Kohle: Kapitel 28

Ein Sklave ist jemand, der auf jemanden wartet, der ihn befreit. Ähnlich verhält es sich mit dem Cinderella Komplex, wo Frauen auf Retter warten, und der Frage, warum Frauen beschließen, in einer dysfunktionalen Beziehung zu bleiben.

Die devoten Schnepfen symbolisierten für Nadine die selbst gewählte Sklaverei, Abhängigkeit und Unterstützung der Dominanzverhältnisse des Patriarchiats. Sie erduldeten Demütigungen und Gewalt gegen sich und ihre Kinder, während Nadine ihr ganzes Leben um Freiheit, Autonomie und Unabhängigkeit kämpfte. Als Studentin arbeitete sie eine Zeit lang in der Nachtschicht in einem Frauenhaus. Die Erfahrung war eine Katastrophe, da fast alle Frauen zu ihren prügelnden Ehrenmännern zurückkehrten und sich und ihre Kinder den Sadisten weiter zum Fraß vorwarfen.

Feministinnen bezeichneten Prostituierte als Verräterinnen an ihrem eigenen Geschlecht. Aber das Gegenteil war der Fall, da die meisten Prostituierten sehr genau wußten, was sie taten, nämlich keine kostenlose Care Arbeit wie Hausfrauen und aufopfernde Mütter zu machen, sondern sich vom Patriarchiat bezahlen zu lassen, um finanziell unabhängig zu sein. Im Prinzip stand Prostitution für das Gegenteil von Sklaverei, und wurde deshalb auch von den Schnepfen bekämpft. Sie beneideten die Huren in Wirklichkeit um ihre Freiheit. Natürlich gab es unter den Huren auch einige geldgeile Goldgräberinnen, die sich einen reichen Ehemann suchten, aber das machten andere Frauen ja auch und wer will strukturell benachteiligten Frauen das im Kapitalismus schon vorwerfen. Prostitution galt dem Tauschhandel in einer unfairen Geschlechter-Ökonomie, nur die Vertragsgrundlage unterschied sich von der heiligen Ehe.

Ungelöst blieb die Frage, warum Frauen in Abhängigkeit zu Männern blieben, die gewalttätig und tyrannisch waren. Für diesen Fall stand exemplarisch Nadines Mutter, die mehrfach aus- und wieder eingezogen war, wegen der finanziellen Abhängigkeit und weil sie ein Luxusleben führte mit Kleidung von Balenciaga und Schmuck von Cartier. Auch die Mutter von Nadines Mann hatte ein ähnliches Schicksal, die dazu noch von ihrem Mann mit einer Geliebten jahrzehntelang betrogen wurde und wie ein Hund litt. Alles aus Liebe. So sehr, dass sie Nadine bei ihrem ersten Kennenlernen unter Tränen ihre Lebensgeschichte erzählte. Ihren Großmüttern mußte sie auf dem Sterbebett versprechen, eine freie Frau zu werden und dieses Versprechen löste sie ein.

Es gab viele Menschen, die sofort Vertrauen zu Nadine hatten. Auch die Mutter ihres Exfreundes, die Nadine um Rat bat und ihr von dem tyrannischen Ehemann berichtete, der mit einer Glocke signalisierte, wann die Frau ihm sein Bier zu bringen hatte. Nadine machte ihr Mut, sich zu befreien und anders als ihre Mutter zog die Mutter ihres Freundes tatsächlich aus und liess den Mann allein zurück, der sich in kürzester zu Tode soff. Einer der Söhne entdeckte nach Tagen die verfaulende Leiche des Vaters, der mit seinem mächtigen Körper die Haustür versperrte. Der Sohn musste sich energisch Zugang zum Haus verschaffen und hatte den toten Vater, der den Eingang versperrte, beiseite schieben müssen.

Aber schlimmer als dieses Schicksal war, was Nadine in ihrer Jugend erlebt hatte. Nämlich den gewaltsamen Tod ihrer 15 jährigen Schulfreundin, die von ihrem 19 jährigen Bruder mit einem Hammer erschlagen wurde, während sie Klavier spielte. Anschliessend hatte der Bruder ihre Augen ausgestochen, sich mit schwarzer Farbe bemalt und vergeblich versucht, sich selbst mit einem Computer in der Badewanne einen elektrischen Schlag zuzufügen. Als das mißlang lief er auf die Straße und schrie, dass er seine Schwester getötet habe. Er wollte als einziger Mann im Haus ursprünglich alle Schwestern töten, was misslang. Zurück blieb eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern, die mit einem Schlag zwei davon verlor. Der Bruder bekam nur vier Jahre und landete in der Forensik in Wuppertal. Danach ging Nadine keine Freundschaften mehr ein. Damals wurde es in der Schule nicht thematisiert und ihre ermordete Freundin totgeschwiegen. Nadine erfuhr es aus der Bildzeitung, die ihr Vater täglich las. Dort war auch das 30 stöckige Hochhaus im Ghetto von Duisburg abgebildet, und die Wohnung, wo der Mord geschah. Das mit den ausgestochenen Augen und weitere gewaltvolle Details erfuhr sie von Nachbarn, die mit einem der Polizisten befreundet waren, die die Wohnung aufgebrechen mußten.

Ihre eigene Mutter konnte sich schliesslich nur von Nadines Vater lösen, weil sie einen anderen Mann kennenlernte und dadurch den Mut fand, aus der Ehe mit dem Tyrannen auszusteigen. Allerdings tauschte sie einen reichen Choleriker gegen einen armen Tyrannen aus und die Scheiße ging von vorne los. Sie war jedoch gebrochen und konnte sich aus der zweiten Ehe nicht mehr befreien, obwohl sie zutiefst unglücklich war und erkrankte wohl auch deshalb an Krebs, an dem sie schon seit 17 Jahren litt. Dabei war ihre Mutter trotz finanzieller Selbständigkeit und Unabhängigkeit durchaus in der Lage gewesen, alleine mit dem gemeinsamen Kind zu leben. Ähnlich verhielt es sich auch, als ihre Mutter ihren Vater kennengelernt hatte, den sie aufgrund der Schwangerschaft mit Nadine angeblich heiraten mußte. Aber Ende der 60er Jahre mit Anti-Baby-Pille hätte der Unfall garnicht sein müssen und sie hätte Nadine mit Unterstützung der Großmutter durchgebracht. Ihre Mutter hatte also den gewaltvollen Charakter längst erkannt, bevor sie die Ehe geschlossen hatte. Und ihr Großvater ebenfalls, dem ihre Mutter auf dem Sterbebett versprechen mußte, dass ihr Mann der Richtige für sie ist, denn auch er machte sich Sorgen, nachdem er Nadines Vater kennengelernt hatte. Bis ins hohe Alter liess sie kein gutes Haar an Nadines Vater. In jedem Gespräch schleuderte die Mutter ihr die Wut und das Leid entgegen. Es war wie eine offene Wunde, die niemals schloß.

Viele ihrer Kunden waren verheiratet und gingen ins Bordell. Es gab auch schon Ehefrauen, die sich im Netz zusammengeschlossen hatten und die Prostituierten bekämpften. Aber da bissen diese Frauen bei Nadine auf Granit. Selbst in Freierforen schleusten sich die Ehefrauen ein und heulten rum und beschimpften die Huren als Verräterinnen. Dabei waren die eigenen Ehemänner für den Verrat an den Ehefrauen verantwortlich. Meist weil viele Frauen den Verkehr nach der Geburt der Kinder ein für allemal eingestellt hatten. Jeder Mensch ist ein sexuelles Wesen und sexuelles Begehren ist etwas natürliches. Die Hausfrauen konnten doch froh sein, daß es die Prostituierten gab und dass ihre Männer sie nicht gegen eine Jüngere austauschten und bei ihnen blieb. Deshalb vermutete Nadine auch, daß die Prostitutionsgegnerschaft nicht nur religiös fundiert ist, sondern sexuell. Im Prinzip war das Argument des Menschenhandels nur vorgeschoben. Der ganze missionarische Eifer war weniger erfüllt, den tatsächlichen Opfern zu helfen, sondern viele Spenden einzusammeln, weshalb die Zahl der Opfer entscheidend war, die man in den Medien zirkulieren ließ. Mehr Opfer heißt mehr Spendenfluß. Überhaupt war es ekelhaft mit anzusehen, welche Menschen sich im Kampf um Menschenrechte die Taschen voll machten und wie die Zwangsrettung von Prostituierten neues Leid und Opfer schuf.

Nadine hatte ein völlig anderes, nämlich differenziertes Männerbild und keine verkniffene Männerfeindschaft, auch wenn einige ihr das Gruseln beigebracht hatten. Wenn man mit 1000 Freiern geschlafen hat und vier davon sind Arschlöcher, bedeutet das dann, dass alle Freier böse sind? Den gleichen Vorwurf sah Nadine in der öffentlichen Rede über die Schuld alter, weißer, cis Männer, die im Prinzip völkisch und rassistisch war, indem man eine Menschengruppe kriminalisierte. Nadine hatte dagegen gute Erfahrungen mit alten, weißen Männern gemacht, auch privat, weil sie meist mit viel älteren Männern Beziehungen einging. Und professionelle Huren wissen auch, daß weiße alte Männer die besten Kunden sind, weil sie mehr Geld haben als die Jungen und meist sanftmütiger und gewaltloser sind. Es ging nicht darum, Menschen und Männer aus ihrer kolonialen Schuld und Verantwortung zu befreien, aber die Hysterie der postkolonialen Kritik war teilweise sehr überzogen. Der rigide, überhebliche und selbstgerechte Ton und die Einteilung in gute und böse Menschen- und Geschlechtergruppen trug teils faschistoide Züge. Sie hatte auch nie verstanden, warum man eine Linke wie Sahra Wagenknecht als Nazi bezeichnete. War Nadine auch schon ein Nazi, wenn sie die Täter von Gewalt namentlich benannte und ihre kulturelle Herkunft bezeichnete? Wenn sie von dem tschetschenischen Kämpfer mit den kalten Augen im Bordell sprach oder von den Arabern, die ihr verboten zu lächeln? Von den zugekoksten und aggressiven schwarzen Männern, die ihr zweimal den Hals zudrückten, als sie auf das Ende der bezahlten Zeit hinwies? Männer, die mit Drogen zugeballert sind, können meist nicht abspritzen und aus dieser Unfähigkeit erwächst die Aggression. Und natürlich aus einem kulturellen Verständnis den westlichen Frauen gegenüber, die NEIN sagen können und Grenzen aufzeigen. Und in dieser Perspektive waren Nutten keine Menschen, sondern Abschaum, den man auch so behandeln durfte. Viele deutsche Männer flohen vor den emanzipierten und finanziell unabhängigen westlichen Frauen ins Ausland, in der Hoffnung, daß die Frauen ihnen dort aus der Hand fressen. Ja natürlich, aber nur gegen Cash. Weshalb es in der thailändischen Sprache einen eigenen Begriff für westliche Männer gab, nämlich „Brieftaschen auf zwei Beinen“, was die ausgeplünderten Männer nicht wahrhaben wollten, die alle von Liebe fabulierten, wenn sich die Frauen durch Wohlverhalten das Vertrauen der Männer erkauften.

Wenn sie sich das Frauenschicksal ihrer Schwester und ihrer Mutter anschaute, mußte sie feststellen, dass beide auf die Loverboy Methode reingefallen waren. Der kriminelle Mann und Rohrverleger spielte ihrer Schwester Liebe vor, um von der späteren Erbschaft zu profitieren, die er bei Nadines Vater vermutete, und der ausländische Mann ihrer Mutter hatte Liebe vorgegaukelt, um sein Land verlassen zu können und im Westen eine reiche Frau zu heiraten. Das gleiche Schicksal hatte eine frühere Bekannte von Nadine geteilt, die einen eigenen Weinhandel betrieb, sich nach der Trennung von ihrem Mann auf Reisen begab, um von einem fast minderjährigen Mann aus Sri Lanka gevögelt zu werden, den sie auf Wunsch heiratete, um ihm den Aufenthalt in Deutschland zu garantieren. Und dann war er plötzlich mit einer Jungen abgehauen, die er schwängerte und die Weinhändlerin soff ihren Laden runter, wurde Heroin abhängig, bekam Krebs und die Brüste amputiert und bettelte seitdem an der U-Bahn um einen Euro.

