Nuttenrepublik – Opening

Nuttenrepublik

by A.D.S.P.

„Nuttenrepublik“ behandelt die ironische Auf- und Bearbeitung meiner Erfahrungen im sogenannten Rotlicht-und Escort-Gewerbe, gespickt mit autobiographischen Notizen, gegossen in satirischen An- und Zumutungen, politischen Statements als einmischende Bürgerin und kritische Zeitgenossin. Meine selbstironisch überzeichneten Alter Egos Ariane de Saint Phallus (frei übersetzt: Schwanzanbeterin) und meine sonstigen Aka’s – Zirkuspferd, Equilibrist, Goldschwanz – lassen anklingen, daß ich meine Existenzweise als einen Tanz auf dem Seil betrachte und mit einer Clownsmaske die Welt reflektiere.

Der Text ist strukturiert in Interviews über ein Frauen- und Hurenleben, im Rückgriff auf Biographisches aus Kindheit und Jugend, als Intellektuelle in und ausserhalb des Hochschulbetriebs, Partnerin & Freundin, als sexuelle Dienstleisterin und politische Sexwork-Aktivistin.

Im Prinzip eine tragikomische Existenz die Ariane, eine mit sich ringende und sich selbst befreiende LULU, die Entertainment auf allen Ebenen bietet, die neben GFE (Girlfrienderfahrung) und PSE (Pornsexerfahrung) sogar eine MBE (mindblowing experience) im Bauchladen bereit hält, ein ganzheitliches Verständnis von Sex & Erotik präsentiert, die also Geist, Persönlichkeit und Witz, Charme und Anmut, und nicht nur Zeit und Körper verkauft.

Die „Nuttenrepublik“ enthält nur wenig Fiktives, viel „Wahres“ und sogenanntes „Authentisches“, das so erstaunlich wie unglaublich ist, dass es als „fiktiv“ nur so erscheint. Die Zeit- und Erfahrungsebenen wechseln in der Erzählform des Interviews, im Rückgriff auf persönliche Erinnerungen und als Kommentatorin gegenwartsbezogener tagespolitischer Ereignisse, familiärer Zustände und politischer Zeitläufte: Regenbogenfamilien à la Brangelina & Madonna finden ihre Verachtung, eine westlich-populistische Tradition, die mit Mia Farrow & Woody Allen ihren prominenten und verhängnisvollen Ausgang nahm; die Frage, warum Erziehungsratgeber in deutschen Bestseller-Listen ganz oben stehen, wird unter dem Stichwort „Demütigungskultur“ abgehandelt; für einen „Change“ und Obama betrieb sie auf Internetplattformen virtuellen Wahlkampf und pilgerte im Sonntagsstaat und eigens zu diesem Anlass gekauften Fiona Bennett Hütchen zur Goldelse, um ihm seine Aufwartung zu machen, begleitet von einem schweren Beischlafutensilienköfferchen, das, ausser Kondome, auch schwere Ketten und Handschellen von einem zuvor absolvierten Kundentermin beinhaltete. Später erfuhr sie von einem Klienten, der für die GSG 9 an diesem Tag Personenschutz leistete, dass Obama sich auf dem für ihn reservierten Pixi-Klo einschloss, um sich eine halbe Stunde lang auf seine Berliner Rede vorbereiten zu können, was zu einer gewissen Unruhe unter den Sicherheitsbeamten führte und die Frage aufwarf, ob man anklopfen solle; das Thema Ficken & Wirtschaftskrise wird abgehandelt genauso wie fundamentalistischer Terror in Europa: am 7. Juli 2005, auf dem Weg von einem Bewerbungsgespräch in Bournemouth zu einer Sexparty in London, detonierten morgens um 9 Uhr die Bomben in der Londoner U-Bahn Edgeware Road und sie erzählt, wie sie dieses Erlebnis verarbeitete, frei nach dem Motto, daß selbst die schmerzlichsten Ereignisse noch eine Anekdote wert sind; als freischaffender Hofnarr und ernsthafte Sexwork-Aktivistin hat sie die Muschi-Partei gegründet und politische Forderungen zum Inhalt ihres Stand-Up-Programms gemacht. Die Motivation der Tätigkeit als Callgirl entspricht der Motivation zur Arbeit an der „Nuttenrepublik“: „ich bin nebenberuflich Arschleckerin, weil ich hauptberuflich dazu ungeeignet bin; dies war auslösendes und trotziges Moment meines Einstiegs in die Sex-Industrie.“

