Tauben am Küchenfenster haben mich dazu inspiriert, die ich sonst nicht leiden kann, soll ich Ihnen das mal vorlesen? Dann wissen Sie, was ich mit der Schönheit meine und dass man selbst noch im letzten Drecksloch, wo man unter Prison Fever leidet (Prison Fever ist die englische Bezeichnung für Puff-Koller = tagelanges Eingesperrtfühlen bei gleichzeitigem Nichtstun; die Red.), aus Scheisse Poesie machen kann.

DBS: Ja ich bitte darum …

AdsP: Es sind sowas wie Liebesgedichte aus meinem „journal mélancolique d’une solitude sous le ciel de Bâle“, hören Sie zu … mehrsprachig wie die Schweizer ja sind, wird das die Lesegesellschaft schon zu verstehen wissen gelle?
Das erste heisst … Moment …

eudamonia

adoration électrique
obsession notoriétié
fragilité melancolique
passion absolue
fantaisies exclusives
espace alarmante
entre des lecons de piano et les passages
dans le transit
sous le ciel de Berlin
la monstruosité et la sainteté
le mal d’amour est multiple
s’il est temps de s’y attaquer

das zweite …ähm, dazu muss ich allerdings folgendes voraus schicken, also dass ich mich in Basel nicht wohl fühle und eigentlich nicht weiss, wie ich auf die dämliche Idee hierher zu reisen, überhaupt gekommen bin, meine Pussy spricht nicht mehr mit mir, der Geld … also Goldregen blüht nicht … der Blick in den Horizont sieht kein Licht, nur die trüben Anhöhen des Egliholzes.
In der laufenden van Gogh Ausstellung habe ich allerdings sein „Wiesenstück mit Schmetterlingen“ entdeckt, gelegentlich galoppieren die Gazellen vorbei, die keine Sprache sprechen, die ich spreche, die sehr laut kochen und essen. Am liebsten würde ich sogleich wieder abreisen und Zuflucht in Sils-Maria oder am Ufer des Titisees suchen, der hinter dem Egliholz liegt. Nun das „Wiesenstück“ hat mich zu folgendem inspiriert:

Im Wildwuchs des Baseler Universums
schwimmt ein Fisch durch kleine Wellen
ein rosa Schmetterling torkelt
durch unkultivierte Wiese
die zarten Grüntöne ergeben einen sinfonischen Klang

das Glück findet sich in der erinnerten stillen Sequenz
aus Augenblicken und grandiosen Sternennächten
tosenden uns umwirbelnden Bewegungen
worin sich alles auflöst und geborgen ist
unheimlich und schützend aufgehoben
und in inniger Liebe verbunden

Schön nicht Herr Hütli?

DBS: Ja sehr schön. Eigentlich haben wir ja Ihre Sprechzeit schon überzogen. Aber ich würde Sie gerne noch etwas fragen wollen, um zum Grundsätzlichen zurück zu kommen. Mir brennen zwei Fragen auf der Seele. Zum einen: Haben Sie eigentlich als Fetisch-Escort einen Fetisch? Und meine zweite Frage an Sie: Was waren in Ihrem Hurenleben eigentlich die schönsten Erlebnisse?

AdsP: Ok Herr Urs, die erste Frage ist schnell beantwortet: Hüte, Massanzüge und Hosenträger, sowas törnt mich bei Männern immer an, so der Dandy-Style, ist aber ausgestorben, ausser bei amerikanischen Investmentbankern, die es im Augenblick ja auch nicht leicht haben und üblicherweise nicht zu meinem Kundenkreis zählen, so pc technisch betrachtet, das war bei mir aber schon immer so. Ich blase politisch correct. Also idealerweise Massanzüge. Dann läßt Mann also die Hosen runter, aber bleibt dabei angezogen, wahlweise läßt Mann die Hose bis auf die Knie rutschen, aber nicht weiter, sowas turnt mich an, insbesondere wenn ich den Schwanz dazu rausholen kann, aus dem geöffneten Hosenstall und ich dabei langsam auf die Knie sinke. Schön auch, wenn der Mann streng gescheiteltes langes Deckhaar und einen ausrasierten Nacken hat, sowas sieht man nur noch sehr selten in Europa, zuletzt in den 30er Jahren oder heute noch bei vielen Ostbratzen, die rechts wählen, wegen der guten alten Zeiten eben.