Und die blöden Hühner hatten nichts bemerkt, so wie viele Frauen, die in die Zwangsprostitution durch die Loverboy Methode geraten. Der Loverboy entsprach umgekehrt dem Verständnis von Goldgräberinnen, die gezielt Beute bei reichen Männern machen wollten. Es ging also eigentlich immer um Kohle, nicht um Liebe. Wenn im Liebeswahn das Gehirn ausgeschaltet ist, tappen viele Frauen in die Loverboy Falle. Es gibt viele Betrugsfälle bei Facebook, wo einsame Frauen über Chats unbekannten Avataren aufgrund von Liebessäuselei zig Tausende Euros überwiesen haben. Bei der Zwangsprostitution ging eine aus Liebe eingegangene Beziehung in die Knechtschaft und Sklaverei über, wo die Frauen 24 Stunden/7Tage über GPS kontrolliert wurden. Und das aus zig tausenden Kilometern Entfernung. Ähnlich wie Pädophile kleine Kinder bedrohten, nicht über den Missbrauch zu sprechen, weil sonst was schlimmes passieren würde, bedrohten die Menschenhändlerbanden die Frauen mit Tod und Verdammnis aus ihrer Sippe, ihrer Stammesgesellschaft, ihrer Familie.

Das Bedürfnis nach Liebe war in der Gesellschaft groß, genauso groß wie das Risiko, Opfer von Beziehungsgewalt zu werden. Und nichts anderes war die Gewalt zwischen manchen Prostituierten und ihren Zuhältern und Ausbeutern.

Nadine war eine Analytikerin des schlechten Geschmacks und der bodenlosen Dummheit. War das privilegiert? Immer wieder mußte sich Nadine und andere deutsche Huren den Vorwurf gefallen lassen, dass sie weiß, cis Gender und privilegiert waren. Damit wurde unterstellt, nicht die Interessen marginalisierter und benachteiligter Menschen ausreichend im Blick zu haben und nicht angemessen die Interessen von Migranten und queeren Menschen in der Sexarbeit zu repräsentieren. Auch hier verwechselte die linksidentitäre Fraktion Interesse und Identität. Nadine war nicht Aktivistin geworden aufgrund einer bestimmten Hautfarbe, sondern aufgrund der globalen Erfahrung der Benachteiligung von Prostituierten und der Gewalt gegen sie. Außerdem hatte Nadine selbst als Migrantin im Ausland über viele Jahre in internationalen Teams angeschafft, wo sie nur eine von vielen Migrantinnen war. Sie war durchaus in der Lage, angemessen über Sexarbeit zu sprechen und die Interessen aller vertreten zu können, aber sie wurde aus einem linksidentitären Wahn heraus abgelehnt, weil sie eine Führungsposition als weiße Frau bekleidete, die sie sich über fast zwanzig Jahre als Aktivistin erarbeitet hatte. Umgekehrt wurde ein Schuh draus. Die linksidentitären Huren waren extrem übergriffig, dabei wollten sie nur ran an Geld und Ressourcen in der Hurenbewegung, die knapp bemessen sind. Sie glaubten, wenn mehrere Benachteiligungsmerkmale erfüllt sind, sie quasi von Natur aus nicht nur ein Mitspracherecht hätten, sondern die Deutungshoheit in der Hurenbewegung, was äußerst lächerlich war. Sollte Nadine auch jedem Deppen auf die Nase binden, daß sie zu den mehrfach stigmatisierten und geistig Kranken gehörte, um mehr Glaubwürdigkeit für ihre Argumente zu erringen? Das war doch Wahnsinn. Aber sie wurde tatsächlich von selbstgerechten Amateuren im politischen Zirkus auf ihre Hautfarbe, Herkunft, sexuelle Präferenz reduziert, was eine völkische Note hatte und keineswegs progressiv war. Nadine war eine weiße Migrantin in der Sexarbeit, ein schwarzer Schwan nennt man diesen Ausreißer in der Statistik, und das beste war, Nadine war nicht die einzige. Privilegiert war sie nur in einem Punkt: das sie bislang überlebt hatte. Auch Deutschland.


Kohle: Kapitel 27

Nadine hatte drei Geschwister, davon zwei sehr junge Halbgeschwister aus den späteren Ehen ihrer Eltern, die ihre Kinder sein konnten. Und sie war sechs-fache Tante. Sie war die Älteste und hatte am meisten an ihrer Familie zu leiden.

Sie war auch der erste Mensch, die erste Frau in ihrer Familie gewesen, im Kampf um höhere Bildung. Die Frauen ihrer Familie waren alle Ausgeburten an Fruchtbarkeit, was die kinderlose Nadine überhaupt nicht verstehen konnte. Sie selbst hatte sich bewußt gegen Kinder entschieden, wie fast alle ihrer Ex Freunde und ihr Mann. Zwei Ex-Freunde hatten sich bereits in jungen Jahren sterilisieren lassen, was sie sehr verantwortungsvoll fand. Die Geschichte Deutschlands, die globale Entwicklung und Klimaerwärmung hatten Nadine schon als Kind entsetzt.

Ausserdem wollte sie die Reproduktionslinie ihrer Familie beenden. Sie hatte sich früh mit Hirnforschung, Trauma und Epigenetik auseinandergesetzt und war überzeugt, dass sie ihren ungeborenen Kindern einen Gefallen getan hätte. Sowohl genetisch, als auch was die Entwicklung einer Kindheit in Deutschland betraf.

Die Eltern hatten mit ihrer Erziehung der harten Hand nur Versager und psychisch kranke Kinder produziert. Nadine war neidisch auf ihre Halbschwester, die nie Gewalt erlebt hatte und von Menschen gefördert wurde, sodass sie als junge Frau mit Migrationshintergrund, die nicht die Sprache ihres Vaters sprach, weil er meist beruflich abwesend war, mit einer Mutter, die das Kind als Wunschkind verwöhnte, ohne Gewalt, Lehrerin an einem Gymnasium wurde und drei Kinder in die Welt setzte. So glücklich und optimistisch, auch naiv und verblendet war sie, ihr Heil als Frau in der Mutterschaft und der Knechtschaft einer Ehe zu finden, wo der Mann das Sagen hatte. Ihr dominanter nichtsnütziger Ehemann, der sich über seine ungeliebten Eltern finanziell gesund stieß und sie gleichzeitig verachtete, hasste Kunst, genauso wie Nadines Vater, weshalb er seiner Frau verbot, Nadines Kunst in ihr elternfinanziertes Eigenheim zu hängen. Deshalb hielt Nadine auch von allen Geschwistern Abstand, weil einer dümmer war als der andere. Allein 12 Jahre musste sich Nadine wegen ihrer lieblosen Kindheit in psychiatrische Behandlung begeben, während die Halbschwester mit Dauergrinsen ihre Schwangerschaftsbäuche auf Instagram der ganzen Welt präsentierte. Das Dauergrinsen und die Unterwürfigkeit unter die Männer hatte sie von ihrer Mutter übernommen. Weshalb Nadine grundsätzlich keine devoten Frauen mochte, ja sie verachtete.

Sie hatte sich schon als Kind mehrfach ihren Eltern erfolglos mit Hilfe des Jugendamts widersetzt, abgesetzt, war abgehauen, auch ins Ausland, aber immer zurückgekehrt, weil es woanders ebenfalls nicht so toll war, wenn sie ein Land oder Kultur einmal sehr gut kennengelernt hatte. Als Kind lernte sie andere Familien kennen und wenn Eltern besonders lieb zu ihren Kindern waren, flehte Nadine diese Eltern an, von ihnen adoptiert zu werden.

Eigentlich wollte sie als Kind schon in die USA auswandern, nach New York, aber das war ohne akademische Karriere unmöglich, weshalb dieser Weg ein für allemal verschlossen war. Und Großbritannien, der kleine Bruder der USA, war politisch genauso verkommen wie die USA, weshalb dieses Land keine Heimat bot.

Nadine war entwurzelt und zutiefst ihrer Familie entfremdet. Schon in ihrem Studium hatte sie sich abstrakt mit Identität und Heimat beschäftigt. Nur so konnte sie sich dem Thema Heimat und Geschichte nähern. Sie hatte auch noch nie in ihrem Leben Wurzeln geschlagen und deshalb keine Freunde. Nur Bekannte und die Liebsten lebten weit weg im Ausland. Auch in Berlin hielt sie nichts, ausser ihr Mann, ohne den sie verloren gewesen wäre. Manche Teutonenficker, also Sabbelfreier, wollten mit ihr Freundschaften eingehen und suchten eine kostenlose Gesellschaftsdame oder Lebenspartner. Darunter war auch ein ehemaliger Stammkunde und Top Manager, der als äußerst vermögender Frührentner wegen der vielen tollen Nutten seine Zelte in Berlin aufschlug, um sich als alter, weißer, lediger Mann noch einmal jung und spritzig zu fühlen. Aber Nadine brach den Kontakt ab, weil sie sich in seinem Beisein wie eine unbezahlte Prostituierte fühlte.


Kohle: Kapitel 26

Nadine löste 2002 ihre Wohnung in Berlin auf, um nach Bristol zu ziehen. Sie hatte sich in den Sänger von Massive Attack verknallt, der in Bristol wohnte. Angeblich hatte er gelegentlich Escort Girls gedatet, weshalb Nadine die Hoffnung hatte, von Robert del Naja gebucht und gevögelt zu werden.

Um das herauszufinden, hatte Nadine ihre große, schöne und aufwändig renovierte Wohnung in allen Regenbogenfarben kurzerhand aufgelöst und war nach Bristol gezogen. Mit nichts als drei Koffern. Dort angekommen lebte und arbeitete sie in einem kleinen Puff in Bristol: Suzys Ranch, so hieß der Puff, die auch einen Ableger in Swindon hatten, auf halber Strecke zwischen Bristol und London. Die Gäste waren korrekt und haben immer kleine Geschenke mitgebracht. Anders als die deutschen Geizfreier. Selbst deutsche Stammkunden fingen ja an, das Honorar runter zu handeln.

Jedenfalls hatte sie sich in Bristol auf die Suche nach Robert del Naja gemacht, einer der Frontmen von Massive Attack. Sie erfuhr, daß Massive Attack auch einen Nachtclub in Bristol besaßen. Nadine reiste wie ein Fan natürlich dorthin, um mit Robert einen Whiskey zu trinken, traf jedoch niemanden aus der Combo an. Nachdem sie Robert auch nach zig Wochen des Wartens nicht traf, packte sie ihre sieben Sachen und zog nach London in ein Studio in Mornington Crescent, einem mit Ungeziefer und Flöhen verseuchten Apartment. Der schwarze Schädlingsbekämpfer im weißen Ganzkörperanzug und Kartuschen voller Vernichtungsmittel auf dem Rücken, sagte zur Begrüßung nur „willkommen in London“ und berichtete, das die Hygiene in London überall im Arsch war. Zwei Lebensvergiftungen in kürzester Zeit und eine Lungenentzündung waren dann auch ein Grund, wieder das Weite zu suchen.

Während ihrer Odyssee durch Großbritannien arbeitete sie in ihrer Anfangszeit in einem jüdischen Puff in Hendon, Nord-London, der als Massagesalon getarnt war, da Bordelle verboten waren. Jüdisch deshalb, weil hier ausschließlich jüdische Kunden verkehrten und das Management, ein Ehepaar namens Jenny und Tony, liberale Juden waren, die sich nur für Sex, Geld und koscheres Essen interessierten.

Sie fanden es ulkig, dass Nadine die einzige deutsche Sexarbeiterin dort war, die dort jemals tätig war. Jedenfalls hatte sie auch orthodoxe Kunden, die sich eine Ganzkörper Massage gönnten. Währenddessen unterhielt sie sich mit ihren Kunden meist über Philosophie und Theologie. Es gibt ja sehr viele gelehrte Leute unter den Orthodoxen. Sie unterhielten sich über Gershom Sholem, Walter Benjamin, Emmanuel Levinas. Sie konnte da etwas mitreden, da sie ja zuletzt in einem Institut für deutsch-jüdische Geschichte gearbeitet hatte, in Verbindung mit Lehrverpflichtungen.

Eines Nachts gab es einen antisemitischen Anschlag auf den Puff. Das Haus wurde mit antisemitischen Schmierereien besprüht. Außerdem prangte das Wort „Huren“ auf der Fassade. In einer Nacht-und-Nebel Aktion entfernte Nadine alle Schmierereien. Die Manager waren gerade in Spanien, wo sie eine Residenz hatten und einige Tage Urlaub machten. Außerdem mußte Nadine eine Russin im Kleiderschrank verstecken, die sich illegal im Land aufhielt, als die Bullen anrückten.

Man konnte auch Sozialversicherungsnummern unter der Hand kaufen. Deshalb arbeiteten in diesem Puff viele osteuropäische Huren, die ihr Geld nicht in Schönheitsoperationen investierten, sondern in einen legalen Aufenthalt.

