Revolutionize Adult Entertainment

Liebe Freunde,

ich entwickele derzeit ein IT-Projekt und starte dafür eine Crowdfunding Kampagne, um Geld einzuwerben, um die kostspieligen Programmierer zu bezahlen. Das Projekt ist eine Herzensangelegenheit von mir und ich hab viele Jahre darauf hin gearbeitet. Wer Fragen dazu hat, gerne her damit und ich beantworte alles gewissenhaft. Ich kann natürlich nichts konkretes über das Geschäftsmodell verraten und bitte dafür um Verständnis. An dieser Stelle müßt Ihr mir einfach vertrauen, dass es ein Erfolgskonzept ist. Ich verfüge über die entsprechende Expertise.

https://www.startnext.com/candytechs-revolutionize-adult


House of Aspasia

Es ist ja irgendwie schick, wenn Huren Bücher schreiben. Sex sells. Allerdings finde ich das nicht so interessant, weshalb ich ein Sachbuch schreibe, dass mit sozialwissenschaftlichen Einschätzungen über Sexarbeit gespickt ist. Ich habe festgestellt, dass es das so noch nicht gibt, aber notwendig ist, um eine Diskussionsgrundlage über die Zukunft der Sexarbeit zu liefern. Ich hab ja praktisch in den letzten 19 Jahren geforscht: teilnehmende Beobachtung, Interviews, Umfragen. Mein Wissen ist mein Goldschatz. Kann beizeiten auch gegen Sexkaufgegner als Argumentationswaffe verwendet werden. Jedenfalls hab ich schon über 50 Seiten zusammengeschrieben, bin allerdings aktuell etwas angeschlagen, sodaß ich erst nächste Woche damit weiter machen kann, wenn mein anderer Job erledigt ist. Ist zwar viel Arbeit, aber leider notwendig, da soviel Unfug in den Medien steht und die öffentliche Meinungsbildung beeinflusst.


den Cyborgs gehört die Zukunft

Hier nochmal zum Nachhören https://audio-archive.com/#/talk/1917


Der Schrei

Eine Erzählung

Für mich gehören Blogs zu moderner Literatur, so auch Tweets. Im Prinzip hab ich über viele Jahre ein Gesamtkunstwerk auf meinen sozialen Medien geschaffen. Es ist wie ein Labyrinth, wo man dem Ariadne Faden folgen muß. Manches wurde mittlerweile gelöscht. Manchmal hilft lesen rückwärts.

Kapitel 1

Ich blicke aus dem Kabinenfenster. Unter mir öffnet sich der Atlantik. Tiefes Blau, wo man Schaumkronen erahnt. Mit jeder Sekunde komme ich meinem Ziel näher: Die University of Chicago. Die Elite-Universität mit der höchsten Suizid-Rate fand ich heraus. Ort des Untergangs.

Juli 1998. In Chicago erwartet mich eine schwüle Hitze, der ich mit einem klimatisierten Taxi entkomme. Mein Ex-Liebhaber erwartet mich in seinem Apartment am Lake Shore Drive. Ich schlafe dort 1-2 Nächte, bevor ich mein Zimmer im International House of Chicago am Campus beziehe.

Abends geh ich mit GW chinesisch essen. Ich sehe das erste Mal Glückskekse. Auf dem winzigen Zettel steht: „Das Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht, ist das Glück der Menschheit.“

GW ist der erste und letzte Professor, mit dem ich eine Beziehung habe. Natürlich hatte er nie erwähnt, dass er verheiratet ist. Das war ein Schock, als ich es herausfand, und Grund mich zu trennen. Ich will Symbiose Tag und Nacht und nicht Mätresse sein.

Ich nannte GW immer mein Michelin-Männchen. Wegen seiner Leibesfülle. Durch seine Einladung nach Chicago und den Empfehlungen meiner Doktorväter gelang es mir, die gläsernen Decken zu berühren. Der erste Schritt war getan. Nur durchbrechen musste ich sie noch.

Ich lernte GW bei einem Nietzsche Kongress 1996 kennen. Ich beobachtete ihn heimlich, wie er nervös an seinen Fingernägeln kaute, bevor er sich plötzlich erhob & einen Vortrag frei & ohne Zettel hielt. Anders als deutsche Wissenschaftler, die alles von Papier ablasen.

Sein Vortag über Nietzsches Buch „Vom Nutzen und Nachteil der Historie über das Leben“ war so beeindruckend, dass ich ihn ansprach & wir uns abends auf ein Glas Wein verabredeten. Später besuchte er mich in Duisburg. Er war US-Amerikaner, lebte in Florenz und sprach 8 Sprachen.

Die Hitze in Chicago erdrückte mich. Ich verabschiedete mich von GW & zog in mein Zimmer, dass nun mein Zuhause für die nächsten Monate werden sollte. Keine Klimaanlage, dafür ein klappriger Ventilator, der die warme, feuchte Luft durchpflügte. Es sah aus wie eine Gefängniszelle.

Von dieser Studierkammer aus unternahm ich nun meine Ausflüge in die Bibliotheken & Buchhandlungen, diskutierte mit Professoren meine Forschungsergebnisse & lernte andere Doktoranden kennen, die mich nachhaltig beeinflussen sollten. Aber es lief nicht so reibungslos wie gedacht.

Zunächst wurde meine Kreditkarte durch ein Fehler des Verkäufers gesperrt, als ich auf einem Kunstmarkt Fotografien kaufte. In den USA ohne Kreditkarte dazustehen ist mörderisch & ich musste meinen Vater per R-Gespräch bitten, mir aus der Klemme zu helfen.

Ausserdem stieg ich an einem Nachmittag in Downtown in den falschen Zug ein & landete nicht am Campus, sondern im Ghetto von Chicago, wo ein Aufenthalt für Weiße Lebensgefahr bedeuten kann. Ich irrte umher, bevor mich endlich ein Taxifahrer einlud & sicher zurück brachte.

Der schwarze Fahrer, der sein Taxi von innen verriegelte, war außer sich und schimpfte. Bei mir hatten sich die Bilder eingeprägt, von der Southside, wie nach einem Bürgerkrieg. Mit ausgemergelten schwarzen Gestalten und hoffnungslosen Blicken, die sich in mein Gehirn frästen.

Diese absolute Armut hatte ich noch nie in einem Industriestaat gesehen. Ausser die Slums in Kalkutta Jahre später, wo ich mich anläßlich der Welt Aids Konferenz befand & zusammen mit 5000 Sexarbeiter:innen im grössten Rotlichtbezirk Südostasiens Sonagachi demonstrierte.

Die Slums von Chicago: Wohnbaracken, Löcher statt Fenster, Autowracks, Menschen, aus deren Augen Resignation und Hoffnungslosigkeit sprachen, machten klar, dass die USA noch ein Apartheid Regime war. Mein amerikanischer Traum war geplatzt, ich durchlitt eine schwere Depression.

Eine Woche blieb ich im Bett, starrte  auf den ächzenden Ventilator. Tausende Studenten müssen in diesem Zimmer Qualen durchlitten haben, bevor sie sich nach erfolgreichem Abschluss in alle Winde verstreuten. Andere blieben zurück. Die Uni hatte die höchste Suizidrate in den USA.

Ich wollte herausfinden, warum das so ist. Ich sprach darüber mit anderen Student:innen, auch über die Slums von Chicago. Ich freundete mich mit einer schwarzen Studentin an, Ami. Ihre Eltern waren Lehrer in Chicago, sie bekam ein Stipendium, wie ich.

Mit den osteuropäischen Student:innen machte ich Party. Wir besuchten die Jazz Clubs in Downtown, hörten den Soundtrack von Trainspotting rauf und runter. Ihre Eltern, alle Akademiker, hatten ein Leben lang gespart, um ihren Kindern das Studium in den USA zu ermöglichen.

Ich beneidete sie um ihre Eltern. Mein Vater war immer der Meinung, dass man sich alles selbst erarbeiten muss. Unterstützung und Fürsorge hatte ich nie erhalten, weshalb die Sperre meiner Kreditkarte ein Drama war, weil ich ihn um etwas bitten musste, der freiwillig nie was gab.

Als ich die Möglichkeit bekam, ein Jahr in NYC ein Praktikum bei den UN zu machen, weil ein Bundestagsabgeordneter mich förderte, sagte mein Vater, dass er mir nicht meinen Urlaub finanzieren wolle. Er drohte, den Unterhalt zu streichen, den ich Jahre zuvor einklagen musste.

