Nuttenrepublik: Gliederung & Überblick

Nuttenrepublik – ein Frauenleben in sechs Interviews

1. Mein Leben als Escort
2. Mein Leben als Preisträgerin
3. Mein Leben als Hure
4. Mein Leben als Politikerin
5. Mein Leben als Frau
6. Mein Leben als Ehefrau

1. Mein Leben als Escort
Konkrete Face2Face Kommunikation mit Kunden und Kolleginnen sowie abstrakt-virtuelle Erfahrungen in einschlägigen Paysex-Foren des World-Wide-Web, allesamt Gespräche zwischen Anbieter- und Nachfragerseite, hat mich auf die veränderten Ansprüche vieler Bucher, Kunden aufmerksam werden lassen, die zunehmend die privaten Grenzen von Dienstleisterinnen berühren und manchmal klinisch überschreiten; in der Szene-Sprache spricht man von „Seelenfickern“ bzw. „Mind & Soul Tosser“. Es sind zumeist jene Kunden, die sich ein Date etwas kosten lassen, dabei zusehens die Dienstleistung mit einem Privaten Date verwechseln, alternativ grössenwahnsinnig werden.

Auch ist bei einigen Kunden kennzeichnend, daß sie private Fragen teilweise im Verhörstil stellen und ungerne die Dame mit anderen Kunden teilen möchten, sprich, gerade bei den Langzeitdates wird das Thema Kontrolle wirksam. Dies habe ich in Kapitel 1 ironisch überzeichnet und dafür den Begriff „persönliche Dienerin“ eingeführt, was dann im Begriff der „persönlichen Leibeigenen“ noch einmal gesteigert wird; die Betonung liegt auf Leib und Einverleibung.

2. Mein Leben als Preisträgerin

In der Paysex-Szene ist es üblich, daß Kunden Berichte, sog. Reviews, über ihre Begegnungen mit den Damen des Gewerbes schreiben. Vergleichbar mit Restaurant-Testern von Sterne-Restaurants. Dazu gibt es im In- und Ausland allerhand Berichteforen, die über Attraktivität, Leistung, Stellungswechsel, Unterwürfigkeit, Un/Freundlichkeit etc. der Damen des Gewerbes urteilen; die Anonymität der Kunden birgt allerdings auch das Risiko, daß über Berichte persönliche/private Fehden indirekt ausgetragen werden, die bis hin zu Rufmord reichen (z.B. Verleumdung einer angeblichen HIV-infizierten Hure durch ihren Ex-Freund unter Kunden-Fake-Nick war mit das Schlimmste, was ich beobachten durfte, die darüberhinaus nicht positiv war, sondern sich nur von ihrem Freund getrennt hatte, Ablage Rachebericht).

Üblicherweise schreiben nicht nur reale Bucher Berichte, sondern es wimmelt nur so von Fake-Berichten, auch seitens der Anbieterinnen oder der Escort-Agenturen selbst, um nach außen eine gewisse Popularität zu mimen. In diesem Quell der Phantasie und Autorenschaft gibt es sogenannte Ranking-Listen, die auch über zukünftigen Erfolg und Misserfolg der Damen in der Kundenakquise entscheiden; auch ein sog. Preis für die Besten wird gelegentlich ausgerufen (z.B. Freiclub-Forum) und Bucher können virtuell abstimmen, welche Frau im zurückliegenden Jahr die beste Performance erbracht hat.
Dieses Thema der Beurteilung und Bewertung der sexuellen Performance wird in Kapitel 2 ironisch aufgegriffen. Ebenso die ewig wiederkehrende Diskussion in Paysex-Foren über das „wahre“ Alter der Frauen, das im Regelfall um mindestens 5 Jahre nach oben korrigiert werden muß. „Frischfleisch“, wie Frauen in manchen Foren bezeichnet werden, also sog. „Anfängerinnen“ und junge Frauen sind populär und mehrheitsfähig, besonders wenn sie blutjunge Anfängerinnen sind, weil es einige Herren einfach anmacht, manche Grenzen zu überschreiten und zu brechen, sprich auch zu Praktiken zu nötigen, die sie nicht ausüben wollen. Denn sie haben „Nein“ zu sagen noch nicht gelernt und wissen nicht, mit  Grenzüberschreitung umzugehen. Dieses Thema wird in Kap. 4 noch einmal aufgegriffen.