Die „Nuttenrepublik“ resultiert also aus einem politischen Bewußtsein und Engagement als Feministin und Sexwork-Aktivistin, die ich mit zunehmender Erfahrung wurde, als Tochter, Studentin, Hochschulmitarbeiterin und Rotlicht-Motte; selbst-ironisch, ironisch, kritisch, humorvoll, sarkastisch, niemals zynisch, vermag ich es nur auf diesem Weg, mit der allumfassenden Heuchelei und gesellschaftlichen Doppelmoral umzugehen, die m.E. die „Vernuttung“ der Gesellschaft insgesamt kennzeichnet. Diese reproduziert sich gleichfalls in der skandalisierenden, medialen Berichterstattung über das „Gewerbe“ im Ringen um Quote und Auflagenzahl; man bedient sich wie selbstverständlich des moralingeschwängerten Zeigefingers, während die Anzeigenabteilungen der gleichen Verlagshäuser am Gewerbe gut mitverdienen; wahlweise ist eine idealisierende Berichterstattung über alle Kanäle hinweg zu beobachten, die man als „Einstiegshilfe“ in guter Pretty-Woman-Manier begreifen kann. „Schwarz und Weiss sind nicht meine Farben“, wie es eine reflektierte Ex-Kollegin mal so schön sagte, weshalb meine „Nuttenrepublik“ sich zum Ziel gesetzt hat, die Grauzonen auszuleuchten, um ein realistischeres Bild von der Welt des Paysex zu zeichnen.

Die „Nuttenrepublik“ ist auch der umgekehrte Fingerzeig auf verlogenes Naserümpfen: eine Hure, die einem Ethos verpflichtet ist …. empathische und emphatische Tinte aus den Fingern einer Frau/Tochter/Schwester/Tante/Hure/Callgirl/Escort/Sexarbeiterin, Angehörige des Prekariats im wahrhaftigsten Sinne, die umgekehrt ansetzt: „die Nutten, das sind die anderen …“ Jenseits redundanter und zumeist trostloser Selbst-Offenbarungen über ein Leben im Rotlicht, über sog. Freier und andere Menschen, die Abrechnungen mit dem sog. Gewerbe üblicherweise auflisten und mich in ihrer Radikalität an trockengelegte Nicht-Raucher erinnern, hülle ich mich, was Konkretionen des Flüssigkeitsaustausches anbelangt, hier in Schweigen und lasse maximal die eine oder andere Anekdote einfliessen; warum etwas so oder so längst Geschriebenes wiederholen, dass alleine die voyeuristische Gier befriedigt und Auflagenzahlen steigen läßt? Eher wird zu zeigen sein, warum meine persönlichen Kontakte mit Kunden mein Männerbild stark korrigiert haben, und zwar nach oben. Thumbs Up! Provokativ gefragt: sind sog. Freier nicht vielleicht sogar die besseren Männer?! Ich treffe in meinen Begegnungen mehrheitlich „Menschen“, die respektvoll mit mir umgehen, auf meine Bedürfnisse Rücksicht nahmen, anstatt mich zu unterlaufen oder sexuell auszubeuten. Das kann ich über meine privaten Begegnungen nicht unbedingt behaupten und die Zahl ist, statistisch betrachtet, etwa gleich hoch, da selbst ich nicht zu den Vielfickerinnen zähle, auch wenn mich interessierte Kreise schon ewiglich dazu machen wollen: ob die eigene Familie, die den Selbstbehauptungswillen der Tochter und Schwester auszuhebeln sucht oder manchen potentiellen Kunden, den man abgewimmeln musste und im nachhinein anonym und virtuell abrechnet. Ist niemandem aufgefallen, daß die neurotisch-narzißtische Persönlichkeitsstörung offenbar eine Volksstörung ist, so übergreifend, daß sie nicht als Abweichung wahrgenommen, sondern als Normalzustand unerkannt, aber anerkanntermassen toleriert wird?!