Kapitel 2:

Mein berufliches Ziel war eine internationale Karriere als Wissenschaftlerin oder bei den Vereinten Nationen. Ich war nicht nur der erste Mensch, der im Ghetto von Duisburg aufwuchs, Gymnasium und Universität gegen alle familiären Widerstände besucht hat, sondern auch die erste Frau, die promovierte. Meinen Großmüttern und meiner Mutter hatte ich schon im Alter von 17 Jahren in radikalfeministischer Manier erklärt, dass ihr Frauenschicksal niemals für mich in Frage käme. 

Kein Eigenheim mit Kiesauffahrt oder Versorger Ehe, die Beine auf Kommando breit machen, und wöchentlich um ein knappes Haushaltsgeld betteln. Wenn der Herr dann mal großzügig war und gute Laune hatte, ließ er vielleicht etwas Taschengeld springen, um sich ein hübsches Kleid zu kaufen und dem Herrn zu gefallen.  Aber Mann ließ nur etwas springen, wenn die Frau sexuell verfügbar war. Manche lassen sich von ihren ungeliebten Männern bis ins hohe Alter unter Schmerzen in den Arsch ficken, um nicht in der Altersarmut zu verelenden. 

Keine Mutterschaft, das ist der Tod von wissenschaftlicher Erkenntnis und Karriere. Ich habe die Entwicklungen vieler Frauen meiner Generation beobachtet. Alles endete in der Sackgasse, in Scheidungen und in alleinerziehenden und neurotischen Müttern, die verzweifelt versuchten, Unterhaltsansprüche gegen ihre Ex-Männer durchzusetzen. Die allerwenigsten zahlen und machen sich aus dem Staub. Da ist eine Weicheier-Generation herangewachsen, die Verantwortung nicht kennt, sondern nur radikalen Egoismus. 

Mutterschaft bedeutet das Ende jeder großen Karriere zwischen 25 und 35 Jahren. Ich hätte auch gerne Kinder gehabt, aber alle Männer, die ich kennenlernte, waren für die Vaterschaft völlig ungeeignet, da sie entweder eine narzisstische Störung auszeichnete, die sie hoch manipulativ macht oder ihre Karrieren sind von Geiz, Geldgier & Geltungssucht motiviert. Manche hatten durch frühkindlichen Mißbrauch Persönlichkeitsstörungen entwickelt, die zu Armut, Alkoholismus und Gewalt führten. Allen fehlte Empathie. Sie umkreisten nur ihr Selbst.

Ich finde Mutterschaft schön, wenn man zuversichtlich in die Zukunft schauen kann und eine finanzielle Unabhängigkeit erreicht hat, die finanziell auch eine Nanny oder ein Internat erlaubt. Helicopter Eltern, deren einziges Leben sich nur noch um den Nachwuchs dreht, ist eine deutsche Eigenart. Im bürgerlichen Frankreich und anderswo sind die Kinder in Ganztagsschulen und werden von Nannys betreut. Die Begegnungen der Familienmitglieder sind auf ein minimum reduziert, aber eben Quality Time mit gemeinsamen Essen und Gesprächen und keine Schreierei.

Über vier Jahre habe ich an meiner Doktorarbeit geschrieben, Vorträge gehalten und unterrichtet. Aufbau Ost. Mittelmäßige westdeutsche Wissenschaftler:innen machten an ostdeutschen Provinzuniversitäten Karriere & ich mußte ostdeutschen Lehrern Demokratie erklären.

Aus der Distanz einer US-amerikanischen Elite-Universität betrachtet, sieht man die Unterschiede zu Deutschland & Europa ganz deutlich. Lazy Nations meinte ein indischer Geschäftsmann in London einmal zu mir. Das ist Europa, und der Anschluß an die Globalisierung längst verpasst.

Die Musik wird woanders gespielt. Deutschland kommt mir vor wie ein fett gefressenes Schwein, das nicht mehr aufstehen kann. Agilität, geistige Offenheit und Innovation findet woanders statt. In Deutschland gibt es nur Copy & Paste. 

In Chicago lernte ich Doktoranden kennen, die intellektuell in Sieben-Meilen-Stiefeln voranschritten; ganz anders als die in Deutschland gepamperten Nachwuchswissenschaftler, deren Opportunismus aus allen Poren kroch und Wegbereiter jeder durchschnittlichen Karriere ist. 

Aber auch ich bin als Tiger gestartet, um als Bettvorleger zu landen. Meine internationale Karriere endete im Bordell als Prostituierte. Wie konnte es dazu kommen konnte, wurde ich häufig gefragt. Ganz einfach: wenn Du linke Positionen vertrittst – und da habe ich einiges an Nachhilfe ausgerechnet an der berühmten Chicago School erhalten – , sind die Türen in Deutschland verschlossen, weil immer noch die Antikommunismus-Doktrin gilt, die die Geister vernebelt. 

Meine Doktorväter zensierten meine Dissertation und zwangen mich, meine theoretischen Positionen aufzugeben, mit denen man in den USA sogar Professuren ergattern kann. Nicht so in Deutschland. Für mich war die Entscheidung einfach: wenn ich gegen jede bessere Erkenntnis Wissen produzieren soll, dass nur Schwachsinn optimiert, bin ich in Deutschland an der völlig falschen Adresse. 

In Chicago erhielt ich das Angebot, meine Dissertation mit einem Stipendium zu beenden. Das hätte noch einmal 5 Jahre Ph.D. Studium bedeutet, was nicht so schlimm gewesen wäre. Aber bei der Vorstellung, mein Know How an ein Apartheid Regime wie den USA zu verkaufen, das die Menschenrechte mit Füßen tritt, schrillten meine inneren Alarmglocken. Anpassung um welchen Preis? Vor 20 Jahren stand der Begriff Neoliberalismus auf dem wissenschaftlichen Index, zumindest in Deutschland. Neoliberale Ökonomie zu kritisieren war des Teufels. Soll es Ziel einer Karriere sein, alle persönlichen Überzeugungen und hart erkämpften und erarbeiteten Positionen aufzugeben? Mein Interesse war nicht Status, Geld und Karriere um jeden Preis, sondern eine Nische zu finden, in der ich unabhängig bleiben, überleben und forschen kann. 

Ausgerechnet ein kleines Startup hat mir genau diese Möglichkeit geboten, nachdem alle Bewerbungen nach meinem Ausstieg aus dem Wissenschaftsbetrieb scheiterten. Zuvor war jedoch noch ein anderer Weg für mich bestimmt: der Weg in die Prostitution, der für hochsensible und gutmütige Menschen wie mich nicht nur eine Sackgasse bedeutet, sondern auch eine Gefahrenzone ist. Zwar bin ich nicht darin umgekommen, aber ich habe soviel Gewalt erlebt und gesehen, dass ich mich im Nachhinein mit Schaudern abwende. 

Gewalt und Sexismus führten schon in jungen Jahren zu meinem Widerstandskampf. Später wurde ich eine internationale politische Aktivistin für die Rechte von Sexarbeiter:innen. Normalerweise versauert man mit diesem Background irgendwann in einer NGO. Die meisten Hilfsorganisationen sind reine Gelddruckmaschinen, wie die katholische Kirche. Hilfs- und Spendengelder wandern im Regelfall nicht in die Hände von Menschen, die um ihr Überleben kämpfen, sondern in die Taschen der Funktionäre und man schiebt sich gegenseitig die Pöstchen zu. Das habe ich schon an einer westdeutschen Provinz-Universität beobachtet, wie das läuft.

Kapitel 3

Eine prominente deutsche Aktivistin hat mal zu mir gesagt: Prostitution ist nicht für jeden geeignet. Frauen, die von Loverboys zur Prostitution genötigt werden, hätten kein Selbstbewußtsein und werden deshalb Opfer von Ausbeutung. 

Das denke ich auch, aber aus anderen Gründen. Sie glaubt, dass die Frauen selbst schuld seien, weil bei ihnen Opfer auf der Stirn steht. Professionelle, selbstbestimmte und selbstbewusste Dominas wie sie können deshalb garnicht Opfer werden und sind quasi unverletzbar. 

Wenn man allerdings ein sensibler und achtsamer Mensch ist, ist Ficken im Akkord die Hölle, weil Ficken Genuss sein soll und kein Leistungssport. Bei mir stand nicht Opfer auf der Stirn. Ich war nur eine „deutsche Schlampe“, die es nicht anders verdient, als schlecht behandelt zu werden. 

Mein Selbstbewußtsein hat mir auch nichts genützt, um mich vor Gewalt zu schützen. Es handelt sich auch nicht um einen „kleinen Betriebsunfall“, sondern um drei Übergriffe mit lebenslangen Folgen und gesundheitlichen Schäden, die ich davon getragen habe. 