3. Mein Leben als Hure

Ich und viele meiner Kolleginnen empfinden die am Markt vorliegenden Publikationen sogenannter Insiderinnen nicht nur redundant und schlecht geschrieben, sie arbeiten sich bewußt oder unbewußt an den gesellschaftlichen Klischees ab und reproduzieren diese fort, da sich das skandalumwitterte bzw. tabuisierte Rotlicht gut verkaufen läßt. Die zumeist tristen Geschichten aus dem Alltagsleben einer „Hure“ bei ihrer Begegnung mit sog. „Freiern“ und begleitende Beschreibungen des Flüssigkeitsaustausches befriedigen zwar die voyeuristische Neugier des Spiessertums, dass sich bei diesem Thema in allen gesellschaftlichen Lagern – von Klein- bis Grossbürgertum – wiederfindet, ist für mein Empfinden und Erfahrung jedoch nicht erkenntniserhellend, wenn es darum geht, die Vielfalt und die Grauzonen zwischen Strassenstrich und kapriziösen Pretty-Woman-Allüren mancher High-Class-Escortdamen auszuleuchten. Letztere haben häufig durchaus schon Bekanntschaft mit dem ordinären „Strich“ gemacht, sei es in Wohnungsbordellen, Terminwohnungen oder Clubs, bevor sie sich entschlossen, als freischaffendes Escort tätig zu sein. Im nachhinein tendieren die Damen aus teils verständlichen Gründen dazu, diesen Teil aus ihrer Biografie zu streichen oder durch Namenswechsel unkenntlich zu machen oder eine „Exklusivität“ zu vorzutäuschen, die sich durch das aufgerufene Honorar rechtfertigen soll. Ob Damen mit „billiger“ Vergangenheit oder ohne; fast allen Escorts oder sog. „Geliebte auf Zeit“, wie sich viele schimpfen und die sich als Kurtisane zu höherem berufen fühlen wollen, ist gemein, daß sie sich von Prostitution, von Sexarbeit abzugrenzen suchen und den wahren Kern, nämlich die Dienstleistung verschleiern wollen, indem sie gebetsmühlenartig artikulieren, daß sie „es“ nur aus reinem Spass tun (ähnlich wie die preisgünstigen, sich von Profis abgrenzenden „Hobby-Huren“) und weil sie „so neugierig auf Menschen sind“, wie man es aus handelsüblichen Bewerbungsgesprächen kennt. Sie vergessen dabei, zumindest in Deutschland, daß das durch eine „schnöde“ Hure und Bordellbesitzerin aus Berlin herbeigeklagte Prostitutionsgesetz 2001 auch sie selbst schützt bzw. zu ihrem Wohlergehen Einfluss auf ihre Tätigkeit hat, sei es durch die Möglichkeiten der Sozialversicherung und Krankenversicherung, sei es durch die Möglichkeit in vielen, leider nicht in allen Bundesländern, im Notfall die Polizei zu rufen, die einen nicht mehr wie früher flächendeckend kriminalisiert oder brutal gegen einen vorgeht. Insbesondere in Deutschland gibt es kaum Solidarität in der Szene – anders als in den U.S.A. und Grossbritannien -, es herrscht ein regelrechtes Klassendenken-classism innerhalb der Paysex-Szene seitens Kunden und Anbieterinnen, sodass ich, als geoutete Sexwork-Aktivistin und Feministin – auch hier einen schlechten Stand habe und in gewisser Weise als „Nestbeschmutzerin“ behandelt werde, weil ich gelegentlich in diverse Paysex-Forendiskussionen interveniere und meine Duftmarke hinterlasse, d.h. der Bigotterie und dem durch Romantisierung des Paysex veränderten Anspruchsdenken einen Hauch Realitätssinn einzuhauchen suche.

Wenn die Verwischung von Privatleben und Escort-Business seitens vieler Anbieterinnen noch angefüttert wird, nimmt nämlich auch das Stalkertum zu, im Szenejargon auch als Liebeskasper bezeichnet, die letztlich eine grosse Gefahr für Leib und Seele der Frauen sind. Ich spreche nicht nur aus eigener Erfahrung. Daher verwende ich den Oberbegriff „Hure“, weil er von vielen Frauen in der Szene mit trotzigem Stolz getragen wird und grenze mich als sog. Escort auch nicht ab; ich stehe selbstverständlich zu den vielen Facetten meiner Sexwork-Aktivitäten und gebe in diesem Kapitel Auskunft über einige Erfahrungen, die ich als sog. Wanderhure gelegentlich gemacht habe, auch im Kontakt mit meinen „Kolleginnen“. Dieses Kapitel habe ich letztjährig während meines ersten und einzigen Aufenthalts seit vielen Jahren, in einer Terminwohnung in der Schweiz während der Wartezeiten geschrieben.

4. Mein Leben als Politikerin

In diesem Abschnitt beschreibe ich in überspitzter Form meine Tätigkeit als politische Aktivistin. Hier wird die in Kapitel 2 angesprochene Manie von Test- und Leistungsberichten über Sexarbeiterinnen seitens der Bucher, die ich in ihrer Macht mit den Restaurant-Testern von Sterne-Restaurants gleichgesetzt habe, weil sie mit der Vergabe der berühmten Sterne (Guide Michelin, Gault Millau) über das Wohl, Wehe und Schicksal der Getesteten entscheiden und damit über ihre weitere finanzielle Zukunft, im Überlebenskampf als Hure. In diesem Kapitel kommt dieser Vergleich direkt, natürlich ironisch zur Sprache und ich verkehre nicht nur die Perspektive, ich eigne mir politische Macht an (daher auch mein Bühnen-Name Goldschwanz bzw. de Saint Phallus) und stelle mich als „Generalsekretärin“ mit dem Pseudonym „Angel Guerilla“ an die Spitze der unbekannten, aber real-existierenden internationalen Sexarbeiter-Bewegung, die ein eigenes (vorläufig fiktives) politisches Regime, ein exterritoriales, global umfassendes Sexwork-Regime namens U.S.A. = United States of Angels gegründet hat und international ein Auge darauf hat, ob soziale, rechtliche Mindeststandards in den verschiedenen Ländern zum Wohle der Sexarbeiterinnen umgesetzt werden; auch wird der Flüssigkeitsaustausch in den verschiedenen Ländern gemessen, sowohl der Austausch in Ehebetten als auch im freien Paysex-Verkehr. Inspiriert hat mich in diesem Zusammenhang die Frühjahrsdebatte um die Offenlegung von versteckten Steuermilliarden in der Schweiz und die Diskussion um „Steueroasen“.