Mein schönstes Erlebnis? Hmmm…. da muß ich Sie leider enttäuschen, Sie dachten hierbei sicherlich an ein Dinner-Date mit allen Schikanen? Gut, ich habe da einige Klienten und Kolleginnen, mit denen ich auch privat Kontakte unterhalte; fragen Sie mich doch nach meinem schlechtesten Erlebnis. Obwohl, wenn ich Ihnen alles erzählen würde – im Guten wie im Schlechten -, nee, das dauert ja Monate. Ich kann Ihnen spontan ein Beispiel nennen, wo ich doch das Laufhaus in München schon erwähnt habe. Es gibt manchmal einfach ein tolles Team aus zusammengewürfelten Frauen, jede ist natürlich besonders und hat ihre Eigenarten. Die Nina, die das Laufhaus in der Landsberger Allee führte und selbst noch als Domina gelegentlich dort werkelte, war auch ein herzensguter Mensch, sowas trifft man nicht nur in diesem Gewerbe äußerst selten, aber es gibt sie, die Huren mit dem grossen Herz, das ist nicht nur Klischee. Also die allerschönsten Erfahrungen habe ich wohl in Gesprächen mit Frauen aus dem Milieu gemacht. Bei Nina werkelte übrigens eine stark sächselnde Dame, die wir Frau Gera nannten, weil sie von da her kam, die regelrecht alterslos aussah, so ein Typ Hausfrauenmodell nur ohne Kittel, Mitte 40 etwa, sehr angenehm im Umgang. Bald hatte ich mich an ihren Dialekt gewöhnt, kannte das ja noch von meinen Grosseltern, die in den Westen rübergemacht hatten, mein Vater hat sich zeitlebens bemüht, diesen Singsang unschädlich zu machen, kann ich auch verstehen. Stellen Sie sich vor, Dirdy Dalk auf sächsisch? Einfach gräuslich. Wenn Sie sich mal vorstellen, so von hinten beim Ficken sagt ein Sachse „A Nöö sööwaaaas, üsch bümss disch döööd“ oder so, da geht mir zumindest keiner ab.

Wir haben dann eben alle zusammen das Dschungelcamp geschaut, ich glaub, das war die erste Staffel, die je gesendet wurde, war sehr beliebt bei den Damen. Ebenso wie das Lösen von Kreuzworträtseln und esoterische Sprechstunden, Aberglauben scheint unter den Frauen eine regelrechte Berufung zu sein, ich sag ja immer „noch schlimmer als der Glaube ist der Aberglaube“. Besonders in meiner Puff-Zeit in Berlin vertrieben sich die Frauen ihre Wartezeiten mit dem Lösen von Rätseln, insbesondere aus der BZ, eine bekloppte Provinz-Gazette mit übertriebenen Anzeigenpreisen für das Gewerbe, die den ganzen Laden, dieses Blatt am Laufen halten, aber unfreundliche Anzeigenverkäufer am Telefon. Das Zeitungssterben wird hoffentlich die Richtigen treffen. Das mit dem Aberglaube, das kommt vom Träumen, wenn man den ganzen Tag lang in dunklen Zimmern werkelt oder auch nichts zu tun hat, das schlägt aufs Gemüt, ist ja oft wie im Gefängnis dort, wo man weder Ausgang hat noch Tageslicht sieht.

DBS: Wo wir dabei sind, die wirklich allerletzte Frage … die Zukunft des Rotlichts, wie schätzen Sie die ein?

AdsP: Ach mit dem wichtigsten kommen Sie zum Schluss. Nun, mit dem über ganz Europa eingebrochenen Back-Slash im Rotlichtgewerbe und dem Siegeszug der Abolitionisten, was sich in Verbotsregimen, Kriminalisierung von Sexworkerinnen und Freiern auswirkt, wird die Szene in den Untergrund abwandern und nur noch maximal online Kontakte herstellen können. Die Crime & Policy Bill in Grossbritannien sieht auch ein Anzeigenverbot vor, in Tageszeitungen, aber auch über einschlägige Adults-Only-Portale. Nur blöd, daß im Zuge der Finanzkrise noch mehr Frauen aus der Not ihre Rettung im Gewerbe suchen, um ihren Loved-Ones den Kühlschrank voll zu machen. Ich schätze, so sieht leider die Zukunft aus, mit nicht unerheblichen Risiken für die Frauen. Der Untergrund ist nämlich nicht regulierbar d.h. nicht kontrollierbar und Menschenhandel und Zwangsprostitution, Gewalt gegenüber Sexworkerinnen werden erst recht erblühen. Dies kann man ja sehr gut in den USA beobachten. Prostitution wird es aber immer geben, solange es patrimoniale Machtregime gibt und keine befreite Sexualität.

DBS: Fräulein Ariane, ich danke Ihnen für das ausführliche Gespräch und dass Sie den schwänzchen-hängenden Eidgenossen Ihre kostbare Zeit zur Verfügung stellen konnten.

AdsP: … ja bestellen Sie der Lesegesellschaft einen schönen Gruß! Und als Politologin schreibe ich Ihnen in Abwandlung Ihres prominenten Bürgers, dem Kunsthistoriker Jakob Burckhardt, ins Gästebuch der Stadt: „Der Kleinstaatsmief der Eidgenossen in einer globalisierten Welt ist noch vorhanden, damit ein Fleck auf der Welt sei, wo die größtmögliche Quote der Staatsangehörigen Bürger im vollen Sinne sind, um braune Sosse zu wählen, Nazi-Gold und Steuergelder aus Nachbarstaaten zu verstecken. Eure Schokolade schmeckt mir schon lange nicht mehr.“



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