Und wenn man ein sogenanntes dickes Fell hat und viele Schläge abkann, ist das der Himmel der Prostitution? Nur weil man sich selbst für unverletzbar hält, weil man sich nicht ficken läßt und die Sklaven unter Kontrolle hat, kann man also kein Mitgefühl für Frauen empfinden, die naiv und verliebt sind und deren Gutmütigkeit mit einem Schlag in die Fresse belohnt wird? 

Meistens kann man sich sein Schicksal nicht aussuchen. Besonders, wenn man in Not ist. Und Not und Armut sind es hauptsächlich, die Menschen in die Prostitution treiben. Und auch mich getrieben haben. In Deutschland und überall auf der Welt. 

Menschen, die zu viel romantische Rotlicht-Literatur gelesen oder Pretty Woman und andere Märchen gesehen haben und die über die Medien und Filme lernen, daß man als Escort Lady oder Domina mit wenig Arbeit und Ausbildung viel Geld verdienen kann, fallen allesamt auf das Happy Hooker Marketing rein. 

Sie alle finden dadurch ihren Einstieg in das Business. Ihre Online Präsenz ist durch permanentes Selbst-Marketing bestimmt, dass das Happy Hooker Narrativ beschwört. 

Das ihre Kunden einseifen soll, dass Sexarbeit keine Arbeit ist, sondern ein Hobby und pures Vergnügen. Alles ist Marketing, aber völlig lebensfremd. 

Wenn politische Aktivist:innen in der Öffentlichkeit bei jeder sich bietenden Gelegenheit beschwören, wie glücklich und selbstbestimmt sie sind, ist das kein politischer Aktivismus, sondern die komplette Idiotie. Wieso für etwas kämpfen, wenn es allen doch gut geht? 

Diese Leute repräsentieren jedoch politischen Aktivismus in Deutschland, und nicht nur hierzulande. Der Geburtsfehler dieses Denkens ist die geistige Verblendung und die fehlende Empathie mit den schwächsten Mitgliedern der Community, zu denen sie überhaupt keinen Kontakt haben, deren Interessen sie jedoch vertreten wollen. 

Hier betreiben Leute Selbst-Marketing, indem sie das Leid und die Gewalt in der Prostitution einfach ausblenden. Diese Lobby-Politik ist nicht anschlußfähig an die Kommunikation und Repräsentation all derer, die in keiner privilegierten Position sind, die mehr als 25 Sprachen sprechen, aber kaum deutsch und englisch, die  unsichtbar sind und gemacht werden, für die das Happy Hooker Narrativ, hochschwellige Diskurse und Politik ein Fremdwort ist. 

Ein politischer Aktivist ist nur dann vertrauenswürdig, wenn er den Kontakt zur Basis nicht verliert. Wenn er weiß, was auf der Strasse und in den Bordellen, Fickwohnungen los ist. Wo man durch persönliche Gespräche erfährt, wo der Schuh drückt. 

Diese Mühe muß man sich trotz Sprachbarrieren machen, sonst wird man überhaupt nicht ernst genommen. Politischer Aktivismus für Hurenrechte sollte nicht durch einen von der Basis entkoppelten Verband repräsentiert werden, der hochschwellige Texte veröffentlicht und Angebote macht, die die Mehrheit überhaupt nicht erreicht. Das Leben in der Bubble führt zu einer völlig falschen Selbst- und Fremdwahrnehmung und man ist von sich selbst so überzeugt, das Gute zu tun, das jegliche Kritik abprallt.

Geldnot oder Geldgier sind keine ideale Basis für Solidarität mit den schwächsten Mitgliedern der Sexworker Community.

 In der Realität gibt es keine Romantik. Prostitution bedeutet harte Konkurrenz, ist ein Business und es geht immer nur ums Geld, wie überall. Da hauptsächlich Bargeschäfte gemacht werden, ist es auch Anziehungspunkt für Kriminelle, von denen die meisten ebenfalls Armutskarrieren hinter sich haben. 

Aber manche von ihnen fangen ja schon an, mit Kryptowährungen ihre Geschäfte abzuwickeln, während andere Länder noch mühselig das Bargeld aus dem Markt ziehen. Da müssen sich auch Kriminelle umstellen und am Beispiel Schweden sieht man, dass die Politik der Saubermänner dazu führt, dass Cyberkriminalität steigt und Menschen in der Illegalität überhaupt nicht erreicht werden. 

Ich hab in den letzten 15 Jahren nicht nur Sozialforschung gemacht und Statistiken entwickelt. Sondern auch meine Schreibblockade nach dem Ende meiner wissenschaftlichen Laufbahn überwunden. Heraus kommt bei meiner Forschung und Analyse, dass ich als politische Aktivistin für Hurenrechte ungefähr soviel Macht und Einfluss habe wie ein Fliegenschiss, sowohl innerhalb als auch außerhalb von Verbänden. 

Mit den Huren wollen sich die wenigsten verbünden oder anfreunden, ausser um sie kostenlos zu ficken. Da wir als allgemeiner Bürgerschreck gehandelt und meist durch gesellschaftlich angepasste Aktivistinnen in der Politik vertreten werden, die das Hohelied der Selbstbestimmung singen, werden Prostituierte nicht ernst genommen. 

Die Kehrseite der Prostitution, Gewalt und Ausbeutung, wird hartnäckig ignoriert oder relativiert. Man kann die Ausbeutungsverhältnisse nicht auflösen, wenn man sie noch nicht einmal aufrichtig anerkennt und analysiert. Darauf wissen unsere privilegierten Aktivistinnen keine Antwort. Prostitution liegt auch quer zu staatlicher Reproduktionspolitik und ist der Stachel im Fleisch jeder Ehefrau, die seit Jahren den Sex verweigert.

Bei seriös gezählten 100.000-150.000 Sexarbeiter:innen in Deutschland, in einem Business mit hoher Mobilität und Fluktuation, haben wir es also mit einer organisierten Gruppe von etwa 600 Sexarbeiter:innen und einer Handvoll Verbündeter zu tun, die kaum Reichweite außerhalb ihrer Bubble erzielen.

Etwa 25% aller Huren arbeitet in Bordellen und bieten Full Service, das bedeutet sie ficken und blasen, und können kaum Distanz zu ihren Kunden schaffen, was den Tantra Ladies oder Dominas, die aber die Deutungshoheit haben, vorbehalten ist. 

Diese 25% sind quasi mit den 40.000 registrierten Sexarbeiter:innen identisch. Die Mehrheit will sich aus vielen Gründen nicht registrieren und outen, sondern verständlicherweise anonym bleiben, solange sie nur Pflichten haben und ihre Rechte nicht kennen. Die Anonymität ist Fluch und Segen zugleich. 

Bei 82 Millionen Einwohnern in Deutschland mit Meldeadresse arbeitet die Mehrheit der 80% mobilen und migrantischen Sexarbeiter:innen ohne festen Wohnsitz in Deutschland und haben kaum Zugang zu staatlicher Unterstützung. 

Für sie fällt auch in der Corona Krise keine warme Suppe aus der Armenküche ab, da die meisten Hilfsorganisationen ihren Betrieb eingestellt haben. Der Anteil empowerter Sexarbeiter:innen an der Gesamtbevölkerung repräsentiert weniger als ein Promille und bewegt sich faktisch gegen Null. 

Prostitutionspolitik ist politisch irrelevant, außer Kriminalität und Ausbeutung entwickelt eine kritische Masse. Bei der Identifizierung und Unterstützung von Opfern arbeitet der Staat zu langsam und mit den falschen Mitteln, der Opfer auch nicht zu einer Aussage motiviert. 

Zwar versuchen Behörden und Wissenschaftler in den USA und Großbritannien Muster zu identifizieren, um grenzüberschreitende Kriminalität zu entdecken, aber es bleibt an der Oberfläche. Tatsächlich würde hier künstliche Intelligenz helfen, Muster im Netz zu identifizieren & Kinderpornografie schon beim Upload aus dem Netz zu fischen. Tatsächlich agieren die meisten Kriminellen nicht im Dark Net, sondern vor den Augen der Behörden.

Das Startup war meine Rettung, wie das Internet überhaupt. So konnte ich mit meinen Freunden im Ausland in Verbindung bleiben und konnte als Prostituierte völlig selbständig und professionell arbeiten und mir die Kunden aussuchen. 

Das Internet bot mir auch die Möglichkeit, mit klugen Selbst-Marketing-Tricks und mehrstufigen Kundenscreening alle Sadisten und emotionalen Kunden abzuschrecken und gleichzeitig die großartigsten Menschen, also Kunden, kennenzulernen. Viele meiner Fans waren wie ich, nämlich Einzelgänger. Sie waren der einsame Samurai in der Wüste der Business Welt. Ich schenkte ihnen Lebensfreude und sie sicherten mir mein Überleben als freie Frau.