5. Mein Leben als Frau

In diesem Interview geht es persönlich zur Sache und es folgt eine Generalabrechnung mit Politik und Vaterland. In Kap. 2 habe ich schon Biografisches anklingen lassen, auch familiäre Erfahrungen gestreift (Stichwort: Kinderpolizei); hier wird nun endlich die Peitsche rausgeholt und es folgt ein Rundumschlag als Zeitgenossin einer Generation (Jahrgang 68), die von Mittelschichtsmythen erzählt, familiärer Fremdgänger und Orgien in der heimischen Kellerbar, Kegelclub-Träume, ein Leben aus dem Katalog und der Frage, welche Werte ausser Konsumismus die Eltern uns ins Gehirn geblasen bzw. hinterlassen haben. Meine Träume, Hoffnungen, die Zukunft stehen im Mittelpunkt dieses Interviews, nicht das Leiden an einer unabänderlichen Vergangenheit, sondern die längst fällige Aufbauarbeit durch die eindringlichen Reflexionen einer Trümmerfrau (so bezeichne ich in meinen Stand-Up-Kabarettstückchen auch die Damen des Rotlicht-Gewerbes, „die tagtäglich Aufbauarbeit an den Väterchen dieses Staates leisten“). Und dies ist keinesfalls sexuell konnotiert, da die Herren, die ich treffe, das Schwänzchen nicht hängen lassen, sondern meine persönliche Ansprache, auch in aufklärerischer Absicht.
Diese Aufbauarbeit findet eine biografische Entsprechung in meiner Mitarbeit als Performerin in Wedekind’s LULU.

6. Mein Leben als Ehefrau

Mein Ausstieg als N.U.T.T.E. war für Ende 08/Anfang 09 geplant und dieser Trendwende wollte ich die Krone zum Jahresanfang 2009 aufsetzen: das seit September grassierende Stimmungstief im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise bedeutet psychologische Folter für alle am bezahlten Verkehr Beteiligten, der Sex-Industrie; ob Kunden, die sich am Geldbeutel oder an der Haushaltskasse festklammern bzw. Anbieterinnen, von Strassenstrich bis „High-End“ an der Wall-Street oder die Porno-Industrie, für fast alle wirkt sich die Krise negativ aus und lässt die Köpfchen hängen und somit auch die Schwänzchen. Entsprechend scharf werden die Diskussionen in manchen Paysex-Foren geführt bzw. die ewigen Preis-Diskussionen erfahren eine neue Blüte. Einige handverlesene Kunden haben mich überleben lassen und so mußte ich bislang nicht den Weg zum Amt, der Vorhölle, antreten und meinen sozialen Abstieg auch äußerlich markieren. Ich hätte ja eh nur die Alternative zwischen Teufel und Weihwasser bzw. zwischen dem Stigma Nutte und dem Stigma Hartz IV, das Ende jeder Selbstbestimmung und der wirkliche Beginn des Verfalls jeder Selbstachtung. Als Nutte kann man durch selbständiges Blasen immerhin den eigenen Kühlschrank füllen. Aufgrund des allgemeinen Stimmungstiefs erwog ich eine paradoxe Intervention, ein sog. Neubeginn zum Start ins neue Jahr sollte es nun sein inkl. Wohnortwechsel ins Ausland. So kam es, daß ich gleich im Januar, am Geburtstag meines geliebt/gehassten Vaters, heiratete, meinem langjährigen Künstler-Mann, dem ich nun eine treue und ehrbare Ehefrau sein wollte.
5 Tage später erlitt er einen Schlaganfall, das Stimmungstief nahm kein Ende, und ich muss seither als Alleinverdienerin die Familie versorgen und um meinen für einen Schlaganfall viel zu jungen Mann bangen, daß es ihn kein zweites Mal erwischt. Entsprechend ist Schluss mit der privaten Lust, die Medikamente hauen auf die Potenz und ausschweifende Trink- und Partygelage, unserem gemeinsamen Hobby, können wir als Barfliegen, die Berliner Kneipen und Bars unsicher machten, nicht mehr frönen. So hocken wir nun ein jeder 16-20 Stunden am Tag an unseren Computern, er baut unverständliche Skulpturen und Bilder, ich Texte und lache das Lachen der Thrakerin.



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