Reisefieber

Als Escort war ich es gewohnt, durch Europa und die Welt zu touren. Diese Zeiten sind lange vorbei. Oder?

In diesem Sommer ist alles anders. Ich muß mal wieder wie ein Matrose mehrere Häfen ansteuern. Nachdem ich kürzlich auf Sylt mit meiner Mutter war, drehen sich meine kommenden Reisen rund um meine eigenen Bedürfnisse. Die da sind:

Amsterdam und Meer: zunächst geht es zu einem Kurztrip nach Amsterdam. Ich wohne im Rotlicht Viertel, werde dort rumstromern und mir gemütlich eine Tüte rauchen. Dazu gibt es Milchshakes, Kuchen und Flan, Bitterballen und Pommes mit der besten Mayonnaise der Welt. Anschließend geht es an die holländische Nordseeküste, wo ich meine jüngste Schwester und ihre Familie besuche. Ihr Mann hat dort eine Surfschule und sie haben gerade ihr erstes Kind bekommen. Gerade mal 4 Wochen alt. Die Kleine ist so süß und ich möchte sie unbedingt sehen und mir nicht nur Bilder und Videos von ihr anschauen.

Anschließend geht es in meine alte Heimat, das Ruhrgebiet, wo ich ebenfalls Familie besuche. Bei einer Patchwork Familie ist es leider so, daß ich verschiedene Städte ansteuern muß, da alle weit verstreut voneinander leben.

Im August geht es dann in mein geliebtes Großbritannien bzw. nach Schottland und Cornwall. Außerdem mache ich einen Abstecher nach Bristol. In Schottland werde ich wieder das Fringe Festival in Edinburgh besuchen. Meine amerikanische Freundin, Stand up Comedian Desiree Burch, ist wieder on stage und das darf ich auf keinem Fall verpassen.

Anschließend düse ich nach Cornwall, einen Freund besuchen. Er lebt dort in einem idyllischen Ort am Meer, den ich unbedingt kennenlernen muß. Die Landschaft ist einfach göttlich! Die Küstenorte pittoresk. Es gibt viele Blauhaie vor der Küste. Ob die auch auf der Speisekarte stehen?

Und im September gehts wieder nach Barcelona, wo ich arbeite und natürlich jede Menge Spaß habe.

Und der Juli und August sind übrigens fest in der Hand politischer Aktionen und Kunst über Sexarbeit. Im Juli startet das Projekt Strich / Code in Berlin mit einer Wagenburg aus Lovemobilen am Washingtonplatz am Hauptbahnhof. Hier geht es um Schwarmkunst und die Interessen von Sexarbeitenden. Natürlich werde ich im Kaufmich Magazin darüber berichten. Außerdem über einen Sexworker Event in Hamburg und den Hurenkongress, der im August in Berlin stattfinden wird. Dort werde ich auch eine Keynote halten und über mein Online Beratungstool Big Sister für Sexarbeitende sprechen. Schließlich muß es sich ja rumsprechen, um gefunden zu werden. Das ganze soll auch mehrsprachig werden.

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen schönen Sommer! Verratet mir doch Eure Urlaubsziele. Ich bin gespannt!


Madame Goldschwanz 2008

Mit Perücke. Ich habe das Bild Mary Magdalene genannt. 🤩


Ich fordere Schmerzensgeld und Renten für Opfer von Kundengewalt

Kürzlich habe ich mit meiner Mutter Urlaub auf Sylt gemacht. Leider war es nicht so erholsam wie erhofft, weshalb ich im Juli/August unbedingt nochmal für ein paar Tage in den Urlaub fahren muß. Gleich nach meiner Rückkehr mußte ich ins Krankenhaus und eine aufwendige Untersuchung über mich ergehen lassen. Die Diagnose ist leider nicht gut ausgefallen. Jetzt habe ich noch eine weitere chronische Erkrankung, eine Pankreatitis, die tödlich enden kann.

Hauptursache für meine geschädigte Bauchspeicheldrüse sind die Psychopharmaka, die ich einnehmen muß. Ich finde das alles maßlos ungerecht. Leider finde ich auch keinen Arzt, der mich mit alternativen Behandlungsmethoden behandelt und mich begleitet, die Psychopharmaka abzusetzen. Das ist nämlich ziemlich riskant, da ich mit hoher Wahrscheinlichkeit dann einen Rückfall haben werde und wieder in der Psychiatrie für 2-3 Monate lande. Das würde auch bedeuten, daß ich natürlich in dieser Zeit nicht arbeiten kann. Ich liebe meine Arbeit.