Kapitel 4

Meinen Mann traf ich woanders. Als ich ihm Weihnachten 2003 begegnete, in einem alten zerlumpten Mantel mit Hut, beeindruckten mich seine intelligenten und wachen Augen. 

Ich war sofort in Ekstase, ich erkannte einen ungeschliffenen Diamanten. Eine Verbindung, die trotz neidischer Prophezeiungen und Störmanövern auch 16 Jahre später nicht enden sollte. 

Normalerweise dauert die Phase der Verliebtheit nur 6 Wochen bis 3 Monate. Der Hormonschub ist ja eigentlich nur zeitlich befristet, um die Nachkommenschaft zu sichern. Aber bei uns war alles anders.

Als wir das erste Mal miteinander sprachen, faßte er mir wie einem Fohlen an die Fesseln, um sich zu überzeugen, dass ich keine Stampfer hatte. Dann frug er: „Wo bist du die ganze Zeit geblieben?“

Erst drei Monate später sahen wir uns per Zufall wieder. Ich feierte gerade meinen Geburtstag in einem Weinladen, als er unerwartet erschien. Das war mein Geburtstagsgeschenk. 

Ich hatte auf diesen Augenblick so lange gewartet und bin deshalb sogar von London nach Berlin zurück gezogen, um eine Chance auf ein Wiedersehen zu bekommen. 

In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so einem großzügigen, bescheidenen, intelligenten, witzigen und gut duftenden Mann kennengelernt, der auch noch gut kochen kann. 

Mit Duft meine ich kein aufdringliches Herrenparfum, sondern den Stallgeruch. Wir sind unter dem gleichen Stein hervor gekrochen, sind in der gleichen Region aufgewachsen, haben die gleichen Kämpfe geführt. Wir sind kontinuierlich und diszipliniert unseren Überzeugungen trotz massiver Widerstände gefolgt, obwohl wir verschiedenen Generationen angehören. 

Wir sind beide Pioniere und Außenseiter, verstehen sehr viel von Politik und Wirtschaft, haben jedoch kein Talent und Interesse, damit Geld zu verdienen. Wir fahren kein Auto und niemals in Urlaub, da unsere Arbeit unser Vergnügen ist. Ich reise nur, um Freunde und Familie wieder zu sehen oder um an spannenden Konferenzen teilzunehmen. 

Liebe bedeutet für mich, Eros zu finden und damit Erkenntnis. 

Im klassischen antiken Verständnis. Wenn Du mit einem Menschen eine Einheit wirst und trotz aller Widerstände solidarisch bleibst, bis in den Tod. Das ist eine Liebe, die auf echter Freundschaft basiert. Wenn Geld nicht zwischen Menschen steht. 

Ich wollte meine Lebenszeit nicht mit dem Warten auf Kunden verplempern, sondern sie mit meinem Geliebten verbringen. Dafür habe ich in Kauf genommen, wenig Geld zu verdienen und keine Eigentumswohnung zusammen zu vögeln wie die Besten meiner Zunft. Laut meiner Rentenversicherung werde ich zum Altersprekariat gehören und die Frage ist, wo ich dann noch überleben kann. Falls ich das Rentenalter jemals erreiche.

Niemals bin ich von meinem Mann kritisiert, gemaßregelt, korrigiert oder gedemütigt worden, wie ich es sonst kennen gelernt habe. Die meisten Menschen kennen einen überhaupt nicht, meinen aber, sich eine Meinung bilden zu können. Ich nenne das immer die Tyrannei der Intimität. 

Jeder akzeptiert den Anderen, wie er ist. Nur am Anfang habe ich seine Wohnung mal kritisch beäugt, die aussah, als ob eine Bombe eingeschlagen hatte. Mit einem Trampelpfad zwischen Bett und Schreibtisch. Wenn Du einen Mann aus dem Katalog willst, dann bestell’ dir einen, war die Antwort. 

Ich lernte ihn zu einem Zeitpunkt kennen, wo er täglich die Kohlenhydrate durch zählte und die Kosten für das Minimum an notwendiger Kalorienaufnahme am Tag berechnete, um zu überleben. Deshalb mußte der Bewegungsradius sehr klein sein, um nicht unnötig Energie zu verbrauchen. Auch ich hatte beim Jobcenter Demut und Enthaltsamkeit gelernt und es wurde regelmäßig Wassersuppe oder Reis gekocht. 

Wenn der Staat beschließt Dich auszuhungern, weil Du keinen Mehrwert abwirfst, dann wird man still und zieht sich in ein Hamsterloch zurück. Wenn man denn überhaupt noch das Glück hat, bezahlbaren Wohnraum zu finden. 

Jeder lernt vom andern. So kam es, dass ich im Alter von 35 Jahren Bekanntschaft mit der Schönheit der Mathematik gemacht habe, der ich bis dato konsequent aus dem Weg gegangen war, weil ich glaubte, zu dumm zu sein. Das hat mein Mathematik Lehrer vor der ganzen Klasse über mich behauptet, weshalb ich ihn im Anschluß auf Igno setzte und jeden weiteren Unterricht konsequent verweigerte. Systemsprenger eben. 

Ich weiss sehr gut, was pädagogischer Eros bedeutet: Man begreift ein Kind als ganzheitliches, selbständig denkendes  Wesen, das Grenzen lernen muß, um zu überleben und Wissen, um ein an ethischen Maßstäben orientiertes Leben zu führen. Dies habe ich auch in Vorbereitung auf meine Lehrtätigkeit gelernt.

Mein Mann ist bildender Künstler und in seinem Werk feiert er die Schönheit der Mathematik und Malerei. Die Freunde seiner Generation sind alle tot oder abwesend, seine treue Anhängerschaft meist junge Menschen, die an seinen Lippen hängen. 

Ich war schon immer sehr ruhebedürftig, auch weil in meiner Kindheit dauernd geschrien, kommandiert, geschlagen und dauernd kontrolliert wurde. Man braucht ein Leben lang, um sich von diesem Lärm zu erholen. 

Bei Lärm, Gekreische und autoritärem und schulmeisterlichen Verhalten meiner Mitmenschen schalte ich innerlich komplett ab. Aus reinem Selbstschutz. Manchmal ertappe ich mich bei meiner Arbeit dabei, dass ich einfach nicht mehr zuhöre, wenn das Gegacker für mich wird. Ich bin kein Typ für Kegelclubs und andere gemeinschaftlichen Ausflüge. Ich bin lieber allein, lese und reise allein, ich geniesse das allein sein. Für Menschen wie meinem Vater ist es die Katastrophe, wenn er nicht beschäftigt ist und täglich Zerstreuung sucht. Es macht ihnen Angst das Alleinsein. Denn dann müßten sie sich mit sich selbst beschäftigen und mal in die innere Einkehr gehen. Viele begreifen nicht, dass man auch Zerstreuung mit anderen nur in Maßen geniessen sollte, weil sonst die Lebensenergie verpufft. So ist es auch mit falschen Freunden. Lerne früh, Arschlöcher und Energievampire zu identifizieren und ihnen aus dem Weg zu gehen. Die Masken der Niedertracht lauern überall.

Ich mußte häufig in meinem Leben wegen Arschlöchern umziehen, weil Lärm und Autoabgase die Hauptursachen waren. Ich bin vor Babygeschrei geflüchtet und vor intoleranten Studenten, die meine Musik nicht ertragen konnten oder weil ich als Frau nächtelang unterwegs war. Ich bin in Lärm aufgewachsen. Aber Musik stimmt mich friedlich. Auch viele Nachbarn brüllten ihre Kinder an, es schien in meinem Umfeld völlig normal zu sein, Kinder wegen Nichtigkeiten anzuschreien und zu verprügeln. Weil man zum Beispiel nicht schnell genug den Müll raus brachte oder sogenannte Widerworte gab, wenn man die Eltern kritisiert. Selbstverständlich durften mich auch keine Schulfreunde besuchen. Der Grund, warum ich immer auf Trebe war.

Ich hasse Autos. Ausser Oldtimer zum angucken. Ich lernte, einzelne Wagentypen am Motorengeräusch erkennen. Auch weil ich meine Jugendliebe immer im Kleiderschrank nachts verstecken musste, bevor mein Vater nach Hause kam. 

Ich konnte den Motor unter 1000 anderen erkennen und hätte damit bei Wetten daß … auftreten können. Falls ich schon eingeschlafen war, war mein inneres Ohr darauf programmiert, hellwach zu sein, wenn der Alte in den Hof fährt. 