Nadine erfuhr später, daß die Polizei das illegale Bordell hochgenommen hatte, nachdem sich die Steuerfahndung auf ihre Fersen geheftet hatte und Jenny und Tony ihre Existenz verloren. Zuvor hatte Jenny sich nach 40 Jahren scheiden lassen, weil ihr Tony sich immer an die Mädels im Laden heranpirschte. Gegenüber Nadine hatte er nie Annäherungsversuche unternommen und sie glaubte, daß eine mißgünstige Hure Jenny den Flo ins Ohr gesetzt hatte. Das Ende vom Lied war, daß sich Tony ein Jahr nach der Scheidung das Leben nahm. Jennys homosexueller Bruder, der schon früh seine Wohnung für schwule Paare vermietete und gleich noch ein paar Immobilien zur Vermietung hinzu kaufte, ging zusammen mit seiner Schwester nach Malaga, wo sie AirBnBs vermieten. Überhaupt sind die Engländer geschäftstüchtiger und gastfreundlicher als die Deutschen.

Aber in London konnte Nadine keinen Aufschlag machen, weil sie schon zu verwöhnt war. In England lebten die Leute im Erwachsenenalter in WGs, was ein Graus war, aber notwendig, aufgrund der hohen Immobilienpreise.

Deshalb zog sie in das verseuchte Loch, um allein zu sein. Vor ihrem Küchenfenster stand ein alter Baum und sie fütterte immer die Eichhörnchen mit Nüssen. Wenn nicht alles verseucht gewesen wäre, wär sie geblieben.

Sie hatte ihre Möbel eingelagert und ein paar Habseligkeiten bei ihrem Freund, dem Bücherwurm, untergestellt. Von dort aus suchte sie sich eine schöne und standesgemäße Wohnung in Berlin, als sie ihren späteren Mann kennenlernte. In Neukölln schaffte sie auch wieder in einem kleinen Bordell in der Wildenbruchstraße an, mit einem armenisch-jüdischen Chef, der immer entspannt auf dem Sofa lag. Mit der Hausdame freundete sie sich an und sie feierten Techno Parties im Puff, sobald Cheffe den Laden verlassen hatte. Mit Speed in der Nase hungerte sich Nadine auf 50 kg herunter.

Die meisten ihrer Kunden waren Ausländer, die nicht glauben wollten, das Nadine Deutsche war. Sie fragten dauernd nach ihrer Herkunft und meinten, sie hätten noch nie eine deutsche Hure kennengelernt, die freundlich zu ihnen war. Deshalb glaubten sie aufgrund ihres Aussehens, sie sei auch eine Osteuropäerin. Manchmal verirrten sich auch Künstler in den Puff, die Zeichnungen von ihr anfertigten. Dort lernte sie auch einen bekannten Aktivisten in der Behindertenbewegung kennen, der dann regelmäßig mit seinem Betreuer zu ihr kam und ihr zeigte, wie man als Hure mit einem fragilen Körper umgehen muß. Es war der bekannte Aktivist Matthias Vernaldi, der leider viel zu früh verstorben ist und den sie sehr vermisste. Er hatte auch eine eigene Zeitung – das Mondkalb – aus dem Boden gestampft und war so umtriebig wie sie.

Nadine war Ästhetin. Neben politischer Arbeit interessierte sie sich für Kunst, Architektur und Design. Die Schönheit tröstete sie. Nadine hatte auch Kunden ohne Beine getroffen, die ihren Körper hassten und sich die Schamhaare ausrissen. Ein Kunde in London nannte sich Orpheus mit gespaltener Wirbelsäule und ohne Beine, der darauf bestand, dass das Zimmer komplett abgedunkelt war, damit Nadine nicht seinen Körper sehen konnte. Aber sie waren alles schönen Seelen, weil sie Sexarbeitende wertschätzten. Manche outeten sich öffentlich als engagierten Kunden und engagierten sich als Anwälte für die Rechte von Huren und Kunden. Ästhetik bedeutet nicht nur die Perfektion von Dingen und Gegenständen, sondern bei Menschen eben die schöne Seele.


Kohle: Kapitel 25

Nadine hatte sich in der digitalen Welt innerhalb von zehn Jahren zum Business Analysten hochgearbeitet. Und ein Ausgangspunkt war ihre Rolle als Sexarbeit-Analystin, eine Rolle, die sie von ihrem verstorbenen Weggefährten und Lehrer, den Aktivisten Marc aus Frankfurt übernahm. Er war der einzige, der umfassend die Ökonomie der Sexarbeit erforscht und dokumentiert hatte, ein Wissen, auf das Nadine aufbauen konnte.

Business Analysten sammeln relevante Informationen zu einer Aufgabe und analysieren sie, bewerten und evaluieren mögliche Problemlösungen, definieren die Anforderungen und unterstützen die Umsetzung:

„Business-Analyse ist die Summe der Aufgaben und Methoden, die eingesetzt werden, um zwischen unterschiedlichen Stakeholdern zu vermitteln, mit dem Ziel, die Strukturen, Grundsätze und Abläufe eines Unternehmens zu verstehen und zielführende Lösungen zu empfehlen. In einem Nachrichtendienst ist es auch die Aufgabe eines Analytikers, die aus verschiedenen Quellen gewonnenen Informationen zu sichten, auszuwerten und auf ihrer Grundlage Lagebeurteilungen und Berichte zu erstellen. Während diese Vorgänge natürlich schon immer in Nachrichten- und Geheimdiensten stattfanden, gilt der amerikanische OSS während des Zweiten Weltkriegs als Ursprung des modernen, akademisch-wissenschaftlich geprägten Analytikerwesens.“ Wikipedia

Nadines Karriere wurde zwar vom Wissenschaftsapparat blockiert, weil sie nicht der Staatsraison folgte, nicht aber ihre Neugierde und akribische Wissbegierde, und sie nutzte die Werkzeugkiste der Wissenschaftlerin, um das gesamte Rotlicht von den Füßen auf den Kopf zu stellen und publizierte darüber. Als Business Analystin in der Digital Industrie nutzte sie nun die gleichen Technologien und Methoden, um ein ethisches Geschäftsmodell für die Digitalindustrie zu entwickeln. Bislang lag das Investment für nachhaltige Produkte bei 1% und wird sich in den nächsten Jahren durch den neuen Green Deal an den Börsen auf 6% steigern.

Ihr ging es dabei vor allem um eine nachhaltige Unternehmenspolitik, die sowohl den Mitarbeitern und den Konsumenten, den Nutzern von digitalen Plattformen, auch Dating Plattformen, zugute kommt. Und eine dieser Plattformen war ein Netzwerk für Prostituierte und ihre Kunden. Sie hatte sich über zehn Jahre das Wissen angeeignet, wie digitale Plattformen funktionieren. Zwar liebäugelte sie damit, Programmiersprachen zu lernen, aber dazu reichte ihr ungeduldiger und messerscharfer Verstand nicht, weil sie in Mathematik immer eine Niete war.

Sie gehörte zu den Ausgestoßenen, die nicht am naturwissenschaftlichen Herrschaftswissen partizipieren konnten, weil ihr Gehirn anderen Logiken folgte, das sich aus ihrem Kampf um Autonomie heraus gemendelt hatte. Aber sie eignete sich das Know How von IT-Spezialisten und Wissenschaftlern an, die über Künstliche Intelligenz forschten und geheimnisvolle Algorithmen entwickelten, die menschliches Verhalten vorhersagen konnten. Ihr Mann, der Künstler, hatte Elektrotechnik studiert und war in den MINT Fächern dagegen immer spitze. Mathematik und Physik waren auch die Grundlagen seiner Computerkunst, die mit den ästhetischen Wirklichkeiten digitaler Kunst und NFTs nichts gemeinsam hatten. Sie nannte ihn immer zärtlich das Äffchen, weil er ihr vor 20 Jahren die einzige Postkarte an sie geschickt hatte, mit einem Foto, wo sich zwei Äffchen umarmen mit der Überschrift „Ich lasse dich nie wieder los“. Die Umklammerung durch Liebe war ähnlich erdrückend wie die Umklammerung durch Algorithmen in Nadines Wahnsystem. Jetzt war sie glücklicherweise auf der niedrigsten Dosis eingestellt, sodaß sie wieder weinen, fühlen und wütend sein konnte. Ohne Empathie kann man keine gute Wissenschaftlerin und Unternehmerin sein.

Man hatte ihr ein Unternehmen geschenkt, um das sie sich in ihrer Freizeit kümmerte. Es war ein Dating Portal für Escorts und Kunden, das über viele Jahre ein Stiefmütterchen Dasein geführt hatte und das sie nun aus dem Dornröschenschlaf erwecken mußte. Mit umfangreichen Marketing Maßnahmen. Das bisherige und nicht profitable Geschäftsmodell sah vor, daß Kunden eine bestätigte Escort Buchung mit einer geringfügigen Buchungsgebühr bezahlten, was sich als Wachstumshemmnis erwies, da darauf die wenigsten Kunden Bock hatten, die anderswo alles kostenlos bekamen. Auch, daß jede Sexarbeiterin persönlich verifiziert wurde, und zwar nicht durch die Vorlage ihrer Ausweis-Papiere, sondern durch ein persönliches Gespräch. Unter 21 Jährige waren auf dem Portal nicht zugelassen. Das Geschäftsmodell entsprach dem Gegenteil des Unternehmens, für das sie zuvor zehn Jahre gearbeitet hatte. Die meisten Escorts, die sich anmeldeten, waren noch nicht einmal in der Lage, Buchungsanfragen zu beantworten oder dieses Verifizierungs- und Informationsgespräch zu führen. Wahrscheinlich erinnerte es sie an die gesetzliche Anmeldepflicht als Prostituierte, das im Widerspruch zum libertären Lebensstil in einer Subkultur stand. Ihr Unternehmen zeichnete sich durch geringes Wachstum aus, aber es war wohl das einzige Portal weltweit, daß nie mit dem Gesetz in Konflikt kam. Niemals wurde wegen Zwangsprostitution und Menschenhandel ermittelt wie bei anderen Portalen und Netzwerken. Die meisten Portale kooperierten auch garnicht mit den Behörden und ließen alle Polizeianfragen abprallen. Nadine war bereit zu kooperieren und Lösungsansätze zu entwickeln, wie man Betrug und Kriminalität auf Dating Plattformen ausmerzen konnte. Und dazu war viel Gehirnschmalz erforderlich.

Offene und anonyme Zugangswege auf Dating Plattformen hatten gezeigt, daß sich dort Minderjährige prostituierten, Zwangsprostituierte verschachert wurden, daß Sexarbeiter Drohungen, Belästigungen, Trolls und Stalkern ausgesetzt waren und die Sexarbeiter ständig unter Streß setzten, die dann keine seriösen Buchungsanfragen mehr beantworten konnten. Zwar konnte man im Vorfeld als informierte Sexarbeiterin schon viele Spinner heraus filtern und blockieren, aber die Technologie erlaubte es ihnen weiterhin, unter verschiedenen neuen Identitäten, Sexarbeiter zu terrorisieren. Dem wollte Nadine einen Riegel vorschieben und das ging nur über die Verifizierung aller Nutzer einer Plattform. Das bedeutet nicht, daß man mit Klarnamen öffentlich in Erscheinung treten muß, aber das bei den Portalbetreibern die Identität professionell geprüft wird, was den Missbrauch ziemlich schnell reduzieren würde. Die Sicherheitslücken waren immer Probleme rund um die Identität. Alle Geschäftsmodelle mit großem Wachstum wurde auf dem Rücken der Sexarbeiter erwirtschaftet. Anderswo mußten Prostituierte für die Schaltung einer Werbeanzeige bis zu 400€ in nur einer Woche bezahlen. Dagegen war in ihrem Unternehmen die Werbung für Prostituierte kostenlos. Dafür war aber die Plattform sicher und eine uneinnehmbare Festung, was Betrug, Missbrauch, Kinderpornografie und Belästigung betraf und das Einschleusen ausgebeuteter Frauen durch dritte Personen.

Im größten Werbeportal von Großbritannien hatte man auf die Ermittlungen der Polizei zu Zwangsprostitution so reagiert, daß jede Sexdienstleisterin sich mit Ausweispapieren verifizieren mußte und bestimmte Nationalitäten ausgesperrt wurden, die besonders häufig im Zusammenhang mit Zwangsprostitution eine Rolle spielten. Dies war eine pragmatische Entscheidung, genauso wie in ihrem eigenen Unternehmen entschieden wurde, dass Prostituierte unter 21 Jahren keinen Zugang zur Werbeplattform erhielten, weil in der Gruppe der unter 21 Jährigen die meisten Zwangsprostituierten identifiziert wurden. Die linksidentären Aktivisten schwingen bei solchen Vorgehensweisen natürlich die Rassismus und Marginalisierungs-Keule, wenn bestimmte Nationalitäten oder Altersgruppen auf einer Werbeplattform ausgegrenzt werden, aber die Realität ist nun einmal die Schule des Lebens und man muß auf die Wirklichkeit adäquat reagieren und Wege finden, Opfer zu schützen und nicht an Kriminellen mit zu verdienen.