Ich bin jedenfalls total wütend. Die Psychose, mit der ich mich lebenslang rumschlagen muß, habe ich ja aufgrund von Gewalt und Traumata in der Sexarbeit erlitten. Die Medikamente, die ich deshalb nehme, haben in den letzten Jahren meine Bauchspeicheldrüsenentzündung ausgelöst, die sehr gefährlich ist und tödlich enden kann. Ich muß nun meinen gesamten Lebensstil umstellen und abstinent leben, einen Ernährungsplan aufstellen.

Außerdem muß ich die gefährlichen Psychopharmaka weiternehmen, bis ich eine alternative Behandlungsmethode gefunden habe. Das bedeutet, daß ich weiter Pillen schlucken muß, die die Pankreatitis befeuern.

Ehrlich, warum gibt es kein Schmerzensgeld und eine Opferrente für Sexarbeiterinnen, die Kundengewalt und Traumata erlitten haben? Das würde mich zwar nicht gesund machen, aber es wäre ein kleiner Ausgleich, der mein Leiden anerkennt und damit auch die Schuld der Täter.


Liebe

Die Huren sind meine Familie. Ich habe 10 Jahre aktiv und 8 Jahre passiv mit Huren verbracht, seit kurzem wieder aktiv. Natürlich liebe ich auch meinen Mann. Ein Pionier und Künstler. Ende des Jahres werde ich einen Webshop für seine Kunst eröffnen. Ist zwar schwierig, Kunst zu verkaufen, aber es bleibt uns nichts anderes übrig. Die Galeristen von H1 leben nicht mehr oder haben das Handtuch geschmissen. Naja und ab einem gewissen Alter tut das Netzwerken weh und da geht man nicht mehr aus dem Haus. Im Sommer gibt es wieder eine Ausstellung an einem richtig coolen Ort. Mehr wird nicht verraten. Ohne meinen H1 wäre das Leben trostlos. Die Liebe ist das wichtigste auf der Welt. Die Liebe zu meinem Partner und zu meiner Community. Wir sind zwar mittlerweile geschieden, aber leben in wilder Ehe. Hehe

Paranorm

Massagen im jüdischen Puff

Während meiner Odyssee durch Großbritannien arbeitete ich in meiner Anfangszeit in einem jüdischen Puff in Nord-London, der als Massagesalon getarnt war. Jüdisch deshalb, weil hier ausschließlich jüdische Kunden verkehrten und das Management, ein Ehepaar jüdisch waren.

Sie fanden es alle ulkig, dass ich die einzige deutsche Sexarbeiterin dort war. Jedenfalls hatte ich auch orthodoxe Kunden, die sich eine full-body-massage gönnten. Währenddessen unterhielten wir uns, meist über Philosophie. Es sind ja sehr gelehrte Leute unter den Orthodoxen. Wir unterhielten uns über Gershom Sholem, Walter Benjamin. Michel Foucault war leider nicht im Angebot. Ich konnte da etwas mitreden, da ich ja zuletzt in einem Institut für deutsch-jüdische Geschichte gearbeitet hatte, in Verbindung mit Lehrverpflichtungen.

Eines Tages bzw. nachts gab es einen antisemitischen Anschlag auf den Puff. Das Haus wurde mit antisemitischen Graffities besprüht. Außerdem prangte das Wort „Whores“ auf der Fassade. In einer Nacht-und-Nebel Aktion entfernte ich die Schmierereien. Die Manager waren gerade in Spanien, wo sie eine Residenz hatten und einige Tage Urlaub machten. Außerdem mußte ich eine Frau im Kleiderschrank verstecken, die sich illegal im Land aufhielt. Aber das ist eine andere Geschichte.


Party Girl

Ich denke gerne an meine Zeit als Party Girl zurück. Sex Parties in London, Bristol, Southend, Berlin. Gang Bang, Bukkake, GFE. Lustige Kombination. Ich habe das 6 Jahre lang gemacht. Meine eigene Partyreihe hieß Gentlemen Parties Berlin. Und es kamen im Regelfall auch nur Gentlemen. Ab und zu ein Ausreißer dabei. Einmal sogar ein professioneller Pornodarsteller als Gast, mit dem ich es nach der Party in einem Swingerclub weiter trieb.

Anno 2006

Warum ich als Survivor keine Prostitutionsgegnerin wurde

Es fällt mir wirklich nicht leicht, über das Thema zu schreiben, da es mich persönlich sehr trifft und auch ein Outing bedeutet. Wer will schon Opfer sein?