Manchmal wäre mein Freund fast in seinen Verstecken entdeckt worden. Das war kritisch. Aber wir hatten Glück gehabt und während mein Vater die Morgendusche einnahm, schmuggelte ich ihn aus der Wohnung. Meine Jugendliebe war ein Pole, der attraktivste Junge weit und breit. Er erinnerte mich mit seinem göttlichen Aussehen an italienische Bademeister, die Touristinnen verführen. Ich verbrachte meine gesamte Jugend mit ihm. Bei einem Gespräch in einem Café vier Jahre später machte er mir klar, daß er niemals eine Deutsche heiraten würde, sondern nur eine polnische Katholikin. 

Man fühlt sich so als „deutsche Schlampe“ gebrandmarkt und ganz klein. Die deutschen Schlampen ficken, das können sie. Aber eine Ehe oder ernsthafte Liebesbeziehung riskieren, kommt für solche Männer nicht in Frage. 

Ich finde ja auch den Sextourismus bei Frauen interessant und wie sehr sich die Wahrnehmung von Sextouristinnen und ihrer Kunden im Ausland unterscheidet. Es geht bei den Männern immer nur ums Geld und Wohnsitz in Deutschland, bei den einsamen Frauen geht es um die große Liebe. Aber es scheint eine Win-Win Situation für manche zu sein. Ein Hoch auf die allumfassende Prostitution, die uns Armen ein Überleben und die Ökonomie zwischen den Geschlechtern sichert. 

Ich habe durch Corona viel gelernt. Vor allem, wo meine Grenzen sind. Ich habe mich von Altem verabschiedet. Ich habe wieder angefangen zu bloggen. Ich blogge seit 2005. In Chicago habe ich meine erste Email Adresse eingerichtet. Sowas kannte ich vorher nicht. Wenn ich gewußt hätte, wie wichtig das geistige Umfeld für die Entwicklung ist, wäre ich doch in Chicago geblieben und hätte auf der Seite der Bürgerrechtler und Schwarzen gekämpft. Aber der Schock über meinen geplatzten amerikanischen Traum saß zu tief, um noch klar denken zu können. Chomsky hat Jahrzehnte später darüber geschrieben und gesprochen. Das Urteil war gesprochen: Lebenslang Deutschland.

So kam es, daß ich noch einmal einen Neustart hinlegen wollte und mich um einen Studienplatz für Jura bewarb, der im Zweitstudium nur talentierten Personen vorbehalten ist. Zu dieser Zeit arbeitete ich in einem Bordell in Wedding und ich konnte nicht an der Universität präsent sein, wie ich wünschte. Ich mußte schweren Herzens dieses Studium abbrechen, weil ich dauernd arbeiten mußte, um zu überleben. Damals wußte ich noch nicht, dass man als freie und unabhängige Escortdame mit einem einzigen Termin den Wochenverdienst im Bordell verdienen konnte. 

Kapitel 5

Ich bin gewissermaßen aufgrund meiner strengen Erziehung zur Perfektion verurteilt und keine Freundin der langen Rede. Ob es die Wissenschaft ist, die Freundschaft oder das Rotlicht. Ich kann nur denken und bin unsportlich. Meine Achillesferse ist das Gehirn. Deshalb bin ich schizophren. Bei meinem Mann das gleiche, auch ein Kopfarbeiter. Er hatte vor 11 Jahren einen Schlaganfall. Daher bin ich etwas atemlos, weil ich nicht weiß, wann ich endgültig den Verstand verliere. 

Ich wollte unbedingt in ein Internat, aber mein Vater wollte eine Sklavin, die ihm den Arsch nachträgt und die er permanent kontrollieren kann. Da mir fast alles verboten wurde, habe ich natürlich heimlich Wege gefunden, kleine Fluchten und bin oft von zuhause abgehauen, weil ich die Schreierei und die Demütigung nicht mehr ausgehalten habe. Ich hab mich sogar ans Jugendamt gewandt, aber die haben mich auch hängen lassen. Am Schluß blieb nur noch der Suizid als Ausweg aus der Katastrophe, aber ich habe alle Suizidversuche überlebt. Ich bin zwar hypersensibel, aber auch zäh. Leider habe ich nachhaltig Schäden davon getragen, die zu einem sehr kräftezehrenden Leben geführt hat, und da mich niemals Geld interessiert hat, auch zu keinem erfolgreichen.

Wenn Du versuchst, Deinem Milieu zu entkommen, bekommst Du es mit extremen Widerständen zu tun. Niemand möchte Dich auf einem Gymnasium sehen, niemand wünscht sich eine freche, intelligente und vorlaute Göre, die intelligenter ist als die Eltern und alles durchschaut und Fragen stellt, die niemand beantworten kann. Du wirst ein Feind im eigenen Haus. 

Die Typen hauen Dir einen in die Fresse, weil Du eine deutsche Schlampe, wahlweise eine Nutte bist.  Zuhause wirst Du mundtot gemacht. Du mußt Dich irgendwie daran gewöhnen. Aufstehen, Krönchen auf und Weitergehen sagen meine schwulen Freunde immer, wenn man scheitert. Das gelingt auch eine Weile, aber irgendwann krachst Du einfach zusammen, weil Du diesen Wahnsinn um Dich herum einfach nicht mehr aushältst. Wenn Du nicht respektiert wirst und nicht wie ein Mensch behandelt wirst. Du wirst zum Außenseiter, weil Dir Deine Umwelt keine andere Wahl läßt.

Schließlich wirst Du verrückt an der Realität. Und als Dank dafür wirst Du ausgegrenzt. Wenn Dich irgendwelche Schläge, auch verbale Schläge noch nicht haben verstummen lassen, drehst Du irgendwann frei. Die sogenannten psychischen Störungen sind alles Schutzmechanismen, um Krisen und Traumata zu überleben. Das habe ich aus der Verrücktheit gelernt. Und dass die Irren garnicht irre sind, sondern die Nuttenrepublik da draußen. 

Im Grunde ist alles seitenverkehrt. Man muß nur genau hinsehen. Meist ist das Gegenteil drin als auf dem Deckel steht. 

Die Liebe ist das Wichtigste auf der Welt. Ich meine damit nicht nur die Liebe zu Menschen, sondern auch die Passion für eine Sache. Das ist schon lange meine Erkenntnis. Deshalb ist man auch gefährdet, wenn man umschmeichelt wird und die Absichten eines Loverboys nicht durchschaut. Das hat nichts mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun, sondern mit mangelnder Lebenserfahrung und Menschenkenntnis und Gutmütigkeit, wenn Dir einer ne Geschichte auftischt, um Dir Geld aus der Tasche zu ziehen.  

Bleibt uns mit Eurer Wohltätigkeit vom Hals, sagte schon Kurt Tucholsky. 

Das gilt für manche Hilfsorganisationen, die nicht halten, was sie versprechen. Man sollte sehr mißtrauisch bleiben. Auch das ist ein Überlebensmechanismus. Besonders bei den Saubermännern sollte man auf der Hut sein. Wenn man den Deckel anhebt, fängt es meist an zu stinken.

Ich liebe meine Eltern. Sie konnten nicht anders handeln, als sie es taten, weil sie selber eine lieblose Kindheit hatten. Sie haben nur erlerntes Verhalten an die nächste Generation weiter gegeben. Ich habe noch drei Geschwister.

Meine Mutter wird immer schwächer. Sie hat seit 13 Jahren Krebs, der sich durch den ganzen Körper gefressen hat, vom Eierstock bis in den Kopf. Bald stirbt sie und ich kann nicht bei ihr sein wegen Corona. Die Zeit läuft davon, die meiner Mutter und meine eigene. Deshalb hab ich auch keine Zeit, diesen Text erst durch einen Verlag oder Lektoren prüfen zu lassen, sondern er muss jetzt raus. Und zwar sofort. Deshalb hab ich diese Form gewählt. Und weil ich soziale Medien und das Internet liebe. 

Tweets sind wie Maschinengewehr-Salven, wenn sie schnell hintereinander abgeschossen werden. Das gefällt mir. So muß der Text gelesen werden. Ich hab keine Kraft einen Roman zu schreiben. Aber ich habe Lust, ein Überraschungsei zu legen. Ich möchte ein neues Projekt starten, das in jeder Hinsicht erfolgreich ist. 

Fin


2021: Auf zu neuen Ufern

Ich habe mich nun zum Ende des Jahres im Alter von 52 Jahren aus dem politischen Aktivismus verabschiedet. Sowohl bei Tampep und BESD bin ich nun ausgestiegen, da ich einfach nicht sozial kompatibel, ungeduldig und unzufrieden mit meinem Umfeld bin und ich auch nicht glaube, dass sich das jemals ändert.