Die Werbung war die Schnittstelle in die Unterwelt und schon lange mit Verbrechen verstrickt. Auch die organisierte Kriminalität hatte seit langem ihre Fühler ausgestreckt und versuchte, die Sex Dating Plattformen zu unterwandern. Nadine hatte Wege gefunden, diese Geschäfte kaputt zu machen, indem digitalen Unternehmen alle Formen von Kriminalität mit künstliche Intelligenz zum Einsturz bringen konnten, was sie jedoch aus Kostengründen oft nicht taten. Dies war die Schwachstelle in Unternehmen. Finanziell lohnte sich ein Geschäftsmodell, einen pseudo-liberalen Stil im Sinne des Laisser Faire zu verfolgen, aber damit kriminelle Geschäfte indirekt am Laufen zu halten. Es zahlt sich jedoch nicht für die Opfer aus, die auf dem virtuellen Straßenstrich verschachert werden.

Hier muß man bedenken, daß nicht hinter allen dritten Parteien, die im Auftrag von Prostituierten ohne Sprachkenntnisse Anzeigen schalten und die Kommunikation abwickeln, Zuhälter standen, sondern Leute, die auch sprachlose Migranten unterstützten. Wenn jemand glaubte, dass alle fremd gemanagten Profile und Anzeigen von Prostituierten Zuhälterprofilen entsprachen, hatte keine Ahnung von der Wirklichkeit, die hoch komplex, aber nicht schwarz oder weiß war.


Kohle: Kapitel 24

Michael nannte Nadine immer seine Rakete, wegen ihres Künstlernamens Ariane de Saint Phallus. Nadine nahm kein Koks, aber ihre Lunte brannte von beiden Seiten, weshalb sie immer schnell und ungeduldig wie eine Rakete war. Nur bei ihren Kunden war sie sanft wie ein Kätzchen. Es gab nur ein einziges Mal einen Betriebsunfall, als sie einem Kunden beim Lutschen fast ein Ei abriß. Sonst war sie für ihre weichen Hände bekannt, die die Familienjuwelen sanft streichelten. Manchmal sah sie Kolleginnen mit langen künstlichen Fingernägeln, die unwirsch den Sack umfaßten und lang zogen. Das war Nadine völlig zuwider. Sie haßte professionelle Kolleginnen, denen jede Empathie abhanden gekommen war und die lustlos ihre Nummern durchzogen.

Auch wurde sie von manchen Kolleginnen ausgelacht, weil Nadine wenig Interesse an einem hohen Geldverdienst hatte und das Geld bei Parties und Duo Dates immer fair aufteilte, obwohl sie die Arbeit damit hatte und alles organisierte. Aber sie wollte immer fair sein und sich nicht an Kolleginnen bereichern. Zum Dank wurde Nadine für ihre Fairness ausgelacht. Ärgerlich auch, wenn sie ein Duo Date mit einem Stammkunden einfädelte, sie das Geld teilten und die Partnerin sich so garnicht anstrengte, dem Kunden eine gute Zeit zu bereiten. Hinterher beschwerten sich die Kunden bei ihr und sie beschloß, keine Duo Dates mehr durchzuführen. 

Ein ukrainisches Partygirl namens Roxanne, die öfter an ihren Gentlemen Parties teilnahm, lachte sie ebenfalls nach einer Party aus, dafür, das Nadine sie nicht ausgebeutet hatte. Manchmal gingen sie zusammen nach einer langen Sexparty in Swingerclubs oder ihre Lieblingsbar das Kumpelnest. Dort riß sich Roxanne dann gerne die Klamotten vom Leib und zeigte jedem ihre getunten Titten. Das hatte Nadine früher auch schon oft gemacht, nur das sie keine Silikonbrüste hatte.

Roxanne war sehr ehrgeizig und schaffte es schnell, zwei Massagesalons zu eröffnen und sehr viel Geld zu verdienen. Leider verkokste sie die ganze Kohle und war dann Neese und verlor alles so schnell, wie sie es verdient hatte. Immerhin hatte sie sich eine Eigentumswohnung in ihrer Heimat zusammen gevögelt. Genauso wie eine andere deutsche Kollegin in Berlin, die Damenschneiderin war und abends ihre Stammkunden verführte. Sie hatte soviel Stammkunden, die Schlange standen, daß sie nicht mehr inserieren mußte. Sie sah aus wie Marilyn Monroe, ihr weicher und schöner Körper glich einer Sanduhr und sie empfing immer im kleinen Schwarzen. Sie war auch die einzige Frau, mit der sie noch ein Duo Date anbot, aber das kam sehr selten vor. Nadine hatte in Berlin kaum Stammkunden, da es für Escort ein großes Angebot bei sehr kleiner Nachfrage gab. Die meisten buchten über Agenturen, es gab vielleicht eine Handvoll unabhängige Escorts wie Nadine. Finanziell lohnte es sich für unabhängige Damen einfach nicht. Deshalb flog sie ja immer nach England oder sonstige europäische Ausland, um Geld zu verdienen. Berlin war sprichwörtlich arm und unsexy. 

Bei all ihren Touren durch Europa hatte Nadine nur ein einziges Mal gut verdient. Als sie ein Luxus-Apartment im Hafen von Oslo angemietet hatte und eine Bekannte überzeugen konnte, sie aus Sicherheitsgründen zu begleiten. Und das war auch notwendig, weil irgendwelche Zuhälter sich als Kunden getarnt reinschlichen und die Lage peilen wollten. Um die Konkurrenz auszuschalten. Es ist zwar nichts passiert, aber trotz der guten Umsätze entschied sich Nadine nicht mehr zu verreisen. Sie war auch stinksauer auf ihre Bekannte, die kein Bock mehr hatte zu arbeiten, nachdem sie genug Geld im Sack hatte. Die Kunden standen Schlange und konnten nicht bedient werden. Nadine war jedoch Hochleistungssportlerin und fleißig. 

Nadine hatte auch Pech mit ihren Vermietern, weshalb sie mehrmals umziehen mußte. Zuletzt lebten sie in einer Künstlerwohnung mit Atelier im Hinterhof am Hackeschen Markt in der 5 Etage ohne Aufzug. Das hielt schlank. Leider erkrankte ihr Mann schwer und sie mussten in eine Erdgeschosswohnung ziehen, weil er nicht mehr die Treppen steigen konnte. Dabei hatte sie ihm die schöne Wohnung an der Museumsinsel ins Nest gelegt, damit er sich daran erfreuen kann, ein eigenes Atelier zu haben. Vorher hatten sie ja auch das Pech, aus einer wunderschönen Remise mit Atelier und eigenem Hofgarten ausziehen zu müssen, weil sich die Vermieterin nicht an die Absprachen hielt, die bei Mietvertragsabschluß vereinbart worden waren. Das Atelier hatte einen kleinen Zierofen, der täglich 12-16 Stunden in Betrieb war und irgendwann explodierte, weil die Vermieterin weder eine Wartung des Schornsteins durchgeführt, noch einen Ofen reingestellt hatte, der für längeren Betrieb taugte. Sie hatte aber versprochen, eine Heizung einzubauen, wenn sie das Atelier nicht warm bekommen. Sie weigerte sich nun, das zu tun. Es war einfach unbeschreiblich. Sie war eine Jüdin aus Osteuropa, die in New York eine eigene Galerie betrieb. Als Nadine ihr anbot, sich beim Einbau der Heizung zu beteiligen, lehnte sie ab, da es sich um eine Gasheizung handelte. Es mußte nur eine kurze Verbindung zwischen Wohnung und Atelier hergestellt werden, da in der Wohnung der Anschluß für das Erdgas war. Sie meinte, Gas käme nicht in Frage, weil Deutschland mit seiner Geschichte die Juden vergast hatte. Allerdings verstand Nadine nicht, warum sie dann überhaupt eine Wohnung in Deutschland gekauft hatte, dem Land der Täter. Aber die vergleichsweise niedrigen Immobilienpreise in Berlin waren ja der Hauptgrund, daß die Ausländer so viel aufkauften und die plötzliche Nachfrage die Preise in die Höhe trieb. Jedenfalls mußte sie auch ihre schöne Wohnung an der Museumsinsel aufgeben und sie zogen nach Kreuzberg zurück an eine laute Verkehrskreuzung ohne Schallschutzfenster. Als sich ihr Lungenleiden wegen dem Feinstaub verschlechterte und tätliche Übergriffe gegen Frauen und betrunkene Männer in der Gegend überhand nahmen, beschlossen sie, noch einmal umzuziehen. In dieser Kreuzberger Wohnung ist Nadine dann verrückt geworden. Der ständige Auto- und Motorradlärm, der Dreck und die Abgase vor dem Fenster im Erdgeschoß und der Verlust eines Weggefährten waren dann doch zuviel und sie versank im Wahnsinn und kommunizierte nur noch mit Algorithmen. Sie glaubte, daß sie die Algorithmen über Gedankenkraft steuern konnte. Ihr Mann kam auch nicht mehr an sie heran, der Herr über den Algorithmen und der Computerkunst. Nur wenn er die Wohnung verließ, klammerte sie sich an ihm fest, um ihn daran zu hindern. Sie war fest davon überzeugt, dass er sonst gekidnappt würde.

Man sagt ja, dass sich viele Menschen nach einer Krise oder Todeserfahrung spirituell öffnen, dass sie eine Gotterfahrung machen. Dies war bei Nadine ebenso der Fall. Als sie tagelang wieder nicht schlafen konnte und nachts durch die mit hellem Vollmond beschienene Wohnung hin und her wanderte und sich schließlich in der Küche niederliess, da schaute sie in die Dunkelheit zum Fenster und sah ein leuchtendes Kreuz. Es waren nur die Umrisse des Fensterrahmens hinter einem Vorhang, aber Nadine war überzeugt, daß Gott zu ihr sprach. Daraufhin holte sie sich Hilfe und verließ deshalb nach sechs Monaten das erste Mal die Wohnung. Seitdem drehte sich ihr Leben zum Guten.

Sie konnte sich noch an ihre ersten Berührungen von Silikonbrüsten erinnern. Das war in Holland in einer Bar, wo 200 grölende bierselige Männer einer Stripperin Geld zusteckten. Nadine war gerade mal 17 Jahre alt, als die Stripperin sie auf die Bühne zog, ihr eine Flasche Körperöl in die Hand drückte und sie bat, ihre Brüste zu massieren. Das machte Nadine sehr gerne, die großen Brüste von Frauen zu massieren, nur das sie nicht lesbisch war, wie sich später herausstellen sollte. Nadine mochte auch nur Frauen, wenn sie exzentrisch, laut, wütend, lachend und sehr selbstbewusst waren. Eben Frauen aus der Rotlicht Szene, das war ihr Einstand, damals in der Kneipe in Venlo. Seitdem hing sie bei ihren Reisen in aller Welt nur in den Rotlicht Bezirken ab und war als großzügiger Gast gerne gesehen, wenn sie den Kolleginnen eine Flasche Champagner spendierte.

Neugierig wurde sie dann häufig von den Frauen umringt, die wissen wollten, wer sie war. Sie erzählte dann, daß sie eine Hure war, die Feierabend in einer Bar mit schönen Frauen machte. Die Frauen und Trans Huren waren immer begeistert und sie schlugen ihr vor, mit ihnen an der Stange zu tanzen. Auch privat hatte sie viele lesbische und trans Freundinnen, die irgendwas wie genderfluid waren. Jede war irgendwie anders. Manches Mal in lesbischen Clubs oder Bars pirschte sich auch die eine oder andere Frau an sie heran, aber die waren ihr meist nicht hübsch genug oder zu männlich im Auftreten. Die Femmes dagegen hielten sich diskret zurück. Mehr als eine Bekanntschaft mit ihren trans Freundinnen einzugehen, kam auch nicht in Betracht. Meist waren sie sehr exaltiert und laut und unterhielten den ganzen Laden. Aber ihre beste Freundin, die trans war und eine bekannte Varietékünstlerin, begleitete sie fast durch ihr ganzes Berliner Leben. Bei den großen Sexparties, die sie manchmal organisierte, mußte ihre Freundin immer ein Dienstmädchen-Kostüm und High Heels tragen und ihre Gäste bewirten. Natürlich zahlte ihr Nadine für diesen Freundschaftsdienst ein gutes Honorar. Einmal klopfte ein Gast an der Tür zur Suite und ihre Freundin öffnete die Tür und bat den Gast heran. Er schaute sie kurz an, rief erschreckt „Ariane????“, machte auf dem Absatz kehrt und lief davon. Offenbar hatte er geglaubt, daß Nadine plötzlich eine Geschlechtsumwandlung vollzogen hatte, die ihm offenbar mißfiel. 