Jedenfalls öden mich die falschen Argumente von ProstitutionsgegnerInnen total an. Mittlerweile sind in der Öffentlichkeit auch Frauen zu hören, die Opfer von Menschenhandel, Zwangsprostitution und andere Formen von Gewalt und Vergewaltigung wurden, während der Prostitution.

Ich hab mich immer zu den glücklichen und selbstbestimmten Huren gezählt, auch wenn ich Gewalt durch Kunden erfahren habe. Auch outete ich mich in der Öffentlichkeit, vor meiner Familie, seit ich als Aktivistin hörbar wurde.

Ich hatte immer gedacht, ich stecke Gewalt weg und gehe weiter. Aber eines Tages vor 5 Jahren geriet ich in eine Psychose. Psychische Erkrankungen, insbesondere die Diagnose Schizophrenie, sind ja auch so ein Tabu, worüber man nicht sprechen mag. Zu sehr sind die Ängste in der Gesellschaft verbreitet, auch durch das Bild, das von „Verrückten“ gezeichnet wird.

Dennoch muß ich diese Erfahrung in die Waagschale werfen. Während und nach der Psychose wurde mir klar, daß die Sexarbeit sowie mein Aktivismus eine Ursache für meine Erkrankung waren. Ich muß das einfach los werden, weil ich kurz davor stand, zur Prostitutionsgegnerin zu mutieren. Ich hatte nur noch das Thema Gewalt und seine Folgen vor Augen. Nicht nur meine eigenen Erfahrungen spielten eine Rolle, sondern die Erfahrungen anderer Sexworker, die ich über viele Jahre kennengelernt hatte.

Dennoch habe ich seit vielen Jahren alle Prostitutionsmodelle, mir alle Formen der legalen und illegalen Sexarbeit angeschaut und welche Risiken daraus erwachsen. Ich habe viele Länder bereist, um Sexworker zu treffen. Unter den AktivistInnen finden sich so unglaublich kreative und beeindruckende Personen, Leute, die sich permanent im Widerstand bewegen und als Aktivisten von allen Seiten mit Repressalien rechnen müssen. Besonders in Ländern mit Prostitutionsverboten.

Ich bin aufgrund meiner Erfahrungen als Beischlafbeobachterin und Rotlicht Korrespondentin zum Schluß gekommen, daß nur ein Entkriminalisierungsmodell in Frage kommt, daß die Rechte, auch die Menschenrechte von Sexarbeitenden schützt.

Ich kann mir vorstellen, daß erlittene Gewalt und Traumata sich in den Körper einschreiben und nicht verarbeitet werden. Und es kann sein, daß dadurch die objektive Wahrnehmung vernebelt wird, wenn es zu der erlittenen Erfahrung kommt und der Frage, ob Prostitution verboten sein soll.

Die Freierbestrafung ist auch deshalb keine Lösung, weil in allen Ländern mit Sexkaufverbot beobachtet werden kann, daß die Gewalt gegen SexarbeiterInnen gewachsen ist. Es kann nicht sein, daß Menschen, die einvernehmlichen Sex praktizieren, kriminalisiert werden. Deshalb bin ich gegen Prostitutionsverbote und fordere, daß Harm Reduction nicht nur im Rahmen der Drogenpolitik zentral sein muß, sondern auch in Prostitutionspolitik. Nur Entkriminalisierung kann helfen, Kriminalität zurück zu drängen und die Voraussetzung für gute Arbeitsbedingungen und sichere Arbeitsplätze schaffen, wo die Rechte von SexarbeiterInnen respektiert werden.

Erst dann wird auch das Prostitutionsstigma eine Wandlung erfahren, wenn SexarbeiterInnen als gleichwertige Bürger anerkannt werden. In einem Land wie Indien haben sich 5 Millionen SexarbeiterInnen organisiert und kämpfen für die Entkriminalisierung und Safer Sex, gegen Menschenhandel und Ausbeutung. Eine Macht, mit der auch die Politik zu rechnen hat.

Ich habe in der Psychiatrie eine Frau kennengelernt, die bei der Polizei gearbeitet hat und jeden Tag Bilder aus dem Netz sichten mußte. Bilder über Kinderpornographie, Missbrauch, Erniedrigung und andere gräßliche Themen. Sie ist an der Wirklichkeit verrückt geworden.

Wahrscheinlich ist es unter diesen Umständen am besten, der Sexarbeit für immer den Rücken zu kehren. Doch diese durchaus subjektive Einstellung kann nicht auf alle SexworkerInnen übertragen werden. Darüberhinaus hat ein Sexkauf-Verbot lediglich den Effekt, daß das Ganze dann illegal stattfindet und es somit der Idee, damit jemandem helfen zu wollen, zuwider läuft.