Ein politischer Aktivismus mit Zukunft stellt die Mehrheit der Migrant:innen in der Sexarbeit in den Mittelpunkt und muß natürlich auf die ganzen unangenehmen Themen wie Zwangsprostitution und (sexuelle) Ausbeutung souverän reagieren können. Mensch, wir leben im 21. Jahrhundert und operieren noch mit Handlungs- und Geschäftsmodellen des 19. Jahrhunderts. Erst kürzlich hab ich im Kaufmich Magazin eine vier-teilige Reihe über die Sexarbeit der Zukunft geschrieben, die ich auch hier im Blog verlinkt habe.

  1. Teil Diskretion vs Sicherheit
  2. Teil Sind Bordelle noch zeitgemäß?
  3. Teil Ist der Strassenstrich ein Modell mit Zukunft?
  4. Teil Lobbypolitik
Alte Heimat: Berlin Kreuzberg 2006

Es reicht wirklich nicht, sich auf das Thema Sexkaufverbot zu fokussieren, insbesondere wenn man ein Narrativ wählt, dass die meisten Sexworker ausschließt. Dies ist nicht sonderlich anziehend, nicht inklusive gedacht und umgesetzt. Es gibt m.E. in den abgehobenen Raumschiffen wie Tampep und BesD wenig Kontakt zur Basis.

Ich kenne mich mit den Themen Migration und Menschenhandel deshalb gut aus, weil ich seit 15 Jahren aktiv auf Sexworker zugehe, Vertrauen aufgebaut habe, eine Reputation als Ansprechpartnerin. Diesen guten Ruf lasse ich mir von niemanden kaputt machen. Mehr gibts dazu nicht mehr zu sagen, ausser das ich nicht auf die Rolle der (Ex-) Nutte festgelegt sein möchte, sondern als Politikwisschaftlerin und Ökonomin, deren Nachdenken im Puff ja nicht aufgehört hat.

Vor vielen Jahren habe ich mal einige Texte geschrieben, die mit einer Prise Humor versehen sind. Dazu auch meine vierteilige Interview-Reihe von 2010. Mein Leben als Politikerin konnte man schon damals hier im Blog nachlesen, auch das Absurde, dass sich politisch auftut.

Ich liebe die Übertreibung, um bestimmte Probleme überhaupt thematisieren zu können. Um gehört zu werden. Allerdings bleibe ich – was Zahlen und Statistik betrifft – immer wahrheitsgetreu und zitiere nur seriöse Quellen sowie meine eigenen Umfragen.

Mein Abschied vom Aktivismus tut nicht weh. Es ist wie eine verkorkste Ehe. Der Stallgeruch, den ich zum leben brauche fehlt mir einfach. Ich wurde in der internationalen Hurenbewegung politisiert, denke seit meiner Kindheit international und inklusiv.

Junge Aktivist:innen sollten daran denken, dass sie nicht das Rad neu erfinden müssen und sich auch mal Rat bei den Alten holen können. Ich stehe dazu jederzeit zur Verfügung und werde auch weiterhin berufsbedingt die Szene begleiten.

Diesen Blog werde ich auch weiter schreiben. Aber dann eben weniger über Prostitutionspolitik und Aktivismus, sondern über andere Themen. Ich hab immer gerne im Dreck gespielt. Dies hat sich im Laufe meines Lebens nicht geändert. In diesem Sinne bleibt mir gewogen.


Badass Fundraiser Nov 17-19

Dear Comrades!

An international online campaign will take place from November 17th to 19th to collect donations for the Corona Emergency Aid Funds for sex workers all over the world. Please share the campaign on Twitter, Instagram or Facebook.

In Germany and around the world, sex worker groups and organizations have built up Corona emergency funds over the past 7 months in order to secure support and help for the weakest members of the community, which ensures an existential survival. The pots are empty in times of the Second Wave, so action must be taken now!

The campaign by sex workers and their friends and allies starts to draw attention to the desolate human rights situation of sex workers and to recognize the devastating effects of Corona on marginalized communities.

The campaign will start on November 17-19 on Twitter, Instagram and Facebook with the hashtags #nobodyleftoutside # covid19 #swrights #together

I provide content you may share in German & English, but you can also add other political demands and languages of your choice. Please always add the hashtag #nobodyleftoutside, images below and the following link of all sw emergency funds worldwide:

LINK to

All Covid19 sexworker emergency funds

+++

You can also follow these accounts and share:

Twitter: @SexworkID & @TampepEU @hauptstadtdiva

Instagram: tampep_europe, diskretekunst or berufsverbandsexarbeit

Facebook: Besd – Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (German), Tampep Network (English)

If you have any questions, please email me: international@besd-ev.de

Check out the content in English & German below!

Solidarity, Susi

BESD Board – international speaker


17. Dezember

Ein Tag, den keiner kennt

Wir beobachten und registrieren gewalttätige bis mörderische Übergriffe auf Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen auf lokaler, regionaler und internationaler Ebene, die uns per Newsticker allwöchentlich, manchmal alltäglich erreichen. Bei internationalen Veranstaltungen engagierter SexarbeiterInnen wird regelmässig all jener Frauen, Männer, Trans*Frauen in allen Sparten des Gewerbes gedacht – ob Escort, Callgirls, Strassenstrich, in Bordell oder Parlour arbeitende Frauen, ob Callboys, Trans*Frauen -, die bei Ausübung ihres Jobs gewalttätigen und/oder diskriminierend verbalen Übergriffen ausgesetzt sind, bis hin zu physischen Übergriffen mit Todesfolge, Mord. Alljährlicher Gedenktag der International Sexwork Rights Movement ist der 17. Dezember.

Die Risiken der gesellschaftlichen Konsumption sexueller Dienstleistungen tragen üblicherweise die Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen allein; trotz der durch das deutsche Prostitutionsgesetz anerkanntermassen legalisierten Dienstleistung ist die Arbeitswelt und das soziale Umfeld praktisch auch weiterhin von penetranter Diskriminierung, Stigmatisierung und Kriminalisierung durchdrungen.

Die grundlegenden Menschenrechte, u.a. die körperliche Unversehrtheit, werden durch gewalttätige Übergriffe und alltägliche Diskriminierung und Stigmatisierung regelmässig und massiv verletzt; aufgrund ihrer Mehrfachidentitäten als Sexarbeiterin und ggf. Migrantin, haben es Trans*Frauen noch schwerer als andere Sexarbeiterinnen und werden regelmässig Opfer transphober Gewalt, wie es zuletzt im Messerangriff in der Nacht vom 5. auf den 6. August 2009 an der Ecke Froben- und Bülowstraße gipfelte. Sowohl vor als auch nach diesem Mordanschlag haben Gruppen junger Männer aus der Nachbarschaft Frauen und Trans*Frauen beleidigt, mit Eisenstangen, Baseballschlägern, Flaschen und anderen Gegenständen bedroht und seitdem weitere Menschen leicht, zum Teil aber auch sehr schwer verletzt.Die Menschenrechte von SexarbeiterInnen sind Bestandteil der universellen Menschenrechte; individuelle Freiheit bedeutet im Zusammenhang mit dem sexuellen Selbstbestimmungsrecht, dass Individuen frei über die Bedingungen einer sexuellen Begegnung entscheiden können, solange die Grenzen und die Interessen Dritter nicht beeinträchtigt werden. Die Prostitution fällt in Deutschland wie jede andere auf Dauer angelegte Tätigkeit zur Schaffung und Erhaltung einer Lebensgrundlage unter die Art. 12 Abs. 1 des Grundgesetzes“

Das Problem sehe ich eher darin, dass auf Grund des hart umkämpften Marktes und der bisweilen in diesem Metier herrschenden „rauhen Sitten“ immer noch viele „halbseidene“ Agenturen – oder auch etwas unvorsichtige Independents – auf die Erhebung und Überprüfung der Stammdaten eines Klienten verzichten, da sie sich hieraus einen Wettbewerbsvorteil versprechen. Das legitime Interesse der Escorts an bestmöglichen Schutzvorkehrungen wird bewusst der Profitmaximierung untergeordnet. Dieser „Raubtierkapitalismus“ zu Lasten der vermittelten Damen ist nicht zuletzt deshalb möglich, weil die mit dem Prostitutionsgesetz beabsichtigte Emanzipation des Gewerbes vom Schmuddel-Image der „klassischen“ Rotlichtszene und der Halblegalität leider nur bedingt gelungen ist und z.B. nur wenig Sexarbeiterinnen gewerkschaftlich organisiert sind (obwohl Ver.di eigens eine Sektion Sexarbeit – „besondere Dienstleistungen/Arbeitsplatz Prostitution“ – eingerichtet hat). 