So eine Party war generalstabsmäßig geplant und lief immer perfekt. Ziel war immer, den Gästen die beste Zeit zu bereiten. Dafür besorgte Nadine köstliche italienische Vorspeisen in einem Feinkostladen, ließ im Hintergrund Pornos und Ambient Musik laufen und verführte die Gäste nach allen Regeln der Kunst. Die Wertsachen konnte jeder Gast in einer Mappe im Tresor einschließen, er bekam einen frischen Bademantel, Handtücher und Einweg-Pantoffeln. Damit schlenderten die Herren in der fast 200qm großen Suite umher, tranken ihren Weißwein und ließen sich von Nadine verwöhnen. Nur selten war auch eine andere Dame anwesend aus den genannten Gründen. Es war eine Odyssee gewesen, bis sie diesen Ort gefunden hatte. Sie hatte viele Serviced Apartments, Wohnungen, Hotelzimmer, Hotelsuiten ausprobiert, aber nichts entsprach ihren Ansprüchen. Meist war alles viel zu klein und Nadine liebte es großzügig. Obwohl sie auch Betriebswirtschaft studiert hatte, nahm Nadine ihren Gästen nie viel Geld ab. Die Qualität der Gäste war gewährleistet, weil sie ein ausgefeiltes Kundenscreening durchlaufen mußten. Deshalb lief immer alles harmonisch ab und Nadine fühlte sich zehn Jahre jünger. Sexparties waren so etwas wie Jungbrunnen für sie mit meist sechs Gästen. Nur wenn eine Freundin dabei war, durften es auch mal 12 Gäste sein. Und die Location war ein Traum über den Dächern von Berlin Charlottenburg am Kudamm. Er war öffentlich zugänglich, verfügte auch über eine Tiefgarage, hatte einen Vordereingang mit Concierge und einen Hintereingang. Der Aufzug konnte ohne Chipkarte betätigt werden und man konnte direkt aus der Tiefgarage zu Nadine fahren. Leider wurde das Gebäude umgewandelt in Co-Working Spaces und sie kann die Adresse auch nicht mehr weiter empfehlen. Das ganze Business besteht aus Empfehlungen und Warnungen und man braucht eine lange Zeit, um sich einen glaubwürdigen Ruf zu erarbeiten. Nadine wünschte sich, daß es den anderen Huren auch so gut ginge wie ihr, weshalb sie alle guten Adressen und Warnungen mit den Kolleginnen teilte. Aber dies ist nicht unbedingt üblich in der Szene und viele sind auch völlig unzuverlässig und immer gestresst. Meist konnten sie nicht mit Geld umgehen, so wie Nadine. Aber viele geschäftstüchtigere Kolleginnen wurden Betreiberinnen und ließen andere für sich arbeiten, kauften sich ein Pferd und gründeten eine Familie. Völlig unspektakulär. 


Kohle: Kapitel 23

Als ob das nicht alles schlimm genug gewesen wäre, wurde Nadine fast Opfer des Terroranschlags in London 2005 und kam mit dem Schrecken davon. Sie kam gerade aus Brighton mit dem Zug, wo sie am Vortag ein Bewerbungsgespräch an der Universität hatte. Morgens um 9 Uhr saß sie schon in der Londoner U-Bahn, wo sie Stunden später evakuiert wurde. Was kann ein Mensch aushalten, bevor er verrückt wird? Sie hatte schon ein enormes Maß an Resilienz aufgebaut und war für alle Schrecken gewappnet. Aber irgendwann ist bei jedem Menschen das Maß des Erträglichen einfach voll und so zerstörte sie bei der Heimkehr ihre Wohnung, weil plötzlich ihre Sicherungen durchgingen und der eingekapselte Terror in ihrer Seele sich irgendwie entladen mußte. Sie hatte auch die Nase voll von London und zog deshalb mit ihrem Beischlafutensilienköfferchen aufs Land in die Grafschaft Kent, wo sie endlich zur Ruhe kam. Sie hatte ihre amerikanische Freundin Christine bei einer Sexparty in London kennengelernt und sie verstanden sich auf Anhieb. 

Christine hatte sich in einem Schloß in Kent, südwestlich von London eingemietet. Zuletzt lebte und arbeitete sie viele Jahre als Hure in Las Vegas. Zusammen mit ihrem Great Dane, einer deutschen Dogge namens Caesar. Praktischerweise war der Schlossherr ein exzentrischer Deutscher namens Michael, der sein Leben lang im Ausland als Hotelmanager gearbeitet hatte und zuletzt auf den Bahamas zu einem kleinen Vermögen gekommen war, das er in das Schloß investiert hatte, um das ruhige englische Landleben zu genießen. Er hatte nur die ersten Lebensjahre seiner Kindheit in Deutschland verbracht und wuchs dann bei seinem Vater in Rio de Janeiro und bei seiner Mutter in Baden-Baden auf, arbeitete in der Schweiz, in den USA, in Jordanien, wo er Freundschaft mit dem damaligen König schloss und selbst Arafat persönlich kennenlernte. Später arbeitete er in Paris und schließlich auf den Bermudas als Manager in der gehobenen Hotellerie. Wenn er nicht gerade von Teeny Mösen träumte, schrieb er Briefe an Politiker, in der Hoffnung den Nahost-Konflikt zu lösen. Er erhielt natürlich fast niemals Antwort, außer freundliche Grüße mit den Amtssiegeln von Politikern und Königen, die er als Hotelmanager der Upper Class alle persönlich kannte. Nadines Briefe an Politiker blieben immer unbeantwortet.

Christine wurde dann zusammen mit der Dogge Caesar in die USA abgeschoben, weil ihr englischer Ex Freund, dem sie aufgrund häuslicher Gewalt den Laufpass gegeben hatte, sie als illegale Prostituierte bei der Polizei verpfiff. Christine wollte dann in New Mexico eine Hundezucht mit Great Danes beginnen und kaufte für Caesar noch eine Herzdame namens Kleopatra hinzu. Christine hatte auch eine Tochter und Enkelkinder in New Mexico, genau genommen in Albuquerque. Christine war eine junge und schöne Grossmutter, 42 Jahre alt, mit langen roten Haaren und sehr heller Haut. In England ist dieser Frauentyp auch als „English Rose“ bekannt.
Aus der Hundezucht wurde dann aber nichts, denn Kleopatra war viel zu jung und mußte immer aufpassen, nicht von Caesar vergewaltigt zu werden. 1,5 Jahre ging alles gut, dann sah Caesar in einem unbeaufsichtigten Moment seine Chance und bestieg Kleopatra, verletzte sie leider dabei so arg, daß sie notoperiert werden musste und keine Kinder mehr bekommen konnte. Christine zog dann mit den Hunden zurück in ihre Heimat nach Montana.

Das Leben im Schloß war einfach herrlich. Hier fühlte sich Nadine sicher und sie bedauerte, daß sie immer nach Berlin pendeln mußte, wo es dann mit der Ruhe schnell vorbei war, da sie auf ihren temperamentvollen Mann und seine Ex traf, die nur nervte. Hier im Schloß hatte sie zwar keinen Internet Zugang, aber sie bereitete vor ihren Reisen alles sorgfältig vor, damit die Werbeanzeigen pünktlich bei ihrer Ankunft starteten. Aber das Telefon blieb meist leise, denn es gab in der ländlichen Umgebung und aufgrund der langen Anfahrt nur wenige potentielle Kunden. Manche ihrer Kunden kamen auch extra aus London, um sie zu besuchen. 

Die genaue Adresse und Wegbeschreibung erhielten ihre Besucher jedoch erst am Ortseingang und sie delegierte sie per Handy auf das Anwesen. Nadine steckte dann immer die Nase aus ihrem Turmzimmer und konnte schon anhand der Aussprache am Telefon und am Autofabrikat erkennen, ob es sich bei dem Kunden um jemandem aus der Unterschicht, der Arbeiterklasse oder der unteren, mittleren oder oberen Mittelschicht handelte. Am liebsten waren ihr jene aus der mittleren Mittelschicht, auch selbständige Handwerker. Herren aus der Oberschicht und Aristokratie bediente sie nicht so gerne und die verkehrten üblicherweise auch nicht mit öffentlich zugänglichen Damen ihres Standes, da sie als zu preiswert erschien. Obwohl es da mal jemanden gab, mit Chauffeur und Rolls-Royce, der hat sich nicht abschrecken lassen, daß Nadine sowas von off class war. Er war auch ein Exzentriker, der klassenübergreifend vögelte, wie Nadine.

Das Schloß stand unter Denkmalschutz und war vom National Trust als Grade I gelistet. Gebaut wurde es 1839 und der bewohnte Teil bestand aus einem neo-gotischen Turm, der 150 Fuß hoch war und als bekanntes Wahrzeichen der Region galt. Sie nannte ihn immer zärtlich den Sex Tower. Der ursprüngliche Besitzer und Erbauer hatte sich so eine Aussichtsplattform schaffen wollen, um bei guter Sicht bis ans Meer zu schauen, das etwa eine Stunde Autofahrt entfernt lag. Als Spähposten wurde er im zweiten Weltkrieg von den Engländern genutzt, um vor dem Herannahen deutscher Bomber zu warnen.

Der Turm beherbergte mehrere Räume. Jeder Raum hatte eine andere Farbe. Nadine wohnte im blauen Zimmer über dem blauen Badezimmer mit Jaccuzzi und bunten, gotischen Fenstern. Um warmes Wasser zu bekommen, mußte sie immer den Tank aufwärmen. Dann gab es das rote Zimmer, ein Pool-Dance-Room für private Sex Parties. Der Salon mit riesigen Kamin war aus braunem Mauerwerk mit gotischen Fenstern und wurde von Michael bewohnt, der von morgens bis abends vor der Glotze hockte, wenn er nicht gerade ans Essen dachte. Er war übergewichtig, bewegte sich nur ins Dorf, um den Strom zu bezahlen oder den Lottoschein abzugeben. Schwarz war der ebenerdige Dungeon, wo Christine wohnte und ihre Gäste empfing. Wie ein gigantischer Phallus reckte und streckte der Turm sich in der Landschaft empor und kitzelte den Himmel. Das weisse Zimmer – ein verstecktes Geheimzimmer – lag am höchsten unter dem Dach versteckt. Auf dem Dach nisteten Falken, die unter Naturschutz standen. Manchmal kamen Ornithologen vorbei, um die seltenen Tiere und ihre Brutplätze zu fotografieren.

Jedenfalls waren ihre handverlesenen Gäste, die sie aus Dutzenden von Anrufern auswählte, von ihrer Unterkunft immer zutiefst beeindruckt und überrascht, obwohl sie ja in ihren Werbeanzeigen bereits auf ein gotisches Anwesen hingewiesen hatte. Mitglieder der respektablen Arbeiterklasse ließen sich natürlich nichts anmerken, wenn sie die Klassengrenze übersprangen. 

Das ein deutsches Fräulein ihre Familienjuwelen verwöhnte, wurde von ihren englischen Gästen sehr goutiert. Das Gesamtpaket, das Nadine offerierte, davon zehrten ihre Kunden noch Jahre, und eines Tages würden sie vielleicht ihren Kindern und Kindeskindern von der Schloßprinzessin erzählen. Kunden der mittleren Mittelklasse riefen zur Begrüssung vor Ort immer das Gleiche: “ Oh, it’s so fantastic. How did you find this place?“
Selbstverständlich empfing sie nur im kleinen Schwarzen oder im hochgeschlossenen Kostüm, das keine Einblicke gestattete. Sie stand nicht halbnackt im Türrahmen, so wie es in Bordellen üblich ist. Und mit High Heels die vielen schmalen Wendeltreppen rauf und runter laufen war eher hinderlich, weshalb sie die warmen Pantoffeln von Michael trug. Die High Heels zog sie erst im Beisein ihrer Gäste wieder an, wenn sie gemeinsam das blaue Zimmer betraten.

Da sie maximal einen Gast am Tag empfing, hatte Nadine viel Zeit. Entweder ging sie im Schlosspark spazieren und fotografierte die Schlangen am Teich oder sie leistete ihrem Gastgeber Michael beim Fernsehen Gesellschaft, um ihre Englischkenntnisse zu verbessern. Oft lag sie einfach auf ihrem Bett und las Zeitungen wie die Times, den Independent oder Guardian, die sie sich täglich im Dorf besorgte. Im Dorf wurde natürlich getuschelt und jeder wußte, daß im Schloß spezielle Parties gefeiert wurden, weil die Regenbogenpresse einmal darüber berichtet hatte, indiskret über einen prominenten Gast. 

Manchmal wurde sie von Dorfbewohnern auch angesprochen, die neugierig fragten, woher sie komme und was sie in Hadlow mache. Ihre Standardantwort war immer, daß sie eine deutsche Verwandte von Michael war und Buchautorin, um hier in Ruhe zu arbeiten. Natürlich glaubten sie ihr kein Wort und wahrscheinlich wußten sie, daß sie eine Prostituierte ist. Michael bekam ja öfter Damenbesuch, ähnlich einer Terminwohnung. Darunter waren oft unerfahrene Anfängerinnen, 18 Jahre alt, die ohne Kondom vögelten und die meist aus der Unterschicht des englischen Nordens stammten. Manchmal gelang es Nadine, die jungen Frauen aufzuklären. Ansonsten mieteten sich Frauen stundenweise ein. Darunter war einmal eine beeindruckende junge Frau, die selbst Falknerin mit einer Falknerausbildung war und genau wie Nadine gerne Gäste mit Fetischen bediente.

Aber sie achtete auch sehr darauf, daß nur wenige Kunden sie aufsuchten, sodaß es in der Umgebung nicht weiter auffiel. In diesem Dorf gab es einen Bäcker, der täglich frische Sandwiches zubereitete und mit denen sie sich eindeckte. Manchmal kam auch ein regionaler Fischhändler mit seinem kleinen Lieferwagen vorbei und Michael kaufte frischen Fisch. Am liebsten mochte Nadine den Rochen, weil die Gräten so schön waren und sich wie wie ein Fächer aufblätterten. 

Und dann 2011, nach einem jahrelangen Rechtsstreit, mußte Michael, und damit auch Nadine, ihr Domizil verlassen, weil Michael die Denkmalschutzauflagen nicht erfüllen konnte. Und so flog er aus dem Schloss und kam im Austausch in einer Sozialwohnung mit lebenslangem Wohnrecht unter. Das Schloß wurde zwischenzeitlich restauriert und steht seither leer, Michael wurde blind und lebt nun in einem Altersheim, wo er noch oft an die vielen Sexparties, rasierte Muschis und Cream Pie zurückdenkt.


Kohle: Kapitel 22

Freier erinnerten Nadine an Krittelkünstler, also professionelle Kritiker, die davon leben, Literatur, Musik und Theaterstücke zu kritisieren, aber nichts eigenständiges schaffen, außer ihr Gift über die Arbeit anderer zu ergießen. Marcel Duchamps meinte über Kritiker, dass Schmeißfliegen am Arsch des Künstlers seien.

Das von der FAZ gelobte Theaterstück „Lulu-Die Nuttenrepublik“ von Volker Lösch an der Schaubühne, in dem Nadine mitwirkte, das Nadine mit zwei Jahren Vorarbeit initiiert hatte und für den Sorechchor zwölf Huren, auch am Straßenstrich, gecastet hatte, wurde von einem Krittelkünstler aus Berlin verrissen, der schon lange eine Rechnung mit dem erfolgreichen Regisseur offen hatte. Der Regisseur wiederum hatte den Kritiker im Stück als präpotenten, koksenden Freier und Looser dargestellt und natürlich hatte der sich wiedererkannt, was ihn umso fuchsiger machte, als er seinen Verriss schrieb.

Das Theaterstück wurde trotz ständig ausverkaufter Vorstellungen nach sieben Monaten vorzeitig vom Intendanten abgesetzt, weil die dummen Huren Aktivistinnen aus Berlin trotz energischem Einspruch von Nadine eine Veranstaltung an der Schaubühne zum Thema Menschenhandel gesprengt hatten. Und der Intendant schlug zurück.

Wieviel Arbeit in diesem Stück steckte war unvorstellbar und diese selbst ernannten Sofa Aktivisten für Hurenrechte machten einfach alles kaputt und den Chor arbeitslos.

Kritik ist auch Thema in den Bewertungsforen von Freiern in der westlichen Hemisphäre, wobei besonders Deutschland, Großbritannien und die USA mit ihren sogenannten Internet Hobbyisten hervorstechen, die die Performance einer Hure bewerten. Auf dem Fleischmarkt wird das Frischfleisch einer Stute genauso bewertet wie Automobile bei motor-talk.de, das Preis-Leistungsverhältnis pedantisch rauf und runter diskutiert und Preisvergleiche angestellt. So wie wir uns über die „Raffkes“ in der politischen Klasse aufregen, so ereiferten sich die Freier über „professionelle Abzockerinnen“ in der Prostitution. Habgier und Geiz sind kein Privileg der Mächtigen. Die Deutschen sind auch nicht das einzige Volk von Schnäppchenjägern geworden, auch die Engländer, wie Nadine über acht Jahre in London erfahren durfte. Es ist eine seltsame Mischung von Geiz und Habgier, möglichst viel haben zu wollen und möglichst wenig dafür zu bezahlen. Das Wort vom „Preis-Leistungs-Verhältnis“ taucht in fast allen Unterhaltungen über Prostituierte, Immobilien oder Urlaubsreisen spätestens im zweiten Satz auf.

Beim Lesen in Freierforen hatte Nadine einige Charakterstudien entwickelt, indem sie die Psycho-Methode der Familienaufstellung in ihre Methode der KZ-Aufstellung transformierte. Lehrreich, wenn man sich das Szenario ausmalt, in welchen beruflichen Rollen unsere Mitmenschen sich aufgrund ihres Auftretens während der Nazi Zeit wahrscheinlich befunden hätten. Vom passiven Mitläufer und Unschuldslamm, über Menschen, die das Recht von den Füßen auf den Kopf stellten bis zu den Administratoren des Lagersystems.

Es gab vor allem die trägen und passiven Zuschauer, die Dienst nach Vorschrift machten, nur im Forum mitlasen, die vermeintlich aus ihrer persönlichen Verantwortung entlassen waren, wenn andere Freier Frauen abstempelten oder von Zwangsprostituierten profitierten und mit vollster Gleichgültigkeit die erkennbare Not ignorierten, die einige ausgebeutete Frauen gegenüber Kunden zum Ausdruck brachten. Konkret gab es auch den Fall, dass Nadine den gewaltsamen Übergriff eines Kunden, eines ranghohen Forumnutzers im Forum selbst publik machte, um andere Frauen vor ihm zu warnen. Die Mehrheit unterstützte natürlich den Täter mit vollster Solidarität, der den Übergriff öffentlich und im persönlichen Gespräch relativierte, indem er meinte, dass Frauen doch auf Schläge stehen.

Etwa drei Freier aus einer Meute von 200 aktiven Kunden bezweifelten jedoch nicht ihre Warnung und standen ihr beiseite und stellten sich der klassischen Täter/Opfer Umkehr entgegen. Keine der anwesenden Frauen kam aus der Deckung, aus Angst, sich bei Kunden unbeliebt zu machen und Umsätze zu verlieren. Nur diese drei Männer handelten ethisch und gerecht und hätten im KZ wahrscheinlich soziale Funktionen inne gehabt. Es gab ja die Gruppen, die im KZ den Widerstand organisierten und sich gegenseitig im Überlebenskampf unterstützten. Dann gab es auch die Kapos, die die Aufsicht über den Vernichtungsapparat vor Ort führten. Diese Rolle hielten zwei Foren-Administratoren inne, die sich nur für einen geräuschlosen Forenablauf sorgten und sich für das erlittene Unrecht nicht nur gleichgültig zeigten, sondern Nadine eine Mitschuld gaben.

Im Forum gab es eine Prostituierte, die mit einem ehemaligen Polizisten verheiratet war und die bei jeder Gelegenheit Nadine öffentlich schikanierte. Sie war Ostberlinerin mit einer Blitzbirne, genau wie zwei Nazi-Bräute, die sie zuvor in einem Schweizer Bordell kennengelernt hatte. An diesen drei Frauen konnte man hervorragend den aggressiven autoritären und rechtsradikalen Charakter studieren, von dem nicht nur Ostdeutschland befallen ist. Im Bordell trafen Angehörige unterschiedlicher sozialer Klassen und politischer Fraktionen aufeinander und es taten sich Abgründe auf, wenn man genau hinschaute.

Der Psychoanalytiker Arno Grün erklärte die terrorisierende Macht des Nationalsozialismus als Erkaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen in der deutschen Gesellschaft. Die Menschen hätten aus Angst vor dem Lebendigen in sich selbst ihr Inneres zum Fremden gemacht. Trotzdem fühlten sich diese Sklaven-Freier und Huren frei, weil sie andere be- und verurteilten, schikanierten und bedrohten. Es geht immer darum, das Lebendige zu töten, denn das bedrohte sie. Die Menschenverachtung, die sie in der Benutzung und Beurteilung der minderjährigen „Zigeuner Huren“ am Straßenstrich zum Ausdruck brachten, wie sie die sogenannten Abzockerinnen bestraften, indem sie heimlich unter ihre Kopfkissen beim Abschied urinierten, sprach Bände über diese verkommene Foren Gemeinde.

Wer es nicht ertragen kann, dass es Menschen mit anderen Sitten, Verhaltensweisen, Aussehen, Sprachen gibt, die sich nicht an das deutsche Ordnungsgefüge anpassen, die sich nicht „auf Linie“ bringen lassen mit dem, was scheinbar als „zugehörig“ definiert wurde, findet leicht zum radikalen Vorurteil. Gefördert wird der Haß auf das „Unterwegssein“ der Migranten, die Verachtung der fremden Sprache und die aggressive Feindschaft gegenüber dem urbanen Leben. Es gibt Gegenden in Brandenburg, in denen ein Auto mit Berliner Kennzeichen bereits als unerträglicher Fremdkörper wahrgenommen wird.

Die für die deutsche Kulturgeschichte typische Identität, die auf einer Identifikation mit Angst einflößenden Autoritäten beruht, ist ständig von Auflösung bedroht. Solche Menschen können ihr Selbst nur durch die Schaffung von Feindbildern konsolidieren. Menschen, so Arno Grün, die eine innere Kohärenz entwickeln und daraus ihr Identitätsgefühl beziehen, verlieren auch unter extremen Frustrations- und Deprivationsbedingungen nicht ihr Vertrauen und ihren Glauben an sich selbst. So wie Nadine, die ihre eigene Fremdheit in ihrer Familie, ihrem Milieu und Gesellschaft luzide analysierte, um im Puff nicht verrückt zu werden.


Kohle: Kapitel 21

Aus der Vorurteilsforschung wusste Nadine, dass Vorurteile Einstellungen sind, die nicht auf Erfahrungen basieren, sondern zumeist auf Stereotypen. Aber die vermittelten Erfahrungen und Informationen über die Medien sowie individuelle Erfahrungen waren ebenfalls Grundlage von Vorurteilen Gruppen gegenüber. Bei Nadine hatte sich ein Trauma als Vorurteil manifestiert, nämlich die Erfahrungen von Gewalt, sogenannten „Einzelfällen“, weshalb sie nun eine Angst vor Männern entwickelt hatte. Dieser Prozess begann nach dem Ausstieg aus der Prostitution und mündete in einer Psychose, wo Panik Attacken sie überwältigten, weil sie nicht mehr auf die Straße gehen konnte, ohne panische Angst zu haben. Sie hatte privat Gewalt mit zwei Männern erlebt, wobei es sich um deutsche gebildete Männer aus dem linksliberalem Spektrum handelte. Sie hatte aber auch Gewalt im Bordell mit drei bildungsfernen Kunden migrantischer Herkunft erlebt, die ihr den Mund und den Hals zudrückten, weshalb sie zunächst die Arbeit in Bordellen einstellte, später sämtliche Ansammlungen von Männern in Berlin Kreuzberg großräumig mied und schließlich ganz aus dieser Gegend wegzog, nur um dann vor der Haustür ihrer neuen Wohnung nachts belästigt zu werden, nachdem sie ein Taxi verlassen hatte. Es war zum verzweifeln, da sie sich nun nirgendwo mehr sicher fühlen konnte.

Sie wollte mit allen Mitteln vermeiden, auf der Straße angesprochen und sexuell belästigt zu werden. In ihrem neuen Stadtteil hatte sich sogar eine Frauengruppe gegründet, die sich gegenseitig virtuell unterstützten und die regelmäßig von diesen Übergriffen auf der Straße oder vor ihrer Haustür berichteten. Es gab jetzt die Möglichkeit, auf dem Nachhauseweg telefonisch von einem Mitarbeiter des Gewalt-Telefons begleitet zu werden. Aber im Notfall wäre trotzdem niemand kurzfristig zur Stelle gewesen, um eine Tat zu verhindern. Oft hatte Nadine den Eindruck, Frauen und Trans Personen seien vogelfrei und ohne Rechte. 60% aller ermordeten Trans Personen sind Sexarbeiter. Es gab sogar Frauen, die deshalb aus Berlin weg gezogen waren oder die nur einen Suizid als Ausweg sahen. Darüber wurde niemals öffentlich berichtet. Auch weil die Opfer aus Angst die Täter nicht öffentlich benennen wollten, um sich keinen Rassismusvorwurf einzuhandeln und als Opfer ein zweites Mal erniedrigt zu werden. Das machte viele stumm.  Das Problem ist also nicht nur Gewalt in der Prostitution, sondern nationalitätenübergreifende männliche Gewalt, auch häusliche Gewalt in der Gesellschaft insgesamt, wobei man hier von einem Femizid sprechen muß, da jeden dritten Tag eine Frau ermordet wird. Zumeist vom Partner oder Ex. Im Jahr 2020 gab es 148.000 Gewalttaten gegenüber Frauen und das sind nur die Zahlen, die zur Anzeige gebracht wurden. Die Dunkelziffer ist um ein vielfaches höher, insbesondere während der Corona Krise, wo Frauen in Not keine Hilfe rufen können, da sie von den Männern kontrolliert werden. So ähnlich wie Zwangsprostituierte ständig unter Kontrolle standen. So war es auch in Frankreich und man stellte in allen Supermärkten Vertrauensleute auf, an die sich Frauen wenden konnten. Der Weg zum Supermarkt wird meist nicht von den gewalttätigen Partnern kontrolliert. Der Supermarkt ist quasi die einzige Schutzzone vor häuslicher Gewalt. 