Ich ziehe also der Nation die Hosen aus, lasse die Hüllen der Saubermänner und -frauen und damit die Masken der Heuchler, Seelenficker, Psycho-Terroristen fallen. Jenen also, die uns nur allzu gerne als „Randgruppe“ abstempeln und uns, munitioniert mit sozialwissenschaftlichen, medizinhistorischen Abweichungstheorien, alltäglich traktieren, dabei doch nur den irrationalen Gesamtzustand zum Normalzustand verklären. Ich schreibe aus der Mitte für die Mitte der Gesellschaft: im Grunde ist alles seitenverkehrt, man muss nur genau hinschauen.


3 Kommentare on “Nuttenrepublik – Opening”

  1. Axel sagt:

    Hi Ariane,

    jetzt muss ich dir mal einen Kommentar hier hinterlassen, geht um einen Satz in dem schönen Artikel (der – als „Opening“ bezeichnet – auf mehr hoffen lässt), der mich nachdenklich macht, und zwar diesen: „Provokativ gefragt: sind sog. Freier nicht vielleicht sogar die besseren Männer?!“ Cave: Das Setting ist dabei entscheidend! Freier treffen Huren und wissen, dass es dabei – zumindest primär – um ihr(e) Bedürfnis(se) geht. Da ist es einfach, die Frau zu achten, respektvoll zu sein etc. Schwierig wird’s halt erst beim Streit darum, ob die Zahnpasta-Tube aufgerollt wird oder nicht. Wer wann was will, und wer warum was gerade nicht.

    Reich-Ranicki sagte mal in einer seiner Fernseh-Runden: „Sie können nicht mit allen Frauen dieser Welt schlafen, aber das ist kein Grund, es nicht zu versuchen!“ Das, und nichts anderes, ist die Prämisse männlichen Daseins, schon biologisch-evolutionär bedingt. Wenn man(n) ein Date „gebucht“ hat, fallen gewisse, sonst zu erwartende Unwägbarkeiten des Werbens um die Gunst einer Frau halt weg: Man(n) braucht also nicht mal vorher Kreide zu fressen, das macht es einfach, „nett“ zu sein. Lass dich also nicht täuschen, Männer sind Schweine ;o)

    LG,
    A.

  2. Ariane sagt:

    Ich hab es extra überspitzt formuliert, im Regelfall zeigt sich, wie du schreibst, ein Mann bei einem Date von seinen besten Seiten, und das ist natürlich im Alltag anders. Ich hab es auch deshalb überspitzt formuliert, weil ich den geläufigen Begriff „Freier“ unangenehm finde, ist er doch negativ besetzt, gesellschaftlich stigmatisiert, ähnlich wie eine Hure, Prostituierte – egal, ob es sich Escort oder Callgirl schimpft – und hier sind die meisten Nationen sich in ihrer Wertung und Verurteilung weitgehend einig, insbesondere laut gestikulierende Moralapostel, die nach aussen den bezahlten Verkehr verurteilen, ihn selber aber praktizieren. Dies gilt auch in Deutschland, obwohl bei Umfragen oft liberale Ansichten über die Damen des Gewerbes zu hören sind, meist zusammen mit dem Nebensatz, daß es dank uns angeblich weniger Vergewaltigungen gäbe. Das ist allerdings schwachsinnig, da Kunden in aller Regel keine Kriminellen sind, sondern Sex und Erotik erleben wollen. Ein Vergewaltiger sucht in erster Linie Macht.

  3. Wolfgang sagt:

    Ariane, einfach sehr gut.

    wenn man dich im Gespräch erlebt hat, dann ist dies einfach „Orginalton Ariane“.

    Mit spitzer Feder Akzente gesetzt und erfrischende Anstöße zur Bewusstseinserweiterung gegeben.

    Gruß Wolfgang


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