Nicht nur wegen vermeintlicher finanzieller Nachteile, auch wegen des weiterhin geringen gesellschaftlichen Ansehens bevorzugen die meisten in der Sexarbeit tätigen Frauen immer noch die Anonymität, was wiederum den Profitinteressen verantwortungsloser Agenturen in die gierigen Hände spielt.

Letztlich sind diese unschönen Begleiterscheinungen natürlich eine Folge der völlig antiquierten gesellschaftlichen Diskreditierung und Tabuisierung kommerzieller Erotik, wodurch das Entstehen kriminell anfälliger Grauzonen zumindest begünstigt, wenn nicht sogar überhaupt erst ermöglicht wird. Dieser Zusammenhang ist mittlerweile ein soziologischer Allgemeinplatz, weshalb es eigentlich unverständlich anmutet, warum bisher nur in den Niederlanden (und in Ansätzen auch mit dem. sog. Prostitutionsgesetz der vormaligen rot-grünen Bundesregierung) die längst überfällige Legalisierung und soziale und rechtliche Absicherung von SexarbeiterInnen in die gesellschaftliche Wirklichkeit umgesetzt wurde. Man darf aber eben nicht verkennen, dass es auch erhebliche Widerstände gegen eine Liberalisierung gibt und es nicht (mehr) vorrangig politisch konservative oder kirchliche Kreise sind, die diesen Widerstand forcieren, sondern dem gesellschaftlichen Fortschritt derzeit die größte Gefahr durch eine merkwürdige Zweckallianz aus calvinistisch-pietistisch geprägten Puristen und radikal-feministischen Lobbies droht, wie die Fehlentwicklung in Schweden zeigt. Vordergründig geht es dabei um das zweifellos hehre und unstrittige Ziel der Bekämpfung von Zwangsprostitutiion und Menschenhandel, aber treibendes Motiv der ProstitutionsgegnerInnen ist letztlich eine aus einer verfehlten Rezeption und Tradierung der europäischen Romantik resultierende Überzeugung, wonach jede Sexualität, die weder der Fortpflanzung dient noch die physische Manifestation einer singulären seelischen Bindung (= Sex als Ergebnis von romantischer Liebe) darstellt, verwerflich und „schmutzig“ sei. Wie man am Fallbeispiel Schweden idealtypisch nachvollziehen kann, wird daraus die Überzeugung abgeleitet, dass jede Form des Tauschhandels Sex gegen Geld eine Entwürdigung der diese Dienstleistung anbietenden Frau darstelle und daher verboten werden müsse. Dass Frauen diese Tätigkeit größtenteils freiwillig ausüben, sich teilweise bewusst hierfür entschieden und andere Alternativen der Erwerbsgrundlage verworfen haben, wird in der schwedischen Studie, die zur gesetzlichen Freierkriminalierung geführt hat, ebenso geleugnet wie die Existenz schwuler Prostitution schlichtweg negiert wird (weil nicht in das Schema „Mann unterdrückt Frau“ passend). Natürlich gab es auch in Schweden anfangs massive Kritik, aber den Lobbyisten gelang es, diese beharrlich zum Schweigen zu bringen, indem den widersprechenden Frauen Verrat an ihren Geschlechtsgenossinen und den Männern primitivster Sexismus unterstellt wurde, was nach einiger Zeit die meisten Kritiker „weich kochte“ und resignierend verstummen ließt. Tja, SO wird halt erfolgreiche Politik gemacht ;

es ist „moralisches Fundament“ dieser insoweit reaktionären Kräfte, dass körperliche Lust, Sexualität, Extase dem „heiligen Bund“ der Ehe vorbehalten bleiben sollten, mindestens aber Sexualität, Liebe, Treue und Partnerschaft ein untrennbares Amalgam bilden müssten. 

Wir Sexarbeiter sind nicht das Problem. Wir sind Teil der Lösung. Dazu verlangen wir sichere, anerkannte und faire Arbeits- und Lebensbedingungen und öffentliche Anerkennung und Unterstützung zum Aufbau einer eigenen gewerkschaftlichen Standesvertretung.

Ein Tag, den keiner kennt 

Man liest von den Tätern in der Zeitung und es klingt wie ein Kriminalroman … Gewalt gegen SexarbeiterInnen ist eine – mitunter tödliche – Realität und auch die Opfer haben Namen! 

Über Prostitution zu sprechen ist schwierig. Man tuschelt augenzwinkernd über das „älteste Gewerbe der Welt“, sorgt sich stirnrunzelnd über Zwangsprostitution – Sexarbeit als Dienstleistung selbständig arbeitender Frauen zu sehen, passt nicht ins Bild. 

Am Freitag jährt sich zum siebten Mal der von Dr. Annie Sprinkle in den USA ausgerufene Gedenktag, der den Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen in aller Welt gedenkt, die in 

Ausübung ihres Jobs Gewalt erfahren, auch zu Tode kommen. Zur konkreten Kundengewalt gesellt sich die strukturelle Gewalt durch staatliche Behörden, Polizeigewalt, aber auch das Stigma, das viele in die soziale Isolation treibt. Der Gedenktag ist zugleich mit der Aufforderung verbunden, diese Gewalt zu stoppen. 

Ständige Kontrollen, Arbeitsverbote, Abschiebungen, Missachtungen des Datenschutzes, Verletzungen der Privatsphäre, beleidigende und herabwürdigende Behandlungen sind 

Ausdruck dieser gefährlichen Haltung, die den Schutz der Rechte von SexarbeiterInnen vernachlässigt. Es gibt in einigen Städten Europas regelrechte Gewaltausbrüche. Die brutalen Angriffe auf Sexarbeiterinnen, alleine in Österreich

haben sie in den vergangenen Monaten in erschreckender Weise zugenommen, verdeutlichen die dramatischen Konsequenzen der gesellschaftlichen Abwertung und rechtlichen Diskriminierung. SexarbeiterInnen werden Pflichten aufgebürdet, ihre Rechte werden aber ignoriert und durch die gesetzliche Regelung und ihre Umsetzung verletzt. 

Die allgegenwärtige Doppelmoral im Umgang mit Sexarbeitern, deren Dienste gerne in Anspruch genommen werden, ist Ausdruck einergesellschaftlichen und politischen 

Diskriminierung von SexarbeiterInnen, die zu lebensgefährdenden Lebens- und Arbeitsbedingungen führt. Die Hauptverantwortung für diese Situation liegt bei politischen 

EntscheidungsträgerInnen, die SexarbeiterInnen aus den Diskussionen um ihre grundlegenden Rechte ausschließen und die bestehenden Menschenrechtsverletzungen ignorieren. 

Selbst in Deutschland, wo das 2002 in Kraft gesetzte Prostitutionsgesetz eine gewisse Rechtssicherheit schaffen sollte und für die Prostitutionsbewegung ein Meilenstein ist, wird dieses Bundesgesetz auf lokaler Ebene meist unterlaufen. Mit erschreckenden Konsequenzen für die Sexarbeiterinnen. So haben Verantwortliche des Hilfe & Support-Internetforums für professionelle Sexarbeit www.sexworker.at diesjährig eine Stellungnahme (Schattenbericht) bei den Vereinten Nationen eingebracht, die Missstände in Deutschland aufzeigt. Ein weiterer Schattenbericht zur Lage in Österreich ist dem vorausgegangen. In diesem Schattenbericht, der mit zahlreichen Fällen dokumentiert ist, wird kritisiert, dass Sexarbeiter zwar Steuern und Sozialabgaben leisten müssen, dass sie aber durch Stigmatisierung und faktische Kriminalisierung nicht nur im Genuss ihrer Menschenrechte benachteiligt werden. 

Durch Sperrbezirksverordnungen, wie in München, wurde Sexarbeit auf Industriegebiete verbannt, wo Sexarbeiter kriminellen Angriffen ungeschützt ausgesetzt sind. Sexarbeiter 

werden bestraft, wenn sie z.B. in ihren Wohnungen oder den Wohnungen ihrer Kunden tätig sind, obwohl dort die Arbeitsbedingungen sicherer wären. Um die 

Sperrgebietsverordnungen durchzusetzen, missbrauchen die Polizeibehörden der Länder die Befugnisse zur Bekämpfung des Menschenhandels. Gegen Sexarbeiter werden 

systematisch verdeckte Ermittlungen eingesetzt. Die Begleitumstände dieser Ermittlungen sind vielfach erniedrigend, insbesondere durch erzwungene Nacktheit von Frauen vor 

männlichen Polizeibeamten. Es gibt weder ex post wirksame Beschwerdemöglichkeiten für die Frauen, auch nicht gegen ungerechtfertigte Hausdurchsuchungen, noch ex ante 

irgendwelche Vorkehrungen, um sie vor Traumatisierung durch solche Polizeimaßnahmen oder sexuelle Übergriffe durch Polizeibeamte zu schützen. 