20% aller Gewalttaten geht von Frauen aus und Männer werden Opfer. Auch hier ist die Dunkelziffer höher, da Männer dies ebenfalls selten zur Anzeige bringen, um nicht als Schwächling zu gelten.  Es gab auch Gewalt gegen Männer in der Prostitution, nicht nur den berühmten Beischlafdiebstahl und Betrug, sondern auch Raub mit Einsatz von K.O. Tropfen. Nadines Vater hatte das einmal erlebt, als ihm seine zweite Frau, die es nur auf sein Geld abgesehen hatte, die Tropfen aus Rache verabreichte. Die Gesellschaft hat also ein massives Gewaltproblem.

Aber ihre Furcht vor Männern resultierte auch aus Erzählungen und Erfahrungen vieler anderer Sexarbeiterinnen und Zwangsprostituierte, die mit ihr in geschützten Räumen darüber sprachen. Darunter waren auch Frauen, die in ihre Werbeanzeigen schrieben, daß sie nicht von „Südländern“ kontaktiert werden wollen. War das rassistisch? Selbst viele schwarze Frauen wollten im Bordell immer den Kontakt mit schwarzen Männern vermeiden, auch um als Prostituierte nicht erkannt zu werden. In der Perspektive der Linksidentitären ist es rassistisch, dabei resultierte die Entscheidung, nicht mit „Südländern“ zu verkehren zumeist auf schlechten Erfahrungen. Das also von einer Bevölkerungsminderheit überproportionale Frauenfeindschaft und Transphobie ausging. Aber jeder Sexarbeiter ist ein autonomes Subjekt und entscheidet immer wieder neu, welche Kunden er oder sie an sich heranläßt. Es liegt also in der persönlichen Verantwortung gesund zu bleiben und Grenzüberschreitungen zu vermeiden und idealerweise als Warnung zu melden und zu teilen.

Wenn diese Frauen also aufgrund schlechter Erfahrungen beschlossen hatten, keinen Sex mit „Südländern“ zu akzeptieren, war das eine bewußte Willensentscheidung, die man zu respektieren hatte. Die persönliche freie Willensentscheidung eines Individuums war für Nadine zentrale Grundlage menschlichen Handelns. Die Freiheit jederzeit Nein zu sagen gehörte selbstverständlich dazu. Nadine wurde in einem geschützten Raum von Sexarbeitern gesperrt, nachdem sie dort eine Reisewarnung für Escorts im arabischen Raum veröffentlicht hatte und dies auch mit Erzählungen von mehreren Escorts begründete. Also Augenzeugenberichten und keine Gerüchte. Dabei ist es in vielen Ländern üblich, daß sich Escorts untereinander gegenseitig vor gefährlichen Individuen und Hot Spots warnten. Warum taucht dann ein Rassismus Vorwurf hierzulande auf, wenn Escorts über erlebte Folter berichteten und das Frauen spurlos verschwanden wie in Italien? Machten sich die Iinksidentitären Aktivisten nicht zum Komplizen der Täter, wenn sie die Opfer zum Schweigen brachten? Das macht Amnesty International und das Auswärtige Amt auch, daß es für Städte und Regionen ein Monitoring und Berichtewesen gibt, auf dessen Grundlage Reisewarnungen veröffentlicht werden. Und das gilt auch für die LGBTIQ Szene, deren Leben in bestimmten Regionen und Ländern besonders gefährdet ist. Das ihre Reisewarnung nun von linksidentitären Sexarbeitern blockiert wurde, zeigte doch, wie verwirrt diese Leute sind. Statt Empathie mit den Opfern von Gewalt zu zeigen, deren Aussagen offenbar als unglaubwürdig eingestuft wurden, wurde die Berichterstatterin Nadine blockiert. Warnungen über gefährliche Regionen und Kunden waren jedoch absolut lebensnotwendig für Prostituierte und es gibt in allen westlichen Ländern Warnsysteme. 

Als die ausländischen Botschaften sich mit dem Regierungsumzug in Berlin ansiedelten, gab es für die Botschaftsmitarbeiter glasklare Instruktionen, welche Gegenden von Berlin sie als Ausländer meiden sollten, wozu auch die ehemaligen „national-befreiten Zonen“ der Rechtsradikalen zählten. 

Viele Sexarbeiter sprachen öffentlich immer wieder von Klischees und Vorurteilen gegenüber ihrer Berufsgruppe, aber sie negierten vollends, daß sich Klischees aus Erfahrungswissen nähren und damit eine reale Grundlage in der Wirklichkeit haben. Sie selber kritisierten Vorurteile und Klischees über ihre Berufsgruppe, aber negierten empirisches Erfahrungswissen, was den Klischees zugrunde lag. Die Vermeidung des Opfer Narrativs entsprach auch der Verdrängung, als Opfer stigmatisiert zu sein. Mit Opfern wollen viele nichts zu tun haben, ähnlich wie mit Kranken. Menschen machen einen Bogen um Opfer und Kranke, weil es irgendwie ansteckend sein könnte. Oder sind es unbewußte Ängste, Opfer zu werden, die abgewehrt werden?

Jedenfalls hatte Nadine oft Schulterzucken geerntet, wenn sie das Thema Gewalt in der Prostitution im deutschsprachigen Raum zur Sprache brachte. Sie hatte auf etwas mehr Mitgefühl gehofft und auf die Frage, wie man dieses Problem bekämpfen kann. Nadine konnte ja schließlich nicht die Welt alleine retten. Denn man kann präventiv Wege finden, Wissensvermittlung zu verbreiten, Informationen über Prozesse des Kundenscreenings übermitteln, Kanäle für Reportings öffnen, Rat und Unterstützung geben und Schutzwohnungen anbieten. Die einzigen, die Schutzwohnungen in Deutschland bereitstellten, waren ausgerechnet die Prostitutionsgegner. Aber in Notfällen mußte man mit diesen Prostitutionsgegnern kooperieren, um Hilfe einzuleiten. Sie wußte von Menschenhandelsopfern, die nur durch die Unterstützung von Bordellbetreibern oder Kunden in die Schutzwohnungen vermittelt wurden. Es macht also keinen Sinn, Sexkunden zu kriminalisieren, wie es das Sexkaufverbot fordert. Denn dann würden die Kunden Angst haben, Unterstützungsleistungen anzubieten und den Opfern wäre nicht geholfen. Auch in England machten sich Kunden strafbar, wenn sie Fälle von Zwangsprostitution meldeten und sich indirekt belasteten, weshalb ihre Bereitschaft sank, mit den Behörden zu kooperieren. Und England hatte Gesetze, die sämtliche Aktivitäten um die selbständige Sexarbeit herum kriminalisierten. Das also alle dritten Parteien, die Sexarbeiter in der Abwicklung ihrer Geschäfte unterstützten, Kunden, Fahrer, Taxi Fahrer unter Menschenhandelsverdacht standen. 

Dabei gibt es viele Kundschafter unter den Kunden, die Frauen in Notlagen unterstützen. Aber da sie als Freier stigmatisiert sind, äußern sie sich dazu im Regelfall nicht öffentlich. Es war wirklich wie beim Geheimdienst, dass kaum jemand aus der Szene sprechen wollte. Und dort, wo gesprochen wurde und aufgeklärt, wurden viele Sprecherinnen der Szene, auch Bordellbetreiber, von Journalisten meist vorgeführt und verarscht, weshalb man zu Recht das Gebot in der Rotlicht Szene ausgab, den Kontakt zu Journalisten zu vermeiden, da man einfach zu viel schlechte Erfahrungen damit gemacht hatte. Wenn man als gesellschaftlicher Außenseiter gebrandmarkt ist, wird man natürlich mißtrauisch und vorsichtig. Und fast alle Prostituierten, die Nadine kannte, waren extrem mißtrauisch, weil sie einfach schon so oft in ihrem Leben enttäuscht worden waren. Deshalb drang im Regelfall auch nichts nach außen und viele Ereignisse wurden innerhalb der Szene geregelt, lautlos und diskret.

Aber Nadine hielt sich nicht an das Gebot, weil sie unprofessionelle Politiker und Prostitutionsgegner verachtete und man alle Waffen der Wortkunst zücken mußte, um Fakes, Lügen, gefälschte Zahlen, Statistiken und Junk Science zu entlarven, die behaupteten, dass fast alle Prostituierten Opfer von Menschenhandel seien und die Branche und ihre Betreiber kriminell. Zum Glück konnte Nadine als Sozialwissenschaftlerin mit Zugang zu Zahlen und Statistiken diesen Betrug entlarven, aber sie blieb unerhört und war nicht zitierfähig, weil sie nicht über das symbolische Kapital verfügte, sondern nur eine Ex-Hure war. Hätte sie einen Doktortitel gehabt und das gleiche Buch zum Thema mit Klarnamen veröffentlicht, hätte die Sache anders ausgesehen. Aber ein Buch im Selbstverlag unter Pseudonym wurde selbst von studentischen Prostituierten nicht ernst genommen, die diese Zahlen für ihre eigenen Forschungsarbeiten benötigten. Es war auch keine wissenschaftliche Studie, sondern ein politisches Sachbuch mit Insiderwissen und sie konnte die Quellen nicht offenlegen, da sie sonst versiegt wären. Das ist auch üblich in der journalistischen Praxis. Warum wurde sie dann nicht ernst genommen? Sie entschied in ihrer zweiten Auflage auf diesen Punkt ausführlich einzugehen und ein statistisches Schaubild einzufügen, um an Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Aber wer glaubte schon einer Ex-Nutte?!


Kohle: Kapitel 20

Nadine hatte es bei Konferenzen häufig mit Sozialarbeitern und Mitarbeitern von Nichtregierungsorganisationen zu tun bekommen, die dachten, dass Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind, sich in einer Situation befinden, in der sie keine andere Wahl haben, als Sexarbeit zu verrichten, und dass es die Aufgabe von Feministinnen sei, Sexarbeiterinnen dabei zu helfen, alternative Einkommensquellen zu finden.

Im Jahr 2010 nahm Nadine auf der XVIII. Internationalen AIDS-Konferenz in Wien, Österreich, an einer Sitzung über Sexarbeit teil. Dort stellte eine Feministin verwundert die Frage: „Warum sollte sich jemand für die Sexarbeit entscheiden?“

Die meisten Sexarbeiter wachsen in patriarchalischen Gesellschaften auf und werden von Geburt an mit bestimmten Erzählungen darüber gefüttert, was richtig und falsch ist. Als junges Mädchen wird einem in der kirchlichen Erziehung beigebracht, dass nur böse Mädchen Sex haben. Einige Mädchen werden als „Matratzen“ bezeichnet, weil angeblich alle Jungen in der Nachbarschaft mit ihnen geschlafen hätten. Nadine fing in ihrer Jugend an, zu hinterfragen, warum die Gesellschaft versucht, den Körper, die Entscheidungen und die Sexualität von Frauen zu kontrollieren.

Dabei haben alle Menschen das Recht, Entscheidungen über ihr Leben zu treffen, dass sie je nach ihren aktuellen Lebensumständen unterschiedliche Entscheidungen treffen können und dass Sexarbeit für viele Menschen eine logische Wahl und legitime Form des Gelderwerbs ist. Schließlich kann man im Kapitalismus sonst nicht überleben.

Man muß Sexarbeit als legitime Arbeit betrachten. Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter sind historisch unterdrückte Gruppen, die die Möglichkeit brauchen, die Realität ihres eigenen Lebens mit anderen Menschen zu teilen. Idealerweise in geschützten Räumen.

Über ein Thema sprachen Sexarbeiter in Deutschland nicht gerne. Und das war Gewalt, weil sie auch Angst hatten, sich damit dem Opfer Narrativ zu unterwerfen, was wiederum eine Ursache des Stigma-Managements war. Im Ausland wurde lautstark über Gewalt gesprochen und Nadine dabei nicht ausgeschlossen. Hier war sie das erste Mal in der Lage, ihre Stimme zu erheben und zu berichten, was ihr in der Sexarbeit widerfahren war. Im Ausland kommt von der Gewalt durch Zuhälter und Kunden noch die Polizeigewalt hinzu. Jedenfalls ist es in den USA und Afrika üblich, daß Prostituierte von Polizeibeamten verhaftet, erpresst und vergewaltigt werden, die ihnen ihre Einnahmen abnehmen. Diese Situation war also nicht mit den deutschsprachigen Ländern, Ländern mit liberaler Rechtsprechung vergleichbar, aber die linksidentären Aktivisten taten so, als ob man die amerikanischen Verhältnisse auf Westeuropa übertragen könnte. Das ging Nadine so dermaßen auf den Sack, daß man sämtliche Slogans der amerikanischen Hurenbewegung einfach 1:1 kopierte und auf die Plakate schmierte, ohne die historischen Unterschiede zu bemerken.

Wie schafft man es also, Feministinnen, die die Arbeit anderer verurteilen, zu überzeugen, eine Verfechterin der Rechte von Sexarbeiterinnen zu werden? Das ist eine zentrale Frage.

Deshalb muß man viele Bücher, Artikel und Quellen über Sexarbeit lesen und viele Gespräche mit Prostituierten, auch Prostitutionsgegnern führen. Nur wenn man den Menschen zuhört, die am meisten von einem Thema betroffen sind, ist es wahrscheinlicher, dass man ein tieferes Verständnis für dieses Thema entwickelt. In den sozialen Medien folgte Nadine vielen Sexarbeiter-Aktivisten und Prostitutionsgegnern, und ihre Beiträge und Einblicke in ihre Arbeit gaben ihr immer wieder Gelegenheit, zu lernen und zu wachsen und ihre eigenen Erfahrungen zu spiegeln und Annahmen zu hinterfragen. All diese Erfahrungen und Kenntnisse bildeten nun die Grundlage ihrer eigenen Forschung. Sie war zutiefst optimistisch, noch andere Prostitutionsgegner überzeugen zu können, was ihr bislang nur einmal gelungen war. Durch ein Gedicht, dass sie bei einem Event in Glasgow vortrug und wo sich hinterher eine Prostitutionsgegnerin unter Tränen bei ihr und der Bewegung entschuldigte.


Kohle: Kapitel 19

Der Masterplan sah vor, daß eine Kommunikationsstrategie nach innen und außen entwickelt wurde. Nach Jahren des Widerstands hatte Nadine soviel Kenntnisse gesammelt, um strategische Verbesserungen auszuarbeiten, die auch Eingang in ihre Doktorarbeit fanden.

Nadine kritisierte die Fokussierung auf das Opfernarrativ und Happy Hooker Narrativ in der Bewegung selbst. Diese Fokussierung begünstigte es, dass Fakten im Dienste politischer Interessen verbogen wurden. Diese Narrative beherrschten jedoch die Medien, wo auch keine Diskussionen differenziert, sondern nur polarisiert stattfanden, insbesondere in Auseinandersetzung mit Prostitutionsgegnern. Entsprechend waren die öffentlichen Auswirkungen, das sich besonders benachteiligte Sexarbeiter mit der Happy Hooker Erzählung nicht anfreunden konnten.

Die Fokussierung auf das Opfernarrativ in der Sexarbeiter Bewegung selbst läßt auch die einst bürgerrechtlich orientierten Aktivisten zunehmend in ein linksidentitäres Fahrwasser abdriften. An der bisherigen Forschung zur Prostitution kritisiert Nadine eine zu starke Fokussierung auf Opferbiografien und Marginalisierungen im Diskurs, die dazu tendiert, den historischen Kontext ebenso auszublenden wie „unerwünschte“ biografische Aspekte. Dass Prostituierte oft sehr eigenwillige Akteure waren und sind, die ihre Biografien trotz widriger Umstände mehr oder weniger „erfolgreich“ gestalteten, geriet dabei völlig aus dem Blick. Allerdings wurden bei einer ständigen Betonung der Erzählung von der glücklichen Hure aus einer privilegierten Perspektive die Perspektiven benachteiligter Sexarbeiter vollständig ausgeblendet und Probleme wie Gewalt und Ausbeutung fielen unter den Tisch. Das Narrativ der glücklichen Hure hatte insofern Bestand, daß Sexarbeiter, die von Journalisten mit dem Opfernarrativ konfrontiert wurden, dem gegenüber entgegen setzen wollten, dass es auch selbstbestimmte Sexarbeiter gibt, die ihren Beruf lieben. Das Happy Hooker Narrativ war also auch ein Ausdruck von Stigma-Management. Die unglücklichen Huren konnten sich natürlich in dieser Erzählung überhaupt nicht wiederfinden.

Deshalb interessierte Nadine sich auch für die Sozialgeschichte sozialer Bewegungen wie die Hurenbewegung, den Auswirkungen von Diskriminierung und Kriminalisierung von Prostitution sowie dem Stigma-Management von Prostituierten.

Nadine, das Kommunikationswunder im Stigma-Management, nutzte alle Tricks und Kanäle, um ihren Zielen näher zu kommen. Als Mensch respektiert zu werden und auf die Rechte Durchsetzung zu pochen. Nadine war so etwas wie eine unbezahlte Anwältin für Huren, ein Advokat im Sinne von Interessenvertreterin in der Hurenbewegung, wie man es in den USA nennt.

Nadine litt jedoch am Elfenbeinturm Syndrom: Man ackert und ackert und kaum jemand interessiert sich dafür. Dies ist umso ärgerlicher, wenn man in der eigenen Bewegung ignoriert wird.

Deshalb hatte sie das Thema mehrfach auf die Theaterbühne gebracht, als Sprecherin auf Podien und Diskussionsrunden, mit Solo Performances und Storytelling, Comedy & Unterhaltung, mit Interviews als Sexarbeiterin, später als Pressesprecherin der Bewegung hatte sie fast 15 Jahre gebloggt, geschrieben und veröffentlicht, Reden gehalten, Gedichte geschrieben, Social Media Kampagnen entwickelt und die Bewegung über 15 Jahre fotografiert und dokumentiert. Ihre Bücher und Tweets hatten wenig Reichweite. Ihr fehlte das symbolische Kapital, um wahrgenommen zu werden. Sie war nicht zitierwürdig, auch nicht innerhalb der eigenen Bewegung, weil sie gerne mal drauf los polterte, wenn der Geduldsfaden riß und sich die Empfindsamen und Selbstgerechten empört von ihr zurück zogen. Nur mit dem Theaterstück an der Schaubühne hatte sie es mit Volker Lösch in die Qualitäts-Medien geschafft, daß auch die goldenen Federn der FAZ, Süddeutsche & Co berichteten. Dies ist insofern relevant, da Multiplikatoren und Meinungsführer diese Medien lesen.

Kuratieren und moderieren von digitalem Content war eine ihrer beruflichen Aufgaben. Digitales Outreach, um Sex Worker in allen Ecken und Enden des Internet, auf der Strasse, in den Medien zu erreichen ihre Passion.

Um gehört und wahrgenommen zu werden, musste sie also wieder zurück den Weg in die Wissenschaft antreten. Nur eine Doktorarbeit ist der Nachweis für Expertise und Glaubwürdigkeit, und keine Meister Titel, Fick und Blowjob Preise im Rotlicht Milieu.

Sie kannte einige ehemalige Sexarbeiter, die ebenfalls zum Thema Sexarbeit promoviert hatten, jedoch nur im englisch sprachigen Ausland. Nur zwei Frauen in Deutschland fielen ihr aktuell ein, die Sexarbeiterinnen, Aktivistinnen, Kollektiv Unternehmerinnen mit abgeschlossener Promotion waren.

Die unsichtbare Revolution hatte längst begonnen und Sexarbeiter auf der ganzen Welt legten neue Strukturen in dieser globalen Bewegung. Und mit der globalen Bewegung war Nadine verbunden, weil sie aufgrund ihrer vielen Reisen im In- und Ausland Sexarbeiter, Unterstützer und Aktivisten vor Ort persönlich kennengelernt hatte.

Bei ihrer Social Media Strategie mußte sie jedoch folgendes berücksichtigen: Auf Facebook waren im deutschsprachigen Raum hauptsächlich der Pöbel & die Alten unterwegs, die bildungsfern und resistent gegenüber jedweder Aufklärung und Fakten waren. Bei Twitter waren die Selbstgerechten unterwegs, die sich nur für ihre Bubble interessierten und teilweise im linksidentitären Fahrwasser schwammen. Also musste sie Streaming Formate für youtube, tic toc und Instagram entwickeln, um neue Verbreitungswege zu finden.

Bei Tic Toc entwickelten Kinder und Jugendliche durch die reine Anschauung von Videos mit Menschen mit Tourette Syndrom selber ein Tourette Syndrom. Ein interessantes Thema für die Hirnforschung, aber eine Herausforderung, jungen Leuten häppchenweise Aufklärung zu verabreichen. Am besten sie entwickelte in Bildzeitungsmanier Videos über die Entlarvung von Pretty Women Mythen, Loverboys als allgemeines Frauenschicksal und sexuellen Missbrauch durch kirchliche Sektierer. Hier brauchte man brillanten Content und ein zukunftsträchtiges Geschäfts- und Kommunikationsmodell. Als Social Media und Content Redakteurin war sie hier bestens geschult. Diese Medien wurden von Jungen genutzt und die Jungen sind die Zukunft.

Deshalb war sie auf Gedeih und Verderb gezwungen zu promovieren, um von Stakeholdern, Meinungsführern und Multiplikatoren endlich gehört zu werden. So wie die kleine Greta Thunberg, die sich durch kompromisslose Blockade Gehör verschaffte, weil die Rettung des Planeten wichtiger ist, als Schulstoff aus vorgestrigen Zeiten. Und dabei stand auch die Identitätspolitik im Wege, die die Sofa Aktivisten am kochen hielten. Linksidentitär ist leider die korrekte Bezeichnung dieser Politik der Spaltung, aber Nadine sah nicht ein, sich dieser katastrophalen Entwicklung anzuschließen, die leider erfolgreich in fast allen Medien-Redaktionen auf offene Ohren stieß. Aber wohlmeinende Kritiker wie Nadine gingen in diesem Identitätsgetöse einfach unter.

Es gab keine Interkonnektivität, keine freundschaftlichen und solidarischen Verknüpfungen innerhalb der deutschen Hurenbewegung und ihrer verfeindeten Netzwerke. Nadine selbst stand eher als Beobachterin am Seitenrand. Anders sah es im Ausland aus, wo noch gekämpft wurde und wo auch ihre Freunde waren. Ganz weit weg.

Es scheiterte offenbar am ausgeprägten Narzissmus der Meinungsführer innerhalb der Szene, die wohlwollende Kommunikationsprozesse zwischen unterschiedlichen Gruppen blockierten. Und dieser Charakterzug ließ es kaum zu, sich tatsächlich um die echten Probleme von Prostituierten zu kümmern, um gemeinschaftlich Lösungswege zu finden.

Im Vergleich mit dem Ausland, wo Kriminalisierung von Prostituierten an der Tagesordnung war, war die Hurenbewegung in Ländern mit liberaler Rechtsprechung ziemlich leise und wirkungslos. Die Interessenverbände suchten verzweifelt nach neuen Aufgaben, um eine gewisse politische Legitimation herzustellen und ihre Orientierungslosigkeit hatte sie anfällig für radikale Ideologien werden lassen. Mangels alternativer Berufsaussichten drängen nun Akademiker in die Bewegung, in Nichtregierungsorganisationen und in die Medien, die sonst arbeitslos wären. Es sind die Akademiker, die über Queer Theorie, Postkolonialismus, intersektionale Diskriminierung geforscht haben, was bei diskriminierten und benachteiligten Menschen zunächst auf fruchtbaren Boden fällt. Fakt ist jedoch, daß die rechtliche Gleichstellung in den westlichen Demokratien weitgehend erreicht ist und mit Fragen der Identität kein Blumentopf zu gewinnen ist, wenn es eigentlich um harte politische Interessen und Machtkämpfe geht. Früher erlaubte man sich, sich nur aufgrund von Glaubwürdigkeit, Expertise und Ausbildung um Positionen in der Bewegung zu bewerben. Heutzutage bilden sich Leute ein, daß allein Diskriminierungserfahrung und die Hautfarbe als sichtbares Zeichen einer Marginalisierung sie für Spitzenposten prädestiniere. Das haben die linksidentitären Teile der Hurenbewegung leider immer noch nicht verstanden, das dies nicht ausreichend ist, um komplexe politische Interessenpolitik erfolgreich durchzusetzen.