Ausländische Sexarbeiter leiden zusätzlich unter rassistischen Vorurteilen bei den Polizeibehörden. Bei einer Aktion im Jahr 2009 gegen Sexarbeiter, vorwiegend aus Rumänien, und ihre Kunden in Fellbach, Heidelberg, Schönefeld und Wuppertal wurden 440 Frauen und Männer durch erzwungene Nacktheit erniedrigt und somit in ihrer Menschenwürde verletzt. In Köln richten sich Schleierfahndungen regelmäßig und gezielt gegen Sexarbeiter aus Afrika. Statt Menschenhandel aufzuklären, können solche Maßnahmen die Opfer von 

Menschenhandel in Furcht vor Kriminalisierung versetzen und sie davon abhalten, sich an die Polizei zu wenden. Diese Politik der Länder führt nachweisbar zu Gesundheitsfolgen für Sexarbeiter. Insbesondere ausländische Sexarbeiter wagen aus Angst vor den Behörden nicht einmal, die öffentlichen Gesundheitsdienste in Anspruch zu nehmen: Die Politik der Länder stellt eine faktische Zugangshürde dar, die zu einem schlechteren Gesundheitszustand führt. 

Diese Politik der Länder verstärkt die Stigmatisierung der Sexarbeit. In bezug auf die Rechte aus dem Pakt ergeben sich dadurch Benachteiligungen für Sexarbeiter: Banken können Sexarbeitern die Kontoführung verweigern und so ihren Ausschluss aus dem sozialen Leben einleiten. Rechtliche Sonderregelungen, wie das „Düsseldorfer Verfahren“, unterstellen Sexarbeitern die Absicht zu Straftaten und Steuerhinterziehung. Sexarbeiter haben auch nur einen eingeschränkten Zugang zum Recht: Opfer von sexueller Ausbeutung, wie eine als Kind im Bordell missbrauchte Frau aus Dresden, oder Polizeibeamte, die Opfern helfen – wie in Würzburg, riskieren Bestrafung, wenn sie gegen die Peiniger vor Gericht aussagen, 

weil vor Gerichten Sexarbeiter von vorne herein als unglaubwürdig gelten. 

Das Sexworker-Forum ist auch besorgt über Vorhaben der Länder, Sexarbeiter zu registrieren und eine Untersuchungspflicht einzuführen, weil solche Maßnahmen internationalen Richtlinien widersprechen und die Menschenwürde der Sexarbeiter beeinträchtigen können. 

Daraus folgen konkrete Fragen und Handlungsaufforderungen: 

Das Sexworker-Forum schlägt vor, dass der Ausschuss den Umgang der deutschen Regierung mit Sexarbeit hinterfragen möge: Welche Maßnahmen plant die Regierung, um die sozialen Rechte und Arbeitsbedingungen der Sexarbeiter zu verbessern und sie besser vor kriminellen Übergriffen zu schützen? Wie wird die Regierung die Achtung der Rechte von Sexarbeitern im Umgang mit Behörden fördern und insbesondere den behördlichen Missbrauch von Maßnahmen gegen Menschenhandel eindämmen? Hierzu wäre es sinnvoll, Experten und Expertinnen, also Sexarbeiter, in die Diskussion einzubinden, um Problemlösungen zu entwickeln. 

Nur Rechte schützen SexarbeiterInnen vor Gewalt! 

Hintergrundinformation: 

“International Day to End Violence Against Sex Workers”: 

Der 17. Dezember wurde ursprünglich als Gedenktag für die Opfer des „Green River“-Mörders begangen, der in den 1980er und 1990er Jahren in den USA über 90 Frauen 

ermordete. Die meisten der Opfer waren Sexarbeiterinnen und es dauerte 20 Jahre, bis der Mörder verurteilt wurde. Seit 2003 wird der 17. Dezember mit Demonstrationen, 

Gedenkveranstaltungen und Mahnwachen weltweit als Aktionstag begangen, um auf die Gewaltverbrechen aufmerksam zu machen, die gegenüber SexarbeiterInnen begangen 

werden und durch die Stigmatisierung und Kriminalisierung von SexarbeiterInnen verstärkt werden. 

Weitere Infos unter: http://www.swopusa.org/dec17/

Vergeblich an die Presse geschickt, keine Veröffentlichung in der FAZ, SZ, TAZ, Frankfurter Rundschau. Nach den teils absurden Kritiken zum Theaterstück „Lulu – die Nuttenrepublik“, dass ich mit initiiert und dargestellt habe, habe ich diesen Text erst garnicht an andere Medien versandt.

mfg Ariane

Die Verfasserin Ariane G. ist Escort und tritt unter dem Namen Goldschwanz in Volker Löschs aktueller Inszenierung „Lulu – die Nuttenrepublik“ an der Berliner Schaubühne auf. Sie ist unabhängige politische Aktivistin in der International Sexwork Rights Movement und Moderatorin im Team des Internet-Support-Forums www.sexworker.at

Obiger Beitrag enthält u.a. Anteile aus der Pressemitteilung zum Gedenktag und dem Schattenbericht BRD des Sexworker.at Forums, die schlüssige Auffassung eines engagierten Kunden sowie meine Handschrift.

Danke

Erstveröffentlichung MC Escort by Ariane 2010


Auf Sicht fahren

Diese Corona Krise lehrt mich einiges: Self Care – also, dass ich achtsam mit mir selbst umgehe und mich auch mal verwöhne. So bin ich zum Pflanzen Liebhaber geworden. Und hab mir auch mal etwas Luxus gegönnt. Neue Möbel. Das ist völlig ungewohnt, da ich immer gearbeitet habe, der protestantischen Ethik verpflichtet und sparsam bin. So wurde ich zum Arbeitstier erzogen. Das jetzige Privileg ist, überhaupt noch einen Job zu haben, nicht arbeitslos oder in Kurzarbeit zu sein, und ehrenamtliche Aufgaben meistern zu müssen. Auch in der politischen Arbeit. Ehrenamtlichkeit wird leider kaum gesellschaftlich gewürdigt. Auch Caspar von Transsexworks und der BesD – Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. leisten unglaubliches. Zum Glück habe ich viele Freiheiten in meinem Job und im Home Office arbeite ich seit 10 Jahren bzw. davor auch schon die meiste Zeit. hehe Ich bin wirklich froh, einen tollen Arbeitgeber zu haben und jetzt selten das Haus verlassen zu müssen. So bin ich und Heinz auf der sicheren Seite, da wir zur Risikogruppe gehören. 24h zusammen leben und arbeiten, und das während der Krise mit allen Herausforderungen, in einer winzigen Wohnung, haha das ist schon eine unglaubliche Leistung. Ich vermisse natürlich meine internationalen Reisen und das Ausgehen, ins KUMPELNEST 3000 und Bülow Eck mit Freunden.


Im Gespräch mit Emma Becker – La Maison – ein Bestseller Roman aus einem Berliner Bordell

bitte hier weiter lesen, danke: https://www.kaufmich.com/magazin/bestseller-autorin-emma-becker-eine-frau-geht-nicht-in-den-puff-um-sich-zu-verlieben/

Kaufmich Susi aka …


Mein Wort zum Donnerstag

Das ist doch eine scheiss Woche oder? Nailbite election in US, Terror in Frankreich und Wien und wir müssen zu Hause hocken, bei einem Glas lauwarmen Bier.

Jedes Mal, wenn es einen terroristischen Anschlag gibt, bin ich traurig. Weil ich Trauer. Vielleicht geht mir das so nah, weil ich damals in London 2005 dabei war, als die Bomben hochgingen. Wahrscheinlich hab ich in diesem Blog mal darüber geschrieben.

Ich empfinde es als eklatantes Staatsversagen, wenn die Dienste nicht ihre Arbeit sorgfältig machen (können). Terrorismus, Zwangsprostitution, das ist wie mit der Nadel im Heuhaufen und dafür braucht man KI, grenzüberschreitende Zusammenarbeit und vor allem intelligenten Nachwuchs.

Ich finde, der Anschlag in Berlin und Wien haben einiges gemeinsam. Auch, das auf Hinweise nicht gehört wurde. Was ist das? Für den Laien erschiesst sich das nicht. Ausserdem kenne ich die Grenzen der Strafverfolgung, KI ist wie China, im Fortschritt voraus, aber nicht in Europa angekommen. Mehr sag ich dazu